Feminismus und Tierrechtsaktivismus – Gemeinsamer Nenner: Liberation

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By w:User:MithrandirMage (Based on w:Image:ALFlogo2.gif by w:User:SlimVirgin) [Public domain], via Wikimedia Commons

Feminismus und Tierrechte haben viel gemeinsam. Beide treten ein für Freiheit von Unterwerfung und Ausbeutung. Feministinnen widersetzen sich Frauenfeindlichkeit und sexistischem Patriarchat, und wollen Geschlechtergleichheit statt -hierarchien. TierrechtlerInnen wollen das gleiche für Tiere: Menschen sollen Tiere nicht konsumieren oder ausbeuten, weder für Profit, noch für den Genuss. Tiere haben ein Recht auf ein Leben ohne QualMegan Kearns

Neulich erzählte mir eine feministische Mitstreiterin, dass ihre Gruppe einen Infostand auf einer Tierrechtsdemo hatte und man dort sehr aufgeschlossen war für feministische Themen. Im ersten Moment war ich etwas überrascht. Im zweiten gab das jedoch totalen Sinn.

Nicht alle Feministinnen heutzutage verfolgen einen Ansatz der Liberation. Für viele wurde der ursprüngliche Befreiungsgedanke abgelöst durch die Strategie des Empowerments. Ein Ansatz, den Radikalfeministinnen kritisch sehen. Auch TierrechtlerInnen verfolgen den Gedanken der Animal Liberation – der im Gegensatz zum TierSCHUTZgedanken steht. Wenn Radikalfeministinnen die Prostitution abschaffen wollen, dann sprechen sie von Abolitionismus. TierrechtlerInnen benutzen diesen Ausdruck ebenfalls in Bezug auf Tiere.

Das Thema Geschlechter und Tierrechte kann man aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Nachfolgend ein erster Einstieg.

Geschlecht und Essen

Wenn wir uns zum Beispiel den Komplex Essen anschauen, dann lassen sich interessante geschlechtsspezifische Beobachtungen machen

Während fast alle Sterneköche nach wie vor Männer sind, obliegt die Hausarbeit, und damit auch das tägliche Kochen in der Familie, nach wie vor zu einem Großteil immer noch den Frauen.

Frauen wird von allen Seiten die Beschäftigung mit der Frage was und wie viel sie essen aufgedrängt: Um gesellschaftlichen Schönheitsidealen zu entsprechen mussten sie in den letzten Jahren immer dünner werden. Frauen werden dadurch immer mehr zum Verschwinden gebracht, weil sie immer weniger Raum einnehmen (Raum ist Macht), sie sollen klein gemacht werden, ihr Selbstbewusstsein dadurch immer weiter zerstört werden. Essen kann ein Weg zur Befreiung sein, zum Beispiel wenn in Gesellschaft gegessen wird und damit Freude ausgelöst wird, oder wenn sich Frauen durch gastronomische Unternehmungen in diesem Bereich als Unternehmerinnen betätigen und damit wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangen. Essen wird jedoch häufig dazu benutzt uns zu überlasten, uns gering zu schätzen und uns zu objektifizieren. Mary Daly spricht in dem Zusammenhang von “dressieren”.

Frauenkörper werden beispielsweise in sexistischer Weise in der Nahrungsmittel-Werbung ausgebeutet: Hypersexualisiert lecken sich Frauen in der Werbung in schöner Regelmäßigkeit softporno-mäßig über Lippen und Finger.

Nahrungsmittel werden wahlweise mit weiblichen oder männlichen Attributen belegt: Die luftig-leichte Yoghurette und der Salat für die Frau, das gute, fette, kräftige Stück Fleisch für den Mann. Frauen essen traditioneller weniger Fleisch als Männer. Fleischkonsum wird mit traditioneller Männlichkeit in Zusammenhang gebracht: Ein richtiger Mann braucht Fleisch. Gemüse und Obst sind was für Frauen oder “Weicheier”. Töten und die Jagd sind Sphären der Männlichkeit, mit dem Fleischkonsum wird dies wieder und wieder zelebriert. Viele VeganerInnen waren bereits so einigen hässlichen Hassattacken von “wahren Männern” ausgesetzt und können das bestätigen.

Benutzung/Konsum von Lebewesen

Schlachttiere erleben unmenschliche Behandlung und grausame Schlachtmethoden. Kühe und Schweine leiden unter erzwungener Befruchtung und fortwährender Schwangerschaft. Tierbabys werden sofort von ihren Müttern entfernt. Männliche Eintagsküken durch den Schredder gejagt.

Frauen und Tiere leiden in unserer Gesellschaft. Die gleiche Mentalität degradiert sie zu konsumierbaren Objekten und hält die jeweilige Unterdrückung aufrecht.

In der Hierarchie stehen Tiere zweifelsohne noch unter Frauen: Mann ist wertvoller als Frau, Mensch ist wertvoller als Tier. Beiden jedoch wird eine bestimmte Rolle zugedacht, die sie natürlicherweise erfüllen müssen. Ihr jeweiliges Leid wird negiert. Frauen wie auch Tiere werden benutzt.

Die Methode von PETA, die Frauen objektifiziert um Menschen, und hier insbesondere heterosexuelle Männer, für Tierrechte zu interessieren, ist deshalb entschieden abzulehnen, denn sie ist unkritisch gegenüber diesen Parallelen.

Kapitalismus, Ausbeutung und Macht

Kapitalismus und Patriarchat bilden eine Symbiose. Sie bilden ein System welches auf Ausbeutung beruht.

Die kapitalistische und globalisierte Ernährungswirtschaft (und die Wirtschaft generell) kommt nicht ohne die Ausbeutung auch von menschlicher Arbeitskraft, in der Regel der von Frauen, aus. Zum Beispiel beziehen die USA günstige Tomaten aus Mexiko, mit der Begründung den dort für “einen Appel und ein Ei” arbeitenden, indigen Frauen, würden die giftigen Chemikalien weniger ausmachen, ebenso wie das Ausgesetzsein der brennenden Sonne (wegen der vorgebräunten Haut). Eine solche Argumentation hat wie man sieht auch eine rassistische Ebene. Dies ist ein gutes Beispiel für triple oppression, der dreifachen Unterdrückung durch Sexismus, Klassismus und Rassismus. Diese ist verbunden mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und der grausamen Behandlung von Tieren.

Natürliche Ressourcen werden geplündert, Ökosysteme unreparierbar zerstört. Menschen, Tiere und Pflanzen werden zu Gebrauchsgegenständen gemacht. Das Individuum zählt nicht, nur die Masse. Es geht um Profite, um Gewinnmaximierung und Expansion und es werden künstliche Bedürfnisse geschaffen und Werte wie Konsum.

Feminismus bedeutet immer auch die Auseinandersetzung mit Macht, und dies in zweierlei Hinsicht:

  1. Macht-Über: Wir müssen uns fragen, wer Macht über wen hat und welche Strukturen für die Aufrechterhaltung dieser Machtstrukturen sorgen. Wer gewinnt? Wer verliert?
  2. Eigenmacht/Selbstermächtigung: Radikaler Feminismus lehnt Herrschaft und Hierarchien ab. Weder sollte jedoch ein Mensch über einen anderen Macht ausüben, noch eine Spezies über eine andere herrschen. Ein System der Ausbeutung funktioniert nur dann, wenn es bessere und schlechtere Menschen, bessere und schlechtere Spezies gibt. Unsere Leidensfähigkeit ist uns allem gemein und niemand kann und darf über den Wert und Sinn eines anderen Lebens bestimmen und sich zu Nutze machen.

Liberation und eine andere Welt werden nur möglich werden, wenn Antirassismus, Antisexismus, Antikapitalismus und Antispeziesmus Hand in Hand gehen. TierrechtlerInnen und Feministinnen haben eine gute gemeinsame Grundlage.

(Manche Menschen werden diesen Text als Affront verstehen, weil sie evtl. Feministinnen sind, aber sich nicht den Tierrechten verschrieben haben. Ich kenne aber viele Menschen, die in der Lage sind, eigenes Verhalten kritisch zu reflektieren, auch wenn sie es (noch) nicht schaffen im Alltag umzusetzen, was sie theoretisch verstanden haben.)

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Artikel. Ein Thema, dass mich besonders beschäftigt.

    Tierrecht steht nicht im Gegensatz zum Tierschutz. Genauso wie Menschenrecht auch Menschenschutz braucht und umgekehrt.

    Gerade im Bereich Tierschutz und im vegan-vegetarischen Bereich sind besonders viele Frauen unterwegs. Wenn diese Bewegungen von einander lernen würden, könnten wir sehr viel mehr erreichen. Leider ist es so, dass gerade viele Frauen meinen, wir bräuchten keinen Feminismus (mehr), weil wir Frauen ja so gleichberechtigt sind. In einer frauenfeindlichen Gesellschaft sind auch nicht nur die Männer frauenfeindlich, sondern auch die Frauen.

    Unsere große Chance ist es bei uns selbst anzufangen. Wenn wir weniger Gewalt wollen, müssen wir aufhören gewalttätig zu sein. Dazu zählt auch die Gewalt und das Töten aus Spaß und Freude – die Gauenfreude.

  2. Sehr guter Artikel, es hat mich gefreut ihn zu lesen. Ich verstehe aber nicht, warum Sie sich am Ende fast entschuldigen (“Manche Menschen warden diesen Text als Affront sehen”…)

    Ich haette gar keine Zeit fuer Feministinnen, die gegen Tierrechte sind.

    Tierrechte sind ebenso logisch wie Menschenrechte, und ebenso wichtig.

    Fuer mich, ist es deshalb voellig normal, vegan zu leben, nicht nur wegen Tierrechte, sondern auch wegen Menschenrechte (die Fleisch- und Milchindustrie verursacht nicht nur Tierleid, sondern auch Menschenleid).

    Ich lese gerade ein sehr interresantes, neu erschienenes Buch von einer amerikanischen Tierrechtlerin: “Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows” von Melanie Joy, die Universitaetsprofessorin der University of Massachusetts ist.

    Melanie beschreibt sehr genau wie wir als Kultur das furchtbares Tierleid akzeptieren und verleugnen, um Tierprodukte gedankenlos und gleichgueltig zu konsumieren.

    Das Buch faengt an mit einer scockierender Vorstellung: man stellst sich vor, bei Freunden zu essen zu sein. Das Fleischgericht, das von den Gastgebern vorbereitet worden ist, ist sehr lecker. Man isst es gern und fragt die Gastgeber, wie man das kocht. Der Gastgeber antwortet, “Ganz leicht, man braucht erstens Fleisch von Golden Retriever…”

    Die Reaktion – reines Entsetzen und tiefes Trauma – waere vorstellbar.

    So werden die psychologischen Mitteln erforscht, wie man die Realitaet von Tierleid , und die Folgen unseres Verhaltens verdraengt, und wie heuchlerisch und illogisch wir sind.

    Melanie Joy nennt die dominante und gewaltaetige Ideologie, die Tierproduktkonsum gutheisst, “Carnism”.(Ich glaube, ihr Buch ist auch auf deutsch erschienen)
    Auf jeden Fall, sehr zu empfehlen!

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