Im Eiltempo in die Vergangenheit – Feminismus aus dem Elfenbeinturm

Fight Sexism - Streetart

Fight Sexism - Streetart via streunna4 via Flickr, [CC BY-NC-SA 2.0]

Ich wollte mich raushalten. Ganz ehrlich. Weil der Medienrummel um den Absturz abstoßend war. Weil so ziemlich alles geschrieben und beleuchtet und alle Grenzen überschritten wurden. Aber in diesem Text geht es nicht um den Absturz. Es geht um den Feminismus und wie er sich gebärdet. Seit dem Absturz der German Wings Maschine geistern eigenartige Texte durch’s Netz. In dem einen wird behauptet, mehr Frauen im Cockpit würde Fliegen sicherer machen. In dem nächsten, Männer seien eben gewalttätig und im übernächsten, die Mütterlobby sei schuld am Absturz.
Aber der Reihe nach. Ich schätze Luise F. Pusch sehr und ich kann mir an der Stelle einen wohl kalkulierten Shitstorm schon vorstellen, obwohl sie von der Wucht der Kritik, die ihr entgegen schlug, sicher selbst überrascht war. Meiner Verehrung und meinem Respekt ihr gegenüber tut das keinen Abbruch, auch wenn man kritisch betrachten kann, dass sie sich gerade die feministische Bildzeitung dafür ausgesucht hat, um damit auf die Kacke zu hauen. Oder wurde sie ausgesucht? Sei’s drum. Manchmal muss das eben sein. Was mich aber wirklich irritiert, ist, dass die Debatte theoretisch ungefähr um 30 Jahre zurück fällt, und sich dabei eigenartige Lager bilden. Alice Schwarzer ist ihreszeichen als Verehrerin von Simone Beauvoir bekannt, die Anhängerin des Gleichheitsfeminismus ist, ja, ihn in seiner bekannten Form begründet hat. Beauvoir sagte jenen oft falsch zitierten Satz: “Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.”

Das klingt auf Deutsch komisch, aber sie meint damit, dass wir unsere Geschlechterrollen nur anerzogen bekommen. Wir werden zu Frauen gemacht. Wir sind weder sanfter, noch mütterlicher, noch harmoniebedürftiger als Männer. Gegen diesen Gedanken wehrten sich die Differenzfeministinnen, die sagen, es gibt sehr wohl Unterschiede zwischen Mann und Frau, auch angeborene oder im Wesen verhaftete, aber die dürfen eben nicht zur Grundlage der Unterdrückung von Frauen verwendet werden. Unter diesen Differenzfeministinnen gibt es wiederum einen Teil, der die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau zu einem qualitativen Merkmal macht: Frauen sind die besseren Menschen. Wegen der Natur und dem Gebären und überhaupt.

Diese unterschiedlichen Strömungen widersprechen einander, auch wenn sie in grundsätzlichen Fragen der Frauenbewegung zusammen finden oder sich ergänzen. Prinzipiell erreicht man aber immer einen Punkt, an dem sie sich ausschließen. Gerade wenn man das Frausein auf irgendeine Weise überhöht. Aber: Bislang kämpfen wir auf so verlorenem Posten, dass wir uns um solche Spitzfindigkeiten später streiten können. Darauf zumindest hatte man sich im Laufe der Frauenbewegung mal geeinigt. Frauen sind keine besseren Menschen. Sie hatten nur historisch gesehen weniger Gelegenheit, großen Mist zu bauen, weil ihnen dazu die Mittel fehlten. Wenn man aber davon ausgeht, dass sie sozusagen klüger auf die Welt kommen und das Mittel zur Weltrettung schon in ihren weiblich-weisen Gehirnen tragen, dann ist das Biologismus und genau der ist nicht unschuldig daran, dass wir da sind, wo wir eben sind. Früher hieß es, Frauen brauchten Kinder, um nicht hysterisch zu werden. Sie seien für das Häusliche und das Familienleben gemacht, mit Beruf und Karriere kämen sie aufgrund ihrer Biologie und ihres angeborenen Wesens gar nicht klar. Jetzt von Frauen zu behaupten, sie hätten eben eine andere Verbindung zum Leben und eine natürliche Ablehnung gegen Gewalt, ist positiver Biologismus oder Sexismus, wie man will, und kein Stück besser.

Männer werden nicht als Gewalttäter geboren, sie werden dazu erzogen, weil es in unserer Welt eben um Macht geht und die kriegt man über zwei Wege: Geld oder Gewalt. Männlichkeit definiert sich vor allem über Macht, also greifen Männer zu beiden Mitteln um ihre Männlichkeit zu beweisen. Dass das ein Dilemma ist, dass wir Frauen nicht für sie lösen können, ist klar. Aber die Lösung kann auch nicht sein, dann zu sagen, naja, lasst mal die Frauen ran, die werden es schon richten. Jeder, der mal eine weibliche Vorgesetzte mit geringerer Qualifizierung als man selbst hatte, weiß, wie hässlich sich Frauen in Machtpositionen benehmen können. Oder beobachtet mal, wie deutsche Hausfrauen mit ihren polnischen Putzfrauen umgehen. Da läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter. Es lässt sich schon ahnen, dass es offensichtlich die Macht ist, die wir übereinander haben, die uns zu schlechten Menschen macht. Und dann wird erklärt, dass Männer sich öfter umbringen als Frauen. Das mag zwar in absoluten Zahlen stimmen – aber vielleicht würden sich Frauen genauso oft umbringen, wenn man ihnen nicht von klein auf beibrächte, dass sie Verantwortung für ihre Familie und Eltern haben und sie es aus diesem Grund einfach nicht fertig bringen, ihnen das anzutun? Sie sind also eher auf stilles Leid konditioniert, als auf den großen Abgang. Frauen werden nicht zu Gewalt erzogen, sie werden bewusst auf das Pflegen und Bewahren geprägt. Schon mal Mädchen im Kindergartenalter beim Puppenspiel zugesehen? Sie imitieren die Mutterrolle perfekt. Sie spielen nicht “zur Arbeit gehen” oder “Krieg”. Während dessen hauen sich die Jungs mit Stöcken die Köpfe ein. Und zwar nicht, weil in ihnen ein Gewaltgen schlummert. Sondern weil ihnen beigebracht wird, dass Jungs so sind, Mädchen nicht.

Die größte Gefahr für uns Frauen geht auch nicht von Flugzeugabstürzen aus, sondern in allererster Linie von anderen Frauen. Sagt man als Feministin nicht? Doch, genauso ist es. Es sind die Frauen, die “Sexwork” bejubeln, und erklären, dass sie den Feminismus für überkommen halten, die ihre Männer verteidigen und keinen Pfifferling auf Solidarität mit anderen Frauen geben, die sich lieber mit den Mächtigen, den Männern verbünden, weil sie denken, sie als Individuum kommen dann besser weg. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie wenig Frauen aufeinander geben. Ich erinnere mich an Berichte von Mädchen, die 1945 von russischen Besatzern vergewaltigt wurden. Sie wurden von den Frauen ihrer Dörfer ausgeliefert, damit diese davon kamen.  Es sind sogar Feministinnen, die behaupten, wer auf einen Pick-Up-Artist reinfalle, verdiene es nicht besser und es sind Frauen, die sich freuen, wenn der Hartz IV Satz für Alleinerziehende gekürzt wird, weil es dann mehr Nachschub an Frauenware in der Prostitution gibt. Frauen sind Zuhälterinnen und Menschenhändlerinnen. Sie nehmen anderen Frauen die Kinder weg, sie unterdrücken Frauen, die ihnen gesellschaftlich unterlegen sind, sie diskriminieren und üben Gewalt aus. Sogar innerhalb der feministischen Bewegung wird Macht und Geld benutzt, um andere mundtot zu machen, oder zu manipulieren.

Die Lösung ist also nicht einfach, Frauen in Schlüsselpositionen zu bringen und zu hoffen, die Welt würde dann eine bessere, sondern die mit Macht und Ohnmacht verknüpften Geschlechterrollen zu kritisieren und aufzuweichen. Weiblichkeit ist kein Allheilmittel. Es ist ein Konstrukt, ein Mittel der Unterdrückung, dass wir jetzt nicht einfach zu seiner Überwindung einsetzen können.
Ich will die Welt nicht retten. Ich bin nicht weiser als mein bester Kumpel, meine Erfahrung als Frau unterscheidet sich von seiner nur in sofern, als dass er vermutlich noch nie an der Supermarktkasse betatscht oder schlechter bezahlt als sein männlicher Kollege wurde. Gegen diese kollektiv-weibliche Erfahrung kann ich kämpfen. Aber nicht, um dann mein eigenes Weltbild der Geschlechtertrennung aufzubauen. Soweit waren wir auch schon, war die Frauenbewegung auch schon. Das sind theoretische Errungenschaften, hinter die wir jetzt wieder zurückfallen, um die Angst vorm männlichen Gewalttäter zu schüren. Schaut sie euch an, eure Söhne, wie sie da noch ganz harmlos mit dem Lego spielen, morgen sprengen sie uns alle in die Luft. In einer solchen Denkweise steckt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Und als Feministinnen sollten wir genau der weder Tür noch Tor öffnen.

Das war aber noch nicht alles, was mich in der vergangenen Woche im feministischen Blätterwald irritierte. Bei Helke Sander las ich, dass sie keine kopftuchtragenden Feministinnen in Deutschland finden könnte. Und das Kopftuch als politisches Symbol mit dem Hakenkreuz verglich. Ich frage mich, welche Suchmaschine sie benutzt. In zahlreichen sehr bekannten deutschen Blogs schreiben Feministinnen mit Kopftuch. Dass sie sich nicht als solche organisieren, liegt daran, dass das Kopftuch nicht identitätsstiftendes Merkmal Nummer eins für sie ist, sondern eben der Feminismus.  Warum wir uns an dem Thema Kopftuch aber nicht endlich müde gekämpft haben, ist irritierend. Haben wir als Feministinnen nicht wirklich größere Probleme? Prostitution, Porno, Vergewaltigungskultur? Wenn wir die im Griff haben, können wir dann streiten, ob man nun mit Kopftuch für Frauenrechte eintreten darf oder nicht?

Die vergangene Woche zeigte, dass der Feminismus sich lieber wieder an der Vergangenheit ausrichtet und ideologische Kämpfe ficht, die eigentlich längst entschieden waren oder für unwichtig erklärt wurden.  Feminismus wird in Bildzeitungsparolen vom Elfenbeinturm aus hinausgeschrien, anstatt auf die Straße zu gehen und sich miteinander zu solidarisieren. Man kann nur hoffen, dass wir bald wieder zu den wichtigen Fronten zurückfinden. Denn da spielt sich Unglaubliches ab. Der Vorstoß der Väterlobby mutet wie ein schlechter Aprilscherz an, er erzählt aber, wie sehr diese Gruppe von Frauenhass getrieben ist – und sie haben damit Erfolg. Jugendämter und Richter setzen alleinerziehende Mütter unter Druck und trennen sie sogar von ihren Kindern. Das Thema wird im Elfenbeinturm ignoriert. Weil man damit keine Schlagzeilen macht. Wie war das noch? Frauen sind die besseren Menschen? Ne, echt nicht.

2 Kommentare

  1. Yvonne Flückiger

    Ja, ich kann mich dieser Meinung anschliessen! Frauen können gifteln, tratschen, mobben, etc. Mehr hinterhältig halt. Ich kann mir auch vorstellen, dass einige aus Neid, (weil sie z.B. den Grossbauer von nebenan wollten…..) Frauen an die Inquisitoren und später an andere Schergen “verpfiffen” haben. Immer ganz unschuldig, ich habe dann nichts gesagt…….! Seit Jahr und Tag, üben sie indirekt Gewalt aus: Warte, bis der Vater kommt, etc. etc. Und trotzdem!
    Das grosse Hauen und Stechen ,Foltern, Vergewaltigen und Kriegen wird halt doch hauptsächlich von Männern ausgeführt. Auch kleine Kinder töten ist nicht wirklich Frauensache. Auf alle Fälle leiden sicher auch die Täter (innen) . Denn gesunde und glückliche Menschen können nicht ohne selbst Schaden zu nehmen, anderen Lebewesen, (auch Tieren) Schmerz zufügen. Wir brauchen einfach eine glücklichere Gesellschaft, die Gefühle und Leid ernst nimmt und nicht pathalogisiert, oder mit Medis unterdrückt. Je mehr nur der Erfolg, die Form, das Aeussere und das Geld eine Rolle spielen, desto mehr verhungert die Seele.
    Und auf diesem falschen Weg bewegen sich viele. = Zuviel! Frauen und Männer!

  2. Käsestulle

    “Weiblichkeit … ist ein Konstrukt, ein Mittel der Unterdrückung, dass wir jetzt nicht einfach zu seiner Überwindung einsetzen können.”

    Das ist der Punkt: Um eine gesellschaftliche Position zu überwinden, muss man sie verlassen, statt sie schön zu reden.

    (Der Begriff “Weiblichkeit” trifft den Kern nicht. Mein Geschlecht ist weiblich, aber unterdrückt werde ich mittels einer gesellschaftlichen Rolle. Mein Geschlecht kann ich nicht überwinden, meine Rolle hingegen schon.)

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