Hört endlich auf mit Cancel Culture – Ein Plädoyer für mehr Streitkultur

granddaughters of the witches

Phil Roeder from Des Moines, IA, USA, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Schon lange juckt es mir in den Fingern über das Thema der mangelnden Streitkultur und der offensichtlichen Unfähigkeit zur kontroversen Debatte zu schreiben. Lange bereits treibt mich um, dass immer mehr meiner Mitaktivistinnen wegen angeblich menschenverachtender Positionen aus öffentlichen Debatten gekickt werden (De-Platforming) oder sogar in ihrer Existenz angegriffen werden und ihre Jobs verlieren. Während anfangs nur Graswurzel-Feministinnen betroffen waren, trifft es zunehmend auch immer mehr Journalistinnen, Autorinnen, (zu J.K. Rowling siehe auch) und Professorinnen.

Als die Twitter-Blockade von Donald Trump in meiner Blase gefeiert wurde, konnte ich mich trotz aller berechtigter Kritik an ihm, seinen (wirklich zum Teil menschenverachtenden) Positionen, seiner Politik und autoritären Amtsausübung nicht darüber freuen: Zu sehr spitzt sich aktuell die Situation in Bezug auf die freie Meinungsäußerung zu – und das in erster Linie gegen verdiente Feministinnen und Wissenschaftlerinnen mit hoher Expertise.

Ereignisse der letzten Woche veranlassen mich nun zu diesem Plädoyer. Ich will es verstanden wissen als Appell endlich mehr miteinander zu sprechen und respektvoller miteinander umzugehen. Und damit fordere ich eines ganz sicher nicht ein: Kritiklosigkeit, Wattebäusche und Friede, Freude, Eierkuchen. Lasst uns gerne miteinander hart in der Sache ins Gericht gehen – aber lasst uns doch bitte auch versuchen die jeweils anderen Positionen und Standpunkte zu verstehen und dem Gegenüber nicht immer nur das Schlimmste zu unterstellen.

Was ich damit ausdrücklich nicht in Frage stellen will: Im persönlichen Umfeld soll natürlich jede und jeder selbst ganz frei entscheiden können, mit wem er/sie sich umgeben will und mit wem nicht. Bei mir selber stelle ich schon seit längerer Zeit eine interessante Tendenz fest: Zunehmende Toleranz für andere Meinungen – was nicht heißt, dass ich meine eigene weniger leidenschaftlich vertrete – aber gleichzeitig auch zunehmende Exklusivität bei meinen persönlichen Kontakten.

Seit Beginn dieses Blogs dürfen wir uns bereits anhören, was wir für grauenhafte Frauen sind:

  • Wir sind angeblich „hurenfeindlich“ weil wir gegen das System der Prostitution sind (aber eben nicht gegen die Frauen in der Prostitution)
  • Wir sind angeblich „rassistisch“, weil wir darauf hinweisen, dass Frauen immer in erster Linie als Frauen diskriminiert sind, und bei einigen Frauen die ethnische Diskriminierung noch zusätzlich on top kommt (gegenüber anderen die das genau andersrum sehen)
  • Wir sind angeblich „transphob“, weil wir zwischen sex (biologisches Geschlecht), gender (Geschlechterrollenstereotype) und Gender-Identität unterscheiden und Frauendiskriminierung als Folge der Verachtung gegenüber dem biologischen Geschlecht Frau analysieren und als beruhend auf unserer Reproduktionsfähigkeit sehen. Unsere Körper spielen dabei eine, nein DIE !!! zentrale Rolle.

Die Frage, die mich umtreibt: Wollen wir wirklich zulassen, dass der Raum für das Sagbare immer kleiner wird? Wie Menschen zum Verstummen gebracht werden, weil sie sich nicht mehr trauen für ihre Meinung einzutreten? Und wer soll am Ende eigentlich bestimmen, was man noch sagen darf und was nicht? Dass diese Fragen übrigens z.B. auch in der queerfeministischen Bubble sehr kontrovers diskutiert werden, ist nicht erst seit der Veröffentlichung des Buches „Beißreflexe“ deutlich geworden.

Was ist jetzt also aktuell passiert? Die letzte Woche im Zeitraffer:

Los ging es am Samstag mit der Veröffentlichung der neuen Folge des Polytox Podcasts, ein Podcast der von zwei Freunden von mir gemacht wird. In der Folge „Sexismus, geh sterben mit Diana Ringelsiep“ ging es um eine aktuelle Debatte zu Sexismus in der Punkszene. Diana hatte kürzlich im Kaput Mag einen Artikel über sexistische Tendenzen in diesem Teil der Musikszene veröffentlicht. Ein in meinen Augen wichtiger Text, der auch einiges an Diskussionen ausgelöst hat und Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt hat. Auch Polytox wollte dem Thema in dem Format Raum geben und das ist zweifelsohne nicht besonders perfekt geglückt (um es mal nett auszudrücken).

Im Laufe des Tages hatte ich mich mit Diana vernetzt und mich noch Sonntag früh kurz mit ihr nett per PN allgemein über das Thema Sexismus in der Musikszene unterhalten. Nicht wenig später postete Diana auf ihrer Facebook Seite ein Statement in dem sie ihr Unwohlsein mit der Gesprächsatmosphäre zum Thema machte, woraufhin die Emotionen auf der Polytox-Facebook-Seite und auf Dianas Instagram-Account hoch kochten. Auch ich habe mich irgendwann dort kritisch zu Wort gemeldet.

Soweit so verständlich. Beide Podcast-Hosts gestanden als Reaktion auf die Kritik unumwunden ein, dass man dies auch hätte anders und besser machen können. Macht nichts ungeschehen, aber diese Offenheit zur Diskussion und Selbstreflektion könnte man einfach mal zur Kenntnis nehmen. Auf der anderen Seite waren jedoch sofort Aussagen zu lesen wie „der hat hoffentlich seinen letzten podcast etc. bestritten. #cancelculturejetztbitte”

Da ich selbst mit dem in erster Linie kritisierten Host seit Jahresbeginn einen Podcast gemeinsam mache – dessen Ziel es übrigens explizit ist aufzuzeigen, dass Menschen auch Kontroversen aushalten können – haben wir kurzerhand am Montagabend in unserem Format eine Nachbetrachtung vorgenommen. Unsere langjährige Freundschaft zeichnet nämlich gerade aus, dass wir uns auch mal inhaltlich hart fetzen können und uns dennoch persönlich nicht voneinander entfernen. Die am Dienstag veröffentlichte Folge „Sexismus-Beef“ hat dann auch bei manchen die Wogen wieder etwas geglättet. Bei anderen nicht. Und hey, das ist auch vollkommen okay so.

Einige an der Diskussion Beteiligte vernetzten sich mit mir über Facebook und einer davon fügte mich dann zu Dianas Facebook-Gruppe „#Punktoo: Sexismus muss sterben!“ hinzu. Da ich an den Vorstellungen der Gruppenmitglieder (sehr viel FLINTA*-Erwähnungen) schon ablesen konnte, dass meine radikalfeministischen Ansichten dort vielleicht auf nicht viel Gegenliebe stoßen könnten, entschloss ich mich, in meiner Vorstellung auf mein vielfältiges Engagement aufmerksam zu machen und gleichzeitig auch meine Haltung transparent zu machen. Es dauerte nicht sehr lange bis ich dann auch gleich von mehreren Männern (es beteiligten sich auch ausschließlich Männer) in bekannter Mackermanier in die Zange geworden wurde, mir transphobe Ansichten unterstellt wurden (mit Verlinkung des TAZ Podcastes, meine Gesinnung überprüft wurde (wie ich zu Transfrauen bei Female Only Abenden stünde) und ich mit der „sexuellen Selbstbestimmung von Sexarbeiterinnen“ konfrontiert wurde. Nur ein einziger Diskussionsteilnehmer ergriff für mich Partei, ein anderer verhielt sich vermeintlich neutral gaslightete aber, als ich die Mechanismen die dort zugange waren artikulierte.

Bereits in meiner ersten Reaktion hatte ich im Übrigen deutlich gemacht, dass ich meine Haltung eigentlich gar nicht diskutieren möchte, dass es mir nur um Transparenz ginge und machte auch im weiteren Verlauf immer wieder deutlich, dass ich andere Meinungen akzeptiere und ich die Gruppe ja auch wieder verlassen könne, wenn meine Präsenz und meine Expertise dort nicht als Bereicherung empfunden würden. Ich machte klar deutlich, dass ich kein Interesse habe mich irgendwo zeitlich einzubringen, wo ich nicht erwünscht bin.

Da mir weiter die Debatte aufgezwängt wurde, mir unbelegt in bekannter Art Dinge unterstellt wurden, scherzte ich schon mit mir selbst wie lange es wohl dauern würde bis der unvermeidliche Rauswurf kommen würde. Um es kurz zu machen: Es waren nicht mal 12 Stunden (mehr als die Hälfte davon war Nachtzeit) bis ich eine private Nachricht von Diana erhielt, dass sie meiner Entfernung zugestimmt habe, da mehrere Personen ihr geschrieben hätten, sich mit mir in der Gruppe unwohl zu fühlen. Auf ihre Äußerung, dass das Ziel der Gruppe sei „einen offenen und diverseren“ Raum zum Austausch zu schaffen erwiderte ich, dass ihr das mit dieser Aktion offensichtlich nicht gelungen ist. Ich machte auch meinen Unmut darüber deutlich, dass ihrerseits nicht zunächst mit mir das Gespräch gesucht worden war. Und auch darüber, dass in einer antisexistischen Gruppe eine Frau ! von einem Mob wütender Männer ! effektiv mundtot gemacht wurde. In nicht mal einem halben Tag aus der Gruppe gecancelled. Oh the irony und Deep Respect!

Gestern Abend dann erhielt ich dann eine lange Nachricht mit einer Entschuldigung und dem Angebot mich wieder der Gruppe zuzufügen. Die Entschuldigung habe ich sofort angenommen, denn wir alle machen Fehler. Wir sind dann auf meinen Vorschlag verblieben, dass wir uns bei Gelegenheit nochmal in Ruhe austauschen werden und dann auch das Thema mit der Gruppen-Mitgliedschaft erörtern werden, da ich bei einem solchen Diskussionsklima da gerade keine sinnvolle und konstruktive Basis zum Austausch sehe.

Ich glaube die letzte Woche war für sehr viele Menschen sehr nervenaufreibend und Kräfte zehrend. An einigen Stellen wurden Fronten verhärtet. An anderen wurden – vielleicht gerade wegen der sehr heftigen Diskussion – jedoch auch erkennbar wichtige Debatten angestoßen. Für mich bleibt als vorläufiges Fazit: Wir brauchen mehr Fehlertoleranz. Mehr Austausch. Und nach wie vor eine größere Bereitschaft, die Argumente der „anderen Seite“ nachvollziehen zu wollen. Den Willen anzuerkennen, wenn aufgrund des Wunsches, die eine Gruppe nicht zu diskriminieren, die Rechte einer anderen Gruppe (in einer patriarchalen Gesellschaft in der Regel Frauen) gefährdet werden (siehe auch) und einen Kompromiss zwischen unterschiedlichen Sichtweisen finden zu wollen.

Ganz dringend brauchen wir endlich eine Alarmbereitschaft. Und zwar immer dann, wenn Frauen wegen unbequemer Meinungen aus der öffentlichen Diskussion ausgeschlossen werden sollen. Dass Machtstrukturen wirklich angegriffen werden, merkt man nämlich immer auch an dem, was nicht gesagt werden darf. Das Einstehen für Frauenrechte macht einen nicht zur „Hate-Group“. Wir merken diese Tendenz auch immer dann, wenn ausgerechnet Männer sich sehr scheinheilig unter dem Label des „Feminismus“ wie ein wütendes Wolfsrudel gegen Frauen zusammenrotten.

3 Kommentare

  1. Dieses Mundtot-machen von Frauen ist so uralt. Heute nennt man es de-platforming und culture canceling. Tönt besser, weil Englisch, aber ist immer noch der alte Wein in neuen Schläuchen. Frauen, (besonders gescheite) so zum Schweigen zu bringen. Fast alle blogs von Radikal (Radix=Wurzel) Feministinnen sind bereits verschwunden. Will heissen, zum Verschwinden gebracht worden. Das neue De-platforming und die Wortklaubereien werden gezielt und systematisch gegen Frauen und deren Meinung eingesetzt. Wie eh und Je. Frauen werden mundtot gemacht, ausser sie unterstützen das Patriarchat, alle Männer mit ihren männlich-engen Meinungen und die Trans-people mit deren gender-männlichen Meinungen. Gähn! Uralte Masche. Aber das sagte ich ja schon.

  2. “..meine Gesinnung überprüft…” – das sagt bereits alles aus. Orwell lässt grüssen.
    Wir können diese ideologischen Verblendungen z.Zt. in allen Bereichen und überall in der westlichen Welt beobachten.

    Es geht darum, tradierte und gewachsene Identitäten zu untergraben und die Menschen so zu entwurzeln. Mit dem Werkzeug Trans-Ideologie sollen die originären Frauen durch Männer ersetzt werden. Ein Hoch der Fälschung, nieder mit dem Original!

  3. Ziemlich wichtiges Plädoyer für den feministischen Diskurs aber auch weit darüber hinaus.
    Ich fand übrigens auch die Twitter-Blockade von Trump grundfalsch. Problem ist doch nicht, dass ein A*** seine Meinung verkünden darf, sondern dass Tausende ihm treu folgen; es geht also in letzter Instanz um Bildung. Ein gutes Beispiel dafür, dass Probleme oft an ihrem Symptom statt an ihrer Wurzel gepackt werden.

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