Gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei – warum ich bei Terre des Femmes eintrat

Ich habe zwei Töchter, eine von ihnen kommt jetzt in die Pubertät. Jeden Tag, wenn ich sie ansehe, wird mir klar, wie unendlich verletzlich sie sind, in einer Welt, in der so viele Gefahren lauern. Immer wieder spüre ich schmerzlich, dass ich viel eher bereit bin, meinen Sohn im gleichen Alter alleine mit dem Fahrrad irgendwohin fahren zu lassen, als meine Tochter, und dass ich auf diese Weise Diskriminierung reproduziere.
Diese Welt ist kein sicherer Ort für Mädchen. Seit 37 Jahren kämpft Terre des Femmes dafür, dass sich das ändert, in Deutschland, weltweit. Die Erfolgsliste des Vereins ist beachtlich. Die Mitfrauen kämpfen gegen weibliche Genitalverstümmelung, sie unterstützen geflüchtete Frauen, Opfer sexueller und häuslicher Gewalt und sie kämpfen für ein Ende der Prostitution. Gerade um letztere Position wurde 2014 intern heftig gerungen, doch letztlich blieb Terre des Femmes den eigenen Grundsätzen treu: Ein System, das Gewalt gegen Frauen immanent hervorbringt, ist nicht unterstützenswert, im Gegenteil, es muss bekämpft werden.

Ich mag Vereine nicht und auch keine Parteien. Ich finde die Mehrheitsprozesse anstrengend, die Machtkämpfe, die langwierigen Abstimmungsrunden, doch letztlich ist das der einzige Weg, demokratisch etwas zu bewegen. Aus diesem Grund habe ich gezögert, Terre des Femmes beizutreten. Meine Ressourcen sind knapp und das Erste, was darunter leidet, ist mein Engagement für den Feminismus. Trotzdem bin ich gestern Terre des Femmes beigetreten. Der Grund dafür war der offene Brief einiger Frauen, die die Grundhaltung von Terre des Femmes, einschließlich der zu Prostitution, offen kritisieren und, um ihre Vorwürfe zu untermauern, auch gleich die Rassismuskarte ziehen und sich damit maximaler Aufmerksamkeit sicher sein können. Bewirkt hat der Brief bei mir – und einigen anderen –  allerdings etwas ganz anderes, als sich seine Verfasserinnen vermutlich gewünscht haben. Mir ist dadurch deutlich geworden, wie wichtig die Arbeit von Terre des Femmes ist und wie groß der Erfahrungsschatz und die Solidarität der Frauen dort, dass sie diese Positionen formulieren und vertreten – und zwar allen Angriffen zum Trotz.

Der Brief kommt daher als ein moralisch einwandfreies Bekenntnis gegen Rassismus und die Sorge vor dessen Zunahme. Wir wissen ja, mit dem Kampf gegen Rassismus kann man in Deutschland, anders als mit Frauenrechten, immer für ein paar Schlagzeilen sorgen, mit Feminismus nur, wenn man entweder besonders konform und hip ist oder aber es ordentlich Stress gibt. Letzteres ist der Fall und da ließ sich die taz natürlich nicht lange bitten, darüber lange und breit zu berichten. Eine Stellungnahme von Terre des Femmes vermisste man indes in der taz, was die Frage nach der Gründlichkeit der journalistischen Arbeit aufwirft.
Die 24 Unterzeichnerinnen schreiben:

Wir befürchten, dass einige Positionen des Vereins sowie Äußerungen und Stellungnahmen einiger Vorstandsfrauen, zahlreiche Frauen* ausschließen, rassistische Ressentiments reproduzieren und rechtspopulistische Tendenzen in der Gesellschaft legitimieren. (1)

Konkret geht es ihnen um ein auf der letzten Mitfrauenversammlung beschlossenes Ja zum Kinderkopftuchverbot, das ihnen zu sehr nach AfD schmeckt. Was für ein edler Kampf, wie heldenmütig von diesen Frauen, gerade in diesen Zeiten den rechtspopulistischen Tendenzen entgegenzutreten, der Beifall der Medien ist ihnen sicher. Und genau deshalb steht dieser Satz auch direkt am Anfang.

Wir denken, dass Kleidervorschriften auch in Zwangssituationen nicht helfen. Ein solches Verbot schürt anti-muslimischen Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung der betroffenen Mädchen. Es stigmatisiert die Eltern von Kopftuchträger*innen pauschal als Täter*innen, ihre Familien als “integrationsunwillig” und die Mädchen selbst als unselbstständig und unterdrückt.

Hier sind gleich mehrere Buzzwords untergebracht – “antimuslimischer Rassismus” und auch “Verbot” – was gleich an “Verbotsfeminismus” erinnert und der ist ja ganz böse, weil er so spaßbefreit ist. Man kann zu dem Verbot nun stehen, wie man will, was man aber hier deutlich sieht, ist, wie Dinge sprachlich verdreht werden. Nicht das Verbot stigmatisiert, es ist das Kopftuch und die Einstellung der Eltern, wenn zum Beispiel die Mädchen dann nicht mehr mit auf Klassenfahrt dürfen oder am Schwimmunterricht teilnehmen. Ich frage mich immer, ob die Frauen, die solchen Blödsinn schreiben, in den letzten 10 Jahren mal an einer weiterführenden Schule waren, an der es einen hohen Migrationsanteil gibt. Falls nicht – ich lade euch gerne ein und dann möchte ich mal euren Vorschlag dazu hören. Ich ahne schon, wie der aussieht. “Ob jemand unterdrückt ist oder nicht, entscheidet die Person selbst. Ich kenne Mädchen, die fühlen sich besonders befreit, wenn sie zu Hause sitzen während der Rest der Klasse auf Klassenfahrt ist.” So in etwa?

Ich finde Bekleidungsvorschriften für Frauen und Mädchen auch schwierig. Aber: in einem Verein oder einer Partei laufen solche Sachen eben so, dass wenn man in einer mehrheitlichen Position nicht einverstanden ist, dann muss man darum kämpfen, mehr Menschen von der eigenen Position zu überzeugen. Sich mit einem offenen Brief an die Presse zu wenden, ohne vorab das Gespräch zu suchen, zielt darauf ab, durch öffentlichen Druck von außen demokratische Prozesse zu unterwandern. Ich weiß nicht, welche Prozesse zur Mehrheit der Kopftuchgegnerinnen führten, prinzipiell denke ich aber, dass die Mitfrauen bei Terre des Femmes nach 30 Jahren Arbeit mit betroffenen Frauen aus ihrer Erfahrung heraus zu dieser Entscheidung gekommen sind. Mich hält diese Entscheidung nicht davon ab, Terre des Femmes beizutreten und mit den Frauen das Gespräch zu ihrer Entscheidung zu suchen.

Dass der Kampf gegen Rassismus für die Verfasserinnen aber bestenfalls ein Vorwand ist, wird deutlich, wenn man sich die Liste der Unterzeichnerinnen anschaut, von denen einige in ihrer Fürsprache für Prostitution gerne mal eindeutig rassistisch werden. Damit sind wir auch schon beim eigentlichen Motiv für den offenen Brief – der klaren Positionierung Terre des Femmes` gegen Sexkauf:

So werden Sexarbeiterinnen als psychisch geschädigt, unmündig und unfrei dargestellt. Wir wünschen uns differenziertere Debatten, die den vielfältigen Lebensrealitäten in der Prostitution gerecht werden.

Oh je! Da sitzen doch die, nach Lesart des offenen Briefes, privilegierten, leicht rassistisch angehauchten, weißen Feministinnen bei Terre des Femmes und urteilen über Sachen, von denen sie keine Ahnung haben. Wie gut, dass jetzt der offene Brief kommt, um das zu verhindern! Applaus! Oder ist es nicht in Wirklichkeit ganz anders? Wissen die kampferprobten Frauen bei Terre des Femmes nicht vielmehr gerade durch ihre Arbeit, welches Leid Prostitution für die betroffenen Frauen bedeutet?
Sexarbeit ist ein gezielt von der Zuhälterlobby installierter Begriff mit dem Ziel, Prostitution zu verharmlosen. Die Betroffenen werden auch nicht von Terre des Femmes geschädigt, sondern von der alltäglichen Gewalt der Freier gegen sie und dem daraus entstehenden Trauma. Terre des Femmes stellt sich gemäß ihres Mottos “Gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei” gegen diese Zustände – für mich ein weiterer Grund Terre des Femmes zu unterstützen. Prostitution ist keine Arbeit, sondern Gewalt. Wer das Gegenteil behauptet, bereitet das Feld für Zuhälter, ausbeuterische Zustände, demütigende Freier und tiefe Traumatisierung der Frauen; der blendet aus, dass die meisten Frauen weder in die Prostitution noch in ihr bleiben möchten und dass Prostitution vor allem von armen, migrantischen und ungebildeten Frauen ausgeübt wird. Nachdem sich in der letzten Zeit die Berichte über Morde an Prostitutionen und die immanente Gewalt mehren, wird die Position “Sexarbeit ist Arbeit” immer weniger haltbar, was vermutlich auch zu solchen Verzweiflungstaten wie dem Masseneintritt bei Terre des Femmes und dem offenen Brief führt.

Wir bedauern die (seit dem 21. Mai 2017 per Beschluss manifestierte) sprachliche und faktische Ausgrenzung von trans-, inter- und anderen Frauen*,die sich nicht in das auf Mann und Frau beschränkte binäre Geschlechtersystem eingliedern können oder möchten.

Was? Terre des Femmes setzt sich doch wirklich seinem Namen und Grundsätzen gemäß nur für Frauen ein? Na, prima! Noch ein Grund mehr, Terre des Femmes zu unterstützen, nachdem Frauen überall nur noch mit Sternchen auftreten dürfen und zugunsten anderer “Geschlechteridentitäten” immer mehr in den Hintergrund treten. Sobald nämlich, wie oben gefordert, all diese Identitäten inkludiert werden, ist der nächste Schritt, dass Frauen weder über Vulvas noch über ihre Menstruation noch über sonstige Dinge, die Frausein nun einmal ausmacht, sprechen dürfen, denn das ist dann cissexistisch und transphob. Ich finde den Beschluss von Terre des Femmes unheimlich mutig und ein wichtiges Signal. Das biologische Geschlecht einer Frau ist die Grundlage ihrer Unterdrückung und deshalb von Bedeutung. Es ist keine Identität, die man sich wie ein Fashion Item umhängt oder für sich beansprucht. Feministische Räume und Festivals werden der Reihe nach zerstört, weil sie nicht inklusiv genug seien (aktuelles Beispiel: Das Lady*fest in Heidelberg). Wer verstehen möchte, warum es dabei nicht um die Diskriminierung von Transpersonen geht, sondern vielmehr um den Schutz hart errungener Frauenrechte, der ist eingeladen, der folgenden Talkshow zu folgen:

Es wurden über 30 Anträge auf Mitgliedschaft im Verein, die kurz vor der Mitfrauenversammlung gestellt wurden, nicht zugelassen. Die Begründung war, dass dies die Mehrheitsverhältnisse hätte ändern können. Wir erwarten von TERRE DES FEMMES als basisdemokratischen Verein, dass solche Ausnahmeregelungen abgestimmt und im Vorfeld bekannt gemacht und nicht erst auf Rückfrage mehrerer Frauen eingeräumt werden.

Aha. Ging es nicht gerade um eine Lehrstunde in demokratischem Verhalten? Wie demokratisch, wie fair ist es, einem gewachsenen Verein mit vielen ehrenamtlich engagierten Frauen, den es seit über 30 Jahren gibt, kurz vor der Mitfrauenversammlung beizutreten, um die bestehenden Positionen zu unterwandern und wenn das dann nicht klappt, sich bei der Presse zu beschweren und das Buzzword-Bullshit-Bingo zu spielen? Vor allem wird klar, wenn man sich die Liste der Unterzeichnerinnen anschaut, dass viele von ihnen schon lange auf der Seite der Pro-Sexarbeit-Vertreter stehen und aktiv dabei sind. Ist die Verzweiflung dort inzwischen wirklich schon so groß, dass man eine der größten Frauenorganisationen Deutschlands zu unterwandern versucht und gar eine “feindliche Übernahme” organisiert, um die Positionen im eigenen Sinne zu verändern? Und was sagt das über die eigenen Positionen aus, wenn diese offenbar nicht überzeugend genug sind und deshalb auf solche Tricks ausgewichen werden muss? Kann es vielleicht daran liegen, dass die Mitfrauen bei Terre des Femmes durch ihre jahrzehntelange Erfahrung einfach wissen, was Frauenrechte sind und was nicht? Dass das Recht auf Prostitution das Recht der Freier auf Sexkauf ist? Dass das Kopftuch nicht einfach ein Kleidungsstück ist? Dass es etwas bedeutet als Frau geboren zu sein?

Als erfragt wurde, warum die Geschäftsführerin ohne weitere Rücksprache im Verein einen offenen Brief unterzeichnet hat, der zur Hetze und Bedrohung der Autorin und Feministin Mithu Sanyal führte, wurde der Vortragenden das Mikrofon entzogen und die Konfrontation des Vorstands durch Zwischenrufe und persönliche Angriffe von Seiten einiger Mitfrauen beendet. Von einer anderen Mitfrau wurde kritisiert, dass dem Vorstand in der Aussprache überhaupt kritische Fragen gestellt wurden.

So so. Der offene Brief an Mithu Sanyal, der von der Vorsitzenden von Terre des Femmes unterschrieben wurde, führte also zu Bedrohung und Hetze gegen Mithu Sanyal? Wie bitte? Wird da gerade behauptet, die Kritik am Begriff “Erlebende” habe darauf abgezielt, dass rechte Hetzer Frau Sanyal Vergewaltigungen wünschen? Waren es nicht vielmehr die Unterzeichnerinnen des Briefes an Sanyal, die als erste dem rechten Mob entgegentraten? Und hat nicht Frau Sanyal die rechte Hetze genutzt, um den offenen Brief an sie zu diskreditieren und einer inhaltichen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, auch wenn viele betroffene Frauen darunter waren? Wie war das denn gerade mit den demokratischen Prozessen? Die Unterschrift unter dem offenen Brief an Mithu Sanyal war unendlich mutig und wichtig und hat sehr vielen Frauen, auch außerhalb von Terre des Femmes viel bedeutet, die sich durch die Debatte um “Erlebende” verletzt fühlten. Für mich noch ein Grund mehr, Terre des Femmes in Zukunft tatkräftig zu unterstützen.
Auch ich habe den offenen Brief damals unterzeichnet und ich erinnere mich noch an das überwältigende Gefühl von Wut, als die berechtigte Kritik an dem unsäglichen Begriff “Erlebende” von den vor allem in den sozialen Netzwerken, aber vor allem auch in den Medien dauerpräsenten Vorzeigefeministinnen abgetan wurde und die Medien, ja, auch die taz, völlig darin versagten, diese Debatte zu begleiten. Letztlich war es keine Debatte, es war eine hässliche Schlammschlacht, in der die Gefühle vieler Betroffener verletzt wurden und der Feminismus in seiner Gesamtheit Schaden genommen hat, sie zeigte aber auch, dass die Trennung zwischen dem hippen Hauptsachfeminismus im Netz und den Frauen, die wirklich engagiert und auf der Straße für Frauenrechte kämpfen, immer schärfer wird und es deshalb umso bedeutender ist, dass Terre des Femmes dennoch auch an unbequemen Positionen festhält.

Ich ahne, was die 24 Unterzeichnerinnen des offene Briefes beabsichtigten. Es ist schief gegangen. Ihr offener Brief wurde zu einer gelungenen PR-Aktion für Terre des Femmes, die den Mut haben, auch in schwierigen Zeiten und mit viel Gegenwind für die Rechte von Frauen und Mädchen einzutreten und klar Partei zu ergreifen. Mir haben am Wochenende viele Frauen gesagt, sie überlegen, bei Terre des Femmes einzutreten und ich hoffe, sie tun es. Bereits der offene Brief an Mithu Sanyal zeigte damals, wie groß die Solidarität von Frauen untereinander ist, eine Solidarität, die nicht gerne gesehen wird, die aber so viel Hoffnung gibt, dass wir gemeinsam wirklich etwas verändern, für eine Welt ohne Gewalt an Frauen und Mädchen, ohne Prostitution, ohne Diskriminierung. Dass die Unterzeichnerinnen sich maximal auf einen gemeinsamen Kampf gegen Sexismus einlassen wollen, spricht Bände. Ich nenne das immer den “Funfeminismus”. Klar kann man sich über sexistische Werbung aufregen und dabei ignorieren, wie unfassbar frauenverachtend Bordellanzeigen oder Freierforen sind. Oder man wendet sich den echten Problemen zu – wie Terre des Femmes.Terre des Femmes kämpft für eine freiere und sichere Welt für alle Frauen, für mich und für meine Töchter. Deshalb bin ich stolz darauf, in Zukunft eine Mitfrau bei Terre des Femmes zu sein und danke den Verfasserinnen dafür, dass sie den ausschlaggebenden Impuls für den Eintritt gaben. Der offene Brief und die angekündigten Austritte haben Terre des Femmes nicht geschadet, im Gegenteil. In Zukunft stehen noch mehr entschlossene Kräfte für den Kampf für Frauenrechte bereit.

(1) alle Zitate stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus dem offenen Brief an Terre des Femmes.

Wenn auch ihr eure Geschichte zum Eintritt bei Terre des Femmes teilen möchtet, dann schickt uns eure Story an post@diestoerenfriedas.de

12 Kommentare

  1. Suzie van-Achtern

    Ich bin 61 geboren. Meine Mutter war damals schon Emma Leserin. Durch meine Ehe habe ich gesehen was passiert , wenn ich meine Bedürfnisse missachte. Dabei bin ich fast gestorben und habe 460 Tage in der Klapse verbracht. Unten angekommen traf ich die anderen Frauen , die auch als verrückt hingestellt wurden. Selbst schuld. Das Eva Prinzip. Heute bedanke ich mich bei meiner Mutter ,eine Emma Leserin der ersten Stunde. Sie hat mir den Weg gezeigt .Mein Austritt nach ein paar Wochen bei den Linken war mit der Definition Sexarbeit beendet. Sie sagten ” entspann Dich mal”. Ich sagte ” Spannt euch mal an”. Ich bin bei Terre des Femmes, weil ich wieder Hoffnung und Kraft habe !

  2. Käsestulle

    “Das biologische Geschlecht einer Frau ist die Grundlage ihrer Unterdrückung und deshalb von Bedeutung. Es ist keine Identität, die man sich wie ein Fashion Item umhängt oder für sich beansprucht. Feministische Räume und Festivals werden der Reihe nach zerstört, …”

    Das kann man nicht oft genug sagen.

  3. @Käsestulle: Wenn die Offenheit für Transmenschen zu diesem desaströsen Ergebnis führt (daß feministische Räume verloren gehen), dann sollten wir uns besser schnell von ihnen trennen. Männer, die es modisch chic und hip finden, vorübergehend eine Identität als Frau anzunehmen, schaden uns, wenn wir sie als zu uns zugehörig akzeptieren. Ist das exotische Interesse daran erst abgeebbt, kehren sie eh heim in ihre männliche Erst-Identität. Vorher aber liquidieren sie mit aller Gründlichkeit – auch sprachlich **** – unsere feministischen Projekte und Räume. Laßt das nicht zu!

  4. Sehe ich da tatsächlich einen Silberstreifen der Hoffnung am Horizont ????

    Terre des femmes hat eine Kehrtwendung gemacht. Danke!

    Noch vor 3 Jahren hat sie ebenfalls von Sexarbeit und “freier Entscheidung”
    der Frauen gesprochen und dass die Stigmatisierung von Prostituierten aufhören soll. Ja, aber dafür soll/muss endlich die ganze Sex-Industrie samt Zuhältern, Profiteuren und Freiern stigmatisiert werden.

    Wie immer wurde und wird das oft verwechselt und dann den “Radikal-Feministinnen” angelastet.

    Wie einfach für die Profiteure.

  5. Auf den Punkt genau – wie immer! Danke, liebe Störenfriedas, dass Ihr so perfekt ausdrückt, was ich niemals so präzise formulieren könnte.
    Und: Terre des Femmes hat eine Mitfrau mehr! 🙂

  6. Solveig Senft

    Ich bin seit 25 Jahren Mitfrau bei TDF – wenn auch über weite Strecken eher förderd, zu Beginn und in den letzten Jahren aber sehr aktiv.
    Eingetreten bin ich wg. des Engagements gegen Genitalverstümmelung – das war seinerzeit nämlich auch “umstritten” in Kreisen der Frauen- und linken Bewegung – gegen Prostitutionstourismus, Zwangsehen und ökonomischer Ausbeutung von Frauen in der Textil- und Blumenindustrie.
    Etwa zeitgleich bin ich bei Amnesty International eingetreten, bei Amnesty for Women. Amnesty habe ich letztes Jahr verlassen – nachdem sich die Organisation wider jegliches bessere Fakten-Wissen und trotz massiver Proteste von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen und Surviver-Gruppen für die Legalisierung von Prostitution, inklusive Zuhälterei, Bordellbetreibung und natürlich “Freiern” positioniert hat.
    Bei TDF engagiere ich mich weiter. Es ist der Betreiber-Freier-Zuhälterlobby nicht gelungen, hier das Ruder zu übernehmen. Die Position ist klar: für prostituierte Frauen/Menschen (und das Recht, dass Frauen/Menschen nicht prostituiert werden!) und gegen das Ausbeutungs- und Gewaltsystem Prostitution und seine Profiteure.
    Ich bin stolz darauf, dass TDF die, in dem Brief der Unterzeichnerinnen ausgeführten “diversen” “feministischen” Positionen nicht “inkludiert” hat. So leicht lassen sturmerprobte Feministinnen ihren Verein halt doch nicht unterwandern.

  7. Wir sollten nicht locker lassen! Ich fand es bis vor gar nicht allzu langer Zeit auch wichtig, auch Transpersonen in die Sprache zu inkludieren, gerade weil ich selbst auch in meiner Identität mit dem Weiblichkeitskonzept so gar nichts anfangen kann. Aber seit ich begriffen habe, dass Inkludieren jetzt nur bedeutet, dass Frauen wieder mal marginalisiert werden, kann ich die blöden Sternchen nicht mehr sehen! Wenn mich ein Mann blöd anmacht, herabwürdigt, ignoriert oder vergewaltigt, dann fragt er doch auch nicht, ob ich mich persönlich vielleicht als Mann* oder als Frau* oder queer oder sonstwas fühle. Er sieht den Körper, Ende, aus. Wenn ich überlegen muss, ob ich zu wenig oder zu stark verhüllt, zu dick, zu dünn, zu haarig, zu …. irgendwas bin, dann deshalb, weil ich einen weiblichen Körper habe. Wenn ich jetzt Frau*, Mädchen*, Weiblichkeit* lesen muss, dann sieht das aus wie so eine Restekategorie, wo jeder (Mann) nach Belieben mitmachen oder aussteigen kann, wenn er nicht mehr will. Toll, ich kann nicht aussteigen, ich habe einen weiblichen Körper… Ändern möchte ich ihn nicht, was kann der Körper dafür, dass die Gesellschaft bekloppt ist? Dieser *-Schwachsinn macht einen ganz wahnsinnig…

  8. Ich bin gerade erst durch EMMA online auf diese Aktion der Pseudo-Feministinnen aufmerksam geworden. Ich halte Frau Stolle und ihr Team für smart und schlagkräftig, diesen Tendenzen wirksam zu begegnen. Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, was sich diese Libertinage alles so einfallen lässt, sei es in den USA mit Linda Sarsour (“Hat Dein Feminismus kein Kopftuch, ist es keiner”) bis hin zu all den Sex-Worker-Aktivistinnen, die ihre Augen willentlich davor verschließen, dass mehr als 95% aller Prostituierten gar keine Wahl haben, weltweit. Es ist beschämend, dass solche frauenverachtenden Haltungen unter der Flagge Feminismus fahren.

  9. An dieser Stelle sei auch der intersectional feminism aufgegriffen, der aktuell zumindest in den USA schon fast als dogmatische Vorgabe betrachtet werden kann. Es geht hierbei um Überschneidungen, die wir Feministinnen eigentlich ganz natürlich haben, sei es hinsichtlich der Hautfarbe (Rassismus neben Sexismus), sei es hinsichtlich der falschen Zuordnung zu einem Geschlecht bei der Geburt oder sein es auch gesellschaftliche Nischen wie der Bereich der Prostitution. Um all das haben sich auch schon die Feministinnen der zweiten Welle gekümmert. Zum Beispiel haben sie auch Hand in Hand mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gekämpft. Dies wird jedoch von Frauen, die glauben, dass Intersektionalität etwas Neues ist, ignoriert oder sie wissen es schlechthin nicht. Problematisch wird dieser Trend jedoch, wenn der originäre Kontext des Feminismus abgewertet wird, u.a. mit toxic white feminism und nach wie vor wichtige Themen wie Sexismus für ein Luxusproblem weißer, etablierter, privilegierter Frauen abgetan wird. Natürlich gibt es nicht nur in den USA große Probleme mit Rassismus und für die betroffenen Frauen mag dies zum Teil akuter sein, als Sexismus, obgleich das aus einer Sicht in solchen Fällen untrennbar verbunden ist, doch sollte das Kernziel des Feminismus nie verdrängt werden, eine Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebens- und Arbeitsbereichen sowie der Kampf gegen Sexismus und Misogynie i.A. Dies wird jedoch verkannt, von der Libertinage die sich das Gewand des Feminismus überzieht, um diesen zu unterwandern. Schauen wir uns alleine ein scheinbar simples Beispiel an, der Pussy Hat, der als Symbol der Gemeinsamkeit von sehr vielen Frauen auf dem großen Women’s March zur Amtseinführung von Donald Trump getragen wurde. Eigentlich eine schöne Erfindung einer Frau aus L.A., etwas, was sich jede Frau schnell stricken oder stricken lassen kann. Was passierte? Die Women of Color fühlten sich wegen der pinken Farbe übergangen und ausgeschlossen und Transgender etc. fühlten das Gleiche, jedoch in puncto Vagina, die nicht immer vorhanden ist. Nun sieht der Pussyhat nicht wirklich wie eine Vagina aus, eher schon wie die Kopfbedeckung einer Katze (Pussy), doch was solls, sie fühlten sich ausgeschlossen. Muss frau respektieren und doch halte ich die Pussyhats für eine gute Idee, schließlich ging es ja speziell auch gegen Trumps “Grab by the pussy” Aussage. Hier wurde also eindeutig die Kernidee verneint bzw. ignoriert, um der feministischen Bewegung zu schaden. Viele Frauen wurden hierdurch verunsichert und Sprachorgane wie u.a. Everyday Feminism waren auch gleich zu stelle und gaben Ratschläge, wie eine weiße Feministin sich in Zukunft verhalten soll. Erschreckend und von Frauen wie Linda Sarsour ganz zu schweigen, die aktuell als große Vorzeigefeministin in den USA gehandelt wird und die als Sharia-Gläubige eine sagen wir mal eigene Vorstellung vom Feminismus hat, mit Hijab natürlich. Hofiert wird sie von der amerikanischen Linken, nicht verwunderlich, das aus die bundesdeutsche Linke ähnliche Tendenzen hat (siehe auch taz im Zusammenhang mit der versuchten Unterwanderung von TdF). Die Sex-Worker reihen sich hier in den Kanon ein und proklamieren Prostitution als sexuelle Befreiung der Frau und als rein freiwillige Tätigkeit, ebenso, wie die Verschleierung rein freiwillig ist. Das es überall Frauen gibt, die unter der Verschleierung oder unter der i.d.R. nicht freiwilligen Prostitution zu leiden haben, wird natürlich ignoriert; und das ist das eigentlich Verwerfliche an diesem ganzen Sachverhalt. So, dass musste mal gesagt sein, denn all das passiert in einem sehr großen Kontext, der hier nur angerissen werden konnte.

  10. @vuk: Danke für deinen Beitrag, der sich entgegen den ganzen neuen Blödsinns-Diskursen, die zur Zeit unterwegs sind, auf den gesunden Menschenverstand und auf FAKTEN stützt. Eben, der Typ auf der Straße, der uns blöd anmacht oder gar übergriffig wird, kümmert sich eher nicht darum, ob wir unsere Identität mit diversen Sternchen selbst relativieren oder nicht. Den interessiert nur: Wir haben einen weiblichen Körper und damit basta. Auf den reagieren solche Typen, bewerten ihn womöglich noch verbal und bringen in den meisten Fällen nicht das intellektuelle Know-how auf, eben mal unsere Körperlichkeit im gesellschaftlichen Kontext zu dekonstruieren. Spaßeshalber werde ich aber mal ausprobieren wie bei diesen männlichen Exemplaren eine Antwort wie fogende ankommt: “Weißt du, ich erscheine dir grad als weibliches Wesen, auf deren Körper du reagierst. Tatsächlich aber befinde ich mich grad in einem transformativen Gender-Prozess, dessen Ergebnis hinsichtlich meiner sexuellen Identität jedoch noch höchst ungewiß ist”. Mal schauen, wie die Typen darauf reagieren. Wenn sie schreiend weglaufen, werde ich euch informieren. Dann könnte Totquatschen sich als neue Selbstverteidigungsstrategie erweisen, hehe:)

  11. @kira – danke. Man muss ja heutzutage sowohl gegen die Antifeministen als auch gegen die Libfems und den Queerfeminismus einfache Argumente finden, sonst wird man noch ganz blöd im Kopp. Vollends sinnfrei ist es, wenn man anguckt, wie unterschiedlich das Identitätsgequatsche in Bezug auf “Intersektionalität” ist: Während man “Gender” scheinbar nur “tief in sich findet” und es von außen überhaupt nicht mehr bewertet werden soll (nur Selbstwahrnehmung), ist “Colour” nur ein rein von außen (Fremdwahrnehmung) bestimmter Prozess, ohne die Möglchkeit der Identifikation. Ein Weißer, der gern Dreadlocks trägt, wird gerügt, egal ob er sich vielleicht “tief im Innern” mit unterdrückten Volksgruppen identifiziert, und das nennt sich dann weiße Aneignung/Unterdrückung. Ein biologischer Mann darf sich dagegen Symbole der Weiblichkeit aneignen (Rock, Ohrringe etc.), ohne dass es als Aneignung gilt, im Gegenteil, hier darf nicht von außen geurteilt werden, weil er sich ja als Frau fühlt, also eine Frau ist. Also Frau*. Oder so. Jegliche Verknüpfung von Gesellschaft und Individuum wird verneint, entsprechende Literatur nie gelesen. Empathie, Solidarität, allgemeine Menschlichkeit – ignoriert.

  12. @vuk: Das ist auch ein interessanter Aspekt. Dreadlocks fallen unter “kulturelle Aneignung”; Frauen dagegen sind eine Art Supermarkt, wo sich jeder bedienen darf. Selbstverständlich wird erwartet, daß die Verramschung weiblicher Symbole “toleriert” wird (ich entwickle allmählich Aversionen gegen dieses völlig mißbrauchte Wort).
    Die Symbole marginalisierter Gruppen oder Völker werden also kontextualisiert und objektiv eingeordnet (mal abgesehen vom inflationären Moralisieren, ob man diese Symbole verwenden darf). Weiblichkeit dagegen ist eine rein subjektiv “gefühlte” Kategorie, die sich jeder Kontextualisierung oder objektiven Beurteilung entzieht. Ich freue mich immer wenn ich soviel KONSEQUENZ am Werke sehe. Ironie off.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.