Incels: Der Hass der zurückgewiesenen Männer

Alek Minassian, der Attentäter von Toronto, der 15 Menschen ermordete, darunter vor allem Frauen, wurde von Frauenhass getrieben. Ein Facebook-Post, den er kurz vor seiner Tat absetzte, zeigt, dass er sich als ein »Incel« betrachtete. »Incel« ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus dem Englischen »Involuntary« und »Celibate« – zu Deutsch: »Unfreiwillig zölibatär.«

Am Montag, den 23.04.2018, lenkte Alek Minassian einen weißen Kleintransporter auf die Gehsteige der Innenstadt von Toronto. Auf einer Länge von 2,2 Kilometern überfuhr er Passanten und zielte dabei vor allem auf Frauen. Zehn Menschen wurden getötet, 15 weitere verletzt. Zuvor äußerte er sich auf Facebook zu den Umständen seiner Tat.

»The incel Rebellion has already begun! We will overthrow all the Chads and Stacys! All hail the Supreme Gentleman Elliot Rodger!« zu Deutsch : »Die Rebellion der unfreiwillig Zölibatären hat begonnen. Wir werden die Chads [bei Frauen erfolgreiche Männer] und Stacys [Frauen] niederringen. Heil dem überlegenen Gentleman Eliott Rodger!« – eine wirre, von Frauenhass triefende Nachricht, die einen Frauenmörder zum Helden erhebt. Wer aber sind diese Incels?

Wer sind die Incels?

Incels treffen sich im Internet, zum Beispiel auf der Plattform Reddit, auf der man anonym alles Mögliche posten und sich austauschen kann. Dort sprechen sie über »Stacys« – das sind Frauen und »Chads«, das sind die Männer, die bei Frauen gut ankommen. Incels fühlen sich gekränkt und zurückgewiesen von Frauen und denken – auch aufgrund intensiven Pornokonsums – sie hätten ein Anrecht auf Frauen. Da diese aber angeblich nur auf muskelbepackte Erfolgstypen stehen und oberflächlich sind, hätten sie bei ihnen keine Chance, so die Logik der Incels. Sie sind die Helden der inneren Werte, die von den ignoranten Frauen zurückgewiesen werden. Dass es vor allem ihr Verhalten ist, das sie unattraktiv macht, sehen sie nicht.

Viele der Incels treten als Trolle im Internet auf und feuern sich gegenseitig an. Sie sind eine heterogene Gruppe, dennoch zeigen sich übereinstimmende Merkmale: Sie sind technikaffin und ihre sozialen Kontakte sind gestört. Sie attackieren Frauen aus der feigen Anonymität des Internets und feuern sich gegenseitig zu Gewalttaten an, die sie dann gemeinsam feiern, etwa, wenn es einem von ihnen gelungen ist, Frauen Angst zu machen oder sie sogar zu verletzen. Zwar sind Incels vor allem englischsprachig organisiert, doch in den Diskussionssträngen finden sich zahlreiche deutschsprachige Nutzer.

In den Medien wird – wie bereits bei Elliot Rodger, dem Attentäter von Isla Vista, der im Mai 2014 auf dem Gelände einer kalifornischen Universität ein Massaker verübte und dabei ebenfalls vor allem auf Frauen zielte – das Bild des armen, bemitleidenswerten »guten Kerls« betrieben, der bei den oberflächlichen Frauen nicht landen kann. Kate Manne hat sich in ihrem aktuellen Buch “Down Girl: The Logic of Misogyny” ausführlich mit dieser Art des Frauenhasses und seiner Verharmlosung beschäftigt. Auf diese Weise werden die entsetzlichen Bluttaten dieser Mörder nicht nur relativiert, den Frauen wird sogar noch eine Mitschuld daran gegeben. Alek Minassian bezieht sich explizit auf Elliot Rodgers und spricht von einer »Incel Rebellion«, einer Rebellion der zurückgewiesenen Männer. Für uns Frauen kann das nur Schreckliches bedeuten.

Frauenhass treibt sie an

Zwischen Incels und Pick-Up-Artists gibt es zahlreiche Verbindungen. Gemeinsames Merkmal ist ihr Frauenhass. Während Pick-Up-Artists Frauen zu Objekten degradieren, die es möglichst manipulativ zum Sex zu bringen gilt, ist der Hass, den Incels auf Frauen haben, noch viel intensiver. Auf Reddit tauchen immer wieder frauenverachtende und gewaltverherrlichende Postings auf. Sie beschreiben, wie sie Frauen nachstellen und stalken und ihre Angst genießen, darunter auch minderjährige Mädchen. Sie beschimpfen Frauen und fantasieren von brutalen Vergewaltigungen. Das Motiv dahinter: ihr gekränktes Ego.

Es ist das Merkmal einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft, dass Männer glauben, sie hätten ein Anrecht auf Frauen. Im Englischen nennt man das auch »male entitlement«. Frauen werden nicht als Menschen mit eigenem Willen betrachtet, sondern als verfügbare Objekte, die einzig den Interessen der Männer zu dienen haben. Bereits 2014, nach den Isla Vista Morden, bei denen Elliot Rodgers zuvor in einem Youtube-Video von seinem Frauenhass fantasierte, rückten die Incels in den Fokus des Interesses. Auf Reddit gibt es inzwischen zahlreiche Diskussionsstränge, auf denen Incels ihren Frauenhass und ihre Gewaltfantasien zelebrieren, allerdings ist Reddit, sonst vor allem für seine Zensurfreiheit bekannt, seit einiger Zeit dabei, diese Stränge zu schließen. Erst Ende letzten Jahres schloss Reddit ein vor Frauenhass triefendes »Subreddit« von Incels mit mehr als 40.000 Teilnehmern. Trotzdem finden die »Incels«, die zurückgewiesenen Männer, andere Wege, um sich auszutauschen. Bereits kurz nach dem Massaker finden sich auf Reddit zahlreiche Posts bekennender Incels, die Alek M. als »Helden« und »Heiligen« feiern. Einige der Postenden schreiben, dass sie hoffen, es handele sich bei den Opfern vor allem um junge, gutaussehende »Cunts« – das englische Wort für »Fotze«. Häufig werden diese Postings schnell gelöscht, der kritische Subreddit »IncelTears« sammelt Screenshots der Äußerungen und dokumentiert damit das ganze Ausmaß des Frauenhasses.

Keine netten Jungs, sondern wütende Frauenhasser

Ein bezeichnendes Merkmal der »Incels« ist, dass sie sich selbst als Opfer betrachten. In einer oberflächlichen, auf das Äußere bedachten Gesellschaft kommen sie nicht zum Zug bei Frauen, dabei sind sie doch die »nice guys«, die netten Jungen. Dieses Märchen erzählen sie sich selbst. Viele von ihnen sind laut eigenem Bekennen intensive Pornonutzer. Obwohl sich bisher nur wenige mit der Subkultur der Incels beschäftigen, handelt es sich hier nicht um eine kleine Gruppe – in entsprechenden, vor allem englischsprachigen Foren, sind mehrere tausend Männer aktiv. Die derzeit aktivste Community gibt es auf 4chan. 4chan ist eine Art virtuelles schwarzes Brett, auf dem man Bilder hochladen kann und vor allem bei Techniknerds beliebt. Schon jetzt gibt es die ersten Interviews mit amerikanischen Forschern, die den Hass in diesen Foren relativieren. Dort ginge es nur um Austausch und Selbsthilfe, doch selbst ein oberflächlicher Blick in diese Foren zeigt, wie oft dort direkt oder indirekt zu Gewalt gegen Frauen aufgerufen wird, oft in Form vermeintlich harmloser Scherze.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Begriff »Incel« vor über 20 Jahren eigentlich von einer Frau erfunden wurde, um im Netz Angebote für einsame Herzen zu finden. Vor einigen Jahren wurde er dann von Männern gekapert und für ihre Zwecke benutzt.

Feministinnen sind schuld

Eine Zielscheibe des Hasses der Incels sind Feministinnen. Ihnen geben sie die Schuld daran, dass Frauen über sich, ihre Sexualität und ihre Leben selbst bestimmen. Ohne Feminismus, so die Incel-Logik, hätten Frauen gar keine andere Wahl, als auch die Incels als potenzielle Partner zu betrachten.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass hier nicht einfach ein paar picklige Jungs vor dem Computer sitzen und sich austauschen und darunter leiden, dass sie sich romantische Liebe wünschen und sie nicht bekommen. Vielmehr sind Frauen für Incels keine Menschen, sondern reine Objekte. Es geht ihnen nicht um Liebe, sondern um Sex und Dominanz. Sie degradieren Frauen zu dummen und triebgesteuerten Wesen, die es angeblich mit jedem treiben, der Muskeln oder Geld hat, und die es deshalb nicht anders verdienen, als gestalkt, vergewaltigt oder online belästigt zu werden.

Incels sind, das zeigen die Attentate von Isla Vista und Toronto, potenzielle Terroristen, die nicht im Namen der Religion, sondern des Frauenhasses agieren. Die Lobhymnen, die erst auf Elliot Rodger und nun auf Alek Minassian gesungen werden, lassen befürchten, dass ihre Taten zum Vorbild für andere werden. Das Ziel: Angst und Schrecken unter Frauen zu verbreiten und sie für ihre Selbstbestimmung zu bestrafen. Es ist zu befürchten, dass dies nicht die letzten Schreckenstaten der zurückgewiesenen Männer bleiben – Kate Manne hat in ihrer brillianten Analyse sehr klar aufgezeigt, dass Misogynie die Exekutive der patriarchalen Unterdrückung ist, mit Gewalttaten wie denen von Toronto und Isla Vista werden Frauen auf ihre Plätze verwiesen. Je unabhängiger Frauen werden, umso heftiger wird die Gewalt gegen sie ausfallen – die Bluttaten der Incels sind der verlängerte Arm sexistischer Diskriminierung, ihre Subkultur kann nur in einer Gesellschaft gedeihen, die zwar von Gleichberechtigung redet, Frauen aber zeitgleich als Ware in Porno und Prostitution verkauft. Die Dehumanisierung von Frauen in Pornos und die Suggerierung ihrer ständigen Verfügbarkeit ebnet den Weg für solche Hasstaten. Immer wieder wird behauptet, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen der Gewalt im Porno und der realen Gewalt gegen Frauen, doch die furchtbaren Ereignisse von Isla Vista und Toronto sprechen eine andere Sprache. Das gilt auch für die Verharmlosung von hasserfüllten und degradierenden Äußerungen gegen Frauen im Netz oder in der Musik. “Ist doch nur Spaß”, heißt es dann, oder “das ist Kunst”. Hass ist Hass und Hass führt zu Gewalt. In anderen Zusammenhängen ist das längst erkannt, nur in Bezug auf Frauen ist man schnell mit Relativierungen bei der Hand.

Das können wir tun

Wie immer, wenn Terrorismus versucht, Menschen in ihrer Freiheit einzuschränken, ist es wichtig, zusammenzustehen und Solidarität zu zeigen. Unsere Gesellschaft hat Frauenhass weithin akzeptiert und toleriert sogar Hassrede, wie die jüngste Aufregung um die Rapper Kollegah und Farid Bang zeigt. Die Sensibilisierung für Frauenhass muss gestärkt und diesem entschlossen entgegengetreten werden. Das Attentat aus Toronto zeigt auf furchtbare Weise: Aus Worten werden Taten. Das gilt auch und vor allem, wenn sich diese Worte gegen Frauen richten.

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