Frauenrechte und Nationalismus – von neuen Allianzen und alten Widersprüchen

Sexism Abounds

Ianqui Doodle via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Am vergangenen Wochenende gab es keine Talkshow, in der nicht in irgendeiner Form sehr aufgeregt darüber diskutiert wurde, wie man denn nun mit all diesen muslimischen Männern umgehen soll, die hier nach Deutschland als Flüchtlinge kommen. Von “Werten” wird gesprochen, die auch gleich noch in Gefahr sind. Da ist Julia Klöckner, CDU-Vize, die “hunderte E-Mails” von Menschen aus Deutschland bekam, die mit muslimischen Männern ähnliches erlebt haben wie sie. Die Empörung ist so groß, alle sind in Sorge, und zwar vor allem um die “deutsche” Frau. In dieser Debatte zeigt sich eine unerwartbare Allianz und ein alter Widerspruch: Plötzlich ist Nationalismus – und auch latenter Rassismus – im Feminismus wieder schwer angesagt und auf einmal sorgen sich Christdemokraten mit verdienten Frauenrechtlerinnen Seite an Seite um den Feminismus. Huch. Jemand, der vor etwa neun Monaten, vor dem Beginn der sogenannten “Flüchtlingskrise” ins Koma gefallen wäre würde das alles vorkommen wie ein Scherz. Ist es aber nicht.

Das letzte Mal gingen Nationalismus und Frauenrechte Hand in Hand, als der vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg tobte. Damals stellten zum Beispiel in den USA und in England die Frauenrechtskämpferinnen ihren Kampf zurück, um den Krieg zu unterstützen, strömten begeistert als Hilfskrankenschwestern in die Lazarette und später in die Waffenindustrie. Frauenrechte konnten bis nach dem Krieg warten, fanden viele. Über die Haltung zu Krieg und Frieden spaltete sich die Frauenbewegung damals. Und auch die Angst um die “deutsche” Frau ist nicht neu, das letzte Mal wurde sie ausgiebig zelebriert, als Hitler und die Nationalsozialisten an die Macht kamen und behaupteten, die Juden würden unablässig “deutsche” Frauen überfallen und vergewaltigen und dann später, als sie erkannten, dass sie den Krieg im Osten nicht gewinnen konnten. Die Rache “des Russen” vor allem an den “deutschen” Frauen würde fürchterlich sein, so mahnten sie immer wieder die Bevölkerung, auch wirklich bis zum letzten Mann zu kämpfen. Die Rache “des Russen” und der anderen Besatzungskräfte an den Frauen war dann auch schrecklich, doch interessiert hat das am Ende auch niemand, am wenigsten die, die so ausgiebig davor warnten, es war, wie so vieles, Propaganda.

Nun also kommen die Muslime. Vor allem die Männer. Und die sind ja, das weiß man, per se Frauenhasser. Oder Unterdrücker. Auf jeden Fall haben sie keine Ahnung von Gleichberechtigung. Wenn man das liest, möchte man fast meinen, Deutschland sei eine Art Paradies der Frauenrechte und deutsche Männer Vorzeigemodelle in Sachen Respekt vor Frauen. Seit wann denn das? Wer sind denn diese deutschen Männer, die auf einmal in so strahlendem Licht erscheinen und Seite an Seite mit uns die drohende muselmanische Gefahr aus Süden und Osten abwenden wollen? Nun, zu über 90 Prozent schauen sie regelmäßig Pornos, von denen wiederum fast 90 Prozent körperliche und sprachliche Gewalt gegen Frauen zum Inhalt haben. Gewalt- oder Teenpornos sind das Lieblingsgenre des deutschen Pornoschauers, aber auch vor Tier- und Kinderpornos schrecken lange nicht so viele zurück, wie wir uns gerne einreden möchten. In diesen Pornos werden Frauen von einer Vielzahl von Männern mit Penissen und Gegenständen in alle Löcher penetriert, sie werden beschimpft, geschlagen, gefesselt, zum Würgen gebracht und erniedrigt. Das ist das durchschnittliche Programm, auf den sich der deutsche Pornogucker einen runter holt und sich dann neben uns zum Schlafen legt oder an den Schreibtisch setzt. Uns wird natürlich erzählt, diese Pornos dienten nur dazu, uns Frauen endlich sexuell zu befreien – eine der großen Lügen des Antifeminismus, der doch bis kurzem noch zum guten Ton in Deutschland gehörte – bis die Muslime kamen. Schlimm genug?

Jeder zweite dieser Männer war mindestens einmal in seinem Leben in einem Puff, die größte Zahl geht sogar regelmäßig. Diese Freier sind nicht, wie immer gern behauptet wird, so gerne bei Prostituierten, weil sie kuscheln möchten, sondern weil es sie erregt, mittels ihrer Brieftasche für eine bestimmte Zeit mit einer Frau machen zu können, was sie wollen. Immerhin müssen sie sich ja dank dieses lästigen Feminismusgedöns überall sonst zusammen reißen. Blättern sie aber 25 bis 50 Euro hin, dann können sie wieder richtig Mann sein – und die Frau wie einen entmenschlichten Gegenstand behandeln, so wie wir es doch eigentlich verdienen. Freier sind Frauenhasser. In unterschiedlichen Abstufungen, doch niemand, der sein Gegenüber als Menschen sieht, wird in der Lage sein, gegen dessen Willen (der Kompromiss, statt Konsens Geld zu nehmen, zählt da nicht) und unter Ausnutzung von dessen wirtschaftlicher Not mit diesem Menschen Sex zu haben. Wir leben also unter Männern, die kein Problem damit haben, Frauen zu kaufen, wann und wie sie es wollen, bei denen der Puffbesuch zum Lifestyle gehört und doch eigentlich jede Frau eine potenzielle Prostituierte ist, es hängt doch nur vom Preis ab. Die Frauen, die sie in den Bordellen und Laufhäusern, auf den Straßenstrich und in den Saunaclubs ausbeuten, sind keine superfreien selbstbestimmten Huren. Es sind die Ärmsten der Armen, denen ein erbarmungslose wirtschaftliche Konkurrenz keine andere Wahl lässt, als den Körper zu verkaufen, während Zuhälter, Bordellbesitzer und der deutsche Staat an ihnen verdienen, es sind Frauen, die sich für ihre Kinder prostituieren oder nur für die nächste Mahlzeit. Diese Männer daten wir, lieben wir, mit diesen Männern haben wir Kinder.

Doch weiter, wie steht es denn um den Schutz all dieser “deutschen” Frauen vor Vergewaltigung? Was ist mit diesem Schrei nach “das muss sofort geahndet werden”, wenn muslimische Männer Hand an eine deutsche Frau legen sollten? In einer großangelegten Studie erklärte jede dritte Frau in Europa, dass sie im Laufe ihres Lebens mindestens einmal sexuelle Gewalt erfahren habe. Tatsächlich wird aber nur etwa jede zehnte Vergewaltigung überhaupt angezeigt und von diesen Tätern nur 8,4 Prozent je verurteilt. Vorher muss die Frau durch erniedrigende Prozeduren wie “Glaubwürdigkeitsurteile” und wenn sie Pech hat, hat sie mit mehr als einem Mann geschlafen oder bei der Vergewaltigung nicht das eigene Leben riskiert, so wie es die christlichen Märyterinnen einst taten und hat damit irgendwie mit Schuld an der Vergewaltigung. Ein kurzer Rock oder zu viel Promille reichen auch schon. Redet man über Vergewaltigungen, wird sofort der Schrei laut, dass mit diesen Vorwürfen “unschuldige” Männer in Verruf gebracht werden können, denn eigentlich steht jede vergewaltigte Frau unter dem Generalverdacht, sich diese Vergewaltigung nur aus niederer Rachsucht auszudenken. Bei muslimischen Männern muss man aber davon ausgehen, dass sie alle sozusagen ein Vergewaltigergen in sich tragen und eigentlich überhaupt schuldig sind? Immerhin kommen sie doch sicher mit einem erklärten Ziel: Deutschland seine Werte, seine ach so hoch gehaltenen Frauenrechte endlich zu nehmen.

Zum Thema Alltagssexismus hat der Hashtag #Aufschrei bis heute eine beeindruckende Dokumentation darüber zusammengetragen, was Frausein in Deutschland heute bedeutet. Das war übrigens lange bevor all die Fremden kamen, also waren es wohl vorrangig unsere eigenen Kerle, die sich da daneben benahmen und deren Haltung in den Talkshows auch noch beklatscht wurde. “Man wird doch noch…” – immerhin ist ein Dekolleté immer eine Einladung oder nicht? Wie weit ist es von da eigentlich noch bis zur Sorge, dass die muslimischen Männer vor sexueller Überforderung kaum noch an sich halten können, wenn sie all die hübschen deutschen Frauen in ihrer modischen Kleidung sehen?

Bei der Behauptung, die Frauenrechte seien durch die Zuwanderung muslimischer Männer in Gefahr handelt es sich um Propaganda, und dabei nicht einmal um eine besonders neue. Das Feindbild wechselt, die Methoden bleiben. Sie ist, was sie schon vor hundert Jahren war, nationalistisch und rassistisch. Frauen tauchen darin nicht als Menschen, sondern nur als Objekte auf. Wir, die deutschen Frauen, gehören deutschen Männern. Einzig und in diesem Zusammenhang sorgt man sich um unseren Schutz und unsere Rechte, oder besser: unseren Erhalt.
Erstaunlich ist, dass so viele Feministinnen gar nicht erkennen, dass sie da vor den Karren gespannt werden, wenn Konservative Stimmung gegen Flüchtlinge machen, dass diese Konservativen schon immer auf Frauenrechte geschissen haben und das auch in Zukunft tun werden. Sie haben uns bis heute das Recht auf Abtreibung verwehrt. Die Pille danach verdanken wir nur und einzig der EU. Sie weigern sich, effiziente Gesetze gegen sexuelle Gewalt zu erlassen oder dafür zu sorgen, dass wir endlich gleich bezahlt werden. Diese Männer – denn um die handelt es sich dabei, auch wenn sie die Frauen in die Medien schicken – sind nicht die Verbündeten der Frauenrechte.

Klar, da gibt es auch die Linke, die per se pro Flüchtlinge ist und eigentlich bei Integration und Sozialisation auch jener Zuwanderer helfen könnte, die Probleme mit Respekt vor Frauen haben, doch die Partei und auch die Szene in Deutschland, verteidigen die menschenverachtenden Gewalt- und Ausbeutungsinstitutionen von Prostitution und Porno gerne als Freiheiten, Seite an Seite mit den Grünen. Auch von diesen Parteien haben Frauen also wenig zu erwarten – für sie ist es Teil gelungener Integration, wenn männliche Zuwanderer Freier und Pornokonsumenten werden.

Zurück zu den Flüchtlingen: Es ist richtig, dass da Menschen mit anderen Werten kommen. Aber warum gehen wir ausgerechnet davon aus, dass diese Menschen, die immerhin die Flucht zu uns auf sich genommen haben, unflexibler sind als die unbelehrbaren Christ-Demokraten und der Rest der Anti-Frauen-Parteien? Es ist auch richtig, dass es eine Aufgabe werden wird, unsere mehr als fragilen Frauenrechte gegen noch mehr Männer zu verteidigen.

Aber der Feind heißt dabei nicht “Islam”, der heißt Patriarchat, in all seinen kulturellen Ausformungen. Es ist noch nicht allzu lange her, da durften Frauen bei uns nur arbeiten, wenn der Mann es erlaubte und Vergewaltigungen in der Ehe sind erst seit Mitte der 90er überhaupt strafbar. Das sind sie übrigens in Saudi-Arabien seit der der gleichen Zeit. Das ist nämlich das Problem mit diesen “fremden” Werten, sie sind sehr viel komplexer, als sich in dieser plakativen Debatte abhandeln lässt. Ich habe in meiner feministischen Existenz schon sehr viel mehr Erfahrungen mit dem etablierten Antifeminismus der Konservativen und ihres Umfeldes gemacht als mit muslimischen Männern.  Hilfreich ist auch, mal nachzulesen, wie es Frauen so in rechten Strukturen ergeht – die, die jetzt am lautesten gröhlen, man müsse uns vor islamischen Vergewaltigungen schützen. Aber in dieser Debatte klingt es, als sei der deutsche Antifeminist, der liberale Sexist und der vertraute Tatscher und Freier eben immer noch besser als der fremde, nur potenziell gefährliche Mann. Und warum? Na, weil Ersterer deutsch ist. Und das ist nichts anderes als billiger Nationalismus gepaart mit noch dämlicherem Rassismus. Frauenfeinde gibt es überall. Bei den Muslimen und in unseren eigenen Betten.

Wie wir damit umgehen? Na, so wie wir es seit über 100 Jahren tun. Wir geben den Kampf um Gleichberechtigung und Respekt nicht auf, im Generellen und im Persönlichen, wir treten ein für unsere Rechte und zeigen uns solidarisch mit allen Frauen weltweit, und zwar nur aus einem Grund: Weil wir Frauen sind. Und nicht, weil wir “deutsche” Frauen sind. Wohin diese Zuschreibung, die Allianz der Frauen mit solchen “Werten” führt, führt, hat die Geschichte mehr als eindrücklich unter Beweis gestellt.

Ich hatte mein persönliches Aha-Erlebnis vor kurzem, als ich in München in einen vollkommen mit männlichen Flüchtlingen überfüllten Zug stieg. Ich war müde und hatte einen sehr aufreibenden Termin. “Muss das jetzt sein?”, schoss mir durch den Kopf, als ich erkannte, dass der Mann, der auf meinem reservierten Sitzplatz saß, mich weder verstand, noch aufstehen würde und mich während meiner Diskussion mit ihm ungefähr fünfzig Augenpaare auf sehr unangenehme Weise angafften. Als ich endlich einen Platz hatte zwischen diesen müden, erschöpften und gezeichneten Männern, schoss mir kurz durch den Kopf, was wohl wäre, wenn nicht Flüchtlinge, sondern volltrunkene und vornehmlich deutsche Fußballfans in dem Zug gesessen hätten. Ich wäre gar nicht erst eingestiegen.

2 Kommentare

  1. Absolut richtiger und wichtiger Artikel.
    Es ist ja immer einfacher, das eigene Dunkle auf Andere, (Fremde, Frauen) zu projizieren. Dazu gehört auch die Fraktion der Pseudofeministinnen, denen die richtige Schreibweise (Männlich/weiblich) oft wichtiger ist, als die Gewalt an Frauen. Ebenso gehört dazu die blöden männlichen Sprüche, wenn man sie auf die eigene Gewalttätigkeit hinweist, wie: Wahlweise: “Nicht alle Männer sind so”; ……oder : “Frauen sind auch nicht besser”! Man kann es nicht mehr hören.

    Nur nie in den Spiegel schauen, sondern immer sofort ab delegieren und die Verantwortung abschieben.

    Und: Wie kommt es eigentlich, dass für die Verteidigung des eigenen Körpers, der einem ja am nächsten steht, weder Schutz noch Geld gewährleistet wird; während für die Verteidigung der Scholle, (sprich Vaterland) durchaus präventiv Kriege (als Abwehr) geführt werden dürfen, die Milliarden an Steuergeldern verschlingen, notabene auch von Frauen mit bezahlte. Auch müssen Frauen die Richter mit ihren unsäglichen Urteilen in Sachen Gewalt an Frauen mit bezahlen.

    Unter diesen Voraussetzungen sollten Frauen überall eigentlich per sofort aufhören Steuern zu bezahlen. Vielleicht, aber nur vielleicht würde das was ändern. Möglich ist allerdings auch, dass dann spezielle “Frauen-Beuge-Gulags” eingerichtet würden, Zwangs-Quäl-Anstalten, den jetzigen Flatrate Bordellen nicht unähnlich!

  2. Karin von Wangenheim

    Vielleicht sollte Frau mal klarstellen, daß “Arbeit haben” und “Geld verdienen”
    zwei Grund verschiedene Dinge sind.
    Ich kenne keinen deutschen Mann, der jemals seiner Frau verboten hätte zu arbeiten ! Nur Geld verdienen sollte sie bis vor kurzem auch bei uns nicht, – damit sie nicht unabhängig denken konnte !
    und über ihre Mitgift (wenn sie eine bekommen hatte) bestimmte er sowieso,
    – dies wurde auch bei uns von “Vater zu Vater” ausgehandelt
    Im patriarchalen Denken ist die Frau (unbewußt oder bewußt) das oberste, domestizierte Tier. – Das neu geborene Mädchen bekommt erst ihren Namen
    als Frau, wenn sie heiratet. Nur der Junge gilt immer noch als “Stammhalter” –
    und es ist wirklich – auch bei uns ! – noch gar nicht lange her,
    daß eine unverheiratete Frau ab 25 in Panik geriet, wenn sie nicht
    “zu Hause für Ihren Mann und dessen Kinder arbeiten (schuften) durfte. ”
    – mit anderen Worten: “nicht arbeiten mußte”
    Als “alte Jungfer” wurde sie auch von den verheirateten Frauen
    nur mitleidig betrachtet.
    Der Zusammenhalt von muslimischen Frauen untereinander
    ist – aus meiner Erfahrung – wesentlich größer, als der von uns “emanzipierten”.
    Selbstverständlich sind die kulturellen Zusammenhänge aber anders.
    Ich bin davon überzeugt daß die Lust der Männer, Frauen zu vergewaltigen
    eine der “Krankheiten der Machtgläubigkeit” ist.

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