Frauenmagazine – Sexismus in Reinform

Vanity Fair June 1914

By Plummer, Ethel M'Clellan, 1888-1936, artist. (Library of Congress[1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

Wir Frauen werden unser ganzes Leben lang mit Frauenmagazinen regelrecht zugeschüttet. Es gibt die Mini für die ganz Jungen, die Maxi für die etwas Älteren, die Brigitte, die Freundin, Laura, Tina, Blätter für werdende Mütter, welche für die Dekoration des perfekten Heims und Kochzeitschriften und dann noch unzählige Blätter, die nur daraus bestehen, uns irgendwelche intimen, skandalösen Infos über irgendwelche Stars zu verraten. Die beständige Botschaft dieser Magazine ist: “Du bist zu fett, du bist nicht gut genug, du wirst es nie schaffen so zu sein, wie das Model da” – trotzdem kaufen Frauen seit fast hundert Jahren ab dem Teenager-Alter voller Begeisterung diese Magazine, die ihnen unablässig ein Gefühl des geringen Selbstwerts vermitteln. Woran liegt das? Vielleicht daran, weil es das einzige Frauenbild ist, dass diese Gesellschaft zu vermitteln hat – und weil sich damit sehr viel Geld verdienen lässt.

Eine Flut aus Hochglanz-Perfektion

Es gibt die Hochglanzzeitschriften wie die Vogue oder Cosmopolitan, die tatsächlich weltweit bestimmen, was gerade in ist – dabei besteht diese Zeitschrift zu über der Hälfte nur aus Hochglanzanzeigen. Denn was erzählen diese “Frauenmagazine” uns eigentlich? Schau dich an, du bist perfekt, grandios, geh hinaus und verändere die Welt? Nein. Hauptthemen sind, egal ob die Zielgruppe 16 oder 60 ist, Diäten in allen Formen, teure Modekaufempfehlungen und dazu überall die Anzeigen mit per Photoshop perfekt getrimmten Models, die Göttinnen gleich uns entgegen lächeln und uns sagen: “Du kannst perfekt sein, du versuchst es nur nicht hart genug.” Frauen werden, das haben Untersuchungen gezeigt, mit 400 bis 600 dieser Anzeigen bombardiert, Mode, Schmuck, Make-Up, immer das perfekte, schlanke, mit Photoshop übermenschlich gemachte Model, sie lächelt uns von überall entgegen und die Botschaft ist immer die Gleiche: “Du, da unten, du bringst es einfach nicht, also kauf wenigstens unsere Produkte, um ein wenig so zu sein, wie wir.”

Vielen von uns ist vielleicht gar nicht bewusst, wie sehr die Botschaften dieser Frauenmagazine unser Frauenbild prägen. Mädchen fangen mit etwa 11 an sie zu lesen. Dort geht es dann um Petting, aber auch schon um “Bin ich schön genug?”, es geht um übersexualisierte Idole, die dort gefeiert werden, ein Bilderrausch aus Schlankheitswahn und Sex, der nahtlos übergeht in die Magazine für die etwas Älteren, die dann wirklich lernen, was hip ist in dieser Welt – und dass sie es, egal wie sehr sie sich anstrengen, dieses Ideal nie erreichen werden und trotzdem nicht aufhören dürfen, ihm nachzueifern. Direkt danach kommt die Frage “Ist er der Richtige für mich?” oder “Wie finde ich den Richtigen” oder “Zehn Sextipps, die dich unwiderstehlich für ihn machen.” Diese Magazine teilen die Welt der Mädchen und später der Frauen ein in das, was richtig und falsch ist. Falsch sind Kohlenhydrate, Kleidergröße 38 und alles darüber und Feminismus. Richtig sind verführerische Outfits, teures Make-Up und die Suche nach dem Richtigen. Der Sexismus der Frauenmagazine in seiner subtilen Form ist für die Frauen fast noch zerstörerischer als der offen sichtbare der Porno- und Sexmagazine, denn hier sind sie nicht Objekte, sondern eine Zielgruppe, eine Zielgruppe, die, um ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen, absichtlich abgewertet werden muss, um dann mit den richtigen Tipps und Tricks wieder künstlich aufgewertet zu werden. Es mangelt da draußen so sehr an Vorbildern für erfolgreiche Frauen, dass die Frauenmagazine leichtes Spiel haben. Die perfekte Frau ist schön, schlank, immer gut gelaunt, sportlich, sie hat ein perfekt dekoriertes zu Hause und kocht wie ein Drei-Sterne-Koch. Beruf und KInder? Mit links. Sie macht ihren Mann glücklich und wenn sie keinen hat, dann datet sie und zwar genau nach den Regeln, die diese Frauenmagazine vorgeben “Ist Sex beim ersten Date ok?” oder “Kann ich mit dem Ex meiner Freundin schlafen” – ein bisschen Nervenkitzel, ein bisschen Sex, doch mehr kommt dabei nicht herum.

Frauenmagazine machen Frauen depressiv

Eine Untersuchung der Universität von Illinois aus dem Jahr 2012 zeigte, dass nur drei Minuten genügen, in denen eine Frau ein “Fashion Magazine” ansieht, um 70 Prozent der Frauen zu der Aussage zu bringen, sich schuldig, depressiv und beschämt zu fühlen – weil sie dem dort vorgeführten Ideal nicht entsprechen. Der Punkt ist: Niemand kann diesem Ideal entsprechen – und warum zur Hölle sollten wir das auch? Frauenmagazine definieren Frauen über ihr Gewicht, die Kosmetikprodukte, die sie kaufen und ihr bestes Marketinginstrument ist, dass die Frauen sich niemals gut genug fühlen. Weil sie aber seit sie Teenager waren, keine andere Orientierung haben, bleiben sie den Frauenmagazinen treu – bis ins hohe Alter.
Die ersten Frauenmagazine entstanden so um die Jahrhundertwende, es ging dabei vor allem um Haushaltstipps. In den 1920er Jahren, jenen goldenen Jahren der Freiheit, entstanden mutigere Frauenmagazine, auch in Deutschland, die sich zum Beispiel konkret an Lesben richteten und den Blick wegnahmen vom zu Hause, hin zur “Neuen Frau”.
Nach dem Krieg war alles anders. Jetzt ging es nur noch darum, die perfekte Hausfrau zu sein. Dutzende Magazine zeichneten jenes Bild der ewig lächelnden Frau im blitzsauberen Heim, deren alleiniger Daseinszweck Kinder und Gatte waren.
Die 60er Jahre änderten das. Rebellische Blätter traten auf, die auch Frauenthemen aufgriffen, in Deutschland ab 1977 natürlich die EMMA. Doch gleichzeitig, Anfang der Siebziger, entdeckte die Beauty-Industrie die Frauen als Zielgruppe. Zuerst entstand das in den USA und schwappte dann zu uns rüber. Die deutsche Cosmopolitan entstand. Auf einmal ging es nur noch um Diäten, um Mode, um Make-Up, um Stars. Der Sexismus der Frauenmagazine erreichte seinen Höhepunkt, den er bis heute mit jeder neuen Ausgabe noch immer um ein weiteres Mal übertrifft.
In den 80er Jahren kam mit dem OK! Magazin dann das erste Magazin aus England, dessen einziger Inhalt es war, über das Intimleben von Prominenten zu berichten – und fand reißenden Absatz. Inzwischen gibt es unzählige Nachahmer.

Unsere Identität als Frau: Mangelhaft

Bis zum heutigen Tag werden immer neue Frauenmagazine gegründet -und gekauft – und die Frage ist, warum kaufen Frauen sie? Weil sie unsere Identität als Frau prägen. Jedes junge Mädchen macht sich irgendwann auf die Suche, welche Art von Frau sie denn sein will. Und da sind sie, die Frauenmagazine und machen es ihr vor. Dort liest sie, was Frauen wie tun, was in ist, was nicht, was man wie macht. Nur die wenigsten dieser Mädchen werden an den Feminismus geraten – denn der ist, auch das steht immer wieder in den Frauenmagazinen, so schrecklich out und hilft auch nicht dabei, den Richtigen zu finden. Diese Mädchen lesen nicht Dworkin, Millet, de Beauvoir oder Schwarzer. Sie lesen Glamour, Vogue und Cosmopolitan und natürlich, unvermeidlich, die Bravo. Das sind ihre Vorbilder und sie werden sie fast ihr ganzes Leben lang begleiten. Frauen vergleichen sich mit den Models der Anzeigen und Fotostrecken und sie versagen dagegen, das wissen sie auch, aber das sind die einzigen Vorbilder, die sie haben und davon lebt die Industrie der Frauenmagazine. Frauen wird auf vielerlei Weisen eingeimpft, sie seien ungenügend. Die Frauenmagazine bestätigen dies nur auf eine positive Art und Weise. Und sie machen einen schrecklichen Job. Sie bringen uns dazu, unsere Körper dafür zu hassen. Sie nicht als das anzunehmen, was sie sind, sondern sie ständig perfektionieren zu wollen. Gleich mehrere Industrien – von Schönheits-Ops über Make-Up bis zur Bekleidung, leben von diesem Hass der Frauen auf ihren eigenen Körper, oh, und die Fitnesstrainer und Diätshakes nicht vergessen. Diese Magazine füttern uns mit Hass auf unseren Körper, dafür dass er nicht so aussieht wie ein mit Photoshop nachbearbeitetes Model in Size Zero. Es findet ein regelrechtes “Body-Bashing” statt – vor allem in diesen Celebrity-Magazinen. Da sind Stars dann beim Einkaufen oder am Strand abgelichtet und Großaufnahmen zeigen: “Zellulite Alarm bei XYZ” oder “Übergewicht bei A, kein Wunder, dasss C sie verließ”.  Wenn es dann doch mal ein Star wagt, sich in Kleidergröße 38 nach draußen zu bewegen, heißt es, man solle sie für ihr Selbstbewusstsein bewundern, sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen. Kleidergröße 38. Vollkommen normal. Doch damit nicht genug: Auch Körperbehaarung, oder der Geruch weiblicher Körper werden als etwas sofort zu Behandelndes dargestellt. Kein Haar darf mehr irgendwo sprießen, alles muss mit Lotions, Parfums und sonstwas eingerieben werden – kein weiblicher Körper darf riechen, wie er will – das ist abstoßend, das machen uns die Frauenmagazine klar. Und dabei spielt auch die Pornografisierung eine wichtige Rolle. Anzeigen für Bleichmittel für den Intimbereich finden sich auch in hiesigen Frauenmagazinen – denn das ist es, was Mann gefällt, denn das ist es, was er im Porno sieht.

Alles dreht sich um Produkte

Es sind nicht nur die tatsächlichen Anzeigen in den Magazinen, die den Verkauf entsprechender Produkte ankurbeln, es gibt Tests für bestimmte Produkte, da wird dann die Creme mit zehn anderen verglichen, gleich eine Probe beigelegt, alle diese Tests sind bezahlter Content aus der Beauty-Industrie, ebenso wie die Modeindustrie die Fotostrecken beeinflusst.
Angeblich hat sich für die Frauen in den letzten Jahrzehnten so viel verändert, verbessert. Dass das nicht stimmt, haben wir auf diesem Blog bereits an vielen Beispielen bewiesen. Die Frauenmagazine üben einen Schönheitsterror auf Frauen aus, dem sich zu entziehen nahezu unmöglich ist. Er bedeutet, offen sichtbar gegen den Strom zu schwimmen und das wollen die wenigsten. Denn auch Männer sind auf diese Schönheitsideale getrimmt, das ist das, was sie sich unter einer idealen Frau vorstellen, auch sie sehen die großen Anzeigen in den Städten.
Das Schlimme an den Frauenmagazinen ist, dass sie Frauenmagazine sind. Sie sind drin, ganz nah bei uns, seit unserer Pubertät. Sie prägen unser Bild von Weiblichkeit – und von dem ständigen Gefühl, nicht gut genug, nicht schön genug zu sein, uns nur noch und aussschließlich über unser Äußeres und die benutzten Produkte zu definieren. Sie sind ein Instrument der Unterdrückung der Frau mit dem einzigen Ziel aus dem Gefühl der Mangelhaftigkeit Kasse zu machen. Wären sie wirklich Magazine für Frauen, dann würden sie uns erzählen, wie wunderbar und einzigartig jeder weibliche Körper ist. Dass es nichts Besseres gibt, als für seine Ziele zu kämpfen, statt immer unsichtbar zu bleiben. Einen Fuck darauf zu geben, was Männer davon halten. Sich selbst zu sein. Und das Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, nicht durch OPs und Make-Up erzeugt werden kann. Schönheit ist, wenn jemand von innen heraus strahlt und zeigt, ich bin gerne, wer ich bin. Doch da draußen gibt es nicht genug Frauen, die das leben. Lieber wird eine Internetseite ins Leben gerufen, auf der besonders unvorteilhafte Bilder von Hillary Clinton abgebildet sind. Die Message ist klar, wir kennen das in Deutschland von Merkel und Alice Schwarzer: Wenn du wirklich erfolgreich bist, kannst du nicht schön sein. Und schön zu sein ist wichtiger als Erfolg. Als Macht. Denn diese wiederum ist den Männern vorbehalten und wer in diese Sphäre eindringen will, muss zahlen und das meistens mit der eigenen Attraktivität. Wirklich erfolgreiche Frauen haben nämlich gar keine Zeit, diesem Blödsinn nachzueifern.
Frauenmagazine sind Sexismus in Reinform. Sie sind ein Instrument der Unterdrückung. Ihre perfekten Models, ihre Beauty-Empfehlungen – zum Teufel damit. Niemand interessiert sich für Stars, für Achselhaare oder Kleidergrößen, wir tun es nur, weil ihr uns dazu zwingen wollt, um dann daraus Geld zu machen. Das nächste Mal, wenn ihr so ein Magazin seht, lächelt und sagt zu euch selbst: “Ich bin wunderbar, so wie ich bin.” Denn das seid ihr.

Lesetipp:
Holly Baxter und Rhiannon Lucy Cosslett: The Vagenda. A Zero Tolerance Guide to the Media, erschienen 2013, erhältlich im Frauenbuchladen Thalestris.

Die beiden haben 2012 auch einen wundervollen Blog gegründet, bei dem sich das Lesen immer lohnt: Vagendamagazine

1 Kommentare

  1. Es ist schrecklich, was der männliche und patriarchal-weibliche Blick auf Frauen mit Frauen gemacht hat. Fast alle Frauen haben ihren Kern verloren und sind nur noch mit Fassadenarbeit und Diäten beschäftigt. Kein wunder kommen sie so weder politisch noch Karrieremässig auch nur einen Schritt weiter. Ausserdem zwingen sie andere Frauen auch noch in dieses unsägliche Schönheits-Karrussell. Was ist nur aus all diesen lustigen und selbstbewussten Frauen und Mädchen geworden. Barbie-Klone, eine wie die andere. Austauschbar—- eben, wie gewünscht, mit Warencharakter.
    Abziehbilder nach Blaupausen von Sex-Filmchen, durch SEINE Augen betrachtet. HIS gaze…… Langweilig! Dafür ist der Mann vom Denken entlastet, wenn er einfach nur Glotzen und beurteilen kann. Der mann ist in seinem binären Denken schon einfältig genug. Aber dass Frauen das noch mitmachen, geht über mein Verständnis.

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