Im feministischen Porno-Workshop

Public Domain, CC0, Pixabay

ein Gastbeitrag von Huschke Mau

Neulich war ich auf einem Workshop, der – so angekündigt – „feministischen Porno“ zum Inhalt hatte. Ich habe das für mich zum Anlass genommen zu schauen, wie Menschen, die bisher nicht mit feministischen Pornos in Kontakt gekommen sind, auf ihn reagieren.

Die Workshopleiterin war eine Mitarbeiterin der Berliner „Sexclusivitäten“, und hatte dort, wie sie erzählte, eine Ausbildung zur „sexpositiven Referentin“  erhalten. Die Teilnehmenden (Frauen-Männer-Verhältnis etwa 50-50) waren junge AkademikerInnen.

Vorgestellt wurde der „PorYes“-Award, der seit 2009 für Pornos, die bestimmte Kriterien erfüllen, verliehen wird. Die Referentin erklärte, es gehe darum, dem Mainstreamporno Alternativen entgegenzusetzen, „neue, andere Bilder“ zu machen und Geschlechterrollen aufzubrechen. Man verstehe sich komplementär zur PorNo-Bewegung, Zitat: „Alice Schwarzers Kritik am Mainstreamporno finden wir okay, aber wir wollen nicht verbieten, wir wollen andere Bilder machen.“ Denn wenn Pornographie verboten wäre, würde auch Frauen die Redefreiheit, das heisst, das Recht, ihre eigene Sexualität auszudrücken, genommen. „Sexpositiver Feminismus“ beruhe auf drei Grundlagen: der Annahme, dass die sexuelle Freiheit zur allgemeinen Freiheit gehöre, der Überzeugung, dass Gender gesellschaftlich produziert wird (dass wir also bestimmte Geschlechterrollen nicht biologisch begründen können, weil sie anerzogen werden) und der Konsens, das heisst, alle betroffenen Parteien müssen mit dem Akt einverstanden sein und dann habe auch keine dritte Partei und auch kein Staat sich mehr einzumischen.

Jetzt ist ja aber das Problem mit Porno nicht nur, dass der Mainstreamporno immer gewalttätiger wird (dazu werde ich mal einen eigenen Text schreiben), sondern auch, dass Pornographie bedeutet, dass Menschen gegen Geld Sex miteinander haben, den sie ohne Geld wahrscheinlich nicht hätten. Pornographie ist also Prostitution, nur halt mit Kamera dabei. Und es stellt sich die Frage, kann man Pornographie bejahen, wenn man Prostitution einmal als falsch erkannt hat?

Zwei Filmszenen wurden uns vorgespielt, eine heterosexuelle und eine „lesbische BDSM-Szene“ (Gegröle unter den Männern, schmierige Kommentare: klarer Favorit).

In der ersten, der heterosexuellen, Filmszene gab es zu Beginn viel Handlung: eine Frau feiert bei sich daheim ein kleines Fest mit FreundInnen, lernt dort einen Schuhdesigner kennen (irgendwer hat ihn mitgebracht), irgendwann gehen alle, er bietet sich zum Mitaufräumen an, sie kommen ins Gespräch, sie erwähnt, sie halte ihn für schwul, weil er doch Schuhdesigner sei, er verneint das, sie landen auf dem Sofa. Und ja, der Porno war anders als andere Pornos. Es gab eine Handlung, es gab viel Geknutsche, es gab statt des üblichen Blowjobs vor der Standardgerammelpenetration erstmal Cunnilingus (den die Akteurin sogar berichtigte, indem sie den Mann aufforderte: „flatten your tongue“ – es wird also etwas für die weibliche Lust eingefordert, schlicht nicht denkbar im Standardporno), die Kameraeinstellungen waren anders (wow, ein Männerkopf in einem Porno), die DarstellerInnen waren weder überschminkt noch eingeölt.

Auf die zweite Filmszene, die „lesbische BDSM-Szene“ hatten sich, so viel kann gleich verraten werden, die männlichen Teilnehmer umsonst gefreut, er traf ihren Geschmack nicht. Zwei kurzhaarige Frauen lieferten sich auf brachliegendem Industriegelände eine BDSM-Session, die sehr viel mit Knoten zu tun hatte, die sehr lange dauerte, in der auch Schläge vorkamen, trotzdem: nichts für die anwesenden Männer. Reaktionen: „Das hat mich jetzt überhaupt nicht angemacht, die zwei kurzhaarigen Frauen da, die sahen für mich aus wie Bubis. Kein Mann findet das sexy.“ Und genau da komme ich zur Kernfrage: kann für den normalen, also den mainstreampornokonsumierenden Mann, feministischer Porno überhaupt eine Alternative sein? Für jemanden, der daran gewohnt ist, dass langhaarige Blondinen mit Silikonbrüsten das performen, was sich Männer unter Lesbensex vorstellen? Jemand, der bei der Erwähnung einer „lesbischen BDSM-Szene“ etwas imaginiert was ihn deswegen erregt, weil die gesamte weibliche Sexualität nur auf ihn ausgerichtet ist, für sein Auge performt, die Darstellerin gedemütigt, geschlagen, gefesselt, von einer anderen Frau (etwas, das im Standardporno ein Mann übernimmt)?

Ja, ein kleines bisschen anders als Mainstreamporno war die Szene. Im Mainstreamporno sieht man keine Cellulite, und auch keine Latexhandschuhe – safer sex ist eines der „Qualitätskriterien“ des feministischen Pornos. Ebenso wie: der Konsens, die Übereinkunft und faire Arbeitsbedingungen (Darsteller werden gut bezahlt, haben Pausen). Vom Mainstreamporno, so die Referentin, unterscheide sich der Streifen ebenso dadurch, dass das „Halten nach der Session“ gezeigt werde, also das Umarmen, Trösten, Liebhaben nach der BDSM-Session, das derdie Dom derdem Sub zukommen lässt, wenn der gewalttätige Teil vorbei ist.

Der Workshop wurde beendet mit der Frage: „Und, könntet ihr euch vorstellen in Zukunft feministischen Porno zu schauen?“ Alle lachen. Eher nicht. Männliche Reaktionen: „Klar schau ich Pornos, aber das da, das gibt mir nix. Das macht mich überhaupt nicht an, da wurde einfach zu wenig gefickt.“ Eine Frau: „Das ist aber schon traurig, dass Porno für dich nur Penetration ist.“ Eine andere Frau: „Ach, dafür muss er sich doch nicht schämen, ist doch okay so.“

Zusammengefasst: Für viele Frauen dürfte das das erste Mal gewesen sein, dass sie einen Porno gesehen haben. Den schmierigen Sprüchen und dem Gegröle der Männer ist zu entnehmen, dass sie a) an regelmäßigen Pornokonsum gewohnt sind, b) etwas anderes erwartet hatten und c) eine Überlegenheitshaltung den Frauen im Raum gegenüber eingenommen hatten, die daraus resultiert, dass Pornographie nun eben ein Instrument zur Unterdrückung von Frauen ist, die ja in Pornos auch regelmäßig heftig gedemütigt werden – da muss man jetzt nicht erst Hardcore- oder Gonzoporn anschauen, um das festzustellen.

Gebracht hat es aber nichts, der Workshop hat keinen Mann veranlasst, auf sogenannten fairen Porno umzusteigen.

Unter Männern, die mit Pornos aufgewachsen sind, in denen es normal ist, Frauen Schmerzen zuzufügen und sie zu demütigen, kann es gar kein Bewusstsein dafür geben, was die ureigene, persönliche Sexualität ist. Wer mit 9 oder 10 Jahren von den ersten im Internet frei zugänglichen und massenweise vorhandenen Pornos überschwemmt wird, kann kein Gefühl entwickeln für das, was er selber will, weil ihm ja andauernd vorgehalten und gezeigt wird, was er zu wollen hat – und das Sex bedeutet: Mann lebt seine Bedürfnisse auf Kosten der Frau aus, Gewalt und Demütigung sind dabei im Spiel und normal. Wieso sollte ein Mann, dem solch eine Sexualität quasi anerzogen wurde, plötzlich auf „faire Pornos“ umsteigen, wenn er doch nicht einmal begreift, was am Mainstreamporno unfair ist, weil das ja für ihn „normale Sexualität ist“ und wenn er vor allem nicht muss, sondern wählen kann? Wer gibt schon freiwillig Macht und Privilegien ab? Männer werden mit uns keine Revolution für Menschenrechte für Frauen auf die Beine stellen. Sie werden sich, zumindest die Masse, herauspicken, was ihnen passt, und es gegen uns verwenden.

Feministischer Porno kommt nicht in der Masse an, er ist eine Nische. Er ist ein Fetisch. Er steht neben dem Mainstreamporno, er ersetzt ihn nicht. Er steht als „female friendly porn“ in bemitleidenswert wenigen Filmchen neben Kategorien wie „Teen“, „Creampie“, „Gangbang“, „Rough anal sex“, „deep throat“, „Interracial“, „Cumshots“ und „Gonzo“, wie zum Beispiel auf youporn.com aus den Kategorien ersichtlich wird. Er verändert nichts am allgemeinen Porno, er fügt nur eine Variante hinzu.

Und genau das ist das Problem. Weder im Workshop noch in der PorYes-Bewegung findet sich eine grundlegende Kritik am Mainstreamporno. Im Workshop kam diese überhaupt nicht an. 95% aller Menschen sind da rausgegangen und wussten noch immer nicht, was jetzt am Mainstreamporno eigentlich verkehrt ist. Aber bevor ich nicht weiß, was eigentlich schiefläuft, kann ich es auch nicht besser machen. Bevor ich nicht eine grundlegende Analyse zu Pornographie geleistet habe, passiert hier gar nichts. Die PorNo-Bewegung hat dies getan, aber außerhalb der feministischen Bubble sehen wir eben leider eine Mainstreampornographisierung, die sich auf alle Bereiche des täglichen Lebens niederschlägt, weil sie die Geschlechterrollen zementiert und Gewalt gegen Frauen verharmlost. Es findet also keine Kritik an Porno statt, auch nicht an BDSM, es wird nur versucht, „andere Bilder“ hinzuzufügen. PorYes ändert nichts am Porno an sich und am allgemeinen Sexismus erst recht nicht.

Pornographie ist Prostitution mit Kamera, aber „sexpositiver, feministischer Porno“ verschleiert das. Nach dem Workshop gab es eine Podiumsdiskussion zum Thema Menschenhandel und Prostitution, auf der auch ich saß. Die Workshopreferentin meldete sich nach einem Redebeitrag zu Menschenhandel und Zwangsprostitution zu Wort und monierte, dass wir die Prostituierten nicht „Sexarbeiterinnen“ nennen, denn: „es ist Arbeit, und manche andere Leute machen ihre Arbeit auch nicht gerne, so ist das eben.“ Sexarbeiterin, das kann vieles sein, Domina, Prostituierte, Pornodarstellerin (und manche nennen sich auch „SexarbeiterIn“ und sind BordellbetreiberInnen), aber wenn für eine sexpositive PorYes-Anhängerin kein Unterschied mehr besteht zwischen „Ich sitze bei Rossmann an der Kasse obwohl ich keinen Bock habe“ und „Ich lege mich jetzt, ob mit Kamera oder ohne, unter diesen alten Sack und lasse meine Körperöffnungen penetrieren, während er mich besabbert, obwohl ich das alles nicht will“, dann ist das ein Problem. Dieses Verwischen der Grenzen ist  schlicht nicht okay. Nein, Missbrauch ist nicht Zwangsarbeit. Nein, Sex und Pornographie sind nicht das gleiche. Nein, BDSM ist nicht unproblematischer Sex.

Das „Gütesiegel“ PorYes auf Pornos, die nicht ganz so offensichtlich sexistisch sind wie andere, ändert nichts. Im Gegenteil, es gibt denen, die Pornos schauen, die Möglichkeit, das ohne schlechtes Gewissen zu tun. Denn hey, es ist ein Ökosiegel drauf, da muss man sich nicht mehr fragen, ob die Darstellerin an dem Tag, an dem gedreht wurde, vielleicht keinen Bock auf diese „Arbeit“ hatte, ob sie BDSM als Selbstverletzung benutzt, ob sie dringend Geld braucht und nur deswegen einer Szene zugestimmt hat.

Es ist wie mit Puffs. Legalisierte, kontrollierte Bordelle, alle haben fein ihre Scheinchen mit den Stempelchen, dann ist alles paletti. Der Bordellbetreiber hat einen Schriebs von irgendeinem Amt und schon ist alles supi. Was geht uns die Frau im Puff da an, und die Frage, wie es ihr geht, warum sie das macht, ob sie das überhaupt will?

Und ähnlich wie bei dem Halten nach BDSM, also bei dem Trösten nach dem Missbrauch, geht es auch hier um grooming. Grooming ist eine manipulative Technik, die benutzt wird um Menschen dazu bringen etwas zu tun, was sie nicht wollen. Gutes Zureden, Aufmerksamkeit, schlechtes Gewissen machen, immer wieder Grenzen überschreiten, Druck aufbauen.

In diesem Workshop haben Frauen gelernt, dass sie gefälligst Pornos zu schauen und das unproblematisch zu finden haben, denn es ist doch ein FAIRER Porno. Und wenn sie den nicht schauen, sind sie nicht SEXPOSITIV, denn Sex istgleich Porno, und wer die nicht schaut, ist eine prüde, spießige Zicke. Und weil wir ja alle verstehen, dass der gemeine Porno nichts für zartbesaitete Mädchen ist, haben wir ein bisschen Handlung eingebaut, ein paar Knutschszenen und zeigen, dass die Akteurin auch Hautprobleme hat. Problem solved. Pornos abzulehnen fällt Mädchen, die dieser Gesellschaft aufwachsen, eh schwer. Auch, sich den gezeigten Sexualpraktiken zu widersetzen. Es gibt Studien die belegen, dass es mittlerweile für minderjährige Mädchen schon guter Sex ist, wenn sie keine Schmerzen haben. Neulich habe ich an der Haltestelle 15-jährige Mädchen Tipps austauschen hören, wie man die Schmerzen beim Analsex besser aushalte. Ich fand junge Freier immer ätzender als die älteren, die ja noch nicht so pornoverseucht waren. Denn die älteren öffneten einem die Tür und sagten wenigstens noch: „Hey, ich bin der Gerd“, aber die aus der Pornogeneration öffnen die Tür und fragen: „In welche Löcher darf ich?“

Pornos abzulehnen ist für Mädchen, die das gewohnt sind, keine Option, sie wissen gar nicht, dass das geht. Sie werden sofort beschämt. Auch im Workshop war das ersichtlich:

Zunächst wurde zum Kennenlernen ein Spiel gespielt, das aber auf wenig Mitgemache stieß: „Wenn Du im Pornobusiness wärst, wie wäre dann Dein Pornoname, und welche Aufgabe hättest Du am Set oder im Produktionsprozess? Würdest Du die Kulisse machen oder die Kamera halten oder wärst Du sogar DarstellerIn?“ Die Frage war nicht: würdest du das machen, sondern: WAS würdest du dort machen.

Feministischer Porno, das bedeutet am Ende nur, dass Männer jetzt ein weiteres Mittel in der Hand haben, ihre Freundin zum gemeinsamen Pornokonsum zu überreden, denn es ist fair, feministisch und hey, sei doch nicht so ein prüdes Stück. Daran, dass Deutschlands Männer Weltmeister im Pornokonsum sind, vor allem im Konsum extrem gewalttätiger Pornos, wird sich dadurch nichts ändern.

 

© Huschke Mau, Mai 2017

 

2 Kommentare

  1. Super Artikel! Pornographie kann per se nicht sexpositiv sein, weil Pornographie keine Darstellung von Sex ist, sondern von sexualisierter Gewalt. Die Erwartung, dass frau patriarchale Männer zum „Umsteigen“ auf weniger frauenerniedrigende Pornos bringen könnte, ist naiv und verkennt die Funktion der Pornographie im Patriachat. Pornographie hat nicht die Aufgabe, den Genuss beim Sex zu steigern. Sie soll den Frauenhass schüren und die Frauenunterdrückung durch die Knüpfung an den Sexualtrieb fortschreiben. Das ist perfide, aber funktioniert leider perfekt.

  2. Fairer Porno! Haha, wie fair getradete Bananen. Das ist ähnlich absurd wie faire Sklaverei. Warum wenden Frauen immer soviel Energie auf, Schei** hübsch zu verzieren?
    Pornographie ist ein ästhetisiertes Gewaltverhältnis, das mit „freiwillig“, „ein Job wie jeder andere auch“ oder schlimmer noch „selbstbestimmt“ (gibt es ein selbstbestimmtes Fremdbestimmt-Sein?) rationalisiert wird. Die dem Ganzen zugrunde liegende Gewalt wird so subtil unsichtbar gemacht und über bildhafte Inszenierungen mit „Lust“ und dem Sexualtrieb verknüpft bis etwas zutiefst Abstoßendes als etwas „Normales“ und als legitime sexuelle Betätigung erscheint. Als merkwürdig und erklärungsbedürftig gelten dann diejenigen, die diese Gewalt beim Namen nennen, nicht die, die sie ausüben oder daran durch Konsum partizipieren und damit weitere Produktionen fördern.

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