Feministische Praxis nicht nur für die, die wir mögen

Zugegeben: Als ich die Schlagzeile las, dass die Betreiberin einer Escort-Agentur und “Sexarbeiterin” Salome Balthus von der Zeitung die Welt in der sie seit einigen Monaten eine Kolumne unter dem Titel “Das Kanarienvögelchen” schrieb, gefeuert wurde, dachte ich mir “Das wurde aber auch Zeit”. War es mir doch völlig schleierhaft, warum sie diese Möglichkeit überhaupt erst bekommen hatte. Ob einer die Inhalte oder der Schreibstil einer anderen Person gefallen oder nicht, ist ja eher subjektiv und Geschmackssache.

Politisch jedoch hatte ich in mehrfacher Hinsicht ein Problem mit dem Podium, welches ihr dort geboten wurde: Zum einen halte ich es nach wie vor für unerträglich, wie viel Raum Mainstream-Medien jenen Menschen einräumen, die sich für die Erhaltung einer der patriachalsten und frauenfeindlichsten Institutionen unserer Gesellschaft, der Prostitution, stark machen – ohne gleichermaßen auch jenen Frauen in und außerhalb der Prostitution diesen Raum zuzugestehen, die Prostitution als kommerzialisierte sexuelle Gewalt empfinden und für eine Welt ohne Prostitution und Frauenverachtung kämpfen. Dem Netzwerk Ella beispielsweise kommt dieses Privileg nicht zu. Dies ist jedoch den jeweiligen Medien und einer Gesellschaft anzulasten, die natürlich lieber jenen ein Sprachrohr verleiht, welche die gegebenen Machthierarchien stärken – und eben nicht jenen, die diese in Frage stellen.

Unklar ist, ob Balthus an der Prostitution der auf ihrer Agentur-Seite angebotenen Frauen verdient. Ist dem so, dann wäre dies in meinen Augen moralisch verwerflich und nach dem von mir und uns vertretenen Nordischen Modell kriminell und strafbar. Dass sie sich, ihre Agentur und ihre “Hetären”-Kolleginen angesichts des Bewerbungsfragebogens auf der Seite offensichtlich für besonders elitär und intellektuell hält: geschenkt.

Direkter Salome Balthus selbst anzulasten ist auch ihr offensichtlich ungeklärtes Verhältnis zu Pädokriminalität. So muss sie sich durchaus die Frage gefallen lassen, warum sie mit ihrem Künstlerinnenname ausgerechnet auf einen Maler zurückgreift, der wie kein anderer für die sexuelle Objektifizierung minderjähriger Mädchen steht. Und auch die Beiträge auf Salome Balthus eigenem Tumblr-Blog, der inzwischen nicht mehr aufrufbar ist, fand nicht nur ich mindestens verstörend. In ihrer Welt-Kolumne jedoch relativierte sie den Inhalt stark und tat so, als hätte es sich dabei um ein paar in ihren Augen harmlose sexualisierte Darstellungen erwachsener Menschen gehandelt – nichts liebt der gemeine Leser mehr, also die Diffamierung von Feministinnen als “sexnegativ”, “prüde” und “lustfeindlich”. Ob ihr Arbeitgeber DIE WELT oder die RezipientInnen jemals die kritisierten Inhalte selbst in Augenschein genommen haben blieb unklar. (siehe hierzu ausführlich Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt)

Und ja, so schockiert ich persönlich von den Inhalten ihrer Seite war, drängte sich auch mir die Frage auf, was eine junge Frau antreibt, solche Inhalte zu posten. Ja, wir wissen in der Tat aus zahlreichen Studien, dass in der Prostitution in einem hohen Maße eigene erlebte sexuelle Gewalt reinszeniert wird. Ja, man fragt sich durchaus, ob eine eigene Gewaltvorerfahrung der Grund für eine solche Verharmlosung von sexueller Objektifizierung von Kindern (und Tieren) ist. Dennoch: Weder können wir aus den erwähnten Studien schließen, dass JEDE EINZELNE Frau in der Prostitution Gewaltvorerfahrungen hat, noch dass der Hintergrund für solche Posts Gewaltvorerfahrungen sind.

Womit wir beim Hintergrund von Balthus Kündigung sind: Sie habe sich in ihrer Kolume darüber echauffiert, dass ihr in einer Schweizer Talkshow von Moderator Roger Schwawinski eine indiskrete und grenzverletzende Frage gestellt wurde. Nach einem Einspieler, in dem wohl Alice Schwarzer auf den erwähnten Zusammenhang von Trauma und Prostitution hinwies, stellte er Balthus die Frage, ob sie als Kind missbraucht worden sei. Explizit angesprochen wurde wohl ihr Vater, DDR-Musiker Rainer Lakomy, nicht, offenbar fasste sie es jedoch in dieser Situation so auf. Naheliegend, wo doch die meiste sexuelle Gewalt im direkten Nahumfeld der Betroffenen stattfindet. Anstatt, dass nun also DIE WELT das unprofesionelle und extrem unsensbible Vorgehen von Schawinski anprangert, setzt sie Balthus vor die Tür und kündigt ihr ihre Kolumne auf.

An dieser Stelle erscheint es mir angebracht Andrea Dworkin zum Feminismus zu zitieren:

“Feminismus ist die politische Praxis des Kampfes gegen männliche Vorherrschaft, im Interesse von Frauen als Klasse, inklusive aller Frauen, die du nicht leiden kannst, inklusive aller Frauen, die du nicht um dich haben willst, inklusive aller Frauen, die deine besten Freundinnen waren, aber mit denen du nichts mehr zu tun haben willst. Es spielt keine Rolle, wer die individuellen Frauen sind. “ (Andrea Dworkin: Rechter und Linker Frauenhass)

Egal wie viel uns inhaltlich trennt oder wie viel Kritik an Balthus ich habe, egal wie sehr mir vieles was sie tut oder schreibt missfällt: In diesem Punkt ist SIE diejenige, der Unrecht getan wurde. Eine solche, sehr persönliche Frage stellt man(n) nicht und schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Sollte ihr sexuelle Gewalt angetan worden sein, dann läge es ganz alleine an ihr zu entscheiden ob, wann und wo sie darüber spricht.

Ihre Kolumne wurde eben nicht wegen der oben angesprochenen Sachverhalte und Inhalte beendet, auch ihre dort vorgebrachten Verleumdungen gegenüber ihren politischen Gegnerinnen spielten für die Herren Entscheider keine Rolle. Ihr wurde gekündigt, weil ein männliches Establishment hier mal wieder einer Frau gezeigt hat, wo es lang geht.

Wie tief sie die Frage getroffen hat, lässt sich erahnen, wenn sie erwähnt, sie habe sich nach dem Schawinski-Interview betrunken. Auch wenn Salome Balthus sicherlich keinen Wert darauf liegt: In diesem Fall gehört ihr meine Solidarität.

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