Ich.bin.alleinerziehend

Mother

Owly9 via Flickr,  [CC BY-NC 2.0]

In der letzten Zeit wird viel über Stigma geredet. Prostituierte haben eins, Flüchtlinge auch. Stigma ist scheiße. Es ist ein unsichtbares Gefängnis, eine Fessel, die dich in einer bestimmten, besonders unangenehmen Ecke der Gesellschaft festhält und nicht entkommen lässt. Knapp 2,5 Millionen Frauen (ja, Frauen, denn sie machen über 90 Prozent der Alleinerziehenden aus, Tendenz steigend) in Deutschland sind alleinerziehend. Das Stigma, das sie erleben, ist so vielfältig und von so vielen Diskriminierungen durchmischt, dass es notwendig ist, es in seine Einzelteile zu zerlegen, um es in all seiner Drastigkeit zu verstehen.

Du.bist.nicht.gut.genug

Jüngst musste ich mit meiner Tochter, die bald eingeschult wird, zur sogenannten „Sprachstands-Feststellung“. Da wurden dem Kind sinnlose Fragen gestellt, um festzustellen, ob es auch ja deutsch spricht oder die Farben auseinander halten konnte. Es ist zugleich aber auch ein ziemlich offenkundiges Abklopfen von Familienverhältnissen. „Und“, fragte die nette Tante Lehrerin meine Tochter. „Spielst du denn auch manchmal mit deinem Papi?“ Meine fünfjährige Tochter blickte sie ganz ruhig an und antwortete: „Ich habe keinen Vater. Der wohnt woanders und hat eine neue Familie.“ „Oh“, kam es in süßlichem Ton zurück, erfreut, so in das Schwarze getroffen zu haben. „Das ist aber traurig.“ „Finde ich nicht“, entgegnete meine Tochter. „Mein Vater ist nämlich bescheuert. Weil er bei einer Frau wohnt, die mich nicht mag.“ An der Stelle schritt ich ein und sagte: „Sie kennt dich ja gar nicht. Was sie nicht mag, ist, dass er von ihr weg ist.“ Meine Tochter nickt, als würde sie das ganze Abgründige an dieser Aussage verstehen. Die Lehrerin mustert mich. Immerhin hatte ich mitten am Tag Zeit zu diesem Termin zu kommen. Ob ich wohl von Hartz IV lebe? Ich erwidere ihren Blick. Ich kann ohnehin nicht ändern, was sie denkt. Die Schublade hat sich geschlossen. Ich bin eine Frau, der es nicht gelungen ist, meinen Partner bei mir zu halten. Ich habe das meinem Kind angetan. Vermutlich bin ich eine fürchterliche Person, die es dem Vater UNMÖGLICH gemacht hat, bei seinem Kind zu sein. Oder promiskuitiv. Oder beides. Jedenfalls hat er der Vater keine Schuld. Niemals.

Er kann. Wenn er will. Und nur dann.

Vor einigen Wochen wechselte meine Tochter ihren Kindergarten. Dazu musste ich eine sogenannte Negativ-Bescheinigung vom Jugendamt erhalten. Das Prozedere war mir bereits vertraut. Doch diesmal erlebte ich eine Überraschung: Auf einmal sollte ich mit einem Auszug aus dem Geburtenregister belegen, dass ich auch wirklich allein in der Geburtsurkunde stehe. Dieser Auszug kostet Geld. Ich weigerte mich, hatte Glück und erhielt dann eine Bescheinigung, die lediglich bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine gemeinsame Sorgeregelung getroffen wurde. Meine Tochter ist 5. Sie hat ihren Vater nie gesehen und wenn ich es einschätze, wird sie das auch nie, es sei denn, sie steht irgendwann vor seiner Tür. Dieser Mann wollte sie nicht, er hat alles getan, um mir, um uns zu schaden. Er interessiert sich nicht für sie. Dennoch könnte er, nach geltendem Gesetz und Usus, jederzeit auftauchen, Umgang einfordern und hätte gute Chancen auf das gemeinsame Sorgerecht. Sollte ich nicht mitziehen, könnten Gericht und Jugendamt mich fertig machen, weil ich meiner Tochter kein gutes Verhältnis zu ihrem Vater ermögliche. Was es mit meiner Tochter macht, auf ihren Vater zu verzichten, interessiert niemand. Niemand macht ihm ein schlechtes Gewissen.

Im Gegenteil: Rechtsprechung, Medien und Jugendämter folgen dem Trend, dass der Vater ein unverzichtbarer Bestandteil einer Kindheit ist – aber nur, wenn es dem Vater genehm ist. Dann muss die Mutter spuren und absurde Umgangsregelungen bis zum Verlust des Sorgerechtes hinnehmen. Wenn der Vater nicht will – ja, dann ist das sein gutes Recht, als Mann ein unabhängiges Leben zu führen. Man kann sich ja nicht von ein bisschen Sperma, das man irgendwo mal verspritzt hat, das Leben versauen lassen. Die Väterlobby, die eine Stärkung der sogenannten „Väterrechte“ fordert, hat in den letzten Jahren einiges an Boden gewonnen. Alle Mainstream-Medien von Spiegel bis Welt stoßen in das gleiche Horn: Böse Mütter, die ihren Kindern den Umgang mit dem Vater verwehren, leidende Väter und Kinder.

Diese Art der Handhabung ist tief patriarchalisch geprägt. Sie will den Umstand, dass es inzwischen kein vollständiges gesellschaftliches Todesurteil mehr für eine Frau ist, ein uneheliches Kind zu bekommen, nicht als normalen Bestandteil weiblicher Lebensführung betrachten, sondern das Kind soll selbst in diesen Konstellationen dem Willen des Vaters untertan gemacht werden und mit ihm die Mutter gleich mit. Will der Vater Papi spielen, haben Kind und Mutter zu funktionieren. Will er nicht, müssen sie seinem Leben fernbleiben. Unterhalt? Eine lästige Einschränkung seiner Freiheit, deshalb ist es gesellschaftlich keineswegs geächtet, sich so arm zu rechnen, dass Mutter und Kind nichts bekommen. Er kann sich jederzeit neu entscheiden, ob er nun Vater sein will oder nicht – eine Mutter hat diese Wahl niemals. Was Mütter erfahren, die sich dagegen entscheiden, dass das Kind bei ihnen aufwächst, spricht von dieser zweigeteilten Beurteilung Bände.

Die Welfare-Queen: rauchende Hartz-IV Mami

Knapp die Hälfte aller alleinerziehenden Frauen lebt ganz oder teilweise von Sozialleistungen. Das ist kein Wunder, denn Unterhaltszahlungen werden von vielen Vätern höchstens als freiwillige karitative Ausgaben betrachtet. Da die Betreuungssituation in Deutschland aber immer noch an klassischen Familien ausgerichtet ist, bei denen die Mutter bestenfalls halbtags arbeiten geht, ist es für fast alle alleinerziehenden Mütter nur mit Hilfe von Verwandten und Freundeskreis möglich, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Doch schon bei der Berufswahl zeigt sich wieder das Stigma: eine Alleinerziehende einstellen? Das wollen die wenigsten Personaler. Denn die fällt aus, wenn das Kind mal krank ist. Also werden Alleinerziehende bei der Jobsuche schlechter gestellt, nehmen mieser bezahlte Jobs an und werden häufiger gekündigt, eben weil sie kindbedingt ausfallen.

Die Spirale bis zu Hartz IV dreht sich schnell und schon gesellt sich zum ersten Stigma „alleinerziehend“ ein zweites, nämlich „Hartz IV“. Wer Hartz IV bekommt, ist faul, unzuverlässig und liegt der Gesellschaft auf der Tasche. Hartz IV Mamis stehen im Verdacht, ihr ganzes Geld für Handys und Zigaretten auszugeben, sich nicht um die Kinder zu kümmern und diese überhaupt nur bekommen zu haben, um sich mit den Transferleistungen ein Auskommen zu gestalten. Dabei werden Alleinerziehende steuerlich nach wie vor auf völlig ungerechte Weise gegenüber kinderlosen (!) Verheirateten benachteiligt. Auch hier lacht uns wieder die hässliche Fratze des Patriarchats an: die klassische Ehe wird gefördert, Mutterschaft an sich nicht.

Die Bitch

Unsere Gesellschaft fürchtet sich vor allem, was aus einem wohlgeordneten, berechenbaren Rahmen fällt. Vor Flüchtlingen zum Beispiel, vor allem, wenn es so viele sind und sie auch noch direkt vor der eigenen Haustür untergebracht werden. Aus der Furcht wird Ablehnung, häufig auch Verachtung und Hass. Davon können alleinerziehende Mütter ein Lied singen. Schwangerschaft ist nur dann willkommen und begrüßt, wenn sie geplant ist und am besten am Ende einer wohldurchdachten Partnerschaftsplanung steht, nach der Hochzeit und vor dem gemeinsamen Familiengrab. Dann, und nur dann, sind Babys ein Grund zum Freuen.

Ungeplante Schwangerschaften oder solche, bei denen die Beziehung nicht hält, sind anstößig. „Da hat sich eine ein Kind machen lassen“, sagt man dann und rümpft die Nase. Aus solchen Kindern kann nichts werden. Warum? Ihr ahnt es. Weil der Vater fehlt. Weil der Vater kraft seiner Anwesenheit die Existenz dieses Kindes als gewolltes Kind legitimiert. Ob die Mutter das Kind will, liebt und sich gewünscht hat, zählt nicht. Sie ist eine Schlampe, die die Beine unverhütet im falschen Moment breit gemacht hat und nun die sichtbare Konsequenz ihrer Schande im Kinderwagen vor sich herschiebt. Zu viel Zynismus? Unsere Gesellschaft ist längst freier, offener, toleranter? Dann schaut mal, wie das bürgerliche Milieu alleinerziehende Mütter betrachtet. Im besten Fall als Fürsorgeaufgabe, im schlimmsten Fall mit voller gesellschaftlicher Verachtung. Jemand, der sein Leben im Griff hat, wird nicht alleinerziehend.

Die Rabenmutter

Das Stigma der „Rabenmutter“ ist nicht allein auf die Alleinerziehenden beschränkt, wird ihnen aber besonders häufig vorgeworfen. Entweder arbeiten sie zu viel, oder zu wenig. Sie kümmern sich nicht um ihre Kinder, gehen zu viel weg, haben zu viele „Flausen“ im Kopf. Der eigentliche Vorwurf, den man ihnen aber macht, ist, dass es ihnen nicht gelingt, dem eigenen Kind einen Vater zu präsentieren. Der muss nicht biologisch sein, aber irgendwie anwesend. Dann ist die Mutter gleich alle ihre Stigmas los: Sie ist nicht mehr allein, das Kind wird als Krönung der Beziehung betrachtet, sie arbeitet ein bisschen, aber nicht zu viel und alles ist in Butter. Wenn eine alleinerziehende Mutter arbeitet und sich auf ihren Job konzentriert, ja, es gar wagt, eine Karriere anzuvisieren, dann ist sie doppelt schuldig. Immerhin MUSS das arme Kind ob ihre Versagens schon alleine aufwachsen, und dann ist sie auch noch mit Selbstverwirklichung beschäftigt.

An Alleinerziehenden klebt das Stigma wie Kaugummi. Egal, was sie tun, egal, wie sehr sie sich anstrengen, sie werden es nie ganz los. Die Aussage „Ich bin alleinerziehend“ ist ein Schuldeingeständnis, ein Anerkennen des eigenen Ungenügens und als genau das empfinden es viele Alleinerziehende auch, so als müssten sie sich dafür entschuldigen oder schämen. Dieses Gefühl wird ihnen von der Gesellschaft, aber auch von der Politik, die ihre Anliegen einfach konsequent ignoriert, vermittelt und durch den Trend in der Rechtsprechung noch verschärft. Alleinerziehende Mütter stehen in der Nahrungskette ganz unten und sie geben das Stigma an ihre Kinder weiter. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Ich möchte, dass „ich bin alleinerziehend“ eine Kampfansage wird, voller Stolz laut geschmettert. Alleinerziehende sind mutig. Sie haben gar keine andere Wahl. Sie stehen so sehr im Fokus von Nachbarn, Familie, Lehrern, Arbeitgebern, dass der Druck, besser zu sein als andere Mamas, fast unerträglich ist. Sie leben mit dem permanent schlechten Gewissen ihren Kindern gegenüber. Sie leisten Übermenschliches. Sie ertragen die leise und die laute Verachtung. Alleinerziehende stellen das patriarchale System in Frage. Ihre pure Existenz zeigt, dass es weder Ehemann noch Vater braucht, um eine Familie zu sein. Im Patriarchat Deutschland 2016 ist das so unerhört, dass gleich eine ganze Lobby mit breiter Unterstützung von Medien, Psychologen, Richtern und Jugendämtern gegen sie ankämpft.

12 Kommentare

  1. Mir hat schon lange kein Artikel so sehr aus der Seele gesprochen wie dieser. Meine fünfjährige hat ihren Vater auch noch nie gesehen.

    Ich habe mein Leben gut im Griff. Ich gönne jedem sein Vater-Mutter-Kind-Glück. Und ich freue mich über jeden, der mir mein Glück gönnt.

    Ich frage mich auch oft, wo diese ganzen Horden von herzlosen Alleinerziehenden sein sollen, die den Vätern die Kinder mit Zähnen und Klauen vorenthalten und sich mit dem Unterhalt ein Leben in Saus und Braus ermöglichen.

    Ich könnte noch ganz viel schreiben, über finanzielle Nachteile zum Beispiel

    Ist in dem Text aber schon gut beschrieben. Danke!

  2. Mir hat schon lange kein Artikel so sehr aus der Seele gesprochen wie dieser. Meine fünfjährige hat ihren Vater auch noch nie gesehen.

    Ich habe mein Leben gut im Griff. Ich gönne jedem sein Vater-Mutter-Kind-Glück. Und ich freue mich über jeden, der mir mein Glück gönnt.

    Ich frage mich auch oft, wo diese ganzen Horden von herzlosen Alleinerziehenden sein sollen, die den Vätern die Kinder mit Zähnen und Klauen vorenthalten und sich mit dem Unterhalt ein Leben in Saus und Braus ermöglichen.

    Ich könnte noch ganz viel schreiben, über finanzielle Nachteile zum Beispiel

    Ist in dem Text aber schon gut beschrieben. Danke!

  3. Klasse geschrieben, es ist eins der großen Kapitel „Alleinerziehend“- ich weiß auch, dass sich hier und da einige provoziert fühlen, habe genug im Netz dazu gelesen und bin immer wieder schockiert, dass es echt Menschen gibt, die z.B. fordern „Nehmt denen die Kinder weg, und dann sollen sie arbeiten“-das war ein Kommentar zu einem WAZ Artikel über Alleinerziehende in Bezug auf Ausbildung und Job. Da gab es so einiges kurioses… Das Erlebnis mit diesem Schultermin kann ich sehr gut nachvollziehen, ich stelle mir vor wie die Frau auch ganz anders reagieren könnte, auf das was das Kind sagt „kann ich verstehen, dass du sauer auf deinen Papa bist, der verpasst ein tolles Mädchen-ganz schön blöd.“ oder was könnte sie noch sagen????
    Das Stigma ist echt eine Riesennummer an dem Stress, den man als Alleinerziehende empfindet…total verrückt eigentlich-die meisten glauben, dass es Frau so schlecht ginge weil der Partner und Vater weg ist, aber im Grunde ist das oft nicht der Grund für Burnout, Hartz, Stress, Abwärtsspirale sondern diese ganzen Vorurteile, schlechte Betreuungsmöglichkeiten, uninformierte Arbeitgeber und unflexible Arbeitsmodelle, wenig Steuererleichterung und der Nummer, dass der Vater sich sein Vater-Sein aussuchen und jederzeit on oder off drücken kann.
    Und: „um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“- auch nur Mama und Papa reichen nicht aus…die Gesellschaft hat sich so entwickelt, dass jeder meint sich einzumischen wenn es um Kritik oder Lästerei geht-doch wenn es um gemeinsame Erziehung geht-hört es auf, da ist die Mutter zuständig.

  4. Danke dafür ! Ich bin sehr emotional nach diesen Zeilen !

    Schaut, was sie im Patriarchat mit den alleinerziehenden Müttern und deren Kinder machen ! Sie werden gequält, genötigt, gefoldert, traumatisiert in den Familiengerichten, um den „Vätern“ weiterhin die Macht zu geben. Eine vollzogene Trennung wird in den Familiengerichten um jeden Preis rückgänig gemacht. Gewalt ? Egal, das hat die Mutter sicherlich zu verantworten, sie hat ihn doch provoziert…
    Menschenrechte, Grundrechte, Persönlichkeitsrechte ? All dies gilt nicht für Mutter und Kind.

  5. Leider ist es so….bin seit 4 Jahren alleinerziehende..und lebe vom AMS gehe das Wochenende arbeiten und bezahle mir die Kinderbetreuung selbst. Neulich hätte ich im Restaurant abendienst machen müssen…eine Stelle von Amt…habe gesagt das ich keine Betreuung abends für meine Kinder habe…sie sind 12 und 7…darauf wurde ich sehr forsch von der Dame angemotzt das ich gesagt hätte ich würde nicht arbeiten gehen wollen.das habe ich nicht gesagt ich habe gesagt ich kann nicht nachts arbeiten…hetz ist mir das Geld gestrichen worden für 6 Wochen…es ist zum kotzen…sowas ..und im kremium sitzen 4 Herren die darüber bestimmen…lbg helga

  6. Diese vom Patriarchat angestellten und abgerichteten Frauen- und Mütterfeindinnen sind voll von patriarchalischen Vorurteilen und für alle Frauen schädlich wie Gift. Diese toxischen Trullas nenne ich moderne Hexenjägerinnen. Alle Frauen und Mütter die nicht dem angeordneten mainstream-Weltbild entsprechen, ( gut verheiratet, studiert, Einfamilienhaus, 2 Kinder, Hund und Garten….) werden durchleuchtet, gerastert und in den unteren Schubladen der selbsternannten Hüterinnen der Familie, (sprich Mann) als soziale Versagerinnen abgelegt. Diese Frauen sind die „handmaidens“ des Patriarchats und von diesem instrumentalisiert.
    Es sind allesamt Veräterinnen an Frauen und Müttern. Einige nennen sich noch Feministinnen. Weg mit denen!

  7. Anzufügen wäre noch, dass das Patriarchat und seine Institutionen (alle staatlichen Stellen) die Mütter über die Liebe zu ihren Kindern erpressen. Wenn diese Liebe nicht wäre, könnte man die Kinder ja ruhig dem Ex resp. dem abwesenden (oder gar gewalttätigen) Vater überlassen.
    Die patriarchalen Institutionen wissen das und gängeln und erpressen die Frauen und Mütter genau mit der Angst, das Kind zu verlieren. Es ist einfach nur schrecklich!

  8. GesternNacht

    Ich bin das Kind einer Alleinerziehenden.
    Meine Familie waren meine Mutter und meine Oma, mein „Vater“ ist eher sowas wie ein entfernter Verwandter für mich.

    Nach der Trennung (kurz vor meiner Einschulung) hat mein Erzeuger nichtmal daran gedacht um das Sorgerecht zu kämpfen, obwohl mich meine Mutter ins Ausland (Deutschland) nehmen wollte – alle anderen Ziele und Pläne waren mit dem Ende der Ehe Geschichte. Die neue Freundin meines Erzeugers störte sich an mir, da musste mein Erzeuger natürlich Prioritäten setzen… Noch bevor die Scheidung durch war, war das neue Kind unterwegs. Seit dem war ich ein Störfaktor im Leben meines Vaters. Im ersten Jahr noch mehrmals, dann nur noch ein Mal im Jahr Besuchte ich ihn (was meine Mutter auch noch bezahlte) und war nur das 5te Rad am Waagen. Es war als wäre er ein anderer Mensch, aus einem liebevollen Vater wurde ein eiskalter Klotz. Aus dem „Wunschkind“ wurde ein Fehler der Vergangenheit, den man Abschieben kann – schließlich kümmert sich ja die Mutter.

    Am Anfang war das schwer für mich, aber nach wenigen Jahren wurde ich Zynikerin. Die Geschichte hat aber auch einen tiefen Zweifel gesät was Männer angeht. Männer sind für mich unberechenbare Zeitbomben, jeder Zeit – sei es nach 10, 15 oder auch 20 Jahren – könnte irgendwas plötzlich „klick“ machen und sie drehen durch und lassen einen im Stich. Ich habe sehr viele Freunde, Bekannte und Verwandet denen genau DAS auch passiert ist: Väter, Partner entziehen sich der Verantwortung und glauben auch noch „DAS RECHT“ darauf zu haben. Verantwortung ist für viele Männer wohl nur ein Thema, wenn SIE diese Verantwortung wollen, die Frauen und die Kinder sind dann die Dummen. Ich kenne mehr „solche Fälle“ als „heile Familien“. Wenn ich an Familienplanung denke, dann habe ich dann das „Alleinerziehendenszenario“ immer im Kopf, das wird man nicht los als Scheidungskind – da meine Mutter das aber doch ganz gut gepackt hat, macht es mir nicht so viel Angst, schließlich kann ich auch auf ihre Hilfe zählen.

    Ich hatte aber tatsächlich nicht das Gefühl, dass meine Mutter das „Alleinerziehendsein“ als Stigma empfand, auf mich wirkte sie immer sehr selbstbewusst. Sie ist aber auch etwas anders sozialisiert worden, in einer Großstadt Osteuropas zur Zeiten des Ostblocks, als viele Frauen in (West)deutschland. Dieses glorifizierte Mütterideal in Deutschland wurde mir erst bewusst, als das Thema „Familie, Zukunft usw.“ für mich relevant wurden – vorher fiel es mir einfach nicht auf, selektive Wahrnehmen würde ich sagen.

    Grüße,
    GesternNacht

  9. Rebecca R

    Liebe Eva,

    das alles kenne ich nur zu gut …

    Ich bin auch alleinerziehend mit einem Dreijährigen und einer Zwölfjährigen. Der Papa des Kleinen drangsaliert mich wo es nur geht (von Erpressung bis regelmäßiger Vergewaltigung ist alles dabei), dabei hat er längst wieder Frau und Kind.

    Da es vorher komplett anders geplant war bedeutete die Trennung den totalen finanziellen Ruin für mich, als zuvor Selbständige war ich gezwungen Hartz IV anzumelden, denn es war mir unmöglich zu arbeiten mit einem Baby auf den Knien. Niemand interessiert, dass ich bis dato so viel Steuern gezahlt dass ich ein Einfamilienhaus davon hätte kaufen können, im Jobcenter werde ich behandelt wie eine Bettlerin – alles sehen nur Alleinerziehend, privat insolvent und Hartz IV …

    Aber Monsieur Papa ist fein raus, niemand macht ihm ein Vorwurf, jeder findet es vollkommen legitim, dass er mich verlassen hat in genau dem Moment, da ich das erste mal wirklich auf seine Hilfe angewiesen war. Niemand findet es unfair, dass er 7 Jahre sehr gut auf meine Kosten lebte, nur sporadisch gearbeitet hat und mich sehr geschickt u d mit vielen Täuschungen zu einem viel zu hohen Kredit überredete letzten Endes nur um seinen teueren Lebensstil ganz ausleben zu können und dann verlässt wenn „die Alte kein Geld mehr hat“.
    „Das ist halt so passiert“ bekomme ich zu hören, „wo die Liebe hinfällt“, alle sind sich da einig, seine Gefühle kann man nicht steuern. Welch Farce und Ironie hier von Liebe und Gefühlen zu reden – die Neue hate er schon zig mal betrogen und sie führt sich mir gegenüber auf, als hätte sie „gewonnen“. Sicher hätte ich mich nicht von ihm trennen müssen, aber mit so einem Menschen zusammen zu bleiben, der mich so vollkommen enttäuscht hat? Der nur lügt und betrügt? Nein, da ist die gesellschaftliche Ächtung und die bittere Armut immer noch das geringere Übel … Jetzt nach fast vier Jahren geht es langsam aufwärts, aber es war die furchtbarste Zeit meines Lebens. Der einzige Lichtschein war mein Kleiner, denn meine Große hatte die Trennung nur schwer verwunden und sich voller Hass und Aggressivität gegen mich gestellt … Eine Folge seiner autoritären Erziehung wie sich dann in vielen Therapiesitzungen herausstellte. Auch da war ich die Leidtragende … So trage ich dank ihm zusätzlich noch an dem Stigma als Mutter versagt zu haben. Etwas, dass dann meine Eltern dazu veranlasste eine 8a Meldung beim Jugendamt zu amchen – weil sie um das Wohl meiner Kinder fürchteten, denn ich könnte ja jeden Moment zusammenbrechen … Und so könnte ich noch weiter und weiter schreiben … Einmal unten, immer unten.

  10. Großartiger Artikel, genaue Beschreibung der Lebensumstände von AE Frauen mitsamt ihren Kindern. War vor zig Jahren, als es endlich Familienrechtsreformen gab, und das Familienoberhaupt enthauptet wurde, nicht anders, bis auf eines: Damals war Vater Staat froh, dass die Frauen alleinerziehend die Familienagenden übernahmen, bei den hochschnellenden Scheidungsraten. Immerhin wurden ja auch damals mindestens 80 Prozent der Scheidungen von den Frauen eingereicht. Warum wohl?
    Der Backlash bringt nun – im Artikel gut beschrieben – die patriarchale Keule und die Kontrolle der Männer über die Frauen via Kind zurück. Schlimmer noch als es jemals war, weil scheinheilig eine „Gleichberechtigung“ proklamiert wird, die es nirgendwo in der Realität gibt und die Frauen auf eine unerträgliche Art und Weise nicht nur von den Vätern, sondern auch von der Gesellschaft zu Sklaven im Namen des Kindeswohls gemacht werden. Widerstand ist notwendiger als je zuvor. Frauen, organisiert Euch!

  11. Ja, diesmal hat sich „der Feind“ hinter dem Wohle des Kindes und seinem Recht auf einen Vater versteckt. Backlash! Die Unterdrückungsmethoden werden immer perfider und sublimer, bis die Frau oder Mutter gar nicht mehr weiss gegen was oder wen sie kämpfen soll, da die Einengung und Bevormundung allumfassend geworden ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.