Ich bin nicht deine Schlampe

"Bitch" written on a trash can

Jes via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

In einer Episode von “Girls” mit der fantastischen Lena Dunham gibt es eine Sexszene, in der er in Fahrt kommt und zu seiner Sexpartnerin sagt: “Bist du eine geile Schlampe, die von mir gef***t werden will?”  Sie unterbricht und sagt: “Hey, nein, ich kann gerne mit dir Sex haben, ohne eine Schlampe zu sein.” Damit ist die Luft raus, der Sex macht ihm keinen Spaß mehr, obwohl er sich Mühe gibt. Kann man als Frau unbändige Lust auf Sex haben, ohne eine Schlampe zu sein? Das Patriarchat hat die Antwort: natürlich nicht. Sex ist nicht da, um Frauen Spaß zu machen, sondern der ist allein den Männern vorbehalten.

“Schlampe” ist die abwertende Titulierung für eine Frau, die “zu viele” Sexualpartner hat – das deutsche Äquivalent zu “Bitch”, wobei “Bitch” das Wort für eine läufige Hündin ist, oder eben “Slut”.  Schlampen, das ist im Patriarchat die Betitelung all jener Frauen, die kostenlos Sex zur Verfügung stellen, der nicht prostituiert ist und nicht im Rahmen einer festen Beziehung oder Ehe stattfindet. Dabei ist es vollkommen willkürlich, wer durch das Raster fällt. Eine Frau, die der Forderung ihres Freundes nachkommt und ihm Nacktbilder von sich schickt, ist eine Schlampe, wenn er die Bilder gegen ihren Willen veröffentlicht ebenso wie eine Frau, die einen One-Night-Stand und das Pech hat, dass ihr Sexpartner das anschließend breittritt. Der Titel “Schlampe” weist Frauen in ihre Schranken, er ist so ziemlich das Schlimmste, das dem Ruf einer Frau passieren kann. Ist sie erst einmal eine Schlampe, hat sie jeden noch so geringen Anspruch auf respektvollen Umgang verwirkt, ebenso wie die Hoffnung auf eine ernst zu nehmende Beziehung. Fortan ist sie nur “Fickmaterial” für das männliche Umfeld. Sexuelle Freiheit und häufige Partnerwechsel sind im Patriarchat nämlich ein männliches Vorrecht, Frauen wiederum haben sich zwar zur Verfügung zu halten, werden aber strikt in jene aufgeteilt, die man eventuell heiraten und zum Brutkasten der eigenen Nachkommen machen kann und diejenigen, die man zur Samenentleerung benutzt. Gerne kostenlos, ansonsten schaut man sich einen Porno an oder kauft sich Sex bei einer Prostituierten, wie es den ausgebeuteten Frauen dabei geht, spielt keine Rolle, die männliche Befriedigung hat, gesellschaftlich legitimiert, immer Vorrang. Deshalb haben wir Puffs, deshalb ist Prostitution legal, deshalb werden Vergewaltiger lieber erst gar nicht bestraft und gilt erzwungener Sex nicht unbedingt als Strafbestand.

Wenn Männer also von “Schlampen” sprechen, dann ist das Ausdruck einer zutiefst abwertenden und sexistischen Sichtweise auf das Verhältnis der Geschlechter. Einen Wort für eine männliche Schlampe gibt es nämlich nicht.  “Schlampe” ist eine allein Frauen vorbehaltene Degradierung und eindeutig besetzt. Doch wer sich mal umhört, entdeckt Erstaunliches.
Nicht nur junge Mädchen sprechen sich untereinander mit “Bitch” an, weil das irgendwie lässig klingt, auch in einigen feministischen Kreisen findet ein “Reclaiming”, ein Zurückerobern der Wörter “Schlampe” und “Bitch” statt, das seinen Höhepunkt bislang in den weltweiten “Slutwalks” fanden. “Schlampe” sollte zu einem feministischen Kampfbegriff umgedeutet werden, so nach dem Motto: “Wenn wir ihn stolz und selbstbewusst benutzen, verliert er seine abwertende und sexistische Bedeutung.” Das ist ein Irrglaube. Der Titel “Schlampe” wird nicht besser dadurch, dass wir ihn selbst benutzen, uns sozusagen ein Etikett umhängen, das vom Patriarchat eindeutig besetzt ist und dann behaupten, es meine etwas ganz anderes, als es aber für die meisten aussagt. Wer über sich selbst oder andere Frauen sagt, sie seien “Schlampen”, tut das entweder in der Absicht, die jeweils andere herabzuwürdigen, oder um zu zeigen, dass man vor den sozialen Regeln des Patriarchats kapituliert hat und sich freiwillig in die vorgezeichnete Rolle begibt. Popstars spielen auf den Bühnen Pornostars nach und zeigen allen Frauen, dass dies ein erwünschtes Verhalten ist. Wer sich so benimmt, wird belohnt. Aber das ist nur vermeintlich so. Tatsächlich stecken alle Frauen in einer unauflösbaren Zwickmühle. Sind sie zu sexy, zu freizügig, zu sehr auf der Suche nach männlicher Anerkennung, wird ihnen das Etikett “Schlampe” verliehen, zeigen sie nicht genug Haut, legen zu wenig Make-Up auf und stellen sich nicht zumindest potenziell auf dem patriarchalen Fleischmarkt zur Verfügung, erhalten sie noch sehr viel unfreundlichere Titulierungen. Ein dritter Weg, nämlich die eigene Sexualität allein nach den Regeln der eigenen Vorlieben und Bedürfnisse auszuleben, ist überhaupt nicht vorgesehen.  Er würde die patriarchalen Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf stellen.

Es ist keineswegs so, dass die Porno-Generation der Teens und Twens dank der Omnipräsenz sexueller Inhalte offener, freier und liberaler mit weiblicher Sexualität umgeht. Im Gegenteil: Mädchen, die mit Jungs schlafen, werden als “Huren” und “Schlampen” bezeichnet, im Internet findet ungeniertes Slutshaming statt – an dem sich auch anderen Mädchen beteiligen, damit sie nicht selbst unter die Räder kommen. Jeder sexuelle Kontakt birgt die Gefahr vom anderen bloßgestellt zu werden – ein Risiko, das für Jungen überhaupt nicht existiert. Vergewaltigungsopfer werden gern als Schlampen denunziert – die Zahl ihrer Sexualpartner spielt bei einem Prozess für den Richter eine Rolle. Vor diesem Hintergrund mutet es seltsam an, dass gerade Feministinnen den Begriff “Schlampe” zurück erobern wollen. Die Umdeutung rassistischer Begriffe ist uns nicht gelungen – wir einigen uns gerade gesellschaftlich darauf, sie nicht mehr zu verwenden und sogar aus unseren Kinderbüchern zu streichen. Beim Begriff der “Schlampe” hat dieser Prozess noch nicht einmal begonnen. Ich wünsche mir, dass er in naher Zukunft ebenso verpönt ist wie das N-Wort.

Was zwischen zwei Menschen im Bett geschieht, ist ihre Sache. Doch es sollte zu denken geben, wenn ein Mann annimmt, eine Frau könnte nur dann gerne Sex mit ihm haben, wenn sie eine Schlampe sei. Eine Frau zu sein, reicht offenbar nicht aus, um Lust auf Sex haben zu dürfen.

1 Kommentare

  1. …also im Wörterbuch meiner Wahl ist eine “Schlampe” zunächst mal …

    Wörterbuch
    Schlạm·pe
    Substantiv [die]umgangssprachlichabwertend

    1.
    eine unordentliche Frau.
    2.
    eine Frau, die sehr viele sexuelle Beziehungen hat…

    aber im Grunde habt ihr ja recht…

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