Gedanken über weibliche Sexualität

Femme, Frau, Sexualität

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Ich bin kein Kind von Traurigkeit. Ich bin jetzt 34 und hatte bereits Sex mit mehr Männern als andere in ihrem Leben. Und dabei denke ich sicher nicht an jene, die ihr ganzes Sexualleben nur für DEN EINEN aufgespart haben. Lange und intensive Beziehungen wechselten sich ab mit Phasen exzessiver Promiskuität. Und dabei war ich immer mit mir im Reinen und habe immer mit offenen Karten gespielt. Ich habe mich ausprobiert und ich bereue nichts. Jede dieser Erfahrungen war es wert gemacht zu werden, auch wenn nicht alle aufregend und schön waren.

Und dennoch: Ich denke viel nach. Ich denke nach über eine Gesellschaft in der weibliche Sexualität nicht zu existieren scheint. Ich denke nach über eine Gesellschaft in der Männer wie Frauen zunehmend fremdbestimmt eine Sexualität leben, die nicht ihre eigene ist (und dies unter Umständen nicht mal merken). Ich denke nach über all die Menschen die der Möglichkeit beraubt wurden und werden ohne äußere Beeinflussung ihre eigene Sexualität zu entdecken.

Ich hatte und habe Glück in vielerlei Hinsicht:

–        Ich habe als Kind und Jugendliche keine sexuelle Gewalt erfahren. Eigentlich sollte man meinen, das sei doch nichts Ungewöhnliches. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue muss ich feststellen, dass dies so selbstverständlich gar nicht ist.

–        Ich war als Jugendliche nicht besonders interessant für Jungs und Männer. Mein erstes Mal hatte ich „erst“ mit 17, die meisten meiner Freundinnen bereits mit 13-15. Warum das gut war? Ich hatte viel Zeit meine eigene Sexualität zu finden, selbst auszuprobieren was mir Freude bereitet, ohne dass mir jemand seine sexuellen Wünsche aufdrückt. Ich hatte außerdem genug Zeit eine Persönlichkeit zu entwickeln mit der mir Nein sagen nicht schwer fällt.

–        Ich bin immer auf Sexualpartner gestoßen, auf deren Verschwiegenheit ich zählen konnte. Ich wurde nie als „Schlampe“ beschimpft (und wenn doch dann so hinter meinem Rücken, dass ich es zum Glück bis heute nicht mitbekam) Das scheint jungen Mädchen und Frauen heutzutage ja leider häufig anders zu gehen.

–        Ich gehöre nicht zu den „60% der Frauen die zeitlebens nie rein beim Geschlechtsverkehr einen Orgasmus bekommen“ Ich musste zwar 29 Jahre alt werden um die Bestätigung zu erhalten, dass es tatsächlich funktioniert, aber, yeah, sie kam! Heute ist er eher Selbstverständlichkeit als Ausnahme.

Mein erstes Mal hatte ich in meiner ersten längeren Beziehung, die fünf Jahre anhielt. Der Sex war durchaus schön, aber nicht unbedingt spannend. Als die Beziehung plötzlich und überraschend in die Brüche ging (er wollte plötzlich heiraten und eine Familie gründen, etwas was ich mir so gar nicht für mich vorstellen konnte), genoss ich meine neugewonnene Freiheit in vollen Zügen. Ich ging aus mit dem Ziel Männer „abzuschleppen“ (nicht abschleppen zu lassen, denn ich liebe Herausforderungen), ich datete Internetbekanntschaften, ich testete diverse Internetplattformen aus, bei denen es nicht um Liebe, sondern eindeutig um Sex ging.

Letzteres war der größte Flop aller Zeiten: Ich traf auf Männer, die seitenweise Texte schrieben aber zu feige waren sich zu treffen. Ich traf auf Männer, die die klare Ansage „Ich will nur Sex und keine Beziehung“ nicht akzeptieren wollten und wohl Frauen, die sie einmal im Bett hatten als Eigentum betrachten. Ich traf auf unzählige (und wenn ich sage unzählige, dann meine ich unzählige!) Männer, die nach zwei Sätzen bereits ungefragt Fotos ihres erigierten Penisses schickten. Ich traf auf viele Männer, die unumwunden zugaben, dass sie eine Freundin oder Ehefrau haben (die bei mir zu deren Erstaunen direkt hinten runter fielen, weil wenn die Beziehung nicht läuft dann sollen sie sich gefälligst trennen anstatt ihr was vorzuspielen, ist doch echt kein Weltuntergang). Ich traf auf Männer, die nur ihre eigene sexuelle Befriedigung im Sinn hatten und mich ausschließlich benutzen wollten ohne irgendetwas zurückzugeben (nee aber nicht mit mir). Zu meinem großen Entsetzen traf ich auch auf sehr (!) viele Männer, die es bei einem One-Night-Stand nicht für notwendig hielten zu verhüten. Ich traf auf viele Männer, die sich wahl- und anspruchslos durch die Gegend vögeln wollten (ich hingegen habe mir meine Ansprüche immer bewahrt).

Nichtsdestotrotz: Unter all den Vollidioten aus Club, Kneipe oder Internet, gab es auch ein paar wenige mit denen ich unvergessliche Erlebnisse haben durfte. Erlebnisse, die mich meiner eigenen Sexualität noch näher gebracht haben, die mich meinen Körper noch besser kennenlernen ließen. Zu einigen verbindet mich trotz Zufallsbekanntschaft noch heute eine tiefe Verbundenheit und teilweise auch gute (jedoch rein platonische) Freundschaft.

Ich bin mir sicher, dass dieses Entdecken von was ich will und was ich nicht will einen entscheidenden Teil dazu beigetragen hat, dass es irgendwann mit 30 dann doch klappte mit dem Orgasmus rein durch Penetration. Dieses Thema hatte ich ganz ehrlich bereits längst abgehakt als es unerwartet doch passierte. In diesem Moment stimmte einfach alles. Und es war unbeschreiblich und ein wunderschönes, richtig irres Gefühl. Ich brauchte in der Tat Tage um es zu begreifen. Und ich dachte zunächst das war jetzt eben mal ein Zufallstreffer. Inzwischen kann ich über solche Gedanken nur noch lächeln, denn wie bereits erwähnt ist es heute eher die Regel als die Ausnahme. Es ist nichts mehr worüber ich große Gedanken verschwenden muss, und es ist nicht auf die eine Person oder Stellung beschränkt.

Worüber ich jedoch viel nachgedacht habe, ist der Typus Mann, der es schafft seine Sexualität mit meiner in Einklang zu bringen. Nachdem ich nun zwei Jahre intensiv darüber nachgedacht habe, denke ich, dass ich weiß was unter anderen Faktoren entscheidend ist: Fast all die Männer, mit denen ich sexuell harmoniere, hatten folgendes gemeinsam: Zum einen handelte es sich jeweils um Menschen, mit denen ein offenes Gespräch über Sexualität möglich war, die artikulieren konnten was ihre sexuellen Wünsche sind und die mir genau zuhörten als ich von meinen sprach. Zum anderen handelte es sich jeweils um Menschen (und das habe ich durch Nachfragen eindeutig bestätigt bekommen), für die Pornographie niemals das Vorbild und die Inspiration für ihre eigene Sexualität war. Und ich muss leider sagen: Beides zusammen findet sich wirklich selten. Nicht zuletzt würde ich sagen ging es hier immer nicht um „Ficken“ oder „gefickt werden“, sondern um eine gemeinsam erlebte Sexualität auf Augenhöhe. (passend dazu auch dieser Artikel von gestern – danke dafür!)

Noch immer experimentiere ich sehr gerne, ich probiere mich aus, ich lebe meine Sexualität aus. Auch ich kann „dank“ unserer Populärkultur und der Pornographisierung unseres Alltags, die sich aller Lebensbereiche bemächtigt hat, nicht behaupten völlig selbstbestimmt zu sein. Immer wieder entdecke ich Wünsche, Verhaltensweisen an und bei mir, die bei näherer Betrachtung gar nicht meine eigenen sind. Und dennoch: Wenn ich mit Freundinnen über Sexualität spreche realisiere ich sehr oft, was für ein großes Glück ich doch hatte und habe.

Sexualität darf doch eigentlich alles sein: Leidenschaftlich, wild, zärtlich, experimentierfreudig, …, was immer du willst. So lange DU dich dabei gut fühlst und deine Wünsche dabei keine untergeordnete Rolle spielen. Ich bin nicht dafür Sexualpraktiken zu verurteilen, die ich selbst nicht mag. Aber: Denke nur einen Moment darüber nach wie oft du Dinge getan hast und tust, die du eigentlich gar nicht wolltest. Und wie oft du gerne etwas getan hättest aber darüber nicht mit deinem Partner sprechen konntest. Ich selbst habe lange gebraucht diese Hemmungen abzulegen, und es fällt sicherlich erheblich leichter je vertrauter der Gegenüber einem ist.

Der Untertitel von Gail Dines´ Buch „Pornland“ lautet „wie Pornographie unsere Sexualität entführt hat“ Ich frage mich: Wie viele Menschen sprechen eigentlich wirklich offen über Sexualität. Wie viele Menschen haben es noch überhaupt nicht gemerkt, dass das was sie ausleben gar nicht die eigene Sexualität ist? Wann wachen sie aus diesem Alptraum endlich auf und entdecken sich endlich selbst? Und haben sie dann überhaupt noch die Chance all dies Fremde abzuschütteln und die eigenen Wünsche unter all dem auszubuddeln?

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