(Internalisierter) Neoliberalismus: Jetzt reiß dich halt zusammen!

Gleise Bahnhof Köln-Deutz

Gleise Bahnhof Köln-Deutz

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Anmerkung: Dieser Text ist stellenweise zynisch. Das ist nicht unbedingt ein “literarisches Mittel”, sondern in erster Linie eine Überlebensstrategie.

Mein Rentenversicherungsträger hat mir kürzlich mitgeteilt, dass ich weder arbeits- noch rehabilitationsfähig bin. In der Konsequenz heißt das, dass er mich in Rente (auf Zeit) schickt. Das gibt Mitmenschen Anlass mir mitzuteilen, dass ich entweder faul bin oder mich nicht so anstellen soll oder zu sagen: „Ich schaffe es schließlich auch.“

In meinem Leben gibt es im Moment ein Tabu, einen Teil Alltag, den ich am liebsten immer und überall verschweigen möchte: Ich lohn-arbeite nicht, denn ich bin nur begrenzt gesellschaftlich verwertbar arbeitsfähig. Als ich vor ca. einem Jahr an einer schweren Depression erkrankte und sich zeitgleich die Symptomatik meiner Posttraumatischen Belastungsstörung (in der Ausprägung einer Dissoziativen Identitätsstruktur1) drastisch verschlechterte, musste ich ins Krankenhaus, in ein psychiatrisches versteht sich. Nach wenigen Monaten kündigte mir mein Arbeitgeber und meine Kund_innen aus selbstständiger Tätigkeit suchten sich eine andere Dienstleisterin (verständlich, zumindest Letzteres). Ca. 5 Monate war ich von der Bildfläche verschwunden, mein mir ohnehin nur spärlich möglicher (wegen meiner Erkrankung/en) politischer Aktivismus fror ein, soziale Kontakte brachen ab und Freund_innen (nicht alle! Es verfestigten sich zeitgleich andere <3.) suchten (mal wieder) das Weite. Als ich Mitte August nach Hause kam, war ich in noch desolaterem Zustand als vorher, denn ich hatte eine abgebrochene, versuchte Traumatherapie hinter mir (hierzu wird in nächster Zeit ein weiterer Artikel erscheinen, in dem dezidiert über das Erlebnis mit – missglückter – Traumatherapie berichtet wird). Diese wurde mir im Krankenhaus empfohlen, weil monatelanges Rumdoktern an meiner Psyche erfolglos blieb; hätte ich eine Traumatherapie erst einmal hinter mir, würde auch alles andere nach und nach besser.

Fehlsch(l)uss.

Dieser Tiefschlag im letzten Jahr war nicht der erste in den letzten Jahren. Er war vielmehr der dritte innerhalb der letzten 4 Jahre. Davor ging es mir lange Zeit einigermaßen gut (so gut es einer eben gehen kann mit Traumafolgestörungen und rezidivierender depressiver Erkrankung) und ich führte ein stabiles und gesellschaftlich (einigermaßen) unauffälliges Leben. Vor vier Jahren erreichte mich dann nach langer Zeit wieder ein massiver gesundheitlicher Einbruch. Von der Traumafolgestörung abgesehen: Eine schwere Depression ist unendlich schmerzhaft und mit ihr geht einher, dass eine sich genauso unendlich schämt. Dafür, einfach nichts mehr zu schaffen. Auch nicht, eine Packung Pommes in den Ofen zu schieben. Depressionen erzeugen Schmerzen in Körper und Seele, die unerträglich sind. Wenn ich jetzt an diese Zeit zurück denke, breche ich in Tränen aus, Tränen, die ich während der Depression nicht weinen konnte (ich hätte so gerne gewollt!). Und nachdem es mir wieder besser ging, dauerte es kein Jahr, bis der nächste Schub kam. Und dann, dann wurden die Abstände immer kürzer, die Abstände zwischen gut und schlecht gehen und durch einen Auslöser in meinem familiären Umfeld fiel ich Anfang des letzten Jahres so tief, dass ich, im Rahmen einer dissoziativen Amnesie, einen Haufen Medikamente aus meinem Tablettenfundus – von dem ich bis dato nicht mal wusste, dass er existiert – in mich reinstopfte.

Kurz-Zusammenfassung eines seit nun eben ca. 4 Jahre andauernden Kampfes mit dem ständigen Bemühen, nicht aufzufallen, normal zu sein, integriert zu sein, mich „nicht so anzustellen“.

Kurz-Zusammenfassung eines seit nun eben ca. 4 Jahre andauernden Kampfes, den ich resümierte mit: Ich kann jetzt nicht mehr.

Kurz-Zusammenfassung eines 5 Monate andauernden Versuches, mich irgendwie ein bisschen so hinzukriegen, dass ich Dinge erledigen kann, die eine knapp 40-Jährige erledigen muss. Jetzt nehme ich 4 verschiedene Medikamente, im Bedarfsfall ein fünftes, von denen ich Sehstörungen und andere Nebenwirkungen habe und mit denen ich mir meine Leber kaputt mache. Aber ich schaffe es mit diesen und einer Therapeutin, die gut ist, seit ein paar Monaten vor die Tür, zu politischen Veranstaltungen, zu Spaziergängen und solchen Sachen; viele Jahre saß ich vor Panik nur in meiner Bude rum und habe die Blätter gezählt, die an meinem Fenster herunter fielen.

Irgendwann aber, wenn eine eben unter’m Strich so ein gesellschaftlicher Loser ist, fangen die Sozialbehörden an, sich um einen zu kloppen, oder nein, eher anders, eine von A nach B zu schieben und von Pontius zu Pilatus zu schicken.

Irgendwann sagt eine Sozialbehörde wie das Arbeitsamt, dass sie es nicht einsieht für wen Kohle zu verplempern, die nicht arbeitet und die Gesundheitsbehörde Krankenkasse Gesundheitskasse sagt, „also nun ist es mal gut mit Kranksein, gell? Sie sind nun ausgesteuert!“.

Irgendwann sagt die letzte Sozialbehörde, die zuständig ist, dass eine nicht mehr integrierbar ist und auch eine Rehabilitation völlig zwecklos ist und dass eben das Letzte, das man tun kann, ist, ein wenig Geld Rente dafür zu bezahlen, dass einer unter 3 Stunden Arbeit täglich zugetraut werden. Ich kann mich glücklich schätzen, in meinem Fall sind es etwa siebenhundert Euro.

Irgendwann streckt eine wie ich die Waffen nieder und versucht sich mit dem Status Quo des Ichs in der Gesellschaft zu arrangieren, anstatt dafür zu kämpfen, ihr, der Gesellschaft, zu genügen. Kämpfen tue ich mein Leben lang und ich bin überwiegend nicht mit Leben, sondern mit Überleben beschäftigt. Für ein bisschen würdevolles Leben, das mir ein paar Menschen ziemlich versaut haben: Meine Traumafolgestörung ist eine Störung als Folge chronischer Traumata in (frühester) Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter.

Nun könnte eine meinen, sie stoße in ihren Reihen auf irgendwie geartete Solidarität, so ein bisschen jedenfalls. Ich konnte das lange nicht rausfinden, wer und ob Teile meines Umfeldes etwas Verständnis haben, denn ich schweige zum Thema Arbeit(slosigkeit) und Krankheit etc. und rede mich raus mit Sätzen wie „Ich bin da in einem Rehaverfahren“, was alles und nichts heißen kann.

Denn ich schäme mich abgrundtief für meine Situation. Maßlos. Und weil ich mich so schäme, liegt mein Herz wie eine Archillesferse offen und ich weiß, dass nur ein falscher Satz, ein falscher Blick, eine falsche Geste dieses Herz zum Bluten und mich zum Wanken bringt.

Manchmal sind Sätze Messerstiche. Oder zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Einer dieser Sätze ist eine Frage: „Hast du dir das gut überlegt?“, ich wiederhole: „Hast-DU-DIR-das-gut-überlegt?“ als Antwort auf den Brief des Rentenversicherungsträgers, der mich für wertlos nicht integrierbar in den Arbeitsmarkt erklärt hat. So wird aus einem passiven Akt ein aktiver. So wird aus mir die, die vermeintlich wählen kann. Das ist mies geschickt.

Es gibt noch weitere Sätze wie „Ich habe das doch auch geschafft!“ oder „Ich arbeite doch auch!“ oder „Hast du wirklich alles versucht?“ oder – sehr perfide – „Hast du dich auch genug gewehrt?“ (ok, hier sind nur die Behörden gemeint) … „du kommst doch inzwischen auch mal gut vor die Tür!“. Diese ganzen Sätze gibt es auch kumuliert als Monolog mit einem Schwenker dahin, was die Person, die monologisiert, schließlich auch alles tagtäglich meistert. Verzwickter wird es, wenn die Person mit den Messerstichen falschen Sätzen auch eine Traumafolgestörung hat. Etwas anders gelagert, aber sie hat eine. Dann darf ich mich doppelt mies fühlen.

Im Moment überlege ich innerlich ständig nachträgliche Repliken. Von wegen wie unterschiedlich Menschen verarbeiten und wie unterschiedlich Menschen generell sind und dass das mit der Psyche irgendwie ähnlich wie mit physisch ist, also, dass manche Menschen eben auf x mit y reagieren und daran sterben und andere auf x mit nichts reagieren und 133 werden. So ganz platte Vergleiche als nachträgliche Reaktion, denn eine solche blieb meinerseits aus. Und dass ich die täglichen Kämpfe durchaus sehe und die Person bewundere dafür, was sie alles und wie sie es schafft.

Zeitgleich verfalle ich darüber in Ohnmacht, denn diese Vorkommnisse fügen sich in das Bild, das ich von mir selbst habe und zu dem gehört, dass ich in meinem Leben so nichts richtig auf die Reihe bekommen habe. Beispielsweise war ich knapp 30, als ich den ersten Berufsabschluss hatte. Dass ich, seit ich 13, bin mein eigenes Geld verdiene, das zählt nicht. Das zählt auch vor mir selbst nicht, denn das waren nur diese miesen un(an)gelernten (prekären) Jobs.

Diese Ohnmacht schiebt eine in die Rechtfertigungsposition. Das ist in etwa so, wie als eine Zwergin mit dem Rücken auf dem Boden zu liegen und Menschen von oben auf sich starren zu sehen, die so groß sind wie Riesen.

Diese Reaktion, die ich bereits in ähnlicher Weise erlebt habe, ist eine exemplarische und ein Abbild von Gesellschaft(sdenke). Sie ist das Abziehbild neoliberaler Gesellschaftskonstruktion und kapitalistischer Verwertungslogik und irgendwie auch ein Ausdruck (internalisierter) Vergewaltigungskultur. Eine wirkmächtige Mitbegünstigerin nicht intendierter Herzlosigkeit, wie sie durch solche Sätze zum Ausdruck kommt.

Denn diese Sätze haben sich in mein Herz gebohrt und stecken mit der Pfeilspitze fest.

Aber zumindest kann ich mich glücklich schätzen: Ich kann mich erholen davon, denn ich habe fortan „staatlich subventionierten Urlaub“ (auch so ein Messerstich Satz).

Und weil gerade die Debatte tobt: Vielleicht sollte ich mich wieder prostituieren, das wurde mir sehr früh beigebracht und die Gesellschaft findet das ja mehrheitlich gut. So eine selbstbestimmte Hure.

Und als diese fährt mich der Zug zum Abstellgleis der Gesellschaft, wenn ich nicht ohnehin bereits dort angekommen bin.

Die Kommentarfunktion ist unter der Prämisse aktiviert, dass die Moderation strikt erfolgt. Ich bitte darum, auf Victim Blaiming, Bagatellisierungen, Schönredereien, “gut gemeinte” Ratschläge und Erklärungen zur (sozialen) Gesetzgebung zu verzichten; dass Gesetze keine Gefühle kennen, ist bekannt, ihre Ausübung löst aber (massive) Gefühle aus.


1 Eigentlich, wie im verlinkten Text als Dissoziative Identitätsstörung im ICD-10 definiert, viele Betroffene, dazu gehöre ich, verwenden lieber den Begriff Identitätsstruktur.

3 Kommentare

  1. Lilly Maier

    Spricht mir total aus dem Herzen, der Seele,…! Danke für diese aufrichtigen Inneneinblicke. Danke, dass ich damit nicht alleine bin.

  2. was soll ich da schreiben … was, weshalb, wie äußern, ich, männlich, 56, … einigermaßen gut durchgekommen … bisher.
    Verbeugung … davor, dass Du es bis hierher geschafft hast.
    Darf ich Dir meine Hand reichen?


    oder, der Gruß eines indigenen(?) afrikanischen Volkes:
    “Ich sehe Dich”

  3. Hey,

    da ich mich nahezu in derselben Situation befinde (dieselbe Diagnose, derselbe “berufl. Status” etc.), die Erfahrungen ein Stück weit teile, spricht mich der Text sehr an… Danke fürs Verfassen und Teilen.

    Dieser Satz (und seine Abwandlungen) “Ich bin da in einem Rehaverfahren“, den man im privaten Umfeld verwendet… – Ich finde da auch keinen Umgang damit, weiß nie, was ich nun “davon/darüber” erzählen soll, und was eben nicht.. Es ist ja leider so, dass, wenn tatsächlich mal Kontakte in der Außenwelt (an-)geknüpft werden, bzw. zustande kommen, das Gespräch sehr schnell an einem Punkt ist (“und, was machst Du so?” z.B.), an dem darüber gesprochen werden muss, dass man aufgrund seiner Dissoziativen Identitätsstruktur eben z.Z “nichts” anderes macht, als sich damit beschäftigen zu müssen…

    Ich weiß dann nie, ob ich ehrlich sein soll oder nicht. Denn wenn ich es bin, hat das zur Folge, dass ich mal wieder sehr viel (fast ausschließlich) über das Traumatisiert-Sein und die damit einhergehenden Folgen sprechen muss. Manchmal ist das möglich, meistens jedoch nicht. Und gerade wenn ich es mal geschafft habe, trotz dieser speziellen “Störungs”-Muster, unter Menschen zu sein (was alles andere als alltäglich für mich ist, und ohne äußere Hilfe z.Z. nahezu unmöglich, leider), dann bin ich eigentlich an einem Punkt, an dem ich froh darüber bin dieser Krankheit gerade ein Stück weit entronnen zu sein. Sie zumindest temporär kurz hinter mir gelassen zu haben. – Nur um dann über sie sprechen zu müssen, all das erklären zu müssen… Natürlich hat das sprechen (müssen) darüber dann auch zur Folge, dass erwartet wird bereitwillig Auskunft darüber zu geben “woher” diese Störung/Krankheit denn rührt…Trigger, ahoi.

    Und tue ich genau das eben nicht, sondern antworte nur beiläufig etwas wie “zur Zeit krank geschrieben”, wird diese Auskunft meist augenzwinkernd als “bezahlter Urlaub”, interpretiert, den ich mir, etwas ganz bewusst übertreibend, verschafft habe… – Was dann dazu führt, dass ich mich je nach aktueller Verfassung verhöhnt/verspottet, nicht ernst genommen o.ä. fühle – Doch woher soll das Gegenüber, in diesem Fall, auch wissen, wie es um mich bestellt ist, wenn ich nicht darüber berichte…

    …und ja, all die anderen übergriffigen Invalidierungen: “Ach, auf mich wirkst Du aber ganz normal…” / “Wir sind doch alle verrückt”…etc, pp.

    Mittlerweile bin ich dazu übergegangen einfach nur noch zu sagen, dass ich schwerbehindert bin. Den entsprechenden Ausweis kann ich ja auf Nachfrage vorzeigen. Auf die Frage “weswegen” antworte ich einsilbig (und bewusst das Thema beendend) “deswegen”. – Ein äußerer Schutz. Ob das so eine Lösung ist, weiß ich auch nicht…

    Das jetzt nur mal kurz als Gedanke dazu, weil die Konzentration etwas zu schreiben gerade mal vorhanden war.

    Alles Gute ihrs,
    p.

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