Hört auf, Vergewaltigung mit schlechtem Sex gleichzusetzen!

Der inflationäre Gebrauch von Wörtern tut ihren Bedeutungen selten gut. “Depression” und “Rassismus” sind zwei gute Beispiele dafür, die Liste ist erweiterbar. “Vergewaltigung” ist auf dem besten Weg, zu einem Buzzword zu verkommen – dank #metoo und aktuell dem New Yorker Artikel “Cat Person”.

“Machst du noch dieses Feminismus Ding?”, fragte mich mein Onkel letztens am Telefon. Ich druckste ein bisschen herum und sagte dann: “Ne, irgendwie nicht.” “Ist was passiert?”, wollte er wissen und über diese Frage dachte ich noch nach, als ich mir heute morgen die Zähne putzte.

Ja. Es ist etwas passiert. Es begann mit der #metoo Debatte. Erst freute ich mich. Schon vor Monaten stellte ich mir vor, was passieren würde, wenn alle, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, das auf ihren Profil teilen, was für ein eindrucksvoller Beweis geschlechtlicher Unterdrückung und der diametralen Gewalt zwischen Männern und Frauen es wäre, das auf diese Weise sichtbar zu machen.

Dann kam #metoo und ich fühlte: gar nichts. Ich las auf Twitter und da regte sich nichts. Reiche, wohlhabende Frauen mit großer Zuhörerschaft schrieben über ihre Erlebnisse mit mächtigen, weißen Männern. Mächtige Wellen von Solidarität und Mitgefühl wogten durch die sozialen Netzwerke. Der Reihe nach bekannten sich unter meinen Kontakten auf Facebook, Twitter und sonst wo Frauen dazu, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Oder, warte mal – war es nicht doch anders? Ja, viele berichteten wirklich von sexueller Gewalt und ich kann nur erahnen, wie viel Mut sie das gekostet hat. Dann fragte ich mich – warum machst du das nicht auch? Ich konnte nicht. Ich sprach mit anderen und es stellte sich heraus, dass es ihnen ähnlich ging. In den geposteten Beiträgen ging es nämlich zu großen Teilen um unerwünschte Berührungen, sexuelle Belästigung, psychische Gewalt, es ging aber auch oft um Sexismus und gescheiterte Beziehungen und One Night Stands. Als ginge ein Virus um, schrieb eine nach der anderen von ihrem persönlichen #metoo Erlebnis und alle bekundeten einander fleißig Anteilnahme. “Mein Freund war immer gemein zu mir. #metoo”. “Er nannte mich Schlampe beim Sex. #metoo”. Betroffene sexueller Gewalt zu sein, wurde in den letzten Wochen und Monaten trendy, en vogue und chic. Alle versicherten einander, dass die jeweils andere ihre “Heldin” sei und hoben sich wechselseitig auf ein Podest.

Ohrenbetäubendes Schweigen

Wer nicht schrieb, wer nicht laut wurde, das waren die, die es nicht können. Nicht können, weil es ihnen schaden würde, weil sie noch in der Beziehung mit dem Täter stecken, Kinder mit ihm haben, weil sie ihren Job verlieren würden oder schlimmer noch: Weil niemand mehr je etwas anderes in ihnen sehen würde, als eine, die vergewaltigt wurde, einen Scherbenhaufen. Da besteht nämlich ein Unterschied. Sexuelle Belästigung ist grenzüberschreitend – und lästig. Sie ist permanenter Ausdruck dessen, dass wir Frauen nicht gleichberechtigt sind, sondern vor allem Objekte. Das anzuprangern, ist richtig. Es Vergewaltigung zu nennen, nicht. Denn das relativiert den Schmerz, den all die Frauen aushalten müssen, die wirklich vergewaltigt wurden. Ja, ich schreibe das. Wirklich. Wirklich im Sinne von: überwältigt, hilflos, gezwungen. Wer dir an das Knie fasst, zwingt dir seine Nähe auf. Das ist etwas ganz anderes, als sich unter Gewalt IN DEINEN Körper zu zwingen. Vergewaltigung bedeutet, dass der Täter dein Leben bedroht, dich schwer verletzt, jede deiner Grenzen mit purer Gewalt einreißt, um sich deines Körpers auf brutalste Weise zu bedienen und damit rechnen kann, davon zu kommen. Die Integretität deines Körpers, deiner Persönlichkeit wird aufgehoben, zurück bleibt ein Scherbenhaufen. Sexuelle Belästigung ist nicht gleich Vergewaltigung. Das zu relativieren, heißt, die Opfer sexueller Gewalt zu verhöhnen, zu relativieren, was sie erlitten haben. “Das haben wir doch alle schon erlebt, warum stellst du dich so an?”, heißt es dann. Wenn alle Begriffe, die wir haben, um sexuelle Gewalt  zu erklären, bereits für ungewollte Berührungen draufgehen, wie sollen wir sie dann noch steigern? Was bleibt dann für die echten Opfer, welche Begriffe können sie dann noch benutzen, um klar zu machen, warum sie ein Scherbenhaufen sind?

Wenn alles Vergewaltigung ist, dann ist nichts Vergewaltigung

Der Gipfel des neuen Vergewaltigungstrend ist der New Yorker Artikel “Cat Person”, in dem eine junge Frau von ihrer misslungenen Interaktion mit einem älteren Mann erzählt. Der Typ ist alt, dick und ignorant. Sie initiiert den Sex mit ihm, doch als er loslegt, ist es ganz furchtbar. Sie tut nichts, lässt sich nach eigenen Beschreibungen herumschleudern wie eine Puppe. Dann geht sie, er ist gekränkt und nennt sie später Hure. Was für ein Arschloch! Ja, ist er. Er ist ein Sexist und misogyn. Aber er ist kein Vergewaltiger! Was sie beschreibt ist keine Vergewaltigung, es ist schlechter Sex. Über den muss sie sich nicht wundern – sie hätte diese Interaktion ja selbst gestalten und steuern oder beenden können. Hat sie nicht. Warum? Weil sie ihn nicht verletzen wollte oder den Erwartungen entsprechen. Weil sie es nicht besser wusste. Es ist schlimm, dass sie so denkt. Es zeigt, wie wir Frauen in unsere Unterdrückung hineinsozialisiert werden. Es ist aber keine Vergewaltigung und es ist auch nicht die Schuld des Mannes, mit dem sie interagiert hat. Menschen begegnen sich und manchmal fühlt der eine was, was der andere nicht fühlt, manchmal schläft man trotzdem oder gerade deswegen miteinander und so richtig gut fühlt man sich danach nicht. Warum das so ist, welche Ideen da in unseren Köpfen spuken und warum wir nicht vorher erkennen, dass wir auf den Typ nicht können, das muss man sich in der Tat anschauen. Aber nicht unter der Überschrift “Vergewaltigung”. Die gehört denen, die in die Sprachlosigkeit und Unsichtbarkeit verdrängt werden – ja, auch von euch, wenn ihr Vergewaltigung inflationär einsetzt. Das Wort nutzt sich ab, es verliert die Heftigkeit seiner Aussage und dahinter verschwinden auch die Taten.

Vor knapp einem Jahr haben wir gemeinsam darum gekämpft, dass die Sprache über sexuelle Gewalt nicht verharmlost werden darf. Opfer muss Opfer heißen dürfen, Täter als solche benannt werden. Und nun, noch nicht einmal 12 Monate später, wird “Vergewaltigung” zum populärsten Buzzword unter Feministinnen. Total beliebig. “Der Typ hat mich angerempelt. Vergewaltigung!” – “Der Bus ist weg – Vergewaltigung!” –  dieses ständige Behaupten, alle möglichen Situationen seien Vergewaltigung, die es per Definition nicht sind, ist ein Schlag in das Gesicht all jener, die wirklich mal in der Situation waren, eine Vergewaltigung ertragen zu müssen. Es ist eine unerträgliche Verharmlosung und es spielt dem Patriarchat direkt in die Karten: Wenn alles Vergewaltigung ist, dann ist gar nichts mehr Vergewaltigung, dann muss man die, die beispielsweise eine anzeigen, nicht mehr ernst nehmen. Diese Unschärfe ist ein Ausdruck unfassbarer Ignoranz gegenüber den Betroffenen und zeugt davon, dass sich der Feminismus eben auch in seiner eigenen Bubble bewegt. Wer zum Club dazu gehört, muss was vorweisen. Da ist das Label “vergewaltigt” super schick, hipsteresk fast. Gibt es schon T-Shirts mit #metoo? Taschen? Oder müssen wir jetzt in den folgenden Wochen lauter “Cat Person” follow ups lesen, in denen Frauen darüber berichten, dass Sex manchmal richtig mies ist und Männer Bäuche haben. Bärte auch. Diese Ungeheuer! Diese Tiere! Damit wird alles zunichte gemacht, was in langen Debatten und Analyse erkämpft worden ist, was bleibt sind Hashtags und Überschriften und eine sich ständig ihrer selbst vergewissernden Community, die nichts, aber auch gar nichts mehr dafür tut, dass sich an den Umständen etwas ändert. Der Grund liegt nahe: Wer braucht schon Feminismus, wenn sie ihn nicht als Label, sondern als Aufgabe auffasst? “Es gibt keinen Anspruch auf Sex” ist so ein Credo unserer Bewegung. Das bedeutet auch, es gibt keinen Anspruch auf guten Sex. Auch nicht für uns Frauen. So zu tun, als sei deshalb jeder Mann ein Vergewaltiger und jeder Sex, der unseren Erwartungen nicht entspricht, Vergewaltigung, bestätigt auf absurde Weise die Zerrbilder, die Antifeministen über Feministinnen verbreiten. Bitte, hört damit auf!

23 Kommentare

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.