Gleichstellungsaktivismus und Gender

Fight Sexism - Streetart

Fight Sexism - Streetart via streunna4 via Flickr, [CC BY-NC-SA 2.0]

Es ist immer wieder erstaunlich, aber nicht wirklich verwunderlich, wenn in der Welt des heutigen Patriarchats radikalen Feministinnen Diskriminierung von Männern vorgeworfen wird. Zusätzlich  wird immer wieder von radikalen Feministinnen gefordert, sich für die Gleichstellung von allen Menschen einzusetzen und nicht nur für die Interessen von Frauen und Mädchen.

Tatsächlich leben wir in einer Welt, in der Frauen für alle sexuellen Handlungen für ein paar Euro zu kaufen sind, und in einer Welt, in der Männer glauben, sie haben das Recht und den absoluten Anspruch dies auch tun zu können. Wir leben in einer Welt, in der 70 jährige Männer es in Ordnung finden von 18 jährigen prostituierten Frauen sexuelle „Dienstleistungen“ zu kaufen und hierbei noch zu glauben, dies würde sie nicht anekeln.

Wir leben in einer Welt, in der schon 11-12 jährige Jungen mit ihren Smartphones brutale Gewalt gegen Frauen ansehen können und dies auch tun und glauben, das Pornovergewaltigung der normale sexuelle Umgang mit Frauen ist. Wir leben in einer Welt, in der der Kinofilm und das Buch „50 shades of grey“ gefeiert wird als Empowerment für Frauen. Frauen und Mädchen sollen davon träumen, von reichen Männern gefoltert zu werden als spannende Spielart der sexuellen Lust. Irgendwie gab es übrigens auch diese Idee schon Mal vor vielen Jahrhunderten, allerdings wurde Frauen da ein natürlicher und angeborener Hang zum Masochismus unterstellt.

Aus anscheinend völliger Unkenntnis heraus wird radikalen Feminstinnen ebenso oft unterstellt, Frauen das Kopftuch, den Hijab, verbieten zu wollen. Wer definiert hier aber bitte welchen radikalen Feminismus und wer sieht auch noch Alice Schwarzer als Repräsentantin für den Feminismus, nur aufgrund ihrer Medienpräsenz, die sie vielleicht eher hat, da sie nicht das kapitalistische System in Frage stellt.

Radikaler Feminismus ist ganz sicher auch intersektionell und bezieht sowohl ethnische, kulturelle Herkunft und soziale Klasse mit ein. Das Patriarchat ist auf der ganzen Welt, in jedem Land, das herrschende System. Wieso sollten radikale Feministinnen überhaupt anderen Frauen Kleidungsvorschriften machen? Wir kämpfen für die eigene Definitionsmacht. Wenn eine religiöse Frau eine Entscheidung für einen religiösen Kleidungsstil getroffen hat, dann ist das ihre Entscheidung. Es ist das Ziel des radikalen Feminismus die Deutungshoheit der Kleidung Frauen zu überlassen. Kleidung dient nicht der Bedürfnisbefriedigung von Männern, weder mit dem Ziel den Körper vor den Blicken anderer Männer zu schützen, noch der Erfüllung männlicher sexueller Bedürfnisbefriedigung durch knappe Kleidung. Männer belästigen Frauen, nicht der individuell gewählte Kleidungsstil belästigt und stört irgendjemand. Männer kaufen Frauen, Männer vergewaltigen Frauen und Mädchen und Männer bewerten Frauen und Mädchen ausschließlich nach ihrer sexuellen Verfügbarkeit und Verwertung. Die statistische Verteilung von Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen nach Geschlecht spricht doch eine sehr eindeutige Sprache, die nichts mit Männerhass seitens radikaler Feministinnen zu tun hat.

Wieso sich jetzt auch noch radikale Ferministinnen für Jungen und Männer einsetzen sollten, ist unklar. Es könnte doch eigentlich an der Zeit sein, das Männer und Jungen sich gegen männliche Gewalt engagieren, und zwar nicht um schwache Frauen und Mädchen zu beschützen, sondern weil es sich so gehört gegen Sexismus und Gewalt, verursacht durch die eigenen Sozialisation, zu wehren. Es entspricht der Erwartung an weibliches stereotypes Rollenverhalten, dass Frauen sich gefälligst um Männer und ihre Anliegen zu kümmern haben. Immer. Auch radikale Feministinnen müssen und sollen das. Ansonsten sind die Reaktionen sehr vehement, denn das Verlassen von vorgegebenen Genderrollen wird immer gesellschaftlich, in aller Härte, geahndet. Aber wir sagen als radikale Feministinnen: kümmert Euch um Euch selbst. Eure Bedürfnisse sind nicht unser Problem. Unser Problem ist das Patriarchat und hier haben wir genug mit zu tun.

Gleichstellung ist nicht möglich in einer Welt, die von Geburt aus pinkifiziert wurde, für Mädchen. Wir leben in einer Welt, in der erwachsene Menschen glauben, nur Mädchen können rosa tragen und niemals blau. Gleichstellung greift die massive Benachteiligung von Mädchen viel zu kurz, denn sie setzt erst viel zu spät an. Gleichstellung, kann erst nach mehreren Generationen überhaupt erreicht werden. Studien demonstrieren, dass schon direkt nach der Geburt Säuglinge von den Eltern unterschiedlich, je nach Geschlecht behandelt werden. Der Umgang unterscheidet sich maßgeblich, es gibt dezidiert gegenderte Erwartungen an kleine Kinder. Jungen sind halt Jungen und dürfen freier sein, während Mädchen lieb und zuckersüss sein müssen. Das alleine der Penis ausreicht als positiver Verstärker ist eine Tatsache. Mädchen werden nicht erst durch Heidi Klum verunsichert und auf ihre dünnen Figur reduziert, sondern erheblich früher, nämlich schon in ihrem rosa Strampler, in ihrem rosa Lillifeekinderzimmer.

Eine Studie demonstrierte zum Beispiel auch deutlich, dass Mütter die körperlichen Fähigkeiten ihrer 11-Monate alten Kinder abhängig vom Geschlecht unterschiedlich einschätzten. Natürlich trauten sie den kleinen Mädchen erheblich weniger zu. So wird Verhalten geformt und so entsteht eine tiefgreifende Unsicherheit im Leben und, auf der anderen Seite, eine tiefgreifende überhebliche Sicherheit (siehe Cordelia Fine: Delusions of Gender). Es gehört anscheinend auch immer unbedingt zum Patriarchat, das Männer Feministinnen  dafür angreifen, dass sie sich nicht für die Ungleichbehandlung von Männern einsetzen. Diese Ungleichbehandlung wird in der Regel auch schon bei einer geringen Gefährdung der männlichen Privilegien gesehen. Sind zum Beispiel fast ausschließlich Frauen Opfer männlicher körperlicher Gewalt, so sollen sich radikale Feministinnen dafür einsetzen, dass auch die drei Prozent (so ungefähr) von weiblicher Gewalt betroffenen Männer nicht benachteiligt werden.

Frauen verdienen erheblich weniger wie Männer und besitzen erheblich weniger Vermögen. Natürlich möchten wir auch hier schon eine Gleichstellung. In der Regel meinen Männer in diesem Kontext keine Gleichstellung, sondern wehren sich gegen Quotierungen, die als Nachteil gesehen werden. Merkwürdigerweise wehrte sich aber in den letzten Jahrzehnten kein Mann gegen Männernetzwerke und Geheimbünde, die nur Männern ein berufliches Weiterkommen erlaubte durch After-Work Vernetzungstreffen. Werden Mädchen mit  Hilfe von rosa glitzernden Überraschungseiern und kurvigen Barbies darauf getrimmt ihre Rolle als nettes Objekt für Männer zu erfüllen, so wird radikalen Feministinnen angekreidet, nicht zu sehen, das auch Jungen an ihrer Rolle leiden, die sie zwingt immer erfolgreich und stark zu sein und die sie zwingt, Frauen zu konsumieren wie Puppen. Das eine ist aber eine priviligierte Rolle der Macht und das andere die Rolle der Unterwerfung, die auch noch sexualisiert wird.

Völlig unerklärlich ist es, wieso Männer sich nicht dafür einsetzen, das Männer eine wichtige Funktion darin sehen und diese erfüllen andere Männer und Jungen zu sozialisieren, so dass sie nicht glauben, Frauen und Mädchen als Ware  konsumieren zu können, in Pornos oder in Form von prostituierten Frauen. Keine Frau wird jemals respektiert werden, solange es möglich ist mit Frauen für Bezahlung alles tun zu dürfen.

Gleichstellungsaktivismus kann auch und muss gerne stattfinden, allerdings muss dieser schon bei antisexistischer Erziehung in Kinderkrippe, Kindergarten und Schule anfangen. Medien müssen endlich geschlechtergerecht sein und es kann nicht länger sein, dass alle wichtigen handelnden Charaktere die Stärke und Handlungsmacht demonstrieren, ob in Kinderbüchern, Kinofilmen oder Spielen, männlich sind. Auch in dieser medialen Welt leben Mädchen. Natürlich wollen wir hier Gleichstellung. Wir wollen kämpferische und wilde Mädchen und Frauen als Hauptfiguren und Rollenvorbilder! Wir wollen meinetwegen unterwürfige Jungen, die sich ausschließlich über die weiblichen Hauptrollen definieren.

Wir wollen Jungen und Mädchen, die in Glitzerkleidung zusammen mit Puppen spielen können, und wir wollen Jungen und Mädchen, die in grüner Kleidung am nächsten Tag Raumschiff und Feuerwehr spielen können. Wasauchimmer. Ist das mit dem von uns geforderten Gleichstellungsaktivismus gemeint? Wir wollen nicht weniger als die Abschaffung von Gender, dieses binäre System von Macht und Ohnmacht. Wir wollen alles für alle. Und vor allem wollen wir keine Männer mehr, die glauben uns sagen zu dürfen, was wir als radikale Feministinnnen zu fordern haben.

3 Kommentare

  1. Käsestulle

    “Wir leben in einer Welt, in der 70 jährige Männer es in Ordnung finden von 18 jährigen prostituierten Frauen sexuelle „Dienstleistungen“ zu kaufen und hierbei noch zu glauben, dies würde sie nicht anekeln.”

    Und in dieser Welt nennen Feministinnen dies “Sexarbeit” und meinen, es handle sich um einen ganz normalen Job.

    “Wir leben in einer Welt, in der schon 11-12 jährige Jungen mit ihren Smartphones brutale Gewalt gegen Frauen ansehen können und dies auch tun und glauben, das Pornovergewaltigung der normale sexuelle Umgang mit Frauen ist.”

    In dieser Welt bezeichnen Feministinnen sich als sexpositiv und befürworten Pornografie und Prostitution.

    “Aus anscheinend völliger Unkenntnis heraus wird radikalen Feminstinnen ebenso oft unterstellt, Frauen das Kopftuch, den Hijab, verbieten zu wollen.”

    Und obwohl Feministinnen Rape Culture zu Recht anprangern, erkennen sie nicht, dass Verhüllungsvorschriften sichtbarer Ausdruck und Fortschreibung selbiger sind.

    “Gleichstellung ist nicht möglich in einer Welt, die von Geburt aus pinkifiziert wurde, für Mädchen.”

    Und dennoch werden Feministinnen von Pink Stinks immer wieder von Feministinnen angefeindet, da sie angeblich Frauen diskriminieren, die Pink mögen. Weil diese Feministinnen nicht willens und in der Lage sind, zu bgreifen, dass Pink nicht nur eine Farbe ist und Pinks Stinks sich nicht eindimensional gegen eine Farbe wendet.

    “Eine Studie demonstrierte zum Beispiel auch deutlich, dass Mütter die körperlichen Fähigkeiten ihrer 11-Monate alten Kinder abhängig vom Geschlecht unterschiedlich einschätzten. Natürlich trauten sie den kleinen Mädchen erheblich weniger zu.”

    Aber obwohl das ein trauriger Fakt ist, wenden Feministinnen sich nicht an Mütter.

  2. Viele Artikel bei den “störenfriedas” finde ich sehr lesenswert,aber das ständige Hetzen auf Alice Schwarzer kotzt mich nur noch an. Die Hetze ist pamphletisch und wird der Differenziertheit Schwarzscher Texte überhaupt nicht gerecht. Was soll das? Ich kann es nicht nachvollziehen.Ich betrachte es als bewusste Spalterei der gesamten Bewegung.Wo bleibt denn da die Toleranz?Kein Wunder,dass die Sache der Frauen so quälend langsam vor sich geht.

  3. Gottfried

    Ja, es ist an der Zeit das sich Männer emanzipieren und für wirkliche Gleichberechtigung einstehen – ohne weitere Erwartungshaltung.

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