Hannah – ein buddhistischer Weg zur Freiheit oder: Der Lama, die Frauen und Pegida

Als Hannah Nydahl von Dänemark 1968 mit ihrem Mann Ole Nydahl nach Tibet aufbrach, konnte sie kaum erahnen, wie sehr diese Reise ihr Leben verändern würde. Sie trafen dort den einflussreichen Drukpa-Siddha Lopön Tsechu Rinpoche, einflussreicher Lehrmeister des Buddhismus und wurden Schüler des 16. Kamarpas, des höchsten Lamas der tibetischen Karma-Kagyü-Schule. Drei Jahre blieben sie bei ihm und kehrten im Anschluss nach Europa zurück, um den Buddhismus dort seiner wachsenden Anhängerschar zugänglich zu machen. Zwei Faktoren spielten dabei eine Rolle: Die gewalttätige Unterdrückung und Zerstörung des tibetischen Buddhismus durch China und die Begeisterung der Hippies für die Lehren des Buddhismus. Hannah und Ole bereisten in 28 Jahren 80 Länder und errichteten mehrere hundert buddhistische Zentren.

Der Film “Hannah – ein buddhistischer Weg zur Freiheit” spürt diesen Reisen nach und lässt Hannah Nydahl so wie viele ihrer Weggefährten zu Wort kommen. Sie alle bezeugen ihre intensive Ausstrahlung und ihre tiefe Verinnerlichung der buddhistischen Lehren, selbst als sie in Südamerika von Guerillos entführt werden, verliert sie ihre Ruhe nicht. Der Film besteht aus Orginalaufnahmen und Interviews, die vor und nach Hannah Nydahls Tod 2007 aufgenommen wurde. Hannah Nydahls Porträt ist gelungen und einfühlsam, immer wieder staunt man beim Zusehen über den unerschütterlichen Mut dieser Frau, die nie traurig oder angestrengt wirkt. Ein wunderbarer Film über eine beeindruckende Frau – wäre da nicht der Schluss oder hätte man nicht das Gefühl, dieser Film ließe absichtlich ein paar entscheidende Informationen aus und verfolge in Wirklichkeit einen ganz anderen Zweck. Der Schluss betont immer wieder die große und tiefe Liebe und spirituelle Verbindung zwischen Ole und Hannah. Dass Ole bereits Anfang der 1980er Jahre eine sehr viel jüngere Frau als “Zweitfrau” nahm, verschweigt der Film. An anderer Stelle prahlt der Lama gerne mit den hunderten von Frauen, mit denen er bereits geschlafen hat, so ein Schweizer Sektenportal. Ole wurde 1995 selbst zum Lama, Hannah bleibt das als Frau verwehrt. Ohne Hannah, ohne ihren tiefen Zugang zum Buddhismus und der tibetischen Sprache aber, das wird in dem Film deutlich, wäre Ole nie bis dorthin gekommen. Sie hatte, das zumindest deutet der Film an, den sehr viel engeren Austausch mit dem 16. Karmapa als Ole, Ole aber verhalf der Buddhismus zu viel mehr Erfolg und Anerkennung. Er verfügt heute allein über eine Stiftung mit einem Vermögen von 12,5 Millionen, wird als Guru und Lichtgestalt vor allem von westlichen Buddhisten verehrt.

Auch der Zeitpunkt des Films wirft Fragen auf, jetzt 10 Jahre nach Hannah Nydahls Tod, insbesondere, weil im Film selbst schon auch immer wieder in ein sehr verklärendes Bild von der Ehe von Hannah und Ole abgeschweift wird, das man ohne Schwierigkeit als geschickte PR erkennen kann – und die scheint Ole Nydahl nötig zu haben: Der dänische Lama machte in den vergangenen beiden Jahren Schlagzeilen mit schwierigen Äußerungen zu Flüchtlingen und zum Islam, den er als Bedrohung sieht. Kritik ist nicht erwünscht. Ein Mitglied der Piratenpartei stellte nach einem Auftritt Nydahls am Gründonnerstag 2017 in Kassel einen Blogbeitrag mit islamfeindlichen Äußerungen des Lamas in das Netz, gegen den dieser klagte (der Artikel ist immer noch online).

In der Nordhessenschau macht er ähnliche Äußerungen zu Islam und Flüchtlingen:

Auch innerhalb des Buddhismus wird die Kritik an ihm seit Jahren immer lauter, insbesondere zu seinem Verhältnis zu Frauen und seinen Äußerungen zu Muslimen. Der Anführer der dänischen Pegida ist laut Angaben eines Schweizer Sektenportals Nydahls Schüler. Eine kurze Internetrecherche zeigt: Von dem im Film immer wieder beschwörten “Mitgefühl”, das Hannahs Kraftquelle war, ist bei Lama Ole Nydahl nicht mehr viel zu finden.

Dieser Film hätte Großartiges vermocht. Er hätte tatsächlich den ungewöhnlichen und einzigartigen Weg von Hannah Nydahl aufzeigen können, stattdessen wird er aber gerade am Ende eine einzigartige PR-Show für Ole Nydahl und hinterlässt deshalb einen bitteren Nachgeschmack, besonders aus feministischer Sicht.

Der Film kommt am 18. Januar 2018 in die Kinos.

5 Kommentare

  1. Corina Toledo

    Ich hatte ein paar Anhänger-nnen von dieser Sekte kennengelernt und mich hat nicht zum ersten Mal gewundert, wie es möglich ist, dass so gebildete Leute teilweise blind einen “Mann -Führer” folgen können! Ole Nydhal ist ja nur einer von mehreren Gurus auf dem “freien Markt” der “Schafe, die wiederum dem patriarchal-kapitalistischen System dienlich sind und eine Art “Absolution” suchen, damit sie ruhig schlafen können.

    Dabei sind auch ganze Familie im System integriert, eine davon, die als Gastgeberin galt, hat finanziell vom System profitiert – sie bezogen ein viel größeres Haus. So sind überall solche Tempel der Verehrung zu finden, die die Bücher von Nydhal verkaufen, Spenden sammeln und das wöchentlichen Treffen organisieren. So denke ich, ist das System aufgebaut.

    Ohne einen solchen Unterbau kann eine Person so was alleine nicht schaffen.

  2. Sie war ohne Frage eine beeindruckende und starke Frau. Und voller Mitgefühl, Toleranz und Liebe für ihre Mitmenschen. Dieser Friede ist es, was der Buddhismus ihr gegeben hat. Sicher akzeptierte sie ihren Partner und dessen männliche Schwächen. Ich glaube noch nicht mal, dass sie sonderlich unter seinen sexuellen Eskapaden gelitten hat, hatte sie doch im Buddhismus etwas viel Größeres und Erhabeneres gefunden. Ich finde das in gewisser Weite bewundernswert, denn was ist schon Monogamie gegen das edle Ziel des Weltfriedens?
    Wenn ich solche Lebensgeschichten lese, frage ich mich aber auch immer, ob etwas mehr Wut, Unausgeglichenheit und Egoismus manchmal besser wäre. Wie weit darf Toleranz und Liebe anderen Menschen gegenüber gehen? Vor allem, wenn sie immer nur einseitig von Frauen erbracht werden? Wäre es manchmal nicht besser, ordentlich auf den Tisch zu haben anstatt jegliche Konflikte wegzumeditieren?

  3. @Doreen, irgendwie verstehe ich, was du im ersten Absatz meinst, allerdings klingt gerade der Teil mit den “männlichen Schwächen” exakt wie der alte Evergreen “boys will be boys” – das nachsichtige Lächeln gegenüber männlich-patriarchalem Fehlverhalten. Und was hat das Fallenlassen von Monogamie mit Weltfrieden zu tun?

    Ja, ich finde Wut und Egoismus auf weiblicher Seite gut und richtig. Wut ist der Motor zur Änderung. Und die spüre ich gerade wieder in mir aufkommen, wenn ich überlege, wie immer und immer wieder Männern Vorrechte und das Ausleben von Egoismen und Narzißmus, die in Sexismus grundieren und sich in Form von Sexismus manifestieren, nachgesehen wird.
    Ich sehe das buddhistische Ideal der Ego-Überwindung, wenn sie gegen die eigenen Gefühle geht, als eine schädliche Selbstbeschneidung. Und im Falle von Frauen füttert genau dies eben rein zufällig mal wieder strukturellen Sexismus. Nein danke!

    Es kann natürlich sein, dass eine Frau tatsächlich so große Ausgeglichenheit erlangt hat, dass sie alles versteht und ihr dadurch die Arschigkeit ihres eigenen Mannes am Arsch vorbei geht. Aber was will sie dann mit so einem wie Nydahl? Warum mit einem, der selbst so sehr in seinem Ego verhaftet ist und offensichtlich spirituell nicht auf ihrer Höhe ist, sich so eng verbinden? Und wo ist eigentlich das Mitgefühl – ebenfalls eine Säule des Buddhismus – mit den Frauen? Sowohl denen, die seriell als Eroberungs-, Sex- und Egokick-Objekt von Nydahl benutzt wurden, als auch Frauen allgemein, die durch die Akzeptanz einen solch sexistischen Verhaltens weiter als Menschen zweiter Klasse gesehen werden? Oder ist das nunmal “Karma”, und wir haben uns das selbst eingebrockt?

    Übrigens: die Idee des Karma bevorteilt ganz zufälligerweise immer diejenigen, die strukturell bevorzugt sind, ist also eine machterhaltende und -bejahende Ideologie. Das geht bis dahin, dass Buddhisten den Holocaust als Ergebnis von Karma deuten – was ja letztlich konsequent ist. Und wohl nicht zufällig gibt es teilweise engen Kontakten zwischen Buddhisten und Nazis. Einfach mal etwas extensiver dazu im Netz recherchieren, da findet frau einiges, auch zum Phänomen der Dakinis, Frauen, die entgegen der Keuschheitsideologie (noch so ein lebensfeindliches Konzept) heimlich von “erleuchteten” Meistern (sind ja immer Männer) sexuell benutzt werden. Der Obererleuchte /Die Oberleuchte Dalai Lama befand übrigens, eine weibliches Oberhaupt des Buddhismus käme nur in Frage, wenn sie hübsch sei. Klingt wahnsinnig erleuchtet.

    Fazit: genauso ein patriarchaler Scheißverein wie alle anderen Religionen.

  4. PS: zum Thema Dakinis ist das Buch von Jane Campbell “Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen” empfehlenswert, die aus eigener Erfahrung berichtet und Hintergrundinfos dazu liefert.

  5. Gunhild: Herrlich Dein obiges Fazit: „Genauso ein patriarchaler Scheißverein wie die anderen Religionen.“ – Wenn man erstmal die Initialzündung zum wirklichen Nachdenken über Religionen und dem anfänglich langsamen Verlassen religiöser Gehirnwäsche geleistet hat,irgendwann im Leben, baut sich eine unglaubliche Wut auf,die permanent steigeungsfähig ist, über all diesen dummen,kindischen, vor Widersprüchen triefenden,menschenverachtenden Scheiß .

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