Die “natürliche” Geburt: Macht über Frauenkörper

Schwangerschaft, Frau

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Gesundheitsminister Gröhe (CDU) hat sich schon des Öfteren als paternalistischer Hüter des Frauenwohls offenbart, etwa, als er dagegen war, die Pille danach rezeptfrei auszugeben, angeblich, um die Frauen zu schützen. Wenn die CDU sich um Frauenkörper sorgt, kommt dabei selten etwas Gutes heraus, zu tief reichen die christlich-patriarchalen Wurzeln dieser Partei (wir erinnern uns kurz daran, dass die CDU den Satz “Männer und Frauen sind gleichberechtigt” nicht im Grundgesetz haben wollte und Adenauer anschließend mehrere Jahre verfassungswidrig gegen ihn handelte und auch die Sache mit der Vergewaltigung in der Ehe war noch Mitte der 90er Jahre nicht allen CDUlern einsichtigt, vom Thema Abtreibung wollen wir gar nicht erst anfangen).

Nun aber hat Gröhe zu unserem Leidwesen nach der Schlappe mit der Pille danach erneut das Thema “Frauenkörper” – und dabei natürlich ihre Reproduktionsfähigkeit – für sich entdeckt. In einer Pressemitteilung verkündete sein Ministerium, dass vier Studien mit einem Gesamtvolumen von 150.000 Euro sich mit Kaiserschnitten in Deutschland beschäftigen werde.  Kaiserschnitte, so heißt es, sollen nur noch dann durchgefüht werden, wenn sie medizinisch notwendig seien. Wann sie das sind, soll anhand einer Leitlinie, in die die Ergebnisse der vom Bundeministerium für Gesundheit durchgeführten Studien einfließen, festgelegt werden. Wer sich nun das Verhältnis der CDU zu Frauenkörpern in der Vergangenheit ansieht, ahnt bereits, dass das Wohl der Frauen hier die geringste Rolle spielt.

Auf den ersten Blick scheint das eine positive Entwicklung zu sein. Immerhin ist eine natürliche Geburt der beste Weg für Mutter und Kind. Kaiserschnitte bringen den Krankenhäusern aber mehr Geld und lassen sich besser planen. Da mag die Vermutung nahe liegen, dass hin und wieder Kaiserschnitte dann gemacht werden, wenn sie nicht notwendig sind. Nun aber soll, anhand der Studien, der Zugang von Frauen zum Kaiserschnitt reglementiert werden – und das ist alles andere als ein Fortschritt. Denn die Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums richtet sich gezielt gegen sogenannte “Wunschkaiserschnitte”. Diese werden durchgeführt, wenn die Frau es aus persönlichen Gründen so wünscht. In der Vergangenheit ist viel darüber geschrieben worden, wie rücksichtslos diese Frauen sind, die ohne ausreichende medizinische Gründe einen Kaiserschnitt anstreben. Ihnen wird – wer es nicht glaubt, lese sich mal durch Eltern- und Babyforen zu dem Thema, ich verzichte hier bewusst darauf, diese zu verlinken – vorgehalten, sie gefährden das Leben ihrer Kinder oder seien schlicht zu feige für eine normale Geburt. Und da ist sie schon wieder, die christliche Strafe aus der Bibel, der alle Frauen unterliegen, weil Eva die Nummer mit dem Apfel abzog.  (Moses 3:16: “Zum Weibe aber sprach er: Ich will dir viel Mühsal bereiten mit Schwangerschaften; mit Schmerzen sollst du Kinder gebären. Und nach deinem Manne wirst du verlangen, er aber soll Herr sein über dich!“).

Der Hype um eine natürliche Geburt schließt sich an das an, was auch rund um das Stillen betrieben wird: Frauen haben zu stillen, weil das nun mal das Beste und Gesündeste für ihr Kind ist. Wer nicht stillt, obwohl sie es kann, ist eine Rabenmutter. Rund um das Thema Geburt und Mutterschaft wird ein so immenser, moralischer Druck aufgebaut, dass Frauen als Personen mit eigenem Willen und Gefühlen überhaupt nicht mehr vorkommen – und viele Mütter unterwerfen sich dem, aus Angst, ihrem Kind zu schaden. Dabei vergessen sie aber, dass sie es sein sollten, die über ihre Körper und ihre Leben bestimmen und dass die an sie gestellten Erwartungen schlicht nicht erfüllbar sind. Denn auch, wer natürlich gebärt, kann noch jede Menge falsch machen. Schmerzmittel nehmen zum Beispiel, denn die sind auch schädlich für das Kind. Die wahre Mutter zeigt sich erst, wenn sie das Kind sanft lächelnd, ohne Schmerzenslaut, aus sich herauspresst und so dann mit milder Zärtlichkeit an die bereits schwellende Brust presst. Klagen darf sie nicht, müde sein auch nicht. Sofort wird aus der Frau nur noch ein Muttertier, das einzig existiert, um die Bedürfnisse ihres Kindes  zu befriedigen und die Erwartungen der Gesellschaft an sie zu erfüllen. Jeder Frau, der es nicht gelingt, ihr Menschsein unter der Geburt (am besten schon während der Schwangerschaft), vollkommen auszublenden, haftet ein Makel an.

Eine Freundin, eine Überlebende sexueller Gewalt, erwartete vor einigen Jahren Zwillinge. Alle übten immensen Druck auf sie aus, die Kinder normal zur Welt zu bringen. Das Problem dabei war, dass eines der Kinder nicht richtig lag. “Keine Sorge”, sagte der Arzt im Krankenhaus lax, “das drehen wir dann unter der Geburt”. Meine Freundin bekam solche Angst, zum einen um ihr Kind, das vielleicht nicht richtig mit Sauerstoff versorgt werden würde, zum anderen vor diesen Händen und Geräten mit denen man versuchen würde, dieses Kind aus ihr herauszuholen, dass sie das Krankenhaus verließ und in ein anderes ging, wo man bereit war, ihr den Kaiserschnitt zuzugestehen. Das Dogma der “natürlichen Geburt” war so übermächtig, dass es niemand für notwendig hielt, mit meiner Freundin über ihre Ängste zu sprechen oder auch nur darauf einzugehen, was das mit ihr machte. Für sie war der Kaiserschnitt der richtige Weg – sie erhielt eine PDA, war ansprechbar und hatte das Gefühl, nicht die Kontrolle über ihren Körper in einer retraumatisierenden Weise abgeben zu müssen.

Die sogenannte “natürliche Geburt” ist ohnehin eine Nebelkerze. Natürlich wäre die Geburt vielleicht, wenn sie in einer vertrauten und sicheren Umgebung stattfindet, etwa in einem von Hebammen geführten Geburtshaus. Diese Art von Entbindung wird von den Krankenkassen aber nicht übernommen und kostet schnell mal tausend Euro und mehr. Wer diese nicht hat, muss ins Krankenhaus. Dort wird mit Farb-, Musik- und Aromatherapie zwar schon viel versucht, um den Frauen die Geburt angenehmer zu machen, dennoch ist die herkömmliche Geburt in einem Krankenhaus nicht selten von Gewalt und sehr geringer Selbstbestimmung der Frauen geprägt. Dazu gehören Dammschnitte, rücksichtslose und übergriffige Ärzte, überarbeitete Krankenschwestern und schlecht gelaunte Hebammen.

Zu einer wirklichen Wahlfreiheit von Frauen bei der Geburt würde auch gehören, die freien Hebammen zu erhalten. Genau das aber wurde durch das Anheben der Haftpflichtversicherung massiv beschränkt. Zwar schaltete sich – nach langem und lautem Protest – schließlich das Gesundheitsministerium ein und entschied, dass die Krankenkassen einen Teil der Kosten zu erstatten haben – doch die freiberuflichen Hebammen, die zum Beispiel zu Hausgeburten kommen, profitieren von dieser seit Jahresbeginn geltenden Regelung nicht.

Auch wird selten thematisiert, dass nicht alle Frauen die Schmerzen einer Geburt einfach so wegstecken. Einige sind von ihnen regelrecht traumatisiert und deshalb auch erst einmal nicht in der Lage, sich über ihr neugeborenes Kind zu freuen (Stichwort “Geburtstrauma”) . Das dürfen sie aber nicht ausdrücken, von Frauen wird schlichtweg erwartet, dass sie die Schmerzen sofort vergessen und in Liebe zu ihrem Kind vergehen, so wie andere Frauen es als übergriffig erleben, einem Kaiserschnitt unterworfen zu werden, obwohl sie sich eine natürliche Geburt wünschen. Beide Erfahrungen, beide Sorgen sollen und müssen ernst genommen werden, andernfalls werden Frauen zu reinen Gebärmaschinen degradiert, deren Befinden und Gefühle hinter die Vorstellungen und die Macht von Politikern und Ärzten rutschen.

Überhaupt hat dieses Hochhalten des “Natürlichen” im Zusammenhang mit Frauenkörpern etwas Beunruhigendes. Ständig sind wir dabei, unsere Körper zu optimieren, von Schönheits-OPs über Eiweißshakes bis zur Transition von Menschen, die sich im falschen Geschlecht fühlen. Hier wird alles zur Verfügung gestellt, was die moderne Medizin zu bieten hat, von “Natürlichkeit” ist aber nie die Rede. Wenn es nun aber um die Macht über Frauenkörper geht, ist “Natürlichkeit” auf einmal wieder ein Wert, auf den sich berufen wird, dabei wird er bei ähnlichen Konfliktpunkten reversibel verwendet. Oder kennt jemand eine Diskussion, bei der aus politischer Sicht heraus darauf gedrängt wird, etwas “natürlich” zu behandeln? Mittelohrentzündungen etwa? Die Nebenwirkungen von häufiger Antibiotika-Einnahme sind bekannt, trotzdem gibt es dazu keine vom Gesundheitsministerium iniitierte Kampagne, die auf natürliche Behandlung pocht. Es stellt sich die Frage, warum die Politik sich überhaupt bemüßigt fühlt, sich des Themas Geburt anzunehmen. Vordergründig wird zwar die Sorge um Mutter und Kind betont, doch bei näherem Hinsehen atmet diese Sorge den paternalistischen Geist des Abtreibungsverbots und der ungeheuerlichen Weigerung, die Pille danach rezeptfrei herauszugeben. Frauen soll, nach höchstem politischen Willen, vorgeschrieben werden, wie sie ihre Kinder zu entbinden haben. Angeblich, so lassen die Titel der einzelnen Studien, sind Frauen nur schlecht informiert und wollen deshalb so oft einen Kaiserschnitt. Dass Frauen vielleicht einfach einen Kaiserschnitt möchten und dass das ein durchaus respektabler Wunsch ist, wird einfach außer Acht gelassen. Wie die “bessere Information” einer Frau zum Kaiserschnitt aussieht, lässt das o.g. Beispiel meiner Freundin erahnen.

Wie eine Frau gebären möchte, sollte ganz allein ihre Angelegenheit sein – ob nun natürlich oder per Kaiserschnitt.  Ihr Wille sollte oberste Priorität haben, denn nur dann kann die Geburt ein positives Erlebnis sein, an das sich eine positive erste Zeit mit dem Kind anschließt. Wenn die medizinischen Mittel zur Verfügung stehen, müssen Frauen auch Zugang zu ihnen haben. Kein Gesundheitsministerium, keine Leitlinie, kein Arzt darf nur anhand eines vorgeschriebenen Dogmas der “besseren, weil natürlichen Geburt” darüber bestimmen dürfen, wie Frauen entbinden.

9 Kommentare

  1. Guter Artikel. Zu, ganzen Schlachtfeld, ob eine natürliche Geburt oder ein Kaiserschnitt, ob Stillen oder Flaschennahrung besser ist, gehört auch immer der Kampf darum, wer die stärkere Frau ist. Ich gebe zu auch ich habe mich da selbst hineinziehen lassen, habe mir Sachen zugemutet, die ich heute nicht mehr tun würde. Für mich gibt es hier kein besser oder schlechter mehr. Ich könnte aber nicht behaupten, dass es nur Männer in meinem Umfeld waren, ich empfand den Kampf unter Frauen hier viel schlimmer. Besonders viel Druck wurde ausgeübt, wenn man mit Menschen in Kontakt war, die der Öko-Szene oder Esoszene angehörten. In meinen Augen wird hier sehr ideologischen Ansichten nachgeeifert. Und auch da bist Du als Frau nicht frei, vor allem, weil auch hier sehr essentialistische Frauenbilder hochgehalten werden. Vor allem, wenn es um das Thema “Weiblichkeit” geht.

  2. Shani Telle

    Geburten in von Hebammen geleiteten Häusern werden meines Wissens noch vom System finanziert.

  3. Die Krankenkassen übernehmen eine Geburt im Geburtshaus durchaus. Leider trauen sich nur sehr wenige Frauen auch dort zu entbinden. Hat mE sehr viel damit zu tun, dass wir so wenig mit dem Thema Geburt im Alltag konfrontiert sind, dass wir regelrecht Angst davor haben. Da suggeriert einem die Klinikgeburt Sicherheit. Tja, so sehr kann man sich täuschen

  4. Guter Artikel. Allerdings kenne ich nur Fälle in denen Kliniken aus “Sicherheit” eine Kaiserschnitt Geburt anpreisen. Ich kenne nur einen Fall, bei der der Kopf des Kindes angeblich nicht durch gepasst hätte und sie einen Kaiserschnitt brauchte.
    Ich denke es sollte endlich offener werden und ohne profitabsicht mit der schwangeren beraten werden wie sie sie die Geburt wünscht. Es gibt auch Kliniken die im Falle der Entscheidung für eine normale Geburt während der Geburt auch keine PDA mehr geben. Einfach weil sie dann brutal sagen,dass die Frau es ja so wollte. Und das ist meiner Ansicht nach fern jeglicher Menschlichkeit.
    Für Frauen mit sexueller Missbrauchs Erfahrung gibt es auch geschultes Personal. Man muss das allerdings wissen,dass und wo es sowas gibt..

  5. Die CDU wird es noch schaffen, die Deutschen auszurotten. Ich frage mich, ob das die Absicht dahinter ist, oder ob die CDU-Politiker einfach nur wahnsinnig dumm sind.

    Als Frau im gebärfähigen Alter verspüre ich jedenfalls wenig Wunsch:

    – mich finanziell zu ruinieren und/oder von einem Mann abhängig zu machen
    – fremde Männer an meinen Genitalien herumfingern zu lassen, was bei einer Geburt im Krankenhaus ja schon unausweichlich ist, und mir zudem noch vorschreiben zu lassen, wie ich zu gebären habe, und ob ich unerträgliche Schmerzen leiden soll.

    Und das ist nur das, was mir als offizielle CDU Politik bekannt ist. Dass frau in jedem Fall dazu verurteilt ist, mit einem mehr oder weniger gut (bzw. schlecht) gewählten Sexualpartner für mindestens 18 Jahre Kontakt zu haben, wenn sie von ihm schwanger wird … auch nicht gerade ein Grund, sich für eine Schwangerschaft zu entscheiden.

    Mich wundert es nicht, dass die Geburtenrate in Deutschland rückläufig ist, mich wundert eher, dass überhaupt noch so viele Kinder geboren werden. Muss dran liegen, dass der Kinderwunsch stärker ist als die bekloppte Politik … noch.

    Nicht, dass es früher viel besser gewesen wäre mit der Gesamtsituation, aber die CDU übersieht, dass ich trotz all ihrer Widerstände etwas geändert hat: Wir haben eine Wahl. Auch Frauen die Geschlechtsverkehr mit Männern haben, können sich jetzt gegen eine Schwangerschaft entscheiden.

    Und ich glaube, das werden auch immer mehr Frauen tun.

  6. Johanna K.

    Ob sich hier jemand vorstellen kann, dass bei all dem medizinischen Aktivismus die Kompetenzen zur Betreuung natürlicher Geburten verloren gegen kann? Hebammen jedenfalls stehen für “natürliche” Geburten. Das Angebot des sog. “Wunschkaiserschnitt” ist mit vielfältigen Risiken verknüpft – für die Frau und mit anhaltenden Nachteilen für das Kind, sowie natürlich … mit Profiten für die “Leistungsanbieter”, die Geburtskliniken. Es gibt hier eine ganze Reihe von Initiativen, die jahrelang dafür gekämpft haben, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, was durch Wunschkaiserschnitt etc. alles auf dem Spiel steht. Die Studien sind zugegeben “billig” für das Ministerium, aber immerhin wurden Fraueninteressen von Fraueninitiativen damit aufgenommen, die sich langjährig intensiv aus der Perspektive von Frauen damit befasst haben.

  7. Wie bei Vergewaltigungen tummeln sich Experten, vornehmlich Männer, Aerzte, Politiker etc. in diesem ureigenen weiblichen
    Gebiet der Geburt. Auch hier haben sie “natürlich” die Oberhoheit. Nichtschwimmer lehren die Frauen das richtige Schwimmen.
    Sie wissen natürlich auch, was eine Frau auszuhalten hat; und was nicht. Schliesslich ist eine Geburt NATUERLICH! Ja, Sex auch! Deshalb ist eine Vergewaltigung eben noch lange nicht natürlich! Wenn sich doch alle männlichen Besserwisser und Experten einfach mal raushalten würden? ähhhh, geht nicht! Die haben ja auch eine Meinung zur Krümmung einer Gurke. Eben!
    Alles geht klar, nur die Frauen/Mütter “stören” in diesem ganzen männlich-mechanistisch-natürlichen Ablauf!

  8. Interessanter Artikel. Kritisch zu betrachten sind auch sogenannte Studien, bzw. die Intepretationen derselben, welche immer wieder in den Diskurs der Befürworter der “natürlichen” Geburt mit einbezogen werden. Oftmals sind sie sehr unwissenschaftlich und werden nicht objektiv, sondern manipulativ in Informationstexte eingebunden.
    Ein Hoch deshalb auf einen Beitrag wie diesen, tut richtig gut diesen ganzen Mist, den ich gerade bei der Internetrecherche gelesen habe zu verdauen.
    Mich widert diese esoterische Natürlichkeitsverherrlichung ziemlich an, der sich so manche Frau wohl nicht entziehen dürfte (so zumindest mein Eindruck von Foren und persönlichen Erfahrungen).
    Ich liebe meinen Körper und natürlich ist, was ICH als diese Natur mir wünsche, die ganzheitlichen Bedürfnisse und Voraussetzungen welche ICH als diese Natur habe, seien diese körperlich oder mental.

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