Hurra, wir leben im Patriarchat!

Fight Sexism - Streetart

by Steffi Reichert via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Ihr seid doch längst gleichberechtigt” oder “Feminismus ist doch sowas von überholt. Ihr dürft jetzt sogar zum Militär” sind nur zwei der standardisierten Ignoranzäußerungen, die Feministinnen nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen entgegnet werden, ganz so, als entstammten Feministinnen und ihre Forderungen einer verstaubten Vergangenheit, die mit unserer schönen, gleichberechtigten Gegenwart nichts zu tun hat. Feminismus ist in den Augen der Mehrheit, etwas für die Ewiggestrigen. Immerhin müssen Frauen jetzt auch Aufsichtsräte werden. Und immer wenn Zeitungen nichts mehr einfällt, darf eine weiße, akademische, kinderlose Frau erklären, warum sie mit dem Feminismus nichts anfangen kann, jüngst versuchte das die Welt mit einem klischeetriefenden und hohlen Artikel, der laut Ansage dazu dienen soll, die feministische Debatte wieder interessanter zu machen. Liebe Welt, Recherchieren ist nicht euer Ding, oder? Sonst wüsstet ihr, dass im Feminismus bei gleich mehrere Themen die Fetzen fliegen: Porno, Prostitution, Transgender. Da werden sogar Morddrohungen geschickt. Nicht spannend genug?

Von gesellschaftlicher Gleichberechtigung sind wir weit entfernt

Aussage ist: Wir sind doch längst gleichberechtigt und wer benachteiligt wird, soll eben mal Ellenbogen auspacken. Formal mag das mit der Gleichberechtigung richtig sein. Gesellschaftlich nicht. Gesellschaftlich werden Frauen noch immer schlechter bezahlt, werden, wenn eine Familie vorhanden ist, vorrangig an ihren Mutterqualitäten gemessen und sind von Alltagssexismus und sexueller Gewalt betroffen. Nach wie vor müssen sich viele Frauen anhören, sie seien keine „richtigen Frauen“, wenn sie sich weigern, in den Schönheitswettbewerb einzusteigen, wenn sie auf Ehe und Familie verzichten, wenn sie selbstbewusst auftreten. Mitunter reicht schon ein Kurzhaarschnitt, um schräg angesehen zu werden. „Du weißt schon, dass Männer auf lange Haare stehen, oder?“ – Kommentare dieser Art folgen nicht nur von Männern, deren Urteile es irgendwie aus dem finstersten Mittelalter in unsere Zeit geschafft haben, sondern auch von anderen Frauen. Dass es Frauen vielleicht vollkommen gleichgültig sein könnte, auf was Männer stehen, weil es ihr Kopf und ihre Haare sind, auf die Idee kommen viele erst gar nicht. Eine richtige Frau entspricht den Schönheitsidealen, ist beruflich erfolgreich und schmeißt mit Anfang 30 alles hin, um zu heiraten und Kinder zu bekommen. Wer sich so verhält und mit den entsprechenden Privilegien ausgestattet ist, bekommt tatsächlich weniger Gegenwind zu spüren, als Frauen mit Migrationshintergrund, mit einer anderen als heterosexuellen Ausrichtung, mit Behinderung, mit Kindern, geschieden, schlecht ausgebildet oder schlicht jenseits der 50.

Hurra, hurra, wir dürfen mitspielen

Der Welt-Artikel zeigt einen weiteren langweiligen Versuch, den Feminismus seines angeblichen Anachronismus zu überführen. Die Autorin geht davon aus, dass, nur weil wir jetzt bei ein paar Spielen mitspielen dürfen, auch gleichberechtigt sind. Also, wir dürfen arbeiten gehen, zum Militär, sogar Firmen leiten. Wer nur Ellenbogen genug hat, ist gleichberechtigt. Dabei übersieht sie geflissentlich, dass die Tatsache, dass wir zu all unserer reproduktiven Arbeit, die wir natürlich weiterhin ausüben sollen, nun auch noch Lohnarbeit leisten, keine Freiheit ist, sondern nur ein neues, zusätzliches Gefängnis. Die Leine ist vielleicht länger geworden, doch frei sind wir nicht. Im Gegenteil: Aus uns wird dank Porno, Prostitution, Popmusik und Schönheitsindustrie eine sexuell verfügbare Klasse geformt, die nur dazu da ist, Geld auszugeben, das sie nicht hat und gleichzeitig dem als Gegensatz entworfenen männlichen Teil der Gesellschaft sexuell zur Verfügung zur stehen, ob nun als Pornodarstellerin, Prostitutierte, Opfer von Belästigung und sexueller Gewalt oder Sexismus. Patriarchat und Kapitalismus gehören zusammen, obwohl beide in ihren Wirkmechanismen voneinander zu unterscheiden sind. Das Patriarchat gab es schon vor dem Kapitalismus und Patriarchat im Kapitalismus ist etwas anderes als zum Beispiel in der Antike. Damals sagte man nämlich einfach, dass Frauen dumm sind und dem Manne unterstehen, heute verkauft man uns eben das als unsere ureigenste Freiheit – so nach dem Motto: Ihr könnt doch jetzt wenigstens wählen, wer euch unterdrückt. Für die Idee, dass wir Frauen ein eigenes Wertesystem jenseits patriarchaler Maßstäbe entwickeln könnten, soweit reichen Fantasie und Verstand dann doch nicht.

Vom Ekel und dem Patriarchat

Es ist bezeichnend, dass die Autorin des oben genannten Artikels von “Ekel” im Zusammenhang mit dem Feminismus spricht. Damit greift sie eine männliche Wertekategorie auf, die besonders auf das Aussehen von Frauen, im besonderen Feministinnen angewendet wird. Das Fehlen der gesellschaftlich als “weiblich” betrachteten Attribute löst, insbesondere bei Männer, “Ekel” aus, den sie sogleich auch kundtun, natürlich gesellschaftlich akzeptiert. Wenn aber alte Männer tatschen, sexistische Witze reißen, wenn Hollywoodgrößen Kinder vergewaltigen und Politiker sich nackte Kinder ansehen, um sich daran zu erregen, dann redet niemand von Ekel. Auch nicht, wenn Deutschland auf Platz eins der Pornoschauer liegt und eine halbe Millionen Frauen hierzulande in Bordellen und auf dem Straßenstrich um ihr physisches und psychisches Überleben kämpfen. Da wird dann immer gleich mit der Freiheit argumentiert – eine ebenso häufige, wie hohle Phrase im neoliberalen Kapitalismus. Hier wäre das Wort “Ekel” sehr viel angebrachter, als im Zusammenhang mit dem Feminismus.  Warum ekeln wir uns nicht ein bisschen vor diesen Männern, mit denen wir da zusammen leben, die es erregend finden, wenn eine Frau von mehreren Männern vor der Kamera vergewaltigt wird, die einer Prostituierten 20 Euro bezahlen, um in ihrem Mund defäkieren zu können? Was ist mit den Aussagen männlicher Politiker und Richter, die Frauen die Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper verwehren, weil Männer ja besser wissen, was gut für uns ist? Die Pille danach ist schlecht, Abtreibung auch, aber so eine Vergewaltigung ohne echte Lebensgefahr ist nun wirklich nicht das Drama wert, das einige von uns daraus machen  – und da bekommen Frauen keinen Brechreiz?

Es ist das Patriarchat, das die kapitalistische Ellenbogengesellschaft begünstigt, die gnadenlose Ausbeutung von Arbeitskraft und die Zerstörung der Natur, das Kriege und Nationalismus fördert und Hand in Hand mit dem globalen Kapitalismus arbeitet. Wenn das Patriarchat, die Unterdrückung der Frau, für den Kapitalismus nicht so ungemein nützlich wäre, wir könnten sicher sein, es wäre längst Geschichte. In dem aber ein Gegensatz zwischen den Geschlechtern zementiert wird, schafft man sich Untertanen, die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um das System an sich anzugreifen. Das führt dann zu solchen Blüten wie dem Welt-Artikel.

Das Misstrauen gegenüber fremder Weiblichkeit

Feminismus ist nicht nur eine Art der Gesellschaftsanalyse. Er ist auch eine Lebenseinstellung. Feministinnen sind es, die den Mut aufbringen, vom hohlen Schönheitsideal der Gesellschaft abzuweichen, sich die Haare kurz zu schneiden, sich nicht mehr zu rasieren oder Männerkleidung zu tragen. Damit zeigen sie, dass Weiblichkeit sehr viel weiter reicht als das, was uns das Patriarchat zugestehen will. Es sind Feministinnen, die in Frauenräumen ausprobieren, wie Zusammenarbeit jenseits von Macht und Unterdrückung funktionieren kann, die überkommene Gesellschaftsregeln dekonstruieren und ihr unterdrückerisches Potenzial entlarven und benennen.

Feminismus ist kein Ausdruck einer eigenartigen Verhaftung in der Vergangenheit. Er ist die Reaktion auf die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau, auf den Anspruch, ein Anrecht auf die Bewertung ihres Äußeren, ihres Lebenswandels, ihrer Sexualität zu haben. So lange es diese Unterdrückung gibt, so lange wird es jene geben, die sie kritisieren. Das Patriarchat in seiner ganzen Widerlichkeit aus Sexismus, Gewalt, Ignoranz und Zerstörung ist ekelerregend, doch um das zu benennen, muss man das patriarchale Wertesystem eben verlassen. Feministinnen zu bashen ist hingegen ein beliebter Volkssport innerhalb des Patriarchats, für den es nicht viel Hirnmasse braucht.

 

4 Kommentare

  1. Yvonne Flückiger

    Seit ich 17 Jahre alt bin, habe ich diesbezüglich üblen Brechreiz. Leider führt dies zu massiver Ausgrenzung, von Männern sowieso, aber leider auch von Frauen. Die unterstellen mir dann alles mögliche, nur nicht die Wahrheit; dass ich einfach keinen Mann will und das auch so bleiben wird. Allerdings will ich auch “keine” Frau, die dann auch immer alles besser weiss und mich mit über 50 noch meint “erziehen” zu müssen. Kritisieren und dominieren; das sind die Haupteigenschaften, die auch Frauen dem Patriarchat abgeschaut haben. Widerlich! Heutzutage weiss jede/r am Besten, was “das Beste” für eine Frau ist. Leider sind da Frauen auch nicht besser, und nehmen einfach mal sich selbst als allgemein gültiges Vorbild. Die 5-mal Geschiedenen erklären Dir dann, was Du mit Männern alles falsch machst, dass Du keinen bekommst, die überschuldeten Konsum- und Schuhfetischistinnen, erklären Dir, wie Du am Besten mit Geld umgehst, etc. etc. ,,,,, alles erinnert mich so fatal an Amerika, das auch Allen und Jedem ungefragt (wenn nötig auch mit Bomben) die Demokratie und den Frieden definiert, verkauft, oder bringen will.
    Ja es macht Brechreiz, denn die ganze Welt ist verrückt geworden; und ALLE machen mit.

  2. Formal gleichberechtigt sind Frauen leider nur bis sie Mütter werden.
    Sofern der Mann der das Kind gezeugt hat es möchte kann er der Frau dann für 18 Jahre die Grundrechte einschränken: Freizügigkeit, freie Berufswahl, allgemeine Handlungsfreiheit, Recht auf körperliche Unversehrtheit (wenn es sich um einen gewalttätigen Mann handelt darf er trotzdem Umgang mit dem Kind haben und dabei ohne Konsequenzen weiter gewalttätig sein).

  3. Der große Irrtum des Feminismus war und ist, dass Gleichberechtigung das Patriarchat beendet. Was Feminismus eigentlich herzustellen versucht, ist die egalitäre Gemeinschaft aller Menschen. Gleichberechtigung bedeutet aber nicht Egalität, sondern – es scheint paradox – Gleichberechtigung verhindert Egalität sogar!
    Eine Gesellschaft ist im Gegensatz zur Gemeinschaft immer hierarchisch, und diese Hierarchie wird durch die Gesetze festgezurrt. Bestes Beispiel ist die Gewaltenteilung. Das Wort verrät den wahren Charakter unserer Gesellschaft. Patriarchat wird durch strukturelle Gewalt aufrechterhalten, nachdem es vor ca. 8000 Jahren mit häuslicher oder öffentlicher tätlicher Gewalt durchgesetzt wurde.
    Seitdem sind unsere Vorstellung von Gerechtigkeit, unser Recht und unsere Werte durch und durch patriarchal.
    Die Gleichheit von Vater und Mutter ist das zentrale Dogma des modernen Patriarchats (“Ein Kind braucht seinen Vater”), womit nichts anderes erneuert wird als die Herrschaft der Väter, die sie ohne Gesetze nicht ausüben könnten, würden sie ja nicht einmal ihre Kinder kennen (…wie es in der menschlichen, matrifokalen Natur entspricht. Mehr dazu auf meiner Homepage, Stichworte female choice, Entstehung des Patriarchats).
    Egalität wird also NICHT durch den Ruf nach MEHR Vater bzw. Gleichberechtigung des Vaters hergestellt, sondern allein durch die Selbstverständlichkeit der BEDEUTUNGSLOSIGKEIT des leiblichen Vaters.

  4. Ja, ich stimme Gabriele Uhlmann zu. Aus Macht- und Besitzdenken wollen Väter mehr Rechte.
    Und; um die Exfrau zu bestrafen und ihr sowohl Kind wie Geld zu entziehen. Ausserdem: Ich will tatsächlich NICHT mit Männern “gleichberechtigt” sein, im Sinne der Genderfeministinnen. Auch finde ich es zuweilen eine Beleidigung mit Männern verglichen zu werden.
    Ihre Rechte, dh. z.B. ihr selbst-angemasstes Recht, über Andere, z.B. Frauen und Kinder, aber auch Tiere und Natur HERRSCHEN zu dürfen, will ich sicher nicht. Auch auf ihren Hang zu Hierarchiebildung, Krieg, Dominanz, Gewalt gegen Schwächere und die laufende Vernichtung von Leben und Lebensgrundlagen will ich sicher nicht. Mit den den derzeitigen Männern und ihrem Verhalten verglichen zu werden, resp. die gleichen “Rechte”
    auch zu wollen ist eine Abwertung der Weiblichkeit. Auf diese “Rechte” verzichte ich freiwillig.

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