Hurenhass – oder wer hasst hier wen?

Witch crash landing

by J J via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Die Debatte um Protestitution nimmt zuweilen groteske Züge an. So grotesk, dass es einen eigenen Artikel wert ist. Als Antwort auf meinen Artikel in der taz hat Sonja Dolinsek eine Erwiderung geschrieben – in der sie keines meiner Argumente widerlegt, sondern mich am Ende stumpf des Hurenhasses bezichtigt. Es ist amüsant, dass sie das tut – denn ich habe mich noch nie auch nur herablassend über Prostituierte geäußert. Im Gegenteil – ich kenne viele persönlich. Genau deshalb bin ich davon überzeugt, dass Prostitution ebenso abgeschafft und verboten gehört wie die Sklaverei, die Leihmutterschaft oder der Organverkauf.

Wenn man den Kapitalismus gewähren lässt, dann macht er alles zur Ware. Vor nicht allzulanger Zeit war Kinderarbeit normal, es gab keine Gesetze zum Schutz für Schwangere, keine Arbeitsrechte für Arbeitnehmer. Diese wurden in einer langen Reihe von Arbeitskämpfen erkämpft – und die Interessen der Frauen und Kinder waren da beileibe nicht an erster Stelle.
Erst der Feminismus, die Frauenbewegung hat sie auf die Tagesordnung gebracht – und kämpft seitdem dafür, dass sie dort bleiben.

Es gehört zum Wesen des Kapitalismus, dass ihm nur mit gemeinsamem Widerstand Räume, Freiheiten und Rechte abzutrotzen sind. Wer still hält, wird überrollt, ausgebeutet. Genau hier liegt der Ursprung der “Linken” – in diesem Widerstand gegen den Kapitalismus – und seines bürgerlichen Rahmen in der Gesellschaft.


Mein Artikel richtete sich an die Linke – sowohl die Partei, als auch die Wertegemeinschaft. Ich habe kritisiert, dass die Linke lieber von der schönen neuen Sexarbeit träumt – als falsch verstandenem Gegenentwurf zu einem restriktiven staatlichen und gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität- anstatt sich mit den im Kapitalismus zwangsläufigen Begleiterscheinungen von Prostitution auseinander zu setzen: Zwang, Ausbeutung und Gewalt. Es ist bezeichnend, dass wir die Prostitution geschichtlich immer da finden, wo besonders viel Unfreiheit und besonders viel patriarchale Macht herrschen – Prostitution ist nämlich keineswegs das “älteste Gewerbe der Welt” – und viele Gesellschaften haben viele Jahrtausende sehr gut ohne sie gelebt. Das bedeutet – entgegen aller Unkenrufe- Prostitution ist nicht notwendig, weil Männer eben mehr Triebe haben oder es “immer Frauen geben wird, die sich prostitutieren” – sondern sie ist eine gesellschaftliche Institution, die nur da geschaffen wird, wo es eine Nachfrage gibt.
Nachfrage nach käuflichem Sex kann nur da bestehen, wo Männer (und mit ihnen der Rest der Gesellschaft) davon ausgehen, dass sie ein Anrecht auf Triebbefriedigung durch andere, ihnen ökonomisch unterlegene Körper haben, dass es ihnen zusteht, andere Menschen (die Zahl der männlichen Prostitutierten steigt seit Jahren), zu kaufen und nur für ihren eigenen Lustgewinn zu benutzen.

Anderen Gesellschaften, die Frauen und auch anderen Körpern, aber auch der eigenen Sexualität, mit einem anderen Respekt gegenüber stehen, ist so ein Gedanke vollkommen fremd. Dazu gehören die Indigenen Nordamerikas, zahlreiche Völker in Südostasien, Afrika, Papua Neuginea und Polynesien.
Es war der Kapitalismus, der zu einem Boom der Prostitution geführt hat – als die Arbeiterklasse verelendete, wurde Prostitution zum Überlebensmittel.
Sittlich willkommen war sie dennoch nicht. Doch es gehört zum Wesen des Kapitalismus, dass “Sittlichkeit” im Zuge der neoliberalen Neuordnung der Weltverhältnisse an Bedeutung verlor. So wie der Kapitalismus alles an Menschlichkeit, an Verantwortung wegrationalisiert, so nimmt er eben auch die sittlichen Bedenken. Das eröffnete Freiräume – gesellschaftliche, sexuelle. Sex als prüde zu betrachten ist körperfeindlich und wir wollen sicher alle in einer Gesellschaft leben, in der Sex so ausgelebt werden kann, wie jeder das gerne möchte, solange niemand zu Schaden kommt. Das ist Freiheit. Freiheit für alle. Zu dieser Freiheit hat ebenfalls die Linke einen großen Beitrag geleistet und leistet ihn noch.
Prostitution ist aber nun gerade das Gegenteil von Freiheit. Sie bedeutet, dass Menschen, um zu überleben, Sex mit Männern haben müssen, die sich diese Notwendigkeit zu Nutze machen, um ihre Triebe an ihnen abzureagieren. Das mag zwar wie ein Handel aussehen – aber wie würden wir uns fühlen, wenn sich Menschen reihenweise dafür verkaufen würden, dass ein anderer sie mal so richtig verprügelt, wenn der Hass auf die Gesellschaft, den Staat  oder nur den Chef mal wieder zu groß wird?

Mein Artikel richtete sich also nicht an jene, die ohnehin schon laut brüllend das neoliberale Konzept der Sexarbeit vertreten, sondern an die, die “linke” Werte teilen, weil ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass in diesem Teil der Gesellschaft auch heute noch die größten Reformkräfte liegen, wenn es darum geht, sich dem Kapitalismus und dem Neoliberalismus zu erwehren.
Meine Kritik an der Prostitution geht an den Staat, der an ihr verdient, an die Freier, Bordellbesitzer und Zuhälter, all jene die möglich machen, dass Frauen vor allem aus dem Ausland, hier ausgebeutet werden und das alles den Anstrich von Legalität und Freiheit erhält.
Erneut weise ich hier auf die Studie des DIW hin, die eindeutig den Zusammenhang zwischen legaler Prostitution und Menschenhandel belegt. Sonja Dolinsek bestreitet das – weil sie sich auf die Zahlen der Verurteilungen beruft. Nun, wenn man die Gesetzgebung zu Menschenhandel über Jahre konsequent aufweicht, dann werden eben auch weniger Menschen dafür bestraft oder überhaupt vor Gericht gestellt. Zynisch, hm? Damit ist nämlich noch keineswegs gesagt, dass es weniger Opfer gibt.

Meine Kritik richtet sich nicht -und auch dafür wird Frau Dolinsek nicht eine Zeile Beweis aus meiner Feder finden, an die Frauen und Männer in der Prostitution. Im Gegenteil – ihnen gilt ja gerade meine Solidarität. Solidarität – nicht Engagement – wie im Falle von Frau Dolinsek, die von anderen “Sexarbeiterinnen” auf Twitter bereits heftig kritisiert wurde, weil ihr Auftreten als zu laut, zu präsent betrachtet wird.
Den Menschen in der Prostitution gilt meine Solidarität – sowie im Kampf gegen Hartz IV oder Leiharbeit auch meine Solidarität den Menschen gilt, die unter diesen gesellschaftlichen Institutionen leiden müssen. Prostitution ist genau so eine Institution. Es liegt an uns als Gesellschaft, ob wir sie abschaffen oder beibehalten – sie ist keine Notwendigkeit.

Dennoch bezichtigt mich Frau Dolinsek immer weiter des Hurenhasses – ohne anzuführen, was das beinhaltet oder wie sie zu diesem Urteil kommt. Im Gegenteil – vor nicht wenigen Stunden führte sie auf Twitter eine öffentliche Debatte darüber, welches Äquivalent zu Rassismus und Antisemtismus sie mir und meinen MitstreiterInnen denn für unseren “Hurenhass” verpassen will. Das ist nicht das erste Mal, dass sie dermaßen über das Ziel hinausschießt. Gerne benutzt sie das Hashtag #Zwangsarbeit, wenn sie sich angegriffen fühlt.
Tatsächlich wird mir an ihren vielfältigen Äußerungen, Kommentaren und Bezichtigungen deutlich, dass wenn hier überhaupt wer irgendjemanden hasst – dann hasst sie die Abolitionistinnen. Das ist nämlich die Eigenbezeichnung für jene, die für ein Gesetz der Freierbestrafung eintreten. Frau Dolinsek legt sonst sehr viel Wert darauf, dass Menschen – in ihrem Fall “SexarbeiterInnen” selbst bestimmen können, wie sie angeredet werden. Vielleicht nimmt sie das als Hinweis auf. Alles andere ist #AbolitionistInnenhass – der gespeist wird aus Quellen, die ich bislang nicht entschlüsseln konnte. Ich vermute, es ist der Mangel an Argumenten der sie zu diesem plakativen und noch nicht einmal mit einer eigenen These richtig untermauerten Vorwurf bringt, ich würde “Huren” hassen. So arbeitet sie sich lieber an Personen als an Inhalten ab.
Interessant ist noch die Selbstbeschreibung “sex-positiv”. Dadurch soll vermittelt werden, dass Gegner der Prostitution allesamt prüde und sexfeindlich sind. Wenn ich also dem Patriarchat meine Kooperation verweigere, bin ich sexfeindlich. Ist Sex gegen Geld, den nur Männer haben also der Sex den diese Gesellschaft haben will? Dann ist es wohl richtig, dass ich gegen Sex bin. Aber ich habe eine andere Definition von Sex. Sie lautet Konsens, Respekt und Gegenseitigkeit.

3 Kommentare

  1. Mary Poppins

    Das hat sie bei mir auch gemacht. Und -ohne ihr zu nahe zu treten- wenn jemand ein so offensichtliches, widerlegtes Strohmannargument trotz immer wieder Drauf-Aufmerksam-Machens -von mehreren Leuten- so oft wiederholt: Dann hat so jemand offensichtlich einfach eingeschränkte kognitive Kapazitäten. Da kann ich mich nicht mehr drüber aufregen.

  2. Suedelbien

    Auch ich wurde des “Hurenhasses” bezichtigt, weil ich mich gegen Prostitution aussprach. Das schon zu einem Zeitpunkt, als ich diese Frau noch gar nicht richtig wahrgenommen hatte und als ich noch dachte, dass Feminismus mit Prostitution gar nicht zu vereinbaren ist. Ich wurde eines Besseren belehrt. Ich wiederhole an dieser Stelle nicht meinen Standpunkt zur Prostitution, denn ich habe ihn bereits öffentlich dargelegt (http://suedelbien.wordpress.com/2014/06/10/das-pro-prostitutions-bullshit-bingo/), wofür ich auf anderer Plattform diffamiert und herabgesetzt wurde. Ich bin keine gewichtige politische Person, vertrete aber dennoch öffentlich meine Meinung, was mir einerseits solidarische Bekundungen meiner Kommentatorinnen eintrug, andererseits Diffamierungen seitens der Pro-Prostitutionslobby (http://voice4sexworkers.com/2014/06/14/terres-des-femmes-vorstand-solveig-senft-diffammiert-prostituierte-als-kriminelle/). Das ist für mich schon ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier Interessen vertreten werden, in denen es nicht um Menschen geht, sondern um die wirtschaftlichen Interessen, die dahinter stecken.

  3. Silvio Reindl

    Da muss man einfach nur abwarten bis der “Wind sich dreht” dann wird Sie in ein paar Jahren genau das Gegenteil behaupten. *diabolisch grins*

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