Im Erlebnisbad der Gewalt – eine Replik auf den Text „Du Opfer“

Vor ein paar Tagen haben die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal und die Studentin der Sozialen Arbeit Marie Albrecht auf taz online einen Text veröffentlicht, in dem vorgeschlagen wird, vergewaltigte Personen nicht mehr „Opfer“, sondern „Erlebende“ zu nennen. (Ja, richtig gelesen, nicht „ÜBERlebende“, sondern „Erlebende“.) Sanyal und Albrecht begründen das so:

„Denn ´Opfer´ ist keineswegs ein wertfreier Begriff, sondern bringt eine ganze Busladung von Vorstellungen mit. Wie die, dass Opfer wehrlos, passiv und ausgeliefert sind – und zwar komplett. Bloß sind Menschen, denen etwas angetan wurde, ja immer noch sie selbst (…) Wenn mir jemand erzählt, dass er oder sie einen Autounfall gehabt hat, wird sich meine Wahrnehmung dieser Person wahrscheinlich kaum verändern. Genau das passiert jedoch, wenn wir ´Autounfall´ durch ´Vergewaltigung´ ersetzen. (…) Indem wir Menschen als Opfer bezeichnen, stecken wir sie in eine Schublade und werfen den Schlüssel weg.“

 

Auffällig ist zunächst, dass die Autorinnen unfähig sind, eine situative Zustandsbeschreibung (Situation: Vergewaltigung, beteiligte Personen: Täter, Opfer) von einer Charakterstudie zu unterscheiden. Wenn ich in einer Situation Opfer geworden bin, zum Beispiel Opfer eines Vergewaltigers, einer Vergewaltigung, dann BIN ich wehrlos, passiv und ausgeliefert. Genau das ist ja das Traumatisierende an dieser Situation. Es behauptet aber niemand, dass ich jetzt für den Rest meines Lebens in ALLEN Situationen passiv, wehrlos und ausgeliefert bin.  Es mutet auch merkwürdig an, dass es also weiter „Opfer von Autounfällen“ geben dürfen soll, jedoch keine „Opfer sexueller Gewalt“.

 

Sanyal und Albrecht schreiben weiter, der Begriff „Opfer“ öffne Tür und Tor zu Vermutungen, das Opfer habe eine typische Opfer-Persönlichkeitsstruktur und werde mit Synonymen wie „armes Hascherl“ oder „Unglückswurm“ gepeinigt, zudem breche der Begriff nicht mit der Vorstellung davon, Vergewaltigung sei das Schlimmste, was einer Frau zugefügt werden könne. Jugendliche mit ihrem „feinen Sprachgespür“ brächten das mit ihrer Beleidigung „Du Opfer!“ auf den Punkt.

Sie übersehen damit, dass dieses genannte Verhalten Teil einer Kultur ist, die das Opfer (vor allem sexueller Gewalt) beschämt und ihm unterstellt, es habe durch ein bestimmtes Verhalten (Opferhaltung!) dazu beigetragen, zum Opfer zu werden. Dieser Vorstellung schließen sich die Autorinnen an, wenn sie behaupten, Jugendliche verwendeten den Begriff „Du Opfer“ nicht etwa deswegen, weil sie in einer Kultur aufgewachsen sind, in der es eben Gang und Gebe ist, vor allem Opfer sexualisierter Gewalt zu beschämen, als entehrt zu sehen und es abzufeiern, jemanden so zu demütigen, sondern sie beleidigten derart weil sie den wahren Sinn des Wortes „Opfer“ erspürten. Jugendliche sagen übrigens auch oft „behindert“ als Beleidigung, und verwenden ich „ich ficke dich“ als Drohgebärde. Sie spiegeln damit gesellschaftliche Vorstellungen, und hier eben die davon, dass „Opfer“ weiter gedemütigt gehören, dass jemanden zum Opfer zu machen ein Triumph ist und das Opfer sich zu schämen hat.

 

 

Sie schreiben weiter:

„Wer möchte, dass die Krankenkasse eine Therapie nach sexualisierter Gewalt bezahlt, braucht die psychiatrische Diagnose Trauma. Dadurch wird jedoch ein Trauma, das von außen zugefügt wurde, zu einer seelischen Wunde, und damit in den Traumatisierten selbst begründet. In eine ähnliche Richtung geht die juristische Bezeichnung ´Geschädigte*r´, impliziert sie doch, dass Geschädigte einen Schaden zurückbehalten. Und ´Betroffene*r´ hört sich so… betroffen an. Doch keine Sorge, es gibt eine Lösung!“

 

Und die lautet: „Opfer“ umbenennen in „Erlebende“.

 

„So wie vorher der Begriff ´Überlebende´, nimmt ´Erlebende´ eine Verschiebung vom Passiven zum Aktiven vor, allerdings ohne die damit einhergehende Wertung. Schließlich wird ein Erlebnis erst durch ein beigefügtes Adjektiv (wunderbares Erlebnis, grauenhaftes Erlebnis, langweiliges Erlebnis), und lässt sogar Raum für Ambivalenzen (schreckliches, aber auch banales Erlebnis). Durch die Substantivierung ´Erlebende sexualisierter Gewalt´ kann somit jede*r selbst bestimmen, wie er*sie das Erlebte bewertet.“

 

Was hier vorgeschlagen wird, ist ungeheuerlich. Weil die Autorinnen sich also der gängigen rape culture anschließen und finden, ein Opfer sei jemand, der sich schämen müsse (für die Passivität durch die Überwältigung), und weil sie nicht wollen, dass die Frauen sich weiter schämen müssen, schlagen sie vor, das Erlebnis an sich zu ent-schlimmen. Es ist absurd, dass wir hier auf zwei Menschen stoßen, die dafür kämpfen, dass Frauen eine Vergewaltigung auch als nicht so schlimm, als banal, langweilig oder sonstwie erleben dürfen. Denn es muss ja, wie sie sagen, nicht zwangsläufig das Schlimmste sein, was ihnen angetan werden konnte, nicht wahr? Und WENN die „Erlebende“ die Tat nun doch als „schlimm“ empfindet, dann heisst das praktischerweise nicht, dass die Tat schlimm war, sondern nur, dass die „Erlebende“ die Tat als schlimm ERLEBT hat. Damit sagen die Autorinnen: wenn du sexualisierte Gewalt als schlimm erlebst, hat das nur was mit Deiner Gefühlswelt zu tun, aber nichts mit der Tat.

 

„Außerdem trifft das Wort ´Erlebende´ noch keine Aussagen über Motivation und Rollenverteilung. Klassische Binaritäten wie aktiv / passiv werden aufgebrochen.“

 

Und das ist dann der nächste Schritt. Die Rollenverteilung bei einer Vergewaltigung wird aufgebrochen. Wie unfassbar progressiv. Vergewaltigte Frauen dürfen jetzt also an ihrer Vergewaltigung teilgenommen haben. Sie dürfen dabei aktiv mitgemacht haben. Sanyal und Albrecht finden, dass Passivität bei einem Übergriff etwas ist, dessen man sich schämen muss, und verlagern die Beschreibung der Situation und der in ihr vorkommenden Personen dann so, dass dem ehemaligen Opfer (damit es sich nicht mehr schämen muss!) eine aktive Rolle zugestanden werden kann. Was ist das anderes als „sie hat doch mitgemacht“ / „sie hat sich doch nicht gewehrt“ bitte?

 

„Deshalb ist es wichtig, einen Begriff zur Verfügung zu haben, der eine höchstmögliche Wertungsfreiheit gewährleistet. Aus diesem Grund setzen wir uns dafür ein, ´Erlebende´ in den Duden aufzunehmen.“

 

Vergewaltigung wird jetzt also wertfrei betrachtet. Sie MUSS nicht mehr ein Opfer produzieren. Kann ja sein für Frau war es nicht so schlimm? Darf ich mich das beim nächsten Mal auf der Polizeistation fragen lassen: „So, Sie sind also Erlebende sexualisierter Gewalt? Und wie ordnen Sie das jetzt ein, eher banal, oder nicht so schlimm, oder haben sie doch als gravierend empfunden?“

Weil wir in einer Kultur  leben, die „Opfer“ beschämt, über sie triumphiert, sagen wir jetzt einfach, die Tat war nicht so schlimm, und das Opfer war halt auch aktiv mit dabei. Wie schön. Was wir dringend brauchen, ist das Recht von Frauen darauf, eine Vergewaltigung nicht als schlimm zu empfinden.

Und überhaupt, apropos Rollenverteilungen, wie heißen denn dann Täter demnächst? Sind das auch Erlebende einer Vergewaltigung? Oder sind das die Erlebnisbereitende? Heißen Täter an Frauen, die im Frauenhaus landen demnächst nicht mehr Gewalttäter, sondern „Männer, die ihren Frauen ein besonderes Erlebnis verschafft haben“?

„Erlebende“ klingt für mich nach Erlebnisbad, Freizeitpark und Ausflug.

Eine Vergewaltigung kann jetzt also alles sein, je nachdem. Auch ein wundervolles oder langweiliges Erlebnis.

Wo es keine Opfer mehr gibt und keine schlimme Tat, da gibt es auch keine Täter mehr. Und das nützt WEM? Genau.

Und „Erlebende“ soll jetzt also in den Duden – welche Denke dahintersteckt, gruselt mich. Ich erinnere mich an eine Sitzung bei eine meiner Therapeutinnen vor mehreren Jahren, die mir sagte: „Sie sind kein Opfer“, weil sie meinte, ich hätte doch alles gut bewältigt, die mir damit aber absprach, etwas wirklich Schlimmes erlebt zu haben. Dafür, nach der Trennung von einem missbräuchlichen Mann eine persönliche Weiterentwicklung erlebt zu haben, als ich mich an den eigenen Haaren wieder aus dem Sumpf zog, könne ich diesem Mann doch dankbar sein, denn ich hätte aus diesem Missbrauch doch so viel gelernt. Und eine Vergewaltigung sei doch auch nicht ausschließlich schlecht, ich sei doch jetzt schließlich stärker als je zuvor.

Klingt gut? Brauchen wir diese Denke? Was Sanyal und Albrecht hier betreiben, ist nur eine weitere Beschämung der Opfer sexueller Gewalt, eine Relativierung der an ihnen begangenen Taten und victim blaming in dem Sinne, dass sie ihnen eine aktive Rolle bei Vergewaltigung zuschreiben. Brauchen wir nicht, Ladies. Haben wir doch längst. Nennt sich Patriarchat!

 

Anneli Borchert

6 Kommentare

  1. Erlebnisbereiter…ich muss hysterisch lachen. Ich bin Opfer sexueller Gewalt. Das macht mich nicht passiv oder schwach, aber es beschreibt, wie ich mich fühlte und die Ausweglosigkeit der Lage. Widerliche Personen mit abstoßenden Vorschlägen. In meinen Augen Täterinnen. Reproduzieren den Schmerz und die Ohnmacht, das Absprechen der eigenen Erlebnisse.

  2. Ein gedankenloser Versuch Frauen Macht über Aktion und Reaktion zurückzugeben.
    Denn einem sexuellen Übergriff gegenüber ist man machtlos…man wird geschädigt(mindestens an der Würde)
    Wenn sich Frauen machtvoll (auch gesetzlich) und unbeschädigt wehren könnten,gäbe es vermutlich weniger sexuelle Gewalt und mehr geschädigte männliche Re-Erlebende.
    Denn um Macht und Schädigung geht es bei diesem Thema …..alles andere ist gefährliche Schönfärberei..
    Und besetzt das Wort Erlebende mit negativen Emotionen…langfristig wohlmöglich in vielen Bereichen (Geburt erleben,Sexualität erleben,Vergewaltigung erleben ?????????? )

  3. Das Umbenennen und Verharmlosen von Gewalt vor allem an Frauen ist ja z.Z. wieder einmal total „in“. Auch bei jungen (dummen?) Frauen, die voll auf den political-correcten-patriarchalischen-„Sprach-Unsinn“ aufspringen.
    Schaurig! Da kann man dann gleich den Gulag „Erlebnispark“ nennen, Bordelle wie früher „Freudenhäuser“; Kriege und Gräueltaten „Missverständnisse“, etc. So lässt sich halt alles umschreiben, banalisieren, verdrehen; und letztlich die Wahrheit unsichtbar machen.
    Wieder einmal stellt sich die Frage: Wem nützt’s?/ Wem schadet’s
    Leider sind auch viele, viel zu viele Frauen patriarchal ab- und zugerichtet und merken nicht einmal mehr was für ein dummes Geschwafel ohne Sinn und Inhalt sie da absondern, ….im Namen der sog.“Gleichheit“.

  4. Renate Schmidtsdorff-Aicher

    Und nocheinmal und immer wieder: zu WESSEN NUTZEN ?! Tut mir leid, manche Pointe gehört zum Fleck ausgewalzt. – Eine gesunde Gesellschaft, müsste sie sich nach so einer Gewalttat sofort um die Frau scharen, „wir helfen dir, wir fangen den !“ Und wenn der Täter gefangen ist, liegt es ganz allein bei der Frau, ihn seiner verdienten Strafe zuzuführen, oder aber vielleicht, ihm zu verzeihen. Aber ganz allein bei ihr. So, aber wo kein Täter …? Wie gut für ihn.
    Und sie SOLL sich nicht als Opfer sehen, nicht als Stigmatisierte, stigmatisiert doch wohl von der Gesellschaft. Nöö, WIR doch nicht !
    Wie krank ist denn das ?

  5. Klar, wem nützt es was? Wenn es keine Opfer gibt, gibt es natürlich auch keine Täter. Und alle sind glücklich. Haha. Naja, bis auf die Frau vielleicht, die nie wieder eine normale Sexualität haben kann und sich vor Sch****** ekelt. Aber ist ja ihr Problem, denn sie macht sich ja zum Opfer, nicht wahr?

    Yvonne, es gibt auch mehr als genug älterer gehirngewaschener Frauen.

  6. M, Du hast natürlich Recht. Mehr als genug, leider. Diese Zuarbeit der
    patriarchalen Frau ist m.E. Mithilfe und Täterschutz. Augenwischerei! Wenn Frauen schon so einen Stuss absondern, was kann man dann von männlichen Richtern erwarten? Die können sich da ja auf diese weiblichen
    „Umbenennungen“ berufen.

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