Eine Revolution der Liebe

Love Liebe

By böhringer friedrich (Own work) [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons

Die Liebe gehört zu den schönsten Dingen, die uns im Leben passieren können. Den Bauch voller Schmetterlinge, Glücksgefühle, die durch unsere Nervensysteme strömen, eins werden mit jemandem, nicht mehr allein sein, da draußen. Und doch wird so oft aus diesem Gefühl die Hölle. Nun kann man sagen, dass dies dem Wesen der Liebe innewohnt, so wie die Rose eben Stacheln hat, doch im Kapitalismus und im Patriarchat hat es damit eine etwas andere Bewandtnis. Liebe, so wie wir sie leben und wie sie uns vorgelebt wird, ist auch ein Produkt und sie könnte anders sein, wenn sie denn frei wäre. Denn die Liebe im Kapitalismus ist eine elende Angelegenheit, haben wir uns doch alle darauf geeinigt, dass dieser Bereich nun ins Private gehört. Überall sonst herrscht Konkurrenz, herrschen Kälte und Druck, doch dieser Bereich, die Partnerschaft, die Liebe, die soll frei davon sein, hier soll alles perfekt sein, ein Rückzugsort vor dem Unbill der Welt da draußen. Warum läuft es dann gerade hier oft so schrecklich schief?

Der perfekte Partner

Umso höher sind denn auch die Ansprüche, die wir an den Partner haben. Gut aussehen muss er, in Zeiten oberflächlicher Bewertung sagen das Aussehen und der Kleidungsstil meines Partners eine Menge über meinen Status aus, also vorzeigbar muss er sein. Aber er muss noch viel mehr. Er muss meine persönliche Wellness-Oase sein, sich für mich interessieren, mich nach einem stressigen Tag im Büro massieren, regelmäßig anrufen, Geschenke machen. Wir sind voller Erwartungshaltungen an jenen Partner, ohne uns für den Menschen, dem wir da begegnen überhaupt zu interessieren. Er soll ein Produkt sein, möglichst passend, ein Accessoire, das als Ausgleich für all In die stressigen Dinge wie Lohnarbeit und überhaupt dient. Dann reden wir von Liebe. Wenn der Partner dann nicht funktioniert, dann ist das Drama groß. Vorwürfe, emotionale Erpressung, Drohung. Die Spielarten sind perfide und vielfältig, je länger man sich kennt. Immerhin will man sich ja gemeinsam etwas aufbauen. Erst einmal zusammen ziehen. Dann kommt das Kind. Vielleicht vorher noch schnell heiraten. Der Traum vom perfekten Leben. Ob es das Glück ist, das weiß keiner so genau, denn immerhin ist es das, was sie uns alle als Glück verkaufen, um das sich gleich mehrere Industrien vom Brautkleidverkäufer bis zum Makler und Baumarkt ranken. Das Private soll uns als Ausgleich dafür dienen, dass wir als lohnabhängig Beschäftigte nichts zu melden haben. Dass wir weder über unsere Zeit noch über irgendwas in unserem Leben selbst bestimmen dürfen. Hier, so wird uns erzählt, dürfen wir frei bestimmen. Dass das nicht stimmt, zeigt, dass die meisten Ehen zwischen Menschen aus der gleichen Bildungs- und Einkommensschicht geschlossen werden und die meisten nicht mehr als 20 Kilometer voneinander weg wohnen. In dem wir uns in das althergebrachte Model der patriarchalen Familie pressen lassen, sind wir umso abhängiger vom Job, den wir eigentlich hassen, von der nächsten Lohnerhöhung, vom Häuslebauen. Enger kann man die Mauern eigentlich gar nicht ziehen. Eng wird es vor allem, wenn es dann in der Beziehung nicht mehr funktioniert, wenn jener Traum von der privaten Ruheinsel platzt. Scheidungsanwälte wissen Geschichten von Menschen zu erzählen, die sich angeblich einst liebten, die eiskalte Schauer über den Rücken laufen lassen. Da kommt es eben auch zu Morden, weil die Auserwählte den Traum jetzt platzen lassen will. Alles, wofür man so hart gearbeitet hat. Nicht zu vergessen die Schulden für das Haus, das Auto die Kinder. Wir sind Hamster im Hamsterrad. Und nennen uns dabei noch glücklich.

Und trotzdem suchen wir sie

Aber heißt das, dass es keine Liebe gibt, auch im Kapitalismus nicht? Was ist mit Erich Fromm und all seinen schönen Sätzen, die sich 20jährige auf die Facebook-Pinnwände schreiben? Doch, die Liebe gibt es und es hat sie immer gegeben. Doch sie findet nicht nur unter kapitalistischen, sondern eben auch unter patriarchalen Vorzeichen statt. Das beginnt schon in der Kindheit.
Die Sozialisation von Jungen und Mädchen ist anders. Eine emotionale Verletzung, die einer Trennung oder einem Streit folgt, kann bei Männern eine Trennung von physischen und emotionalem Verhalten hervorrufen, dass nach Freud darauf beruht, dass er verstanden hat, dass er, wie bei seiner Mutter, Liebe nicht mit Sex bekommt. Für Frauen hingegen bedeutet eine Trennung immer tiefe Verunsicherung über die eigene Identität und den eigenen Selbstwert.
Das Schlimme ist, dass Frauen schon gar nicht mehr erwarten, auf emotional gesunde Männer zu treffen, sie erwarten sozusagen schon eine emotionale Versehrtheit, die sie mit Liebe und Aufopferung heilen wollen:

Es ist gefährlich, mit dem eigenen Unterdrücker Mitleid zu haben – Frauen sind besonders anfällig für diesen Fehler – aber in diesem Fall bin auch ich geneigt, der Versuchung nachzugeben Nicht lieben zu können, muss die Hölle sein. [1]

schrieb die radikale Feministin Shulamith Firestone 1975.

Früher, also vor der ersten Frauenbewegung war es so viel einfacher. Für die Männer. Geheiratet wurde nicht aus Liebe, sondern aus Notwendigkeit, das ganze Konzept der romantischen Liebe war vollkommen fremd und wurde erst in viel jüngerer Zeit erfunden. Es dient bis heute dazu, junge Mädchen gefügig zu machen. Die Liebe ist ein Schlachtfeld der Geschlechter, in dem die Männer die Unterdrücker und die Frauen die Unterdrückten sind, Liebe hin oder her und das bedeutet nicht, dass es nicht echte Emotionen und Hingabe gibt. Aber die werden am Ende ja immer pragmatisch geopfert, dem Status, der Familie, abertausende Romane handeln doch gerade davon. Für die Frau ist die Liebe im Patriarchat auf der einen Seite überlebenswichtig auf der anderen Seite auch gefährlich. Eine ungewollte Schwangerschaft zerstört selbst heute noch ihr Leben, ihren Lebensplan, bedeutet Stigmatisierung und Ausschluss aus der Gesellschaft. Doch sie braucht die Anerkennung durch den Mann auch aus einem anderen Grund.

In einer Männergesellschaft, die die Frauen als eine minderwertige und parasitäre Klasse definiert, ist eine Frau verloren, wenn sie nicht in irgendeiner Form männliche Bestätigung erringen kann. Um ihre Existenz zu rechtfertigen, muss jede Frau mehr als eine Frau sein, sie muss ständig nach einem Ausweg aus ihrer minderwertigen Definition suchen und allein die Männer sind in der Lage, ihr diesen Gnadenzustand zu gewähren […] Frauen sind auf die Liebe angewiesen, nicht weil sie zu einem gesunden Leben gehört, sondern weil sie als ihre Existenzberechtigung gilt. [2]

Nicht wenige Frauen denken also, sie haben eine freie Wahl in der Partnerwahl. Doch auch das ist eine Illusion.

Die Beteiligung an der eigenen Unterdrückung, in dem sich seinen Herrn selbst aussucht, vermittelt häufig die Illusion von freier Entscheidung; aber in Wirklichkeit kann sich eine Frau niemals ohne Hintergedanken frei für die Liebe entscheiden. Die beiden Begriffe, Liebe und Status, bleiben für sie zur Zeit untrennbar verbunden. [3]

Was bedeutet Liebe also für Frauen im Patriarchat?

Ihr Leben ist die Hölle, es schwankt zwischen dem alles verdrängendem Bedürfnis nach männlicher Liebe und Anerkennung, die sie aus ihrer untergeordneten Klassenlage erheben soll, und dem ständigen Gefühl der Unechtheit, wenn sie seine Liebe errungen hat. So hängt ihre gesamte Identität von der Ausgewogenheit ihres Liebeslebens ab. Sie darf sich nur dann anerkennen, wenn ein Mann sie der Liebe wert findet. [4]

Er hingegen braucht ihre ständige Angst vor dem Verlassenwerden, um sich in seinem Mannsein bestätigt zu fühlen. Genau diese Abhängigkeiten führen zu den bekannten Spielchen. „Nach wie viel Tagen darf ich ihn anrufen?“ – „Nach dem wievielten Date darf ich Sex haben?“ Es geht darum, den richtigen zu ergattern. Sex & the City haben eine ganze Serie darauf aufgebaut, das mit dem angeblichen Geschmack sexueller Freiheit zu verknüpfen. Wie finde ich Mr. Right – und bin natürlich keine prüde Hausmutti, sondern eine aufregende New Yorker Szenefrau, ganz statusgerecht. Dieser ganze Blödsinn, die unerfüllte Liebe, die Lovesongs, das Sehnen nach der Unerreichbaren, der Schmerz des Verlassenswerdens, das ist der Romantizismus, der uns schmackhaft machen soll, dass es keine freie Liebe gibt, solange wir in ökonomischen und patriarchalen Abhängigkeiten leben, solange wir nicht zusammen sein können mit wem und wann wir wollen, auch heute nicht, auch wenn wir uns das einbilden, weil wir die äußeren Zwänge dank bester Indoktrination längst verinnerlicht haben und selbst leben. Oder denken Sie darüber nach sich in einen Reisbauern in China zu verlieben? Genau. Liebe muss nicht weh tun. Sie tut es nur, wenn sie unter Zwängen steht, die nicht überwunden werden können oder wollen, wenn sie unter Vorzeichen steht, die Unterdrückung und emotionalen Missbrauch ermöglichen, in der der eine den anderen sich zu Nutze macht, als Geisel für das private Glück nimmt, in dem Maße, in dem wir uns nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Objekte des eigenen Glücks gegenüber stehen.

Liebe braucht Freiheit

So ist nicht der Prozess der Liebe selbst auf der falschen Fährte, sondern der politische Zusammenhang die ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern macht Liebe unter den herrschenden Bedingungen zu einem Alptraum. [5]

Und weiter:

Die destruktiven Auswirkungen der Liebe können nur im Umfeld der Ungleichheit auftreten. Da jedoch die die sexuelle Ungleichheit ein konstanter Faktor geblieben ist – in welcher Abstufung auch immer – wurde die faule „romantische“ Liebe zur charakteristischen Liebe zwischen den Geschlechtern. [6]

Wenn wir also wirkliche, freie Liebe wollen, dann müssen wir uns befreien von all dem romantischen Blödsinn, den der Kapitalismus daraus gemacht hat, das Produkt „Lovestory“, das uns von überall her aufgedrückt wird, die Suche nach dem perfekten Partner, der perfekten Liebe, dem Ausgleich vom Stress im kapitalistischen Alltag im Privaten. Das Private lässt sich nicht vom Politischen trennen, auch unsere intimsten Beziehungen sind von unseren gesellschaftlichen durchdrungen und durch sie geprägt, wir stehen uns als Männer und Frauen, als Abhängige, als Verletzte gegenüber. Und nur wenn wir das erkennen und es bewusst abstreifen, dann können wir die Liebe als das, was sie ist, zurückgewinnen.

Liebe ist die totale gegenseitige psychische Offenheit und damit eine Situation tiefer emotionaler Verwundbarkeit. Deshalb darf sie nicht nur die Einverleibung des anderen sein, sondern ein Austausch der beiden Persönlichkeiten Alles, was nicht zu diesem gegenseitigem Austausch führt, wird den einen oder den anderen verletzen. [7]

Erich Fromm hat es sehr passend formuliert, als er schrieb:

Liebe ist das Kind der Freiheit, niemals das der Beherrschung. [8]

Ohne Freiheit kann es keine wahre Liebe geben. Erst wenn sich die Geschlechter wirklich frei gegenüber stehen, wenn es eine wirklich feministische und ökonomische Revolution gegeben hat, die die Frau dem Manne gleich macht, erst dann werden wir in der Lage sein einander um unserer selbst willen zu lieben, nicht um die Anerkennung, nicht um den Status willen, zu dem der andere uns verhilft. Das ganze Zeug der romantischen Filme, die Liebeslieder, sie sind nur fauler Zauber, die uns davon ablenken sollen, dass es um die wahre Liebe schlecht bestellt wird, ja dass sie uns durch Pornos und sexualisierte Werbung sogar noch im Intimsten genommen wird. Wir brauchen auch in der Liebe eine Revolution. Oder eine Revolution der Liebe.

[1] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S. 128
[2] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution S. 130
[3] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S. 131
[4] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution S.124
[5] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S. 125
[6][6] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S. 122
[7][7] Firestone, Shulamith: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, S 121
[8] Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens, S.39