Hört auf, Vergewaltigung mit schlechtem Sex gleichzusetzen!

Der inflationäre Gebrauch von Wörtern tut ihren Bedeutungen selten gut. “Depression” und “Rassismus” sind zwei gute Beispiele dafür, die Liste ist erweiterbar. “Vergewaltigung” ist auf dem besten Weg, zu einem Buzzword zu verkommen – dank #metoo und aktuell dem New Yorker Artikel “Cat Person”.

“Machst du noch dieses Feminismus Ding?”, fragte mich mein Onkel letztens am Telefon. Ich druckste ein bisschen herum und sagte dann: “Ne, irgendwie nicht.” “Ist was passiert?”, wollte er wissen und über diese Frage dachte ich noch nach, als ich mir heute morgen die Zähne putzte.

Ja. Es ist etwas passiert. Es begann mit der #metoo Debatte. Erst freute ich mich. Schon vor Monaten stellte ich mir vor, was passieren würde, wenn alle, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, das auf ihren Profil teilen, was für ein eindrucksvoller Beweis geschlechtlicher Unterdrückung und der diametralen Gewalt zwischen Männern und Frauen es wäre, das auf diese Weise sichtbar zu machen.

Dann kam #metoo und ich fühlte: gar nichts. Ich las auf Twitter und da regte sich nichts. Reiche, wohlhabende Frauen mit großer Zuhörerschaft schrieben über ihre Erlebnisse mit mächtigen, weißen Männern. Mächtige Wellen von Solidarität und Mitgefühl wogten durch die sozialen Netzwerke. Der Reihe nach bekannten sich unter meinen Kontakten auf Facebook, Twitter und sonst wo Frauen dazu, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Oder, warte mal – war es nicht doch anders? Ja, viele berichteten wirklich von sexueller Gewalt und ich kann nur erahnen, wie viel Mut sie das gekostet hat. Dann fragte ich mich – warum machst du das nicht auch? Ich konnte nicht. Ich sprach mit anderen und es stellte sich heraus, dass es ihnen ähnlich ging. In den geposteten Beiträgen ging es nämlich zu großen Teilen um unerwünschte Berührungen, sexuelle Belästigung, psychische Gewalt, es ging aber auch oft um Sexismus und gescheiterte Beziehungen und One Night Stands. Als ginge ein Virus um, schrieb eine nach der anderen von ihrem persönlichen #metoo Erlebnis und alle bekundeten einander fleißig Anteilnahme. “Mein Freund war immer gemein zu mir. #metoo”. “Er nannte mich Schlampe beim Sex. #metoo”. Betroffene sexueller Gewalt zu sein, wurde in den letzten Wochen und Monaten trendy, en vogue und chic. Alle versicherten einander, dass die jeweils andere ihre “Heldin” sei und hoben sich wechselseitig auf ein Podest.

Ohrenbetäubendes Schweigen

Wer nicht schrieb, wer nicht laut wurde, das waren die, die es nicht können. Nicht können, weil es ihnen schaden würde, weil sie noch in der Beziehung mit dem Täter stecken, Kinder mit ihm haben, weil sie ihren Job verlieren würden oder schlimmer noch: Weil niemand mehr je etwas anderes in ihnen sehen würde, als eine, die vergewaltigt wurde, einen Scherbenhaufen. Da besteht nämlich ein Unterschied. Sexuelle Belästigung ist grenzüberschreitend – und lästig. Sie ist permanenter Ausdruck dessen, dass wir Frauen nicht gleichberechtigt sind, sondern vor allem Objekte. Das anzuprangern, ist richtig. Es Vergewaltigung zu nennen, nicht. Denn das relativiert den Schmerz, den all die Frauen aushalten müssen, die wirklich vergewaltigt wurden. Ja, ich schreibe das. Wirklich. Wirklich im Sinne von: überwältigt, hilflos, gezwungen. Wer dir an das Knie fasst, zwingt dir seine Nähe auf. Das ist etwas ganz anderes, als sich unter Gewalt IN DEINEN Körper zu zwingen. Vergewaltigung bedeutet, dass der Täter dein Leben bedroht, dich schwer verletzt, jede deiner Grenzen mit purer Gewalt einreißt, um sich deines Körpers auf brutalste Weise zu bedienen und damit rechnen kann, davon zu kommen. Die Integretität deines Körpers, deiner Persönlichkeit wird aufgehoben, zurück bleibt ein Scherbenhaufen. Sexuelle Belästigung ist nicht gleich Vergewaltigung. Das zu relativieren, heißt, die Opfer sexueller Gewalt zu verhöhnen, zu relativieren, was sie erlitten haben. “Das haben wir doch alle schon erlebt, warum stellst du dich so an?”, heißt es dann. Wenn alle Begriffe, die wir haben, um sexuelle Gewalt  zu erklären, bereits für ungewollte Berührungen draufgehen, wie sollen wir sie dann noch steigern? Was bleibt dann für die echten Opfer, welche Begriffe können sie dann noch benutzen, um klar zu machen, warum sie ein Scherbenhaufen sind?

Wenn alles Vergewaltigung ist, dann ist nichts Vergewaltigung

Der Gipfel des neuen Vergewaltigungstrend ist der New Yorker Artikel “Cat Person”, in dem eine junge Frau von ihrer misslungenen Interaktion mit einem älteren Mann erzählt. Der Typ ist alt, dick und ignorant. Sie initiiert den Sex mit ihm, doch als er loslegt, ist es ganz furchtbar. Sie tut nichts, lässt sich nach eigenen Beschreibungen herumschleudern wie eine Puppe. Dann geht sie, er ist gekränkt und nennt sie später Hure. Was für ein Arschloch! Ja, ist er. Er ist ein Sexist und misogyn. Aber er ist kein Vergewaltiger! Was sie beschreibt ist keine Vergewaltigung, es ist schlechter Sex. Über den muss sie sich nicht wundern – sie hätte diese Interaktion ja selbst gestalten und steuern oder beenden können. Hat sie nicht. Warum? Weil sie ihn nicht verletzen wollte oder den Erwartungen entsprechen. Weil sie es nicht besser wusste. Es ist schlimm, dass sie so denkt. Es zeigt, wie wir Frauen in unsere Unterdrückung hineinsozialisiert werden. Es ist aber keine Vergewaltigung und es ist auch nicht die Schuld des Mannes, mit dem sie interagiert hat. Menschen begegnen sich und manchmal fühlt der eine was, was der andere nicht fühlt, manchmal schläft man trotzdem oder gerade deswegen miteinander und so richtig gut fühlt man sich danach nicht. Warum das so ist, welche Ideen da in unseren Köpfen spuken und warum wir nicht vorher erkennen, dass wir auf den Typ nicht können, das muss man sich in der Tat anschauen. Aber nicht unter der Überschrift “Vergewaltigung”. Die gehört denen, die in die Sprachlosigkeit und Unsichtbarkeit verdrängt werden – ja, auch von euch, wenn ihr Vergewaltigung inflationär einsetzt. Das Wort nutzt sich ab, es verliert die Heftigkeit seiner Aussage und dahinter verschwinden auch die Taten.

Vor knapp einem Jahr haben wir gemeinsam darum gekämpft, dass die Sprache über sexuelle Gewalt nicht verharmlost werden darf. Opfer muss Opfer heißen dürfen, Täter als solche benannt werden. Und nun, noch nicht einmal 12 Monate später, wird “Vergewaltigung” zum populärsten Buzzword unter Feministinnen. Total beliebig. “Der Typ hat mich angerempelt. Vergewaltigung!” – “Der Bus ist weg – Vergewaltigung!” –  dieses ständige Behaupten, alle möglichen Situationen seien Vergewaltigung, die es per Definition nicht sind, ist ein Schlag in das Gesicht all jener, die wirklich mal in der Situation waren, eine Vergewaltigung ertragen zu müssen. Es ist eine unerträgliche Verharmlosung und es spielt dem Patriarchat direkt in die Karten: Wenn alles Vergewaltigung ist, dann ist gar nichts mehr Vergewaltigung, dann muss man die, die beispielsweise eine anzeigen, nicht mehr ernst nehmen. Diese Unschärfe ist ein Ausdruck unfassbarer Ignoranz gegenüber den Betroffenen und zeugt davon, dass sich der Feminismus eben auch in seiner eigenen Bubble bewegt. Wer zum Club dazu gehört, muss was vorweisen. Da ist das Label “vergewaltigt” super schick, hipsteresk fast. Gibt es schon T-Shirts mit #metoo? Taschen? Oder müssen wir jetzt in den folgenden Wochen lauter “Cat Person” follow ups lesen, in denen Frauen darüber berichten, dass Sex manchmal richtig mies ist und Männer Bäuche haben. Bärte auch. Diese Ungeheuer! Diese Tiere! Damit wird alles zunichte gemacht, was in langen Debatten und Analyse erkämpft worden ist, was bleibt sind Hashtags und Überschriften und eine sich ständig ihrer selbst vergewissernden Community, die nichts, aber auch gar nichts mehr dafür tut, dass sich an den Umständen etwas ändert. Der Grund liegt nahe: Wer braucht schon Feminismus, wenn sie ihn nicht als Label, sondern als Aufgabe auffasst? “Es gibt keinen Anspruch auf Sex” ist so ein Credo unserer Bewegung. Das bedeutet auch, es gibt keinen Anspruch auf guten Sex. Auch nicht für uns Frauen. So zu tun, als sei deshalb jeder Mann ein Vergewaltiger und jeder Sex, der unseren Erwartungen nicht entspricht, Vergewaltigung, bestätigt auf absurde Weise die Zerrbilder, die Antifeministen über Feministinnen verbreiten. Bitte, hört damit auf!

23 Kommentare

  1. Ja, sehe ich auch so.
    Nur, ….die Übergänge sind halt manchmal fliessend, was es oft so schwierig macht mit der Definition. Sowohl für Frauen, Männer sowieso und auch Richter. Aber ohne diese Unterscheidung in miesen (halb-ungewollten) Sex und Vergewaltigung (inkl. Todesangst) wird tatsächlich alles verwässert, was zur Bagatellisierung aller wirklichen Vergewaltigungen führt.

  2. Vergewaltigung ist Vergewaltigung und nichts anderes. Wer diesen Begriff und seine Bedeutung mißbraucht, mißbraucht die Opfer der Vergewaltiger gleich noch einmal. Ich stimme Dir, Mira, ohne Einschränkungen zu und ich weiß, wovon ich spreche. Dieser ganze Pop-Feminismus bzw. die Libertinage, die sich als Feminismus kleidet, zerstört alles und ist letztlich misogyn.

  3. Guter Artikel.
    Bei mee-too wird alles in einen Topf geschmissen.
    Eine Vergewaltigung ist eine Straftat, die geahndet werden muss, aber heute wird schon jedes ungeschickte Kompliment aufgebauscht.

  4. Männlich links

    Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Vielleicht noch interessant, dass der #-Aktivismus in Hollywood begann und sofort in die Unterhaltungsindustrie überführt wurde. Dass dort erfolglose Frauen und auch Männer direkt in die Pornoindustrie weitergeleitet werden und kaum eine Frau ohne Chirurgie auf den roten Teppich kommt, hat ja in der Debatte kaum eine Rolle gespielt. Jedenfalls habe ich mich gefreut, dass Mira mehr auf das Gemeinsame als auf das Trennende hingewiesen hat. Das hätte auch dem oberflächlichen Beitrag über die “Diskriminierung” von Kinderlosen gut getan – mein etwas polemischer Kommentar wurde leider nicht veröffentlicht. Aber gut zu wissen, dass es auch im Feminismus noch ernsthafte Stimmen gibt, zumal Frauen wie Ihr von dem A***** Schmacht bei MM ja mal wieder richtig schön eingeschenkt bekommt https://missy-magazine.de/blog/2017/12/12/das-elend-mit-den-swerfs/.

  5. Bin etwas verwundert, denn dass man mit dem Sprechen über sexuelle Belästigung Vergewaltigung relativieren wolle, habe ich bisher nur von Männern gehört, die halt nix davon hören wollten. (Nach dem Motto, wenn du nicht mindestens vergewaltigt worden bist kannst eh gleich die Klappe halten).
    Bei #metoo geht es doch – im Gegensatz zu zb. #aufschrei – explizit nicht nur um Vergewaltigung, sondern auch um Belästigung und Sexismus. Dadurch wird doch eine Hand am Knie nicht mit Vergewaltigung gleichgesetzt, natürlich ist das ein Unterschied, da behauptet sicher niemand mit Verstand das Gegenteil.

    (Den Cat Person Artikel hab ich noch nicht gelesen, ich beziehe das allgemein auf #metoo)

  6. Männlich links

    @Mitzi
    Aber bei #metoo ging es doch zu Beginn sehr wohl um Vergewaltigung und weitere Straftaten. Der entscheidende Satz im Beitrag ist m.E.: “Dann kam #metoo und ich fühlte: gar nichts.”
    Ging und geht mir genau so. Wenn jede soziale Interaktion so oder so Sexismus (oder Rassismus) ist bzw. nicht mehr die Intention oder Tat sondern nur noch die subjektive Wahrnehmung ausschlaggebend ist, bleibt außer moralischer Empörung oder Ignoranz am Ende gar nichts. Denn dann geht es auch nicht mehr darum, ob es ganz handfeste Täter und Opfer von Gewalt gibt, sondern nur noch um die individuelle “Positionierung”. Vor einigen Monaten erschien hier ein Artikel über eine Posse um eine Band namens “Wolf Down” und da konnte man im Kleinen sehen wie Debatten aus dem Ruder laufen. Da ging es zunächst um ganz offensichtliche Straftaten. Hat über Jahre keine und keinen gejuckt. Dann kam der Stein ins Rollen und plötzlich kamen Vorwürfe wie “der hat ‘nen doofen Witz gemacht”. Und dann kam als Tiefpunkt der vermeintliche Täter mitsamt seiner Gesinnungsgenossen mit einem sinngemäßen “oh wir armen Männer sind ja so ahnungslos in eine sexistische Struktur eingewoben und werden mal eine Therapie machen”. Und genau deswegen ist der Beitrag von Mira Sigel so wichtig: Bei allen Strukturen, Narrativen und -ismen sind wir immer noch willentlich handelnde Menschen die wissen können und müssen, was geht und was nicht geht und was ich in einer pluralen Gesellschaft ertragen muss und was nicht. Und darüber, was Sexismus oder sexistisch ist kann man gerne hart diskutieren, über tatsächliche Gewalt und Straftaten nicht. Mit “Klappe halten” hat das m.E. nichts zu tun.

  7. Ich verstehe den Zorn, der entsteht, wenn das verwechselt wird. Ich wurde vergewaltigt – ganz legal übrigens. Und es hat mich auch schon oft wütend gemacht, wenn…

    Aber das hat sich – auch durch mein Erleben – ein bisschen geändert. Zwei Erlebnisse waren dafür ausschlaggebend.
    Eines, was ich selbst erlebt habe, eines, was einer anderen Frau widerfahren ist.

    Beides waren keine Vergewaltigungen. Es waren sexuelle Grenzüberschreitungen, die massiv waren.

    Die, die mich betroffen hat, hat mich mehr getroffen und verletzt als die Vergewaltigung. Sie hat in mir etwas anderes zerstört als das, was die Vergewaltigung zerstört hat. Irgendwie war ich auf die mehr vorbereitet, so gruselig das auch klingen mag.

    Das andere war das Erlebnis einer anderen Frau, über das ich anfangs eher müde lächelte, weil ich dachte, dass ich wirklich viele Frauen kenne, die deutlich Schlimmeres erlebt haben.

    Aber das, was sie erzählte, war so perfide, so grausam auf den zweiten Blick, dass ich mich wegen meines “müden Lächelns” plötzlich schämte und dachte, dass ich wohl aufgrund dessen, was mir selbst oder auch anderen mir nahen Frauen widerfahren ist, unnahbar und hart geworden bin für Leid, das weniger krass aussah. Aber nicht zwangsläufig auch war. Das wollte ich nicht…

    Damit will ich keine Vergewaltigung kleinreden, nichts liegt mir ferner. Ich kenne viele Frauen, die das verständlicherweise nicht verkraften konnten. Selbst hatte ich das große Glück, an eine tolle Therapeutin zu gelangen. Manches wird nie mehr heile, aber wenn man sehr, sehr viel Glück hat und Unterstützung erhält, findet man Möglichkeiten, damit umzugehen. Irgendwie. Und das wünsche ich jeder Frau – viel, viel Glück und Unterstützung.

  8. @Männlich Links

    “Aber gut zu wissen, dass es auch im Feminismus noch ernsthafte Stimmen gibt, zumal Frauen wie Ihr von dem A***** Schmacht bei MM ja mal wieder richtig schön eingeschenkt bekommt…”

    Können Sie das bitte erläutern?

  9. Ich finde den Artikel schwierig. Natürlich ist es nicht gut, alles durcheinander zu werfen. Aber auch ich habe schon beides erlebt: Vergewaltigung und das, was hier – in meinen Augen – etwas euphemistisch als schlechter Sex bezeichnet wird, als ebenso junge Frau wie die in Cat Person, mit eben der Angst und eben der Unfähigkeit, mich zu wehren. Die Übergänge sind so fließend, letztlich freue ich mich eher darüber, dass so viele Frauen den Mut finden, sich zu äußern. Der Aktion und mir nimmt es nichts, wenn manches schwerer wiegt als anderes. – Mir scheint, wir müssen dringend einmal über die Definition von schlechtem Sex reden und die Grenzen zu Missachtung, Übergriffigkeit, Machtausübung etc.

  10. Männlich links

    @Anna K
    https://missy-magazine.de/blog/2017/12/12/das-elend-mit-den-swerfs/

    Nun ja, wenn jemand Radikalfeministinnen, die sich gegen Prostitution engagieren, in einem unerträglich ironischen/zynischen Tonfall als “Sexwork hassende[n] Autor*innen” bezeichnet und diese dann gleich noch dafür verantwortlich macht, dass er bei seiner ach so coolen Tätigkeit als Prostituierter Gewalt ausgesetzt ist (zumal ich mir ziemlich sicher bin, dass es sich bei Schmachts oder Frau Stephanis Ergüssen weitgehend um fiktive Literatur handelt), wird das wohl auch ein derber Seitenhieb auf die “Friedas” gewesen sein. Und gerade in diesen Kreisen scheint es mir üblich zu sein, 1. den Begriff “Sexismus” so lange zu verwässern, bis alles und nichts darunter fällt und 2., noch schlimmer, das Problem nur noch auf der individuellen und psychologischen Ebene abzuhandeln, so dass am Ende außer breiter und erregter “Empörung” per # nichts bleibt und tatsächliche und potentielle Opfer mit ihren Anliegen in diesem Brei untergehen. Sehr erhellend fand’ ich in diesem Zusammenhang eine Diskussion in der ARD vor Kurzem, in der sich selbst jemand wie Verona Pooth unwidersprochen als feministische Ikone präsentieren konnte. Und in diesem Kontext der Banalisierung von real existierenden Problemen, ein weiteres Beispiel wäre vielleicht die im Moment häufig von Männern gewählte kommunikative Strategie der “demonstrativen Zerknirschung”, fand’ ich den Beitrag von Mira Sigel eben sehr erhellend und zielführend, gerade weil derartige Positionen in der derzeitigen “Debatte”, soweit es die breite Medienöffentlichkeit (bestes Beispiel Talkshows und ZON) anbelangt, wenig Raum finden und ich mich da auch als Mann und an feministischen Diskursen nur bedingt interessierter Mensch problemlos wiederfinden kann.

  11. @Männlich links

    Danke für die Klarstellung, denn “…Frauen wie Ihr … richtig schön eingeschenkt bekommt…” hörte sich eher wie Schadenfreude oder Schlimmeres an. Sei’s drum, “eingeschenkt bekommen” kann frau m.E. nach nur von jemanden, der eine gewisse Kompetenz hat, diese kann ich beim Missy Magazin nicht beobachten.

  12. Männlich links

    @Anna K
    Oh, dann hatte ich mich etwas unglücklich ausgedrückt. Die oder auch nur eine Kompetenz kann ich bei MM auch nicht erkennen, nur scheint mir diese Richtung leider medial ziemlich überrepräsentiert zu sein. Bei ZON war neulich ein guter Beitrag aus der gedruckten Zeit über das Problem der “Identitätspolitiken” in den USA, der recht ausgewogen daherkam. Ein Kommentator merkte da etwas bissig an, dass das Jugendmagazin der Zeit z.ett (gleiches gilt wohl für Bento von SPON) eben diese neoliberale Variante von “Emanzipation” sehr offensiv vertritt. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass “traditionelle” feministische oder auch sonstige progressive Ansätze gerade “platt gemacht” werden.

  13. Es kommt halt sehr darauf an warum der Sex schlecht ist. Wenn die Partner/innen es einfach nicht schaffen einander ihre Bedürfnisse zu kommunizieren ist es zwar momentan dumm gelaufen, aber das kann man ja lernen. Wenn die Ursache für den schlechten Sex die ist, dass der Mann das Huren-Madonnen-Syndrom im Kopf hat, und die Frauen dafür hasst, dass sie ihn sexuell erregen, ist es nicht mehr so harmlos. Weil da kann dann die Grenze zur sexualisierten Gewalt fliessend sein.

  14. Männlich links

    @Charybdis
    “Wenn die Ursache für den schlechten Sex die ist, dass der Mann das Huren-Madonnen-Syndrom im Kopf hat, und die Frauen dafür hasst, dass sie ihn sexuell erregen, ist es nicht mehr so harmlos. Weil da kann dann die Grenze zur sexualisierten Gewalt fliessend sein.”

    Wie Mira Sigel dargelegt hat ist die Grenze eben nicht fließend sondern sehr real. Und die Küchentischpsychologie a la Syndrom ist womöglich etwas simpel und mit Worten wie “Hass” sollte man/frau auch etwas sparsamer umgehen. Zumal ich mich durchaus frage, warum feministisch interessierte Frauen mehr Umgang mit pathologischen oder vermeintlichen Frauenhassern haben als ich als männlicher Durchschnittstyp…

  15. Männlich links: Zu Deiner letzten Frage: Die Antwort ist ganz einfach – weil Du ein Mann bist.

  16. Gabypsilon

    @Männlicher Durchschnittstyp: Wisse, auch nicht feministisch interessierte Frauen haben mehr Umgang mit “pathologischen oder vermeintlichen” Frauenhassern als Du. Die Antwort darauf, weshalb das wohl so ist, hat Dir Jutta ja schon gegeben.

  17. @Jutta und Gabypsilon:
    Danke fürs Antworten. Tja, so reagieren die männlichen Durchschnittstypen wenn sie selber insgeheim Frauen in Huren und Madonnen einteilen und sich deshalb kritisiert fühlen. Das pro-feministische Mäntelchen tut dem keinen Abbruch.

  18. Sarah Kim

    Es ist verletzend dass in dem Artikel Schadens-Kategorien errichtet werden, in dem das Leid und die Problematik nicht unter Todesangst vergewaltigter Frauen in Frage gestellt wird. Es wird in Frage gestellt, eigentlich angeprangert. Sehr überlegt und reflektiert werden verschiedene Verbrechen in Kotext zueinander gesetzt – es ist ein Verbrechen dass Mädchen und Frauen nicht darin erzogen werden und wurden Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen im positivstem Sinne- sexuelle Selbstbestimmung!- (Sozialisation), dass macht es aber nicht besser. Ich finde auch grade in den Kommentaren wird deutlich dass ein Dialog mit dieser Einstellung eröffnet wird, den die Queer community schon bitterlich ausfechten: Kategorisieren, Schutzräume entwerfen, Grenzen ziehen – nicht um eine Besserung für Diskriminierte herbei zu führen, sondern um ein Vorrecht auf Anerkennung heraus zuarbeiteten, das am Ende nichts, aber auch Garnichts hervor bringt. Ich glaube ich kann die Beweggründe der Autorin verstehen – für mich spiegelt sich in dem Artikel ein persönliches Erleben wieder, was keine angemessene Resonanz bekommt oder bekam. – Schlechter Sex, ist maximal langweilig, aber wenn Ängste entstehen, Hilflosigkeit, Missbrauch oder Vergewaltigung passiert, dann ist es kein schlechter Sex sondern erlebte Gewalt.

  19. Sarah Kim

    Aber, und – ich finde es mutig dass du hier schreibst und einen Dialog, oder Denkanstöße verursachst. Danke!

  20. Das BESTE BESTE was zu dem ganzen Thema seit langem geschrieben wurde. Liebe Mira Siegel: Danke dass Du sehen, denken und schreiben kannst. Hatte diese Kombination schon abgeschrieben.

  21. Katrinchenbienchen

    Ich muss dich zunächst darauf hinweisen das cat Person eine fiktive Kurzgeschichte ist die von einer Frau geschrieben wurde, die aufgrund von der #metoo Debatte ein Gespräch darüber in Gang bringen wollte wo die Grenzen zwischen schlechtem Sex und einer Vergewaltigung liegen. Zweitens finde ich es nicht richtig den Sexualpartner komplett aus der Verantwortung zu nehmen sich hin und wieder zu vergewissern wie es dem anderen während des Sex geht. Ich stimme zu das es keine Vergewaltigung war aber der Mann hätte in dieser Geschichte trotzdem Rücksichtsvoller handeln sollen. Zuletzt möchte ich noch anmerken das nicht jede Vergewaltigung brutal und unter Todesangst stattfinden muss, eine Vergewaltigung ist jedes ungewollte sexuelle Eindringen in den Körper.

  22. Butterblume

    Ich finde den Beitrag irgendwie schwierig. Ich finde jede Aussage schwierig, die mir erzählt, dass mein erlebter Schmerz nicht so wichtig (schlimm) ist, wie der Schmerz von xy. Besonders noch die letzte Aussage, das ich damit aufhören soll. Aufhören zu erzählen, was mir an Grenzüberschreitung und Gewalt passiert ist.
    Ich verstehe auch diese Abwägerei innerhalb der Gewalt/Unterdrückung nicht.
    Sicherlich ist objektiv betrachtet vorstellbar, dass eine Vergewaltigung eher traumatisch ist, als ein sexistischer Übergriff a la “ausversehenes” Getatsche in der Metro. Aber auch nur objektiv betrachtet.
    Niemand weiß wirklich etwas von den Menschen, die etwas zu diesem Thema posten und warum sie es genau so formulieren, wie sie es getan haben. Ich denke keine einzige Frau möchte damit zum Ausdruck bringen, ihr Erlebnis sei schlimmer als ein anderes. Das ist ja kein Wettbewerb.
    Ich erlebe all diese Frauen, als gedemütigte Betroffene, und finde jede einzelne hörbare Stimme gut!
    Diesen Menschen jetzt den schwarzen Peter zuzuschieben, sie seien Schuld bzw. Mitschuld, wenn man Straftaten, wie Vergewaltigungen, in Zukunft nicht mehr ernst genug nehmen würde, finde ich nicht richtig.
    Ich sehe nur einen Schuldigen. Das ist der Vergewaltiger und das Patriarchat, nämlich genau so, wie wir Frauen es täglich seit unserer Geburt erleben. Das Mann das alles tun kann, weil er es eben kann und niemand ihn aufhält.
    Ich bin nun schon etwas älter (55) und genieße es gerade etwas aus dem Fokus der Männerwelt gerückt zu sein.
    Seit meiner jüngste Kindheit habe ich so einiges erlebt an sexuellem Missbrauch, körperlicher und psychischer Gewalt. Ich bin heute ein körperliches und seelisches Wrack.
    Wenn ich mich Frage, welches meiner Erlebnisse dazu geführt haben denn so zu werden, ist meine Antwort folgendes. Es sind/waren bei mir die täglichen kleineren Dosen “Gift” an Erniedrigungen, an Verleugnungen und Schuldzuweisungen, die mich nachhaltig geschädigt haben.
    Ich finde jedes Gewaltopfer hat das Recht seine Stimme zu erheben, ohne das es als Affront gegen ein anderes Gewaltopfer gesehen werden kann. Warum dieser Zorn auf die eigenen Reihen?

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