Fifty Shades of Sch***

50 Shades is Domestic Abuse

50 Shades is Domestic Abuse - Protest Poster

Es ist Februar 2015 in Deutschland und als Feministin mag man sich die Decke über den Kopf ziehen und warten, bis es Sommer wird, damit man die sexistische Kackscheiße, die uns gerade von den Bildschirmen und Titelbildern entgegen gespült wird, zumindest durch Sonnenschein und Eis erträglich gemacht wird.

Am Donnerstag war in Berlin die Weltpremiere von Fifty Shades of Grey. Die Verfilmung des Buches, in dem es um eine – *gäääähn* – Liebesgeschichte zwischen einem emotional verstörten, zu Gewalt neigendem, reichen und dominanten Mann und einer ihm in jeder Hinsicht überlegenen Frau geht, sorgt weltweit für Wirbel. Von “Erotik” und “Lust” ist die Rede und sogar Deutschlands ranghöchste Feministinnen klatschen Beifall, weil es ja um so etwas wie Befreiung der Frau geht. Zunächst: Sich den Hintern versohlen zu lassen oder auf Würgespielchen zu stehen, ist ungefähr so sexuell befreiend, wie im Puff Prostituierte zu spielen. Das Erotisieren der Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse ist ein ganz wundervolles Instrument der Unterdrückung, das das Patriarchat gerade erst zu Entdecken beginnt. Wir denken an die Playboy-Bunnies für Kindergartenkinder und den Blödsinn, mit dem uns Sex and the City zehn Jahre lang auf das Leben als dauergeile Luxusmäuschen vorbereiten sollte.

Aber weiter. Was an der Geschichte wirklich ärgert, ist, dass nicht Anastasia aufbricht, um endlich die Grenzen ihrer Sexualität zu finden – und zu überschreiten, sondern sie wird von einem reichen, smarten und – natürlich – mysteriösen Mann “verführt”. Was genau ist daran selbstbestimmt? Es ist die uralte Erzählung vom König Blaubart. Kennt ihr nicht? Na, dann lest mal nach. Eine patriarchales Märchen par excellence. Sie “spürt” natürlich irgendwie, dass Christian Grey emotionale Errettung braucht, denn, hey, wozu sind wir Frauen denn sonst da, als mit unseren Körpern, unserer Psyche und unserer Lebenszeit dafür zu sorgen, dass es Männern besser geht, in dem sie sich an uns abreagieren können? Anastasia steht nicht auf SM. Sie lässt es mit sich machen, weil sie denkt, dass sie auf diese Weise Zugang zu Christans verstörter Gefühlswelt bekommt.  Sie merkt, dass er ihre Grenzen überschreitet und macht trotzdem weiter. Immerhin war sie vorher Jungfrau und hat seinen sexuellen Erfahrungen nichts, aber auch wirklich gar nichts, entgegen zu setzen.

Christian wiederum schlägt gerne Frauen, weil seine böse Mama ihn vernachlässigt hat und außerdem eine drogenabhängige Prostituierte war. Dafür hat die weite Frauenwelt natürlich vollstes Verständnis und hält bereitwillig das Hinterteil hin, damit der arme Bub seine Gefühle rauslassen kann. Immerhin ist er dafür im Film ständig mit seiner nackten Hühnerbrust zu sehen. Weil Anastasia seine Grenzüberschreitungen aber so aufopferungsvoll hinnimmt, lässt er dann irgendwann doch seine Gefühle zu – und macht sie zu seiner Prinzessin. Darüber mag man lachen, weil es so albern ist. In Wirklichkeit aber ist es gefährlich. Denn es idealisiert ein toxisches Beziehungsbild, in dem Frauen konsequent ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen verleugnen, damit es ihm besser geht. Frauen werden zu tollpatschigen Naivchen, die von einem erfahrenen Mann nach seinen Wünschen sexuell geprägt werden, um so dann bereitwillige Partnerinnen für sein schädliches Verhalten zu sein. Grooming nennt man so etwas.
Auf der Premiere in Berlin wedelten Minderjährige mit Lederpeitschen und anderen Utensilien herum, die sie vermutlich für sexy halten – denn alle erzählen ihnen, dass das die Sexualität der Stunde ist. Gelegenheit, selbst herauszufinden, was ihnen gefällt und sich einen entsprechenden Partner zu suchen, das will ihnen weder unsere Gesellschaft noch Deutschlands führendes Feminismusorgan zugestehen.

Auch der Umstand, dass es ja auch Männer gibt, die gerne mal submissive sind, ist kein Argument. Was sie daran anmacht, ist die Unterwerfung. Die Tatsache, dass eine FRAU sie erniedrigt. Kein Mann. Eine Frau. Eine Frau, die doch eigentlich gesellschaftlich weit unter ihnen steht. Daraus entsteht die Erregung, also auch aus einem zutiefst sexistischen und misogynem Weltbild. Sexualität ist immer im Kontext gesellschaftlicher Realität zu betrachten. Warum sonst standen Dienstmädchen jahrhundertelang ganz oben auf der Top-Ten-Liste männlicher Sexfantasien, warum drücken sich kolonialistische Weltbilder in sexuellem Begehren von weißen Frauen zu schwarzen Männern und umgekehrt weißer Männer zu schwarzen Frauen aus? Warum sind Pornos geprägt von rassistischen Stereotypen, warum ist die scharfe Sekretärin oder die Krankenschwester eine Fantasie, die von Generation zu Generation weitergegeben wird? Warum wird daraus nicht mal eine Professorin, eine Politikerin? Weil sich weibliche Macht – und zwar echte – nicht mit der männlichen Prägung von Sexualität in einer patriarchalen Gesellschaft verträgt.

Zeitgleich startete übrigens auch die nächste Staffel von Germanys Next Topmodel. Heidi aß gleich mal Burger, Döner und Würstchen, um gleich aller Magerkritik was vor den Bug zu hauen. “Ich sehe die Sendung seit zehn Jahren”, kreischt eine 18jährige. “Seither ist es mein Traum, hier mitzumachen.” Und da werden nicht alle wach? Sollten Mädchen nicht lieber von Abitur, Studium, Wissenschaft, von kreativen Höhen und Erfolgen träumen, anstatt sich vor Heidi und Co. zum Affen zu machen?

Die Gesellschaft zeigt jungen Frauen ihren Platz. Entweder als Sexspielzeug für männliche Gewaltphantasien oder Magermodel ohne Würde. Hoffentlich ist bald Sommer.

1 Kommentare

  1. Danke, Mira Sigel! Auch für die Buchkritik! Das Private ist und bleibt das Politische.

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