“Gender Hurts” von Sheila Jeffries

Buchcover: Gender Hurts

Sheila Jeffreys: Gender Hurts, Routledge, 2014

Im Frühjahr 2014 erschien das Buch „Gender Hurts“ von Sheila Jeffries, die Professorin für feministische Politik an der „School of Social and Political Sciences, University of Melbourne“, in Australien ist. Das Buch erschien leider bisher nur auf Englisch.

Das Thema Transgender ist bei uns in Deutschland ein sehr kontroverses Thema, aber durch die zunehmende Diskussion dieses Themas in allen Medien, und die zunehmende Eskalation im Zusammenhang von Transgender und Frauenrechten in den Vereinigten Staaten und Australien, ist eine kurze Zusammenfassung dieses Buches als Themeneinstieg notwendig geworden.

Wir werden als Feministinnen diesem Thema nicht ausweichen können und Sheila Jeffries macht dies in ihrem Buch auch sehr deutlich.

Der Ausdruck „Gender“ entstand in den 50er und 60er Jahren, als Folge der, als nötig gesehenen, Zuordnung von intersex Kindern zu einem Geschlecht. Es wurde entschieden, entsprechend bestimmter, stereotyper, Verhaltensweisen, in welche „Gender“ Kategorie ein Kind hinein sollte. „Gender“ beschreibt also soziale Geschlechtsmerkmale.

Erst vor vergleichsweise kurzer Zeit wurde Transgender (das Gefühl sich mit dem angeborenen Geschlecht nicht identifizieren zu können), als Störung betrachtet die behandelt werden sollte, durch Hormonbehandlung, Amputation oder durch eine andere Form des medizinischen Eingriffs. Bis in die 70er Jahre hinein wurden Eingriffe hierfür abgelehnt. In den 90er Jahren entstand die Bewegung und Aktivismus für Transgender Rechte. Transgender hat nichts mit Intersexualität zu tun, denn intersexuelle Aktivisten kämpfen nicht für Operationen.

Sheila Jeffries argumentiert, dass „Gender“ Menschen und die Gesellschaft verletzt („Gender Hurts“). Das Konzept von Gender unterstützt ihrer Meinung nach die Idee, dass es so etwas wie ein natürliches Geschlecht gibt, mit einer dazugehörigen Psyche und Verhaltensmustern, die genau zu Menschen mit bestimmten Körpern passen.

Aus der feministischen Perspektive aber ist Gender die Basis für das politische System männlicher Dominanz. Oder einfacher gesagt: ohne Transgender gäbe es kein Gender. Transgender unterstützt die Idee stereotyper Geschlechterrollen. Die Grundlage des Feminismus ist es aber, dass Frauen unabhängig sind von männlicher Definition von Weiblichkeit.

Dieses Buch wurde von ihr als notwendig erachtet, da bezüglich der Idee von Transgender eine Normalisierung eintrat.  Ihrer Meinung nach hat Transgender auch lesbische Gemeinschaften zerstört, denn es konstruiert chemische und chirurgische Heterosexualität.

Restrooms, Toiletten

By Mutante (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

In der Zeit vor der Nutzung des Begriffs „Gender“ gab es das deutlichere Wort „Sex Roles“, Geschlechterrollen. Der Ausdruck Geschlechterrolle spiegelt eine eindeutig sozial konstruierte Haltung wieder. Mit Gender verschwanden Wörter wie „Sex Class“ und „Sex Kaste“, so dass auch sprachlich die Verantwortlichen für die Unterdrückung von Frauen, nämlich Männer, verschwanden. Das Konzept der sozialen Konstruktion ist Sheila Jeffries Meinung nach in der Diskussion sehr wichtig und in der zweiten feministischen Welle herrschte das Verständnis hierfür vor. Heute hat die „feminine Essenz“ Theorie gewonnen, nach der es natürliche Geschlechter gibt,  aber erst nach früheren ideologischen Kriegen zwischen PsychiaterInnen, EndokrinologInnen und ChirurgInnen.

Postmoderne und QuertheoretikerInnen dagegen teilen sich die Idee, dass Gender etwas bewegliches ist, das angenommen oder abgelegt werden kann. Allerdings werden, laut Jeffries, weibliche Säuglinge sofort durch ihre Biologie identifiziert als weiblich und in die untere Sexkaste abgelegt. Mädchen werden entsprechend behandelt und erlernen bestimmte Verhaltensmuster dieser unteren Kaste.

Für Sheila Jeffries ist auch sprachlich die eindeutige Nutzung von Sie oder Er ein politisches Thema. Es ist für Feministinnen wichtig zu wissen, ob jemand behauptet eine Frau zu sein, obwohl nur stereotype Ideen des Frauseins propagiert werden. Außerdem betrachtet es Sheila Jeffries als Ehre eine Frau zu sein, es ist ein Status der Respekt verdient hat, denn Frauen sind Mitglieder der untergeordneten Sexkaste und haben entsprechende Erfahrungen gemacht.  Sie nutzt deshalb immer

Mann-zu-Frau oder Frau-zu-Mann um eine klare Zuordnung beizubehalten.

Sprachlich ist bei gegenderter Sprache also noch mehr zu bedenken und die Nutzung des Binnen_ sollte politisch gut überlegt sein…

In den 80er Jahren wurde der Begriff Transgender normalisiert und schloss alle Menschen ein, die Verhalten des anderen Geschlechts übernommen hatten.

Ein begünstigender Faktor für den Transgenderaktivismus sieht Sheila Jeffries in der  Entwicklung und Nutzung des Internets. Durch das Internet konnten Männer sich für ihre besonderen sexuellen Interessen zusammenschließen. Auch die Gruppe Body Integrity Identity Disorder (BIID), die Amputationen über Gliedmaßen suchen. Sie sind sehr aktiv, damit sie Chirurgen finden, die Amputationen durchführen (Transableism) mit der Zielsetzung blind, taub, oder querschnittsgelähmt zu werden. BIID und TG ähneln sich, laut Jeffries, da beide für sexuelle Befriedigung sorgen (und sicherlich möchten auch beide Körperteile entfernen und können sich nicht mir ihren vorhandenen Körpern identifizieren).

Sheila Jeffries beschreibt den Kontext der Queerbewegung auch in aller Deutlichkeit.

Queer und die Bewegung hierzu entwickelte sich in den 90er Jahren aus dem AIDS Aktivismus heraus. Einige lesbische Feministinnen kritisierten die Queerbewegung, da sie darin eine Rückkehr zu einer männlichen Agenda von sexueller Freiheit  sahen. Individuelle Körper sollten verändert werden, anstatt die Politik in Bezug auf Körper zu verändern (mit Methoden wie Piercing, Branding, Tattooing, die in Mode kamen und als progressiv betrachtet wurden). Queere Politik entwickelte sich zur Zeit der Vermarktung und Neoliberalisierung von fast allen Lebensbereichen. Die Politik von Gender wurde reduziert auf einen Ausdruck der Individualität und der persönlichen Freiheit. Queere Sexualität handelt davon, das zu tun wozu jedER Lust hat, ohne Interesse an der sozialen Konstruktion des Ganzen oder den politischen Auswirkungen persönlicher Vorlieben. Es geht um puren Individualismus, laut Sheila Jeffries, und der Machtunterschied zwischen Mann und Frau wurde erotisiert.

Die Konstruktion von Transgender ähnelt, laut Jeffries, der Konstruktion „des Homosexuellen“. Sie bezeichnet die 60er und 70er Jahre als die „Glory Days“ der Idee der sozialen Konstruktion von Homosexualität. Homosexualität sei demnach eine soziale Rolle. „Labelling“ Theorie besagt, dass  Homosexualität (als Konzept von etwas „anderem“ mit zugeordneten Verhaltensmustern) entwickelt wurde als Mittel der sozialen Kontrolle um eine Schranke zwischen verschiedenen Verhaltensweisen herzustellen. Die Transgenderidee wurde, ihrer Ansicht nach, aus ähnlichen Gründen geschaffen, denn sie trennt nicht akzeptables Genderverhalten von akzeptablem Genderverhalten. Das Nichteinhalten von Geschlechterrollen könnte nämlich das hierarchische System der Geschlechter bedrohen. Eine weitere Ähnlichkeit zwischen beiden, Homosexualität und Transgender, sieht sie darin, dass beide Gruppen selbst es mehrheitlich begrüßen, dass es sich um einen natürlichen Zustand handeln sollte, denn er ermöglicht legitimiertes Handeln.

Historisch gesehen haben Menschen, die Menschen des gleichen Geschlechtes liebten, oft cross-dressing und cross-gendered Verhaltensweisen ausgeübt.

Heute werden die, die zu anderen Zeiten als homosexuell gesehen wurden und cross-dressing machten, als Transgender bezeichnet.

Die Kunden der Geschlechtsumwandlungsoperationen waren mehrheitlich männlich. Die Ratio von Mann-zu-Frau Umwandlung ist 3 zu 1. Männliche Kunden fallen in zwei Kategorien: homosexuelle Männer, die sich unfähig fühlten Männer zu lieben solange sie selbst Männer waren, und heterosexuelle Männer, die transgendern um ihr cross-dressing zu einem neuen Höhepunkt zu bringen. 2-3% aller Männer empfindet sexuelle Erregung durch das Tragen von Frauenkleidung. Die Biografien von Transgender und Cross-dressern ähneln sich. Der Sexologe Ray Blanchard (2005) wird hier hervorgehoben und bezeichnet Männer, die sexuell erregt sind von der Idee Frauen zu sein als autogynophil. Weiter wird der Soziologe Ekins erwähnt, der darlegt, dass einige Männer zum Beispiel vom Gefühl einen BH auf der Haut zu spüren, sexuell erregt sind. Hier betont Sheila Jeffries den deutlichen Unterschied zu Frauen, die sich nicht durch ihre eigenen BH Halter erregt fühlen.

Durch diese sexuelle Erregung erklärt sich Sheila Jeffries auch, wieso es Transgender Mann-zu-Frau so wichtig ist in die Toilette für Frauen zu gehen. Die sexuelle Erregung entsteht vor allem dadurch die unterwürfige Position einer Frau zu erlangen, sozusagen entmännlicht zu sein.

Beim transgendern von eher femininen homosexuellen Männern spielt auch die konservative homosexuelle Politik der letzten Jahrzehnte eine Rolle, die feminine Männlichkeit ablehnt und normative Männlichkeit zeigt. Oder besser auf gesagt: neo-liberale Konsumideologie führte zum Wechsel zum Butch.

Die Medizin spielte bei der Schaffung von Transgender eine sehr bedeutende Rolle. Erst durch medizinische Entwicklungen konnten die Voraussetzungen für Transgender geschaffen werden. Sheila Jeffries zitiert Talcott Parsons (Soziologe), denn für ihn ist Medizin eine soziale Institution, die soziale Abweichung reguliert und dient auch der Diagnosestellung von nichtkonformen Verhalten (wir können hier sicherlich auch die Tendenz  unordentliche WohnungsinhaberInnen als „Messie“ zu bezeichnen oder ADS und ADHS als ständige Diagnose als neuere Beispiele benennen). Auch nichtkonformes Geschlechterrollenverhalten muss als Folge medizinisch reguliert werden, aber es steht auch großes Profitinteresse dahinter.

Das Buch behandelt die Folgen der Transgenderhormonbehandlung und der Chirurgie ausführlich.

Insbesondere das Transgendern von Kindern ist durch die Normalisierung des Transgendern von Erwachsenen zunehmende Praxis geworden. Kindern soll die Qual einer Pubertät im falschen Körper erspart bleiben. Es gibt zunehmend Literatur (The Transgender Child, Brill und Pepper), die Eltern helfen soll, ihre Kinder möglichst früh als Transgender zu erkennen. Natürlich an fehlendem  geschlechtsstereotypem Verhalten. Australien ist an vorderster Front mit der medizinischen „Behandlung“  von „transgender“ Kindern, beschlossen von Familiengerichten. Ihre Reproduktionsrechte werden hierdurch auch noch beschnitten, denn sie werden durch die frühe Behandlung unfruchtbar und können diese Entscheidung als Erwachsene nicht mehr rückgängig machen.

Chirurgische Eingriffe führen außerdem oft zu sexueller Empfindungslosigkeit.

Partnerinnen von Männern, die zu Frauen transgendern, werden auch beschrieben. In diesem Zusammenhang findet der Fokus auf sich selbst und auf die eigenen Bedürfnisse, der Egoismus der Männer, besondere Erwähnung. Die Partnerinnen werden, entsprechend traditionellen Rollenvorstellungen, unverändert als Unterstützerinnen im neuen Selbstfindungsprozeß/Feminisierungsprozeß  betrachtet.

Da es wenig kritische Literatur zum Thema TG gibt, nutzte Sheila Jeffries viel der unterstützenden Literatur, und so auch beim Thema Partnerinnen.

Frauen die transgendern werden als völlig anderes Phänomen gesehen als Männer die transgendern, denn sie wechseln in der Hierarchie nach oben zu den Männern und erhöhen somit ihren Status. Die meisten Männer die transgendern sind heterosexuelle Männer, aber die Mehrheit der Frauen die transgendert ist lesbisch und war lange Zeit ein Teil der lesbischen Gemeinschaft. Männlichkeit wurde Wert geschätzt und viele Frauen hatten schon lange vor ihrem transgendern männliche Verhaltensmuster übernommen und Frauen als Partnerinnen. Die moderne Medizin hat hier sozusagen die unerwünschte gesellschaftliche Rolle der vermännlichten lesbischen Frau entfernt und ein heterosexuelles Paar, durch Transgender, hergestellt.

Sheila Jeffries stellt ebenso detailliert die Rechtsfolgen von Transgender dar, insbesondere für Frauenrechte und für Feminismus. Toiletten zum Beispiel stellen einen besonderen intimen Rückzugsort für Frauen dar und müssen sicher sein vor Übergriffen. Sheila Jeffries erwähnt hier explizit das Pornogenre „upskirts“, in dem Frauen ohne ihr Wissen während der Toilettennutzung aufgenommen werden. Es könnte zukünftig auch zu der Situation kommen, dass Frauennotrufe und Einrichtungen Männer-zu-Frauen Transgender einstellen müssen und von sexueller Gewalt betroffene Frauen sich ohne ihr Wissen an Männer zu Hilfe wenden müssen oder dies dann auch nicht mehr tun werden.

Im Buch werden viele Konzepte und Ideen sehr aufschlussreich dargelegt. Es konnte hier nur ein kleiner Ausschnitt dargelegt werden, der sicher viele Fragen offen lässt. Diese werden aber hinreichend und ausführlich im Buch beantwortet.

Ich selbst komme aus der Zeit des sozialen Konstruktivismus und für mich stellte es sich immer als Problem dar, Queertheorie nachzuvollziehen. Durch Sheila Jeffries habe ich zumindest verstanden, wieso ich diese Theorie nie verstanden habe.

Ein Aspekt, der meiner Ansicht nach vielleicht nicht ausführlich genug im Buch behandelt wurde, ist das Thema dissoziative Persönlichkeitsstörung, also Menschen, die sich aus einem System von verschieden Personen auch unterschiedlichen Geschlechtes organisieren. Das Thema sexuelle Gewalt und Depressionen als Ursache von Transgender wird aber erwähnt.  Die vorherrschende, dominante Sichtweise ist allerdings zum Beispiel das „disability model“, dass Depression als Folge von einer Transgenderidentität sieht, und nicht umgekehrt.  Das „disability model“ und ähnliche Konstrukte werden natürlich sehr deutlich in Frage gestellt, denn für Sheila Jeffries stellt Transgender (und früher erlebte Gewalt) das Problem dar.

In Bezug auf Geschlechterrollen stellt sich im Zusammenhang der dissoziativen Persönlichkeit die Frage, wie es möglich ist, verschiedene Geschlechter als Personen in sich zu haben, wenn dies nicht eindeutig sozial konstruiert und erlernbar ist. Im „Chrismon“ kürzlich wurden übrigens für „Man-for-a-Day“ Kurse in einem Artikel beschrieben. Hier können Frauen erlernen sich wie Männer anzuziehen und zu bewegen, und gehen in dieser Rolle auch in die Öffentlichkeit. Es ist also alles leicht erlernbar und viele weitere dieser Beispiele sprechen gegen die Idee einer eine femininen Essenz  und für die soziale Konstruktion von Gender. Wenn stereotypes Geschlechterrollenverhalten einfach angeboren wäre, müsste es nicht mühselig eingeübt werden, denke ich zumindest.

Meine beiden Töchter glaubten beide im Alter von 2-3 zeitweise Jungen zu sein (mein Sohn glaubte nicht ein Mädchen zu sein) und insistierten auch, dies zu sein. Wahrscheinlich war dieser Glaube eine Folge der Anwesenheit von nur gleichaltrigen Jungen in den jeweiligen Kindertagesstättengruppen zum Spielen und geschlechtsneutraler Kleidungsstil und Sprache. In jedem Fall ist die Vorstellung erschreckend was alles hätte passieren können, wenn sie andere Eltern gehabt hätten, die auch noch ÄrztInnen gefunden hätten, die eine Identitätsstörung diagnostiziert hätten. So sagte ich ihnen nur, dass sie Mädchen sind und Mädchen alles machen können, was Jungen auch machen. Die Geschlechtsteile seien allerdings eindeutig; eine Klitoris ist kein Penis.  Lebt damit! Für die meisten Aktivitäten benutzen wir schließlich  die Hände, und nicht unsere Geschlechtsteile. Ich lasse mir auch von niemandem absprechen eine Frau zu sein, nur weil ich in Teilen männliche Verhaltensmuster zeigen könnte. Diese Idee macht mich sehr wütend.

Die Entwicklung der Transgenderdiskussion in Deutschland, und die Folgen für den Feminismus, bleibt abzuwarten. Da aber offensichtlich Neoliberalismus, Queerbewegung, Prostitution und Pornografie eine große Schnittmenge haben, ahnt mir nichts Gutes.

Gender Hurts” von Sheila Jeffries/Routledge Verlag

http://www.frauenstudien-muenchen.de/event/workshop-man-for-a-day-von-diane-torr/

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