Was geht dich mein Fett an?

Sally

Dave Linabury via Flickr, [CC BY-NC-SA 2.0]

Es hat so seine Nachteile, wenn man mit Mitte 30 noch in dem Ort lebt, in dem man aufgewachsen ist. Man kennt jeden, und beim Einkaufen trifft man auch mal einen Ex. Ist mir neulich passiert. Nach einem vollkommen unpassenden und grenzüberschreitenden Kuss auf den Mund sagt er zu mir: “Was ist mit dir los?” Ich wusste genau, worauf er hinaus wollte, gab mich aber ahnungslos. “Warum?” – “Das fragst du noch? Warum hast du so zugenommen? Du hattest doch immer so eine Wahnsinnsfigur!” Es hätte viele gute Antworten auf so eine Bemerkung gegeben. Mir fiel nur eine ein: “Hey, warum bist du eigentlich so doof geblieben?” Fand er nicht gut. Aber ich habe dann darüber nachgedacht, und mir wurde klar, dass die Diskriminierung von Dicken, auch Fat-Shaming genannt, besonders Frauen betrifft und mich mein ganzes Leben lang begleitet. Grund genug, sich das entlang meiner ganz persönlichen Erfahrungen mal genauer anzusehen.

Ich bin früh in die Pubertät gekommen. Ich war auch schon immer größer als alle in meinem Alter. Wenn man Klassenfotos aus der Grundschule von mir sieht, denkt man, ich sei die Klassenlehrerin. Mein Körper war also schon immer zu groß, zu weit, passte nicht zu mir. Mit neun hatte ich Brüste und wurde von erwachsenen Männern belästigt, etwas, was meinen Vater mit Stolz erfüllte, mich mit Scham und Verwirrung. Ich schnitt mir die Haare ab, trug Jungenkleidung. Aber das gewährte mir nur einen kurzen Aufschub. Mit 13 war ich eine nahezu voll entwickelte Frau. Etwa um diese Zeit herum begann bei meinen Freundinnen etwas, das ich gut an den in diesem Alter so beliebten gemeinsamen Einkaufsbummeln aufzeigen kann. Wir zogen von Geschäft zu Geschäft. Jede beäugte genau, welche Größe die andere trug. Gewonnen hatte die mit 32. Dann teilten wir uns bei McDonalds einen Salat.
Ich esse aber gern. Habe ich schon immer. Ich habe aber auch schon immer viel Sport gemacht. Doch irgendwann, so mit 14, genügte das nicht mehr. Ich aß nicht mehr, machte auch nicht weniger Sport, trotzdem nahm ich zu. Es war eine grauenhafte und erniedrigende Erfahrung, die ich aber aushielt. Bis ich 15 war. Da hatten wir ein Familientreffen. Meine Oma lobte lautstark meine nur ein Jahr ältere Kousine dafür, dass sie so eine tolle Figur hatte und “immer aufgepasst hatte”. Den Seitenblick auf mich konnte sie sich nicht ersparen. Wenn ich aß, sagten sie: “Nimm nicht zu viel Butter.” Wenn mein Bruder aß, füllten sie ihm noch nach, damit er groß und stark wurde. Ich war nicht dick. Ich war nur groß und kräftig. Normal, würde man sagen. Aber es gibt kein “normal”, wenn es um Mädchenkörper geht. Sie können nicht genug bewertet, kommentiert und zurecht gebogen, benutzt und zur Schau gestellt werden. Nichts macht dieser verdammten Gesellschaft mehr Angst, als ein Mädchen, das einfach mit seinem Körper und der Welt zufrieden ist. Das mächtigste Mittel unserer Unterdrückung ist, uns von unserem eigenen Körper zu entfremden, uns das Gefühl zu geben, nicht gut zu sein, wie wir jetzt sind. Irgendwann im Sommer begann ich abzunehmen. Was bekam ich Komplimente! Alle meine guten Noten, meine Erfolge waren ein Scheiß gegen diese Art von Aufmerksamkeit. Ich war stolz.

Als weiblicher Teenager musst du dünn sein. Davon hängt alles ab. Wie beliebt du bist. Wie groß dein Selbstwertgefühl ist. Alle Werbeplakate, die Mode, jeder Film erklärt dir: Dein Leben, all das Aufregende, Tolle da draußen, beginnt erst, wenn du Untergewicht hast. Ich wurde süchtig danach. Und das ging so rasend schnell, dass es mir selbst jetzt, zwanzig Jahre später noch Angst macht. Nach sechs Monaten Diät steckte ich mir zum ersten Mal einen Finger in den Hals. Was dann folgte, waren zehn Jahre schwerster Essstörungen mit Therapien, Krankenhausaufenthalten, Zwangsernährung. Erst kotzte ich – das war super. Endlich wieder essen können, was ich wollte, ohne zuzunehmen! Pizza, Schokolade, Sahnetorte. Es war so leicht. Aber ich schämte mich auch. Denn Kotzen ist eklig. Man riecht es, man hört es, es macht die Zähne kaputt. Also begann ich zu hungern. Und der Hunger ist eine ganz eigene Welt, die nur verstehen kann, wer schon einmal in ihr drin war. Nach dem zweiten Tag beginnst du dich unendlich leicht und frei zu fühlen. Du bist stärker als alles. Du musst nichts essen. Erlaubt sind nur Reiskräcker, Milch mit 0,1 Prozent, Kaffee mit Süßstoff. Wenn du nicht schlafen kannst vor Hunger, nimm eine Schlaftablette. In den 12 Stunden Schlaf verbrennt der Körper Unmengen an Kalorien. Und wie sie dich anschauen! Du bist so zerbrechlich, so zart, so beschützenswert! Sogar ein Lehrer erklärte mir, dass mein Untergewicht die stärkste Waffe war, die ich je gegen Männer einsetzen konnte. Eine eigenartige Bemerkung. Aber damals sah ich das nicht so. Ich wurde immer dünner. Es gibt Fotos aus dieser Zeit, da sehe ich aus, als würde ich in der Mitte durchbrechen. Meine Haare wurden immer dünner, und struppiger, mir wuchs ein Flaum auf der ganzen Haut. Manchmal wachte ich nachts auf und stopfte wie in Trance Unmengen an Kalorien in mich hinein, nur um dann zu erbrechen, bis nur noch Galle kam. Meine Speicheldrüsen entzündeten sich. Meine Periode blieb aus. Meine ach so verhassten Brüste verschwanden und ich band, was von ihnen übrig war, so fest an meinen Körper, dass ich flach war wie ein Brett. Jeden Tag betrachtete ich mich im Spiegel, strich über meine hervorstehenden Hüftknochen, mein Brustbein, meine knochigen Schultern.

Dann wurde ich in der Badewanne ohnmächtig. Und dann kam die erste Therapie. 12 essgestörte Mädchen auf einem Haufen. Wir taten alles – außer essen. Wenn ich irgendwo hungern gelernt habe, dann dort. Zu Hause bekam ich Psychopharmaka, die mich so rasant zunehmen ließen, dass der oben erwähnte Lehrer mich bei meiner Rückkehr in die Schule vor der versammelten Klasse mit den Worten begrüßte: “Bist du aber fett geworden!” Ich war nicht mehr zerbrechlich. Ich war wieder unsichtbar. Das hielt ich nicht lange aus. Keine von uns tat das. Aber der Hunger, das Kotzen, sie hatten sich längst verselbstständig. Stress in der Schule? Kotzen. Trennung vom Freund? Sieben Tage nichts essen. Führerscheinprüfung durchgefallen? Mindestens noch zwei Kilo drunter. Ich hatte wieder heftiges Untergewicht. Krankenhaus, Zwangsernährung. Diesmal war ich so tief in der Hungerwelt drin, dass ich allein nicht mehr herausfand. Hier war alles gut. Hier gab es nur mich und meinen Hunger. Alle Probleme verschwanden, wurden unwichtig, ich gehörte nicht in die Welt der anderen, ich war anders. Ich brauchte nicht essen.
Meine erste große Liebe schlief nicht mehr mit mir, nachdem ich aus so einer krassen Untergewichtsphase, in der wir uns kennen gelernt hatten, herauskam und zunahm. Er fand es eklig. Ein anderer flüsterte mir nachts beim Sex zu: “Je dünner du bist, umso mehr liebe ich dich.” Das Ergebnis waren drei Monate Krankenhaus.

Wieder zunehmen. Nicht aushalten. Runter kotzen. War ich dünn, so konnte ich mich vor der Sorte Mann, die gerne “beschützen” und sich noch lieber mit zerbrechlichen Mädchen schmücken, kaum retten. Mein Ex war auch so einer. Er fand meine Essstörung zwar nervig, fand aber gut, wie ich aussah. Wie es mir ging, spielte keine Rolle. Wenn ich Fotos von mir aus dieser Zeit sehe, dann sehe ich da nur Unglück, Hass auf meinen Körper, ein Gefühl der völligen Entfremdung. Wenn andere diese Fotos sehen, sagen sie: “Ach, warst du mal hübsch.” Fickt euch. Fickt euch bitte so sehr. Wie könnt ihr, wie kann diese Gesellschaft das Frauen, das Mädchen antun?
Irgendwann hörte ich auf. Da war ich fast 30. Mehrfach in Therapie. Hasste meinen Körper immer noch. Aber ich hatte einfach keine Kraft mehr für diesen Kampf. Ich ließ einfach los. Und nahm zu. Ich sah die Blicke. Meiner Kollegen. Und Kolleginnen. Das Getuschel, die Sticheleien, die dummen Bemerkungen. Ich bin nicht dick. Ein wenig vielleicht. Ich bin auf jeden Fall nicht schlank. Ich bin ich. Mein Körper weiß nicht mehr, was “sein” Gewicht ist, weil ich mit aller Gewalt auf ihn eingeprügelt habe.  “Du bist ja auch nicht ganz schlank”, sagte jemand, den ich gerade kennen gelernt hatte. “Ja, und dir fallen die Haare aus”, gab ich zurück. Aber bei Männern ist das ja ok. Sie können dick, eklig, strunzdumm und widerlich sein. Sie dürfen sich immer noch herablassend über weibliche Körper auslassen. Ihr Geschlecht macht sie zum Preisrichter über fremde Körper.  Dicksein ist eine Kampfansage an eine normierte, körperfeindliche Gesellschaft, die weibliche Körper bis an den Rand der Zerstörung treiben will, in der das Patriarchat davon lebt, dass wir uns unwohl in unseren Körpern fühlen. Dicksein ist deshalb mindestens ebenso feministisch wie lange Achselhaare. Mein Körper gehört mir. Das gilt auch für mein Fett.

Langsam, ganz langsam, einfach, weil ich es aushalte, beginne ich zum ersten Mal, seit ich neun Jahre alt war, also 24 Jahre später meinen Körper wieder zu mögen. Er und ich, wir sind keine Feinde mehr. Die Feinde seid ihr mit euren unmöglichen, grenzüberschreitenden Bemerkungen. Mein Fett geht euch einen Dreck an. Kümmert euch lieber um euch selbst. Da habt ihr weiß Gott genug zu tun. Ich habe wichtige Jahre meines Lebens mit Dünnsein verschwendet. Jetzt ist es Zeit zu leben.

9 Kommentare

  1. Super Text! Vielen Dank dafür. Ich erinnere mich mit Grausen an den Moment, in dem man vom Kind zur jungen Frau wird. Nein!, halt!, eigentlich ist man noch keine junge Frau. Es sollte einen neuen Begriff geben und eine strikte Schutzzone für diese Zeit. Auf einmal war man kein Mensch mehr sondern es zählte nur noch wie dick die Oberschenkel sind, ob die Haut glatt und die Taille schmal genug ist. Mich hat das so schockiert damals die Kommentare von Jungs und Männern. Ich dachte das macht meinen Wert aus. Unfassbar. Resultat war erstmal Diät, Sport, Fressattacken, wieder Hungern, kompletter Rückzug aus dem Leben, weniger werden… soviel vergeudete Energie, vergeudete Jahre. Gut daß, Du aufdeckst, daß da System hintersteckt. Wehrt Euch!!!

  2. Deine Geschichte liest sich wie meine, mir stockt der Atem.
    Es spiegelt sich alles, was ich auch erlebt habe, als wären unsere Geschichten identisch.

    Ich war noch nie wirklich dünn, zart, langbeinig, straff, glatt, blabla; seit ich 15 war bin ich unsichtbar, weil nicht strahlend schön. Meine Umwelt und meine bisherige Erfahrungen suggerieren mir, dass ich froh sein muss, wenn ich überhaupt mal wahrgenommen werde.

    Jeden Tag versuche ich, mich hübscher zu machen als ich wirklich bin, um sichtbar zu werden: Makeup, Sonnenbank, Zahnbleeching, Diät, Fett-weg-Mogeln, Kaschieren, Drappieren… etc.pp.
    Es gelingt mir immer schlechter, weil mittlerweile Mitte Dreißig.
    Ich habe ich immer noch nicht gelernt, wie ich mit der Erkenntnis klarkommen soll, dass ich unsichtbar bleibe. Die Welt ist visuell. Sie sieht mich nicht.

    Danke, dass Du Deine Geschichte aufgeschrieben hast. Ich bin nicht allein. Du auch nicht! 🙂

  3. Danke für deinen mutigen Bericht. Es ist wahr, dass dicke-füllige Frauen vielleicht am allermeisten wegen ihres Aussehens diskriminiert werden in dieser Normgesellschaft, bei den dicken Herrschaften ist das anders. Diese Magerkeits-Anforderung dank der Mode-Industrie und Medien-Propaganda ist übelst. Ich kenn das auch, gedisst werden aus körperlichen Gründen. Vorurteile und Augenreize haben heute die ganze Geltung, anstatt Charakter und Miteinanderreden, bin froh, dass ich nicht mehr 17 bin.

  4. Die Kommentare, die dir andere Leute an den Kopf geworfen haben bezüglich deines Gewichts hören sich überzogen, krank und erfunden an, wenn ich nicht ganz genau wüsste, dass Leute tatsächlich so über Frauenkörper herziehen. Besonders die Männer, denen es völlig egal ist, wie du dich fühlst, was du durchmachst oder wie krank du bist, hauptsache dünn und deren Stolz ist kaum verbergbar. Genau solche Kommentare, völlig aus der Luft gegriffen, verletzend und respektlos musste ich mir auch immer anhören.

    Was diese Gesellschaft Frauen und jungen Mädchen antut ist krank. Du hast alle Punkte aufgefriffen, besonders dass Frauenkörper öffentliches Gut sind über das jeder, egal wie dick oder hässlich, hauptsache männlich, frei lästern und urteilen kann. Ultimative Objektifizierung. Mir tun die beinflussbaren Mädchen leid denen dieses Elend noch bevorsteht, niemand verdient es zum Spielball von egoistischen, eiskalten Psychopathen zu werden die das Patriarchat brütet, und die es aufrechterhalten.

  5. hmm, jetzt bin ich doch enttäuscht, dass mein Kommentar von gestern nicht veröffentlicht wurde. Schade.

  6. Mira Sigel

    Hallo, Mai – entschuldige, bei uns hat nicht immer jemand Zeit, Kommentare freizuschalten. Jetzt ist er da. Viele Grüße, Mira

  7. Vielen Dank für deinen Artikel. Ich werde ihn mir speichern und ausdrucken und für meine Tochter aufbewahren. Ich werde ihn hoffentlich nie brauchen.

  8. Genau bei der Reduzierung der Frau (des Mädchens) auf ihren Körper und die ständigen Kommentare darüber, sorgen dafür, dass Frau auch schon früh merkt, WEM genau ihr Körper eigentlich gehört, resp. WER eines Tages die Definitions- und Verfügungsmacht darüber hat. Genau dort fängt nämlich die Objektivierung und Fremdbestimmung an. So soll es ja auch sein! Dass keine Frau sich mehr in ihrem Körper wohl fühlt. WER profitiert dann davon? Nebst strunz dummen und hässlichen “Männchen” natürlich auch die Werbeindustrie, die Kosmetikindustrie, die Pharma, die Frauenzeitungen mit ihren Diäten, ja, ich behaupte mal ALLE ausser den Frauen. Auch Frauen benutzen das “fatshameing” gegen andere Frauen, um sich selbst aufzuwerten. Solange wir das mit uns machen lassen, haben wir schon verloren. Auf der ganzen Linie. Gerade als das Patriarchat allerorten zu bröckeln begann, wurden Frauen “kaum hast’s gesehen” dank GSTM (Klum) und anderen Sendungen auf ihre Körper (samt Sex) zurückreduziert. Auch eine Form von backlash. Und Frauen merken’s wieder einmal nicht!

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