Fucking Poor – zum neoliberalen Begriff der “Sexarbeit”

Buchcover: Fucking Poor

Anita Kienesberger: "Fucking Poor. Was hat »Sexarbeit« mit Arbeit zu tun?", Marta Press, 2014

Ist Prostitution ein Job wie jeder andere – so wie es die Begriffe “Sexwork” oder “Sexarbeit” nahelegen? Die Österreicherin Anita Kienesberger, Mitbegründerin der Initiative Stopp Sexkauf, analysiert in “Fucking Poor – was hat “Sexarbeit mit Arbeit zu tun” die Verhältnisse, unter den Prostitution stattfindet und zeigt auf, dass von “Arbeit” angesichts der ökonomischen Alternativlosigkeit und den Bedingungen der Prostitution keine Rede sein kann. Der feministische Verlag Marta Press hat die Masterarbeit der Autorin jetzt als Buch herausgegeben. Anita Kienesberger setzt sich darin zunächst kritisch mit dem marxistischen Arbeitsbegriff und seiner feministischen Rezeption auseinander, sie schlägt den Bogen von der Illusion der sogenannten sexuellen Befreiung zum heutigen Verständnis liberaler Feministinnen, die betonen, Prostitution sei Arbeit und durch ein Vertragsverhältnis geregelt. Warum eben dieses Vertragsverhältnis für die Prostitution nicht gilt und nicht gelten kann, weil es das Geschlechterverhältnis ausblendet, hat Carol Pateman bereits Ende der 1980er Jahre erklärt. Prostitution ist keine Lohnarbeit, weil nicht die Arbeitskraft, sondern der Körper verkauft wird und sie ist keine Care-Arbeit, weil durch sie eben am Ende doch das ökonomische Überleben – und nicht mehr als das – gesichert werden soll. Der Vertragsbegriff an sich ist einer, der seinen Ursprung in der bürgerlichen Gesellschaft hat – und für Männer als Vertrag unter Gleichen gedacht ist. Genau diese Gleichheit existiert zwischen Mann und Frau aber nicht. Ausführlich erklärt Kienesberger die Genese des neoliberalen Begriffs der “Sexarbeit”, der ganz bewusst Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt in der Prostitution unsichtbar macht und verharmlost. Sie zeigt auf, wie der Begriff entstanden ist (als Selbstbezeichnung amerikanischer Prostituierter, die nicht als “Opfer” betrachtet werden wollten), und inzwischen von der Sexindustrie eingesetzt wird, um aus Prostitution eine “Dienstleistung” zu machen und aus Bordellbesitzern und Zuhältern “Geschäftsmänner”. Es gehört zum neoliberalen Diskurs, das alles auf seine Warenförmigkeit reduziert wird und die einzig verfügbare Freiheit in eben dieser Warenförmigkeit besteht. Das Prostitutionsgesetz von 2002 war die Folge neoliberale Deregulierung und stellte die Freiheit des Marktes über den Schutz des Individuums.

Anstatt Prostitution als Kommerzialisierung der Unterdrückung der Frau zu sehen, wurde Prostitution als “Markt” respektiert und akzeptiert, in welchem Frauen als Unternehmerinnen, Arbeiterinnen und Dienstleisterinnen reüssieren sollen.

Prostitution verstößt weiter auf vielfältige Weise gegen die Menschenrechte, wie Kienesberger in einem eigenen Kapitel darlegt und bedeutet aufgrund der Alternativlosigkeit (89 Prozent würden aussteigen, wenn sie könnten) für die überwältigende Mehrheit der Frauen anhaltende Gewalt und Traumatisierung. Gerade weil Prostitution ohne das patriarchale Machtverhältnis nicht denkbar ist, ist die Kritik daran eines der großen “Kernthemen” des Feminismus – und diese Kritik kann nur gelingen, wenn man die Machtverhältnisse benennt und damit sichtbar macht.

Fucking Poor ist ein Grundlagenbuch für jede, die sich kritisch mit Prostitution und der aktuellen Debatte beschäftigt. Anita Kienesberger erläutert den Diskurs um Prostitution im Kontext von Machtverhältnissen und politischer Bedeutung und macht einmal mehr deutlich: Prostitution ist kein Job wie jeder andere!

Das Buch ist erhältlich bei Fembooks.

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