Gleichberechtigung in Zeiten von Corona – warum Frauen die Krise härter trifft

Corona ist da und noch tun sich viele damit schwer, zu akzeptieren, dass auch nach der Pandemie unsere Welt eine andere sein wird. Viele Dinge werden sich dauerhaft ändern – von unserem Reiseverhalten bis zu unserer Arbeitswelt. Gerade letztere zeigt sich aber in den vergangenen beiden Tagen gewohnt misogyn, und anscheinend stört sich niemand daran.

Kinder zu Hause – Mütter auch

Schauen wir uns eine klassische Kleinfamilie mit zwei Kindern im Schul- oder Kita-Alter an. Seit gestern sind die Schulen dicht, Eltern müssen die Betreuung ihrer Kinder selbst organisieren, die Großeltern können auch nicht helfen.

In den meisten Familien arbeitet die Frau weniger als der Mann und verdient auch entsprechend weniger. Also ist die Entscheidung klar: Er geht weiter arbeiten, sie bleibt zu Hause. Wenn man den Politikern auf den Mund schaut, dann hört man, dass Kinderbetreuung zwar Vorrang hat und man, sofern man die Kleinen wirklicht nicht einfach sich selbst überlassen kann, um seine kapitalistische Pflicht auch in Zeiten von Corona zu erfüllen, zu Hause bleiben kann, ohne Kündigung befürchten zu müssen. Na, das ist doch super, oder? Wie schön, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Was die Lohnfortzahlung angeht, hofft man “auf großzügige und solidarische Regelungen der Unternehmer”. What?

Die aufmerksame Zeitungsleserin kratzt sich grübelnd am Kopf. Wann genau haben sich deutsche Unternehmer je “solidarisch und großzügig” verhalten? Unternehmen sind nur einem einzigen Ziel verpflichtet: Ihrem Profit. Und der ist in noch nicht abschätzbarer Weise in Gefahr.

Die Unternehmen können bislang noch nicht ermessen, wie sehr sie die Auswirkungen der Corona-Krise trifft. Bevor sie also “großzügig” beim Gehalt einer Sekretärin oder Sachbearbeiterin sind, die bei den Kiddies zu Hause bleibt, sorgen sie in allererster Linie für sich selbst, bzw. ihr Management und/oder ihre Aktionäre. Und, oh Wunder, gerade bei ersteren gibt es ein klares Männerübergewicht.

Während also die Herren zur Rettung der Welt und Profite eilen, sitzen Frauen zu Hause und bibbern darum, ihr oft schon ohnehin mageres Gehalt auch dann noch zu bekommen, wenn sie auf ihre Kinder aufpasst und möglichst nicht stattdessen die Kündigung.

Die Bundesregierung kriegt es zwar hin, Lufthansa und Co. vollmundige Versprechungen zu machen, aber zu einer klaren Aussage, dass Lohnausfälle abgefangen werden und Kündigungen ausgesetzt werden, und zwar per Generalerlass und deutschlandweit, kann sie sich nicht durchringen. Das trifft, nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft, vor allem Frauen. Warum spricht niemand darüber? Weil es so selbstverständlich ist? Sind ja nur die Frauen?

Denn: Auch wenn es heißt, dass es nicht zu Kündigungen wegen Corona kommt, es wird Entlassungen geben, die wird man dann eben “betrieblich” oder sonstwie rechtfertigen. Deshalb wird es, wenn alles wieder seinen Gang geht, auch auf einmal wieder mehr verfügbare Arbeitskräfte geben, da gibt es dann auch Ersatz. Diese “Belebung des Arbeitsmarkts”, über die sich männliche Wirtschaftsanalysten dann freuen werden, wird in allererster Linie zu Lasten der Frauen gehen.

Was Corona zeigt

Corona ist an vielen Stellen ein Offenbarungseid. Während teure Digitalisierungsprogramme aus dem Boden gestampft werden, weil man zehn Jahre zu spät feststellt, dass Digitalisierung irgendwie wichtig für uns alle sein könnte, haben sich viele deutsche Arbeitgeber bislang mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, Home Office Tage oder ganze Stellen einzurichten, obwohl die digitalen Ressourcen dafür längst zur Verfügung standen und in anderen Ländern auch selbstverständlich eingesetzt werden. Zu wichtig ist es, die Mitarbeiter vor Ort kontrollieren zu können. Das betraf und betrifft vor allem Mütter – denn, auch wenn allerorten die neuen Väter bejubelt werden, es sind jetzt in der Krise ganz selbstverständlich die Mütter, die und sich um Kind und Heim kümmern.

Zumindest ist jetzt, wo lauter Arbeitnehmerinnen zu Hause sitzen und doch glatt nichts zu tun haben (haha) und der Laden weiterlaufen muss, Home Office auf einmal kein Problem mehr. Da werden mit einem Mal ganz unbürokratische Lösungen geschaffen, die vorher vollkommen ausgeschlossen waren und so Frauen mit der Doppelbelastung Beruf & Familie kollektiv in den Burn-Out getrieben haben. Interessiert hat das die deutsche Politik wenig, dafür boomten auf Instagram die Mama-Coaches, die uns beibringen, wie wir den Mist mit Achtsamkeit und grünen Tee irgendwie überleben, ohne Herzinfarkt, Bluthochdruck oder sonstigen Erkrankungen.

Die Nachteile auf den Rücken der Frauen

Das Home-Office stellt die Mütter allerdings vor ein anderes Problem: Kinder, die nicht in die Schule oder in die Kita gehen, stellen doch glatt Ansprüche, wollen versorgt und unterhalten werden. Gleichzeitig ist da die Angst um den Arbeitsplatz, gerade in der Krise möchte man ja zuverlässig sein und 100 Prozent geben, damit man nach der Krise noch einen Job hat. Außerdem die Frage: Was stelle ich den ganzen Tag mit den Kindern an, wenn ich sie als perfekte Mutter keine Sekunde zu viel den Bildschirmen überlassen will. Zwar gibt es Versuche, Betreuung selbst zu organisieren, doch das bringt wieder den Nachteil zu vieler sozialer Kontakte mit sich. Lösungen? Fehlanzeige.

Dafür schicken lauter Lehrer panisch pro Tag mehrere E-Mails mit Übungsaufgaben herum, die die Kinder erledigen sollen. Gestern brach bei uns die Website der Schule zusammen, weil die Eltern alle darauf zugriffen. Klar, wir sind nicht nur brave Arbeitnehmer, wir sind auch brave Schüler. Die Unterrichtspflicht ist zwar ausgesetzt, aber der Kadavergehorsam sitzt zu tief. Neben ihrer Verantwortung als Mütter, als Arbeitnehmerinnen und als Bürgerinnen sollen Mütter jetzt auch noch den Unterrichtausfall abfangen – und das alles ohne klare Unterstützung von Seiten der Politik.

Kinder? Sind ein Frauenjob

Viele Mütter sitzen jetzt zu Hause, haben Angst um ihren Job und wer keinen Partner hat, fürchtet vermutlich, die Miete schon nicht mehr bezahlen zu können. Dafür sollen sie jetzt auch noch die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Kinder weiterlernen. Geht es noch?

Job los? Dein Problem. Kinder zu Hause? Auch dein Problem. Dafür laden wir auch noch jede Menge Probleme, die wir geschaffen haben, auch noch auf deinen Schultern ab, denn du bist ja eine Frau. Je nachdem, wie es der Politik passt, scheucht sie die Mütter möglichst nahe nach der Geburt auf die Arbeit, oder verdonnert sie zum Zuhausebleiben. Es liegt an uns, ob wir bereit sind, das einfach so hinzunehmen. Die Betreuung von Kindern ist ein Job – und wenn die öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten ausfallen, dann kann die Politik das nicht auf einmal wieder bei den Müttern abladen und sie dann noch nicht einmal vor Lohnausfällen und Kündigungen schützen. Das ist ein Skandal – über den das journalistische Blätterrauschen einmal mehr schweigt.

Ich arbeite als Freiberuflerin schon immer von zu Hause aus. Meine Kids und ich sind es also gewohnt, das zu organisieren, doch ich weiß von den Ferien, welche Schwierigkeiten auf uns in den nächsten Tagen zukommen werden. Und ich werde ganz sicher nicht mit meinen pubertierenden Kindern darum kämpfen, dass sie die Mathe-Arbeitsblätter machen. Hätte die Politik nicht konsequent jede auch nur so geringfügige Digitalisierung der Schule versäumt, dann könnte der Unterricht jetzt mehr oder weniger problemlos weiterlaufen. Die Technik dazu haben wir seit schätzungsweise zehn Jahren. Da wir es – als Möchtegern-Digitalisierungsgewinner – aber noch nicht einmal hinbekommen, alle von Corona gestesten Menschen zu erfassen und nicht nur die positiven oder alle freien Intensivbetten zentral zu verwalten – ist das nur ein Teil des Offenbarungseides, den politische Entscheider nicht erst seit der Krise zu verantworten haben und dessen Folgen sie jetzt einmal mehr auf den Schultern der Frauen abladen wollen.

Weiter sind es vor allem Frauen, die sich als Verkäuferinnen in den Supermärkten mit hysterischen Hamsterkäufern herumschlagen, die verlängerten Öffnungszeiten abfangen oder als Krankenpflegerinnen ihre Stunden aufstocken, um dabei zu helfen, die Krise zu bewältigen. VERDI schlug gestern schon Alarm, dass die Zustände in den Supermärkten zum Teil unhaltbar sind. Wer kriegt es ab? Die Verkäuferinnen, während sie gleichzeitig mit der Frage allein gelassen werden, wer denn jetzt die Kinder zu Hause betreut.

Wer versorgt die Kranken, die zu Hause bleiben müssen?

Mehr noch: Wenn sich die Zahl der Menschen in Quarantäne erhöht, werden es die Frauen in den Familien sein, die ihnen Essen vor die Tür stellen oder andere Besorgungen machen. Nicht nur setzen sie sich damit höheren Infektionsrisiken aus, mich stört vor allem die Selbstverständlichkeit, in der man das voraussetzt, in den Familien – und in der Gesellschaft.

Bei uns haben die Kreisverwaltungen und Jugendämter die Arbeit eingestellt oder arbeiten nur auf Notbetrieb, telefonisch ist niemand zu erreichen. Ich weiß von zwei Müttern, dass deren getrennte Väter die Unterhaltszahlungen eingestellt haben. Es wird vermutlich Wochen dauern, bis sie überhaupt Post von Jugendamt etc. bekommen. Wie alleinerziehende Mütter das ausgleichen? Deren Problem. Vielleicht ist Öffentlichkeitsdruck via Social Media eine Möglichkeit, die Väter an ihre Verantwortung auch und gerade während Corona zu erinnern.

Es läuft also wie immer: Die Nachteile werden stillschweigend den Frauen zugeschoben, und fürsorgebewusst, wie viele eben nun einmal geprägt sind, übernehmen viele diese Verantwortung auch ganz selbstverständlich – und schaffen damit Tatsachen, hinter die wir vielleicht nach der Pandemie nicht mehr zurückkönnen.

Einmal zurück in die 1950er Jahre

Corona hat mit einem Fingerschnipsen dafür gesorgt, dass wir uns auf einmal gefühlt wieder mitten in den 1950er Jahren befinden. Er geht arbeiten, sie ist zu Hause, kümmert sich um Haus und Kind und vielleicht noch ihren “Zuverdienst” und um die Frage, wo man was bekommt.

“Haben wir gerade keine anderen Sorgen als Feminismus?” Die Gleichberechtigung der Frau muss immer als erstes zurückstehen, wenn gerade etwas Wichtigeres ansteht. Eine Krise sorgt dafür, dass die Zugeständnisse, die man Frauen macht, schnell wackeln oder stillschweigend verschwinden. Genau deshalb ist es so wichtig, das eben nicht einfach hinzunehmen.

Was die Politik tun muss

  • Sofort erklären, dass alle Kündigungen während der Pandemie ausgesetzt werden. Wer glaubt, dass hinter den Kulissen in vielen Unternehmen nicht schon nach Möglichkeiten gesucht wird, Kosten durch Entlassungen einzusparen, ist naiv. Und diese Entlassungen werden Frauen treffen – weil sie häufiger in Teilzeit arbeiten, prozentual in schlechter qualifizierten Jobs und weil man, jetzt wo sie zu Hause die Kinder betreuen, ja auch irgendwie ohne sie klar kommt. Auf die Manager aber kann man in Krisenzeiten auf keinen Fall verzichten – und dieser Bereich wird von Männern dominiert.
  • Lohnfortzahlungen für ein Elternteil zusagen, sofern dieses zu Hause Kinder betreut. Unbegrenzt. Unbürokratisch. Auf die Solidarität der Unternehmer zu setzen, ist blanker Hohn. Dafür lassen diese sich dann von unserer Solidarität als Steuerzahlerinnen retten und zahlen den vorrangig männlichen Managern ihre fetten Gehälter weiter, während lauter Frauen auf Jobsuche sind. “Sie haben Kinder? Da fallen Sie doch bestimmt oft aus…”
  • Die Unterrichtspflicht ist ausgesetzt. Auch Arbeitsblätter können daran nichts ändern. Was das für Noten und Versetzungen bedeutet, kann sich jeder ausmalen – also Schluss mit den Arbeitsaufträgen von den Lehrern und den hysterischen Eltern-Whatsapp Chats. Die Kinder sind zu Hause und die Chancen stehen gut, dass sie das sogar möglicherweise bis zum Ende der Sommerferien bleiben werden, denn noch steht der Höhepunkt der Krise bevor. Auch wenn sich das viele nicht vorstellen können: Auch ohne Schuldrill gibt es genug, was Kinder in dieser Zeit anfangen können. Zum Beispiel, sich mit der Digitalisierung beschäftigen, das bereitet sie sehr viel besser auf die Welt der Zukunft vor, als das dritte Arbeitsblatt zum Thema Erdkunde.
  • Zulagen für alle, die im Einzelhandel und als medizinisches Personal unter persönlichem Risiko dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft weiter funktioniert, und das vorrangig vor Managergehältern.

Was jede von uns tun kann

  • Lasst euch nicht in Panik versetzen. Welche Probleme auch immer jetzt auftreten – “Vielleicht kann ich die Miete nicht mehr bezahlen”, etc., denkt daran, dass dieses Problem nicht nur euch betreffen wird, sondern viele wenn nicht alle. Wir sind gemeinsam aufgerufen, von der Politik solidarisch Lösungen dafür einzufordern. Der Konsequenzen der Krise können weder bei uns Frauen noch überhaupt bei den Geringverdienern abgeladen werden.
  • Nutzt die Zeit für euch und eure Kinder. Lasst euch nicht von den E-Mails und Whatsapp Gruppen in den Irrsinn treiben – die Schulen sind zu, niemand bleibt sitzen, weil er die Arbeitsblätter nicht gemacht hat.
  • Kinder müssen zwar versorgt werden, aber sie müssen nicht rund um die Uhr entertaint werden. Es ist ok, wenn sie fernsehen, Playstation zocken, sonstwas machen. Hört auf mit dem Wahn, jetzt den ganzen Tag pädagogisch auf sie einzuwirken. Ihr seid nicht dazu da, sie zu unterhalten, sondern sie zu betreuen. Nehmt eure Kinder, vor allem die älteren, mit in die Verantwortung. Für die Kleineren haben Kika und Co. schon das Programm geändert. Eure Kinder werden auch dann großartige Erwachsene, wenn sie jetzt vor allem an den Bildschirmen kleben. Vermutlich erhöht das ihre Jobchancen sogar drastisch.
  • Besteht auf Home Office Lösungen. Diese sind in den meisten Fällen sehr viel einfacher umzusetzen, als die Arbeitgeber vorgeben. Schlagt selbst entsprechende Lösungen vor und wenn ihr von der Technik keine Ahnung habt, dann informiert euch. Wir arbeiten gerade an einem Artikel, in dem wir euch die wichtigsten Infos rund um die notwendige Technik, mögliche Hilfsmittel und einfache Lösungen vorstellen. Wenn Corona vorbei ist, wird das dabei helfen, dass wir auch in Zukunft mehr von zu Hause aus arbeiten können.
  • Denkt darüber nach, was diese Krise euch für Möglichkeiten eröffnet. Gibt es da vielleicht einen Online-Kurs, den ihr immer schon einmal machen wolltet oder setzt ihr vielleicht selbst einen auf? Wolltet ihr schon ewig mal für uns einen Gastbeitrag schreiben? Wir stellen für euch außerdem gerade eine Liste mit unseren feministischen Lieblingsbüchern zusammen.
  • Die Krise wird die Digitalisierung beschleunigen. Frauen winken da schnell ab, weil man ihnen lange genug eingeredet hat, dass “Technik nichts für sie ist”. Das stimmt nicht. Beschäftigt euch mit Themen der Digitalisierung, überlegt, wie sich eure Fähigkeiten und Interessen digital einsetzen lassen, auch in ungewöhnlicher Weise. Habt den Mut, an dieser digitalen Zukunft mitzuarbeiten und sie für euch zu nutzen. Was sind eure Stärken?
  • Schaut euch euren Arbeitgeber an. Wie viel Verständnis, wie viel Solidarität ist da spürbar? Wie wird dieser sich nach der Krise in Sachen Home Offie und Kinderbetreuung stellen? Und: Wollt ihr wirklich für jemanden arbeiten, der an seiner Arbeitsplatzgestaltung jenseits eurer Nöte festhält, obwohl Corona zeigt, es geht auch anders?
  • Schaut euch die Politik an und welche Interessen sie vertritt. Hört genau zu, was sie sagen, und was sie nicht sagen, wer “unbürokratische Hilfe” bekommt und wer nicht und lasst sie das spätestens an den Wahlurnen spüren.
  • Kümmert euch um euch. Ihr seid auch in der Krise nicht vorrangig für andere da, die Belastungen (einkaufen, Kinder, eventuell Eltern versorgen, die zu Hause bleiben) dürfen nicht selbstverständlich bei euch abgeladen werden, nur weil es so schön praktisch ist. Vernetzt euch mit anderen Feministinnen, spinnt Visionen, überlegt, welche Verbesserungen die Krise uns auf lange Sicht bringen kann.

12 Kommentare

  1. 100% dabei. Arbeite als Logopädin, mein Kind betreue ich grad daheim und bin froh, wenn wir das in sozialer Distanz halbwegs fröhlich über die Bühne bringen. Das Gesundheitsminsterium sagt, dass unsere Praxis aufbleiben muss – kein Mensch ist aber auf uns dringend angewiesen und angesichts der Ausbreitung ergibt es null Sinn, irgendjemanden zu behandeln. Also nehme ich jetzt den größten Teil von meinem Sommerurlaub, damit ich zuhause bleiben kann und nicht mein Kind mitnehmen muss. Dafür bekomme ich dann höchstwahrscheinlich schon für März Kurzarbeitergeld – 67% von meinem Nettogehalt reichen definitiv nicht. Mein Nebenjob in der Gastro (neben meinem Vollzeitjob) findet natürlich aktuell nicht statt. Rücklagen? Hab ich nicht. Sollte ich aber von meinem Chef erwarten können, oder? Ist nicht das kleine Einmaleins der BWL, dass man Rücklagen in Höhe von drei Monatsausgaben braucht? Wenn man wieder bumsen darf, kann ich mich prostituieren, um 67% meines Nettoeinkommens aufzubessern.

  2. Ich finde die pauschale Aussage über Unternehmen sehr schwierig.

    Unternehmer werden hier als kapitalistisch und profitgierig beschrieben. Gerade kleine Unternehmen, oder Unternehmen, die starke Umsatzeinbussen hinnehmen müssen werden früher oder später an ihre Grenze kommen. Immerhin müssen die Arbeitnehmer weiterhin ihre Gehälter (egal ob sie arbeiten oder nicht) bekommen und auch alle weiteren Kosten fließen nach wie vor. Egal wie stark die Umsatzeinbußen oder das Auftragsloch sind. Nicht jedes Unternehmen hat da die Möglichkeit, monatelang (wer weiß, wie lange das so weitergeht?) zu zahlen. Manche auch nicht einmal ein paar Wochen. Das hat nichts mit Solidarität zu tun, sondern mit reinem Überleben.

    Auch mal an die andere Seite denken ohne zu bewerten. Wir sind alle in einer schwierigen Situation.

    Grüße von einer Mutter und Unternehmerin

  3. Vielen, vielen Dank! Es tut gut zu wissen dass eine nicht allein ist mit ihrem “naiven” Solidaritätsbegriff. Mein AG (Bildungssektor) hat gerade verlauten lassen dass wir bezahlten oder unbezahlten Urlaub zu nehmen haben, die befristet Beschäftigten nicht mit Erneuerung ihrer Verträge rechnen können und die Honorarkräfte notfalls entlassen werden sollen. Dass er sich in erster Linie um staatliche Unterstützung kümmern sollte, um Gehälter und Honorare wie vereinbart weiter zahlen zu können, kein Gedanke. Da wir uns eh in Tarifverhandlungen befinden, oder besser, befanden, ließen sich ja auch prima einstellen, kommt diese Gelegenheit zur Einsparung “entbehrlicher Arbeitsleistung” gerade Recht. Frau möchte brechen…..

  4. Ich finde es einfach bezeichnend, dass in meinem sozialen Feld als erstes das Gehalt von mir bzw. meinen Kollegen dran ist – sogar rückwirkend für März, in dem ich bisher ganz regulär gearbeitet habe. Ohne erstmal abzuwarten, wie die wirtschaftlichen Hilfen ausfallen bzw. diese erstmal zu beantragen. Was geht denn ab. Urlaub und Gehalt weg – mein Chef arbeitet übrigens nicht als Logopäde, sondern hat uns als Nebenunternehmen. Das ist ein harter Schlag ins Gesicht aus meinem Blickwinkel. Ich denke schon, dass man das als Unternehmer durchaus auch mal kurz aus Sicht seiner Mitarbeiter sehen kann, zumal wir das Kapital der Praxis sind. Und dass auf keinen Fall an Rücklagen gegangen wird oder alles andere versucht wird, sondern wir als erstes dran sind und nächsten Monat und wahrscheinlich die nächsten auch von der Hand in den Mund leben können – das ist schon krass. Vor allem in einem Lohnbereich, der normalerweise schon unterirdisch ist – thank you Helfersyndrom. Danke Corona, du hilfst mir, mich zu radikalisieren und in absehbarer Zeit, meinen Job zu wechseln.

  5. Ulrica Griffiths

    Kündigungen kann man eigentlich vermeiden durch Kurzarbeit. Also wäre das eigentlich machbar, Kündigungen ungültig zu machen, mit Verweis auf Kurzarbeit. Was mir komplett fehlt, sind die vielen Solo- und Kleinstunternehmer. Da sind wahnsinnig viele Frauen dabei, weil Frauen ja oft kleiner und bescheidener gründen und weil Frauen viele Berufe machen, die freiberuflich sind (weil besser mit Familie vereinbar etc. – da beißt sich die Maus in den Schwanz).

  6. Christian

    Hier wird vllt berechtigt, jedoch auf hohem Niveau gejammert. Man vergleiche unser System mal bitte mit Italien oder den USA wo wirklich viele Leute von Gehalt zu Gehalt leben und es keine sozialen Hilfen gibt. DAS ist jetzt richtig am Dampfen und zwar unabhängig vom Geschlecht.

  7. Katharina

    Sehr gute und praktische Tipps!
    Und: ich freue mich auf die feministische Literaturliste!

  8. Katharina

    Ich hoffe auch, dass Verbesserungen aus der Krise mitgenommen werden. Für alle, Mütter, Väter, aber auch Singles.
    Generell sollten wir als Gesellschaft auf kürzere Arbeitszeiten hinarbeiten. Vielleicht nicht unbedingt jetzt, aber, wenn sich wieder alles weitgehend normalisiert hat.
    Aus der Krise könnte man mitnehmen, dass (in den Berufen, in denen dies möglich ist) Homeoffice eine echte Alternative ist.
    Ansonsten bin ich der Meinung, der 8-Stundenarbeitstag ist zu lang. Heute haben wir bei vielen Tätigkeiten Zeitersparnis durch moderne Technik – die doch eigentlich für den Menschen geschaffen wurde. Daher sollten wir auch die Früchte ernten. Unabhängig davon sind es ja immer mehr als 8 Stunden pro Tag, an denen man auf der Arbeit oder dem Arbeitsweg ist. Ich denke, das müsste nicht so sein. Zumal diese 8 Stunden auch nur gingen, weil die Menschen meist so lebten, dass einer arbeitete und einer den Haushalt machte. In dieses Lebenskonzept passt der 8-Stundenarbeitstag vielleicht etwas eher.
    Ich denke auch, die Gesellschaft muss ihre Prioritäten überdenken. Dazu gehört auch eine Änderung der Arbeitsbedingungen (Homeoffice, weniger Stunden) und die Rolle des Kapitalismus, generell der Ziele im Leben und was ein gutes Leben ausmacht.

  9. Oh Falada

    @Christian – dein Kommentar ist ein Paradebeispiel männlich-privilegierter Sicht und verkennt im Übrigen, dass auch in den USA Frauen jetzt stärker als Männer um das wirtschaftliche Überleben kämpfen. Und es fehlt auch dort allzu häufig an gleichberechtigter Teilhabe: Sorgearbeit und -organisation bleiben ebenfalls an den Frauen hängen, zusätzlich beispielsweise zu den Kosten, die dort höher sind als hier (z. B. Krankenversicherung), oder kürzeren Schutzzeiten für Mütter oder fehlender abgesicherter Elternzeit – das baden Frauen aus, nicht Männer.

  10. @Christian
    Der Artikel dreht sich um Frauen in Deutschland. Du lenkst mit deinem Kommentar davon ab und wirfst eine Nebelkerze, um das angesprochene Problem zu verschleiern und davon abzulenken. Das ist “whataboutism” in Reinform. Es geht jetzt mal 5 Sekunden nicht um die USA oder Italien und deren System.

  11. Danke für diese wunderbare Zusammenfassung der aktuellen Situation!!

    Da ich momentan krank bin oder es seit Monaten das erste Mal versuche aus zu kurieren ist die ganze Situation natürlich nicht leichter.
    Ich habe drei Kinder zu versorgen, nebenbei ein wenig was für die Schule zu erledigen finde ich in Ordnung. Gute Beschäftigung….

    Mein Arbeitgeber wird so nicht überleben. Ich als Online Marketing Managerin kann da noch am Meisten tun. “Mach da mal was online!” Kurzarbeit – weniger Gehalt – weniger Arbeitszeit – kannste auch im Homeoffice erledigen – weniger Zeit – geliche Aufgabe… & Nebenbei das gesamte Geschäft retten?!

    Nun seit zwei Tagen also wieder Kopf hoch – wie war das? Auskurieren? Ach ne – doch keine Zeit. Mein Mann ist nämlich jetzt auch zu Hause. Einfach so… (braucht mal ne Auszeit) Endlich mal Zeit all die tollen Sachen zu bauen, die er schon immer mal so machen wollte. Aber scheinbar geht es ja nicht nur mir so!

    Bleibt tapfer…. & WIRKLICH WICHTIG! findet Zeit für Euch, wenn ich es schon nicht schaffe!

  12. Christian

    @Oh Falada @Steffi: Hiermit entschuldige ich mich dafür, dass ich mit meinem flapsigen Kommentar das Herauarbeiten dieser für Frauen unhaltbaren Corona-Zustände relativieren wollte. Zuerst war ich aufgebracht, dann habe ich den Artikel und eure Kommentare nochmal in Ruhe gelesen und ein paar Begriffe gegoogelt. Ihr habt natürlich völlig recht, nicht nur damit, dass Frauen in allen betroffenen Ländern mehr darunter leiden, sondern auch damit, dass mein erster Kommentar versucht hat, das Problem herunterzuspielen und den Autorinnen indirekt vorwarf, eine Kleinigkeit hochzuspielen.
    Hiermit entschuldige ich mich als Mann ausdrücklich bei allen folgenden Lesenden wie auch den Herausgeberinnen dieses Blogs. Vielen Dank für diese Arbeit.

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