J.K. Rowling schreibt über die Gründe für ihre Äußerungen zur Geschlechts- und Genderthematik.

Photography Debra Hurford Brown © J.K. Rowling 2018

Photography Debra Hurford Brown © J.K. Rowling 2018

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Veröffentlichung der Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Dank an die Radfems Deutschland für die Übersetzung. Originaltext hier.

10. JUNI 2020

Achtung: Dieser Text ist nicht für Kinder geeignet.

Es fällt mir – aus Gründen, auf die ich in Kürze genauer eingehen werde – nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Doch ist mir bewusst geworden, dass es an der Zeit ist, mich zu einem Thema zu erklären, das in einer vergifteten Atmosphäre stattfindet. Ich schreibe diese Zeilen ohne den geringsten Wunsch zu dieser Vergiftung beizutragen.

Falls Sie es verpasst haben: Letzten Dezember (Anm. Dezember 2019) postete ich auf Twitter, dass ich Maya Forstater unterstütze. Maya Forstater ist eine Steuerberaterin, die wegen sogenannter ‘transphober’ Tweets ihre Arbeit verlor. Sie brachte ihren Fall vor ein Arbeitsgericht. Bei der Verhandlung ging es um die Frage, ob die philosophische Überzeugung, dass das Geschlecht durch die Biologie bestimmt sei, gesetzlich geschützt ist. Richter Tayler (Anm. James Tayler) verneinte dies in seinem Urteil.

Mein persönliches Interesse an der Transthematik entstand bereits vor fast zwei Jahren – noch vor Mayas Fall. Die Debatte um das Konzept der Geschlechtsidentität verfolgte ich in diesen beiden Jahren aufmerksam. Ich traf Transpersonen und las verschiedene Sachbücher, Blogs sowie Artikel von Transpersonen, Gender-Spezialist*innen,  intergeschlechtlichen Menschen, Psycholog*innen, Expert*innen für den Schutz der Menschenrechte, Fachleuten aus der Sozialarbeit und Ärzten und Ärztinnen. Den entsprechenden Diskurs habe ich online und in den traditionellen Medien verfolgt. Mein Interesse an diesem Thema ist zum einen professionell, weil ich eine Krimiserie schreibe, die in der Gegenwart spielt und deren fiktive Detektivin in einem Alter ist, in dem sie sich selbst für diese Themen interessiert und davon betroffen ist. Aus anderen Gründen ist es, wie ich gleich erläutern werde, sehr persönlich.

Die ganze Zeit, in der ich recherchierte und lernte, brodelten Anschuldigungen und Drohungen von Transaktivist*innen auf meiner Twitter-Timeline. Dies wurde ursprünglich durch einen “Gefällt mir”-Klick ausgelöst. Als ich anfing, mich für Geschlechtsidentität und Transgender-Angelegenheiten zu interessieren, begann ich, Kommentare, die mich interessierten, mithilfe von Bildschirmfotos zu speichern. Dieses Vorgehen hilft mir, mich daran zu erinnern, was ich später vielleicht noch genauer recherchieren möchte. Bei einer Gelegenheit habe ich geistesabwesend “Gefällt mir” geklickt, anstatt einen Screenshot zu erstellen. Dieses einzige “Gefällt mir” wurde als Beweis für Falschdenken, ein Gedankenverbrechen, gewertet und so begann ein unaufhörliches niederschwelliges Mobbing.

Monate später unterstrich ich mein zufälliges “Gefällt mir”-Verbrechen, indem ich Magdalen Berns auf Twitter folgte. Magdalen war eine ungeheuer tapfere junge Feministin und Lesbe, die an einem aggressiven Hirntumor starb. Ich folgte ihr, weil ich sie direkt kontaktieren wollte, was mir auch gelang. Da Magdalen jedoch entschieden an die Bedeutung des biologischen Geschlechts glaubte und fand, dass Lesben nicht als bigott bezeichnet werden sollten, wenn sie nicht mit Transfrauen mit Penis ausgehen wollen, stellten Transaktivist*innen auf Twitter hier Verbindungen her und die Anfeindungen in den sozialen Medien wurden intensiver.

Ich erwähne all dies nur, um zu erklären, dass ich ganz genau wusste, was passieren würde, als ich mich dazu entschied, Maya zu unterstützen.

Zu diesem Zeitpunkt lag wohl meine vierte oder fünfte Absage nach bereits zugesagten Terminen, beziehungsweise vierte oder fünfte Ächtung hinter mir. Ich erwartete die Gewaltandrohungen, die Mitteilungen, dass ich buchstäblich Transmenschen mit meinem Hass tötete, dass man mich Fotze und Schlampe nennen würde und dass natürlich auch meine Bücher verbrannt werden sollten, wobei mir ein besonders beleidigender Mann sagte, er habe sie kompostiert.

Was ich in Folge meiner Ächtung nicht erwartet hatte, war die Flut an E-Mails und Briefen, deren überwältigende Mehrheit positiv, dankbar und unterstützend war. Die E-Mails kamen von freundlichen, einfühlsamen und intelligenten Menschen aus der ganzen Bandbreite der Gesellschaft, von denen einige in Bereichen arbeiten, die mit Geschlechtsdysphorie und Transmenschen befasst sind. Sie alle sind zutiefst besorgt über die Art und Weise, wie ein gesellschaftspolitisches Konzept Politik, medizinische Praxis und Schutzbestimmungen beeinflusst. Ihre Sorge gilt den Gefahren für junge Menschen, Schwule und Lesben und der Aushöhlung von Frauen- und Mädchenrechten. Vor allem machen sie sich Sorgen über ein Klima der Angst, mit dem Niemandem  – schon gar nicht Trans Jugendlichen – gedient ist. 

Ich hatte mich viele Monate lang sowohl vor als auch nach dem Tweeten der Unterstützung für Maya von Twitter zurückgezogen, weil ich wusste, dass es meiner psychischen Gesundheit überhaupt nicht guttat. Ich kehrte nur kurz zurück, weil ich während der Pandemie ein kostenloses Kinderbuch teilen wollte. Sofort schwärmten Aktivist*innen, die sich ganz bestimmt für gute, freundliche und fortschrittliche Menschen halten, auf meine Timeline zurück und nahmen sich das Recht heraus, meine Worte zu überwachen, mich des Hasses zu beschuldigen, mich mit frauenfeindlichen Beschimpfungen zu überziehen und vor allem – wie jede Frau, die schon mal an dieser Debatte beteiligt war, es kennen wird – mich als TERF zu bezeichnen.

Falls Sie es noch nicht wissen – und warum sollten Sie es überhaupt wissen? – ist “TERF” ein von Transaktivist*innen geprägtes Akronym, das für Trans-Exclusionary Radical Feminist (Anm. ‘Trans-ausschließende radikale Feministin) steht. In der Praxis wird derzeit eine sehr große und vielfältige Gruppe von Frauen als TERFs bezeichnet, von denen die überwiegende Mehrheit noch nie radikale Feministinnen waren. Beispiele für so genannte TERFs reichen von der Mutter eines schwulen Kindes, die Angst hatte, ihr Kind wolle eine Transition (Anm. einen Geschlechtsübertritt, eine Geschlechtsänderung, -angleichung) machen, um homophobem Mobbing zu entgehen bis hin zu einer bisher gänzlich unfeministischen älteren Dame, die geschworen hat, Marks & Spencer (Anm.: Einzelhandelskette u.a. für Damenbekleidung in Großbritannien) nie wieder zu besuchen, weil man dort jedem Mann, der von sich behauptet, eine Frau zu sein, den Zutritt zu den Damenumkleiden erlaubt. Ironischerweise sind radikale Feministinnen nicht einmal ‘trans-ausschließend’ – sie schließen Transmänner in ihren Feminismus ein, weil sie als Frauen geboren wurden.

Aber Anschuldigungen der TERFerie haben ausgereicht, um viele Menschen, Institutionen und Organisationen, die ich einst bewunderte, einzuschüchtern und die sich nun vor diesen Schulhoftaktiken wegducken. ‘Sie werden uns transphob nennen!’ ‘Sie werden sagen, dass ich Transmenschen hasse!’ Was werden sie als nächstes sagen, dass du Flöhe hast? Ich spreche hier als biologische Frau, wenn ich sage, dass sich viele Menschen in Machtpositionen wirklich ein ‘paar Eier’ wachsen lassen müssen (was nach der Überzeugung von Menschen, die mit Clownfischen argumentieren, die bewiesen, dass Menschen keine dimorphe Spezies sind, zweifellos buchstäblich möglich ist).

Warum tue ich das also? Warum melde ich mich zu Wort? Warum forsche ich nicht still und leise und halte meinen Kopf unten?

Nun, ich habe fünf Gründe, aus denen heraus mich der neue Transaktivismus beunruhigt und aus denen heraus ich beschlossen habe, dass ich meine Stimme erheben muss.

Erstens habe ich eine gemeinnützige Stiftung, der es um die Linderung sozialer Benachteiligung in Schottland geht und deren besonderer Schwerpunkt auf Frauen und Kindern liegt. Meine Stiftung unterstützt unter anderem Projekte für Frauen in Gefängnissen und für Überlebende häuslicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs. Ich finanziere auch medizinische Forschung zur Multiplen Sklerose, einer Krankheit, die sich bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich auswirkt. Es ist mir seit einiger Zeit klar, dass der neue Transaktivismus bedeutende Auswirkungen auf viele der von mir unterstützten Themen hat (oder wahrscheinlich haben wird, wenn alle seine Forderungen erfüllt werden), weil er darauf drängt, die gesetzliche Definition von Geschlecht auszuhöhlen und durch Gender zu ersetzen.

Der zweite Grund ist, dass ich eine ehemalige Lehrerin und die Gründerin einer Kinderhilfsorganisation bin und daher ein Interesse sowohl an Bildung als auch an Kinder- und Jugendschutz habe. Wie viele andere habe ich große Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen, die die Transrechtsbewegung auf beide Themen hat.

Der dritte Grund ist, dass ich als vielfach “verbotene” Autorin an der Redefreiheit interessiert bin und sie öffentlich verteidigt habe, sogar vor Donald Trump.

Beim vierten Grund wird die Sache wirklich persönlich. Ich mache mir Sorgen darüber,  wie explosiv die Zahl der transitionswilligen jungen Frauen gestiegen ist, und auch über die steigende Zahl der Frauen, die offenbar wieder detransitionieren (zu ihrem ursprünglichen Geschlecht zurückkehren), weil sie es bedauern, Schritte unternommen zu haben, die in einigen Fällen ihre Körper unwiederruflich verändert und ihnen ihre Fruchtbarkeit genommen haben. Einige sagen, sie hätten sich zur Transition entschlossen, nachdem sie erkannt hatten, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten, und dass ihre Transition zum Teil durch Homophobie entweder in der Gesellschaft oder in ihren Familien angetrieben wurde.

Die meisten Menschen sind sich – und das gilt auf jeden Fall für mich, bevor ich begann, mich wirklich einzuarbeiten – vermutlich gar nicht bewusst, dass vor zehn Jahren die Mehrheit der Menschen, die eine Transition, einen Geschlechtswandel, anstrebten, männlich war. Dieses Verhältnis hat sich nun umgekehrt. Im Vereinigten Königreich ist die Zahl der Mädchen, die eine ärztliche Überweisung für Behandlungen zur Transition bekommen, um 4400% gestiegen. Besonders autistische Mädchen sind hier zahlenmäßig deutlich überrepräsentiert.

Dasselbe Phänomen wurde in den USA beobachtet. 2018 machte sich die amerikanische Ärztin und Forscherin Lisa Littman daran, diesem Phänomen nachzugehen. In einem Interview sagte sie:

“Parents online were describing a very unusual pattern of transgender-identification where multiple friends and even entire friend groups became transgender-identified at the same time. I would have been remiss had I not considered social contagion and peer influences as potential factors.”

‘Online beschrieben Eltern ein sehr ungewöhnliches Muster der Transgender-Identifikation, in dem sich zahlreiche Freundinnen und sogar ganze Cliquen von Freundinnen gleichzeitig als transgender outeten. Es wäre nachlässig von mir gewesen, wenn ich ‘sozialen Einfluss’ (“social contagion”) und gruppenimmanente Einflüsse durch Gleichaltrige nicht als potenzielle Faktoren in Betracht gezogen hätte.’

In ihrer Arbeit erwähnte Littmann Tumblr, Reddit, Instagram und YouTube als Faktoren, die zur  “Rapid Onset Gender Dysphoria” (Anm. einem plötzlichen Einsetzen einer Geschlechtsdysphorie) beitrügen, wobei sie der Meinung ist, dass sich Jugendliche in dieser Transgender-Welt besonders abgegrenzte „Echo Chambers“, also geschlossene Online-Gruppen, die nur die eigene Weltsicht spiegeln, geschaffen haben.

Ihre Veröffentlichung sorgte für Furore. Sie wurde der Voreingenommenheit und der Verbreitung falscher Informationen über Transmenschen beschuldigt sowie einem Tsunami an Schmähungen und einer gezielten Kampagne zur Diskreditierung sowohl ihrer Person als auch ihrer Arbeit ausgesetzt. Die Zeitschrift nahm ihren Artikel offline und überprüfte ihn erneut, bevor sie ihn wieder veröffentlichte. Ihre Karriere hatte jedoch einen ähnlichen Schlag wie die von Maya Forstater erlitten. Lisa Littman hatte es gewagt, eine der zentralen Grundüberzeugungen des Transaktivismus in Frage zu stellen, nämlich den, dass die Geschlechtsidentität eines Menschen so wie die sexuelle Orientierung angeboren ist. Niemand, so Aktivist*innen, könne jemals zur Transidentität überredet werden.

Das Argument vieler heutiger Transaktivist*innen ist, dass Jugendliche, die ihr Geschlecht als falsch empfinden (orig. “gender dysphoric”), sich umbringen würden, wenn man ihnen nicht erlaube, ihr Geschlecht anzugleichen. In einem Artikel, in dem der Psychiater Marcus Evans erklärt, warum er seine Tätigkeit an der Tavistock-Klinik (einer staatlich finanzierten Klinik für Genderidentität und Geschlechtsdysphorie für Kinder und Jugendliche in Großbritannien) niedergelegt hat, schreibt er, dass Behauptungen, junge Menschen würden sich umbringen, wenn man ihnen die Geschlechtsangleichung verweigere, nicht „nicht mit gesicherten Daten oder Studien in diesem Forschungsbereich übereinstimmen. Sie stimmen auch nicht mit den Fällen überein, denen ich jahrzehntelang als Psychotherapeut begegnet bin.“

Die von jungen Transmenschen verfassten Texte offenbaren sie als eine Gruppe besonders sensibler und kluger Menschen. Je mehr ich ihre Berichte zur Geschlechtsdysphorie mit ihren aufschlussreichen Beschreibungen ihrer Ängste, ihrer Dissoziation, ihren Essstörungen, ihrer Selbstverletzung und ihrem Selbsthass las, desto mehr fragte ich mich, ob ich, wäre ich 30 Jahre später auf die Welt gekommen, auch versucht hätte, eine Transition zu erreichen. Die Verlockung, der Weiblichkeit zu entfliehen, wäre enorm gewesen. Als Jugendliche hatte ich mit einer schweren Zwangsstörung zu kämpfen. Hätte ich im Internet die Gemeinschaft und das Mitgefühl gefunden, die ich in meiner unmittelbaren Umgebung nicht finden konnte, hätte ich mich, glaube ich, überreden lassen können, mich in den Sohn zu verwandeln, den mein Vater, wie er es offen gesagt hatte, lieber an meiner Stelle gehabt hätte.

Wenn ich zur Theorie der Geschlechtsidentität lese, erinnere ich mich daran, wie geschlechtslos ich mich in der Jugend im Geiste gefühlt habe. Ich erinnere mich an Colettes Selbstbeschreibung als “mental hermaphrodite” (‘mental zweigeschlechtlich’) und an Simone de Beauvoirs Worte: “Es ist nur natürlich, wenn die künftige Frau sich über die Beschränkungen entrüstet, die ihr Geschlecht ihr auferlegt. Die Frage, warum sie sie ablehnt, ist falsch gestellt. Das Problem besteht vielmehr darin zu verstehen, warum sie sie akzeptiert.

Da ich in den 1980er Jahren keine realistische Möglichkeit hatte, ein Mann zu werden, mussten es Bücher und Musik sein, die mich sowohl durch meine psychischen Probleme als auch durch die prüfenden Blicke und sexualisierten Bewertungen brachten, die so viele Mädchen im Teenageralter in den Krieg gegen ihren Körper ziehen lassen.

Es war ein Glück für mich, dass ich mein eigenes Gefühl des Andersseins und meine Ambivalenz gegenüber dem Frausein in den Werken von Schriftstellerinnen und Musikerinnen widergespiegelt fand, die mir versicherten, dass es trotz allem, was eine sexistische Welt auf diejenigen mit einem weiblichen Körper zu werfen sucht, in Ordnung ist, sich im eigenen Kopf nicht rosa, berüscht und gefügig zu fühlen; dass es in Ordnung ist, sich verwirrt, dunkel, sowohl sexuell als auch nicht-sexuell, unsicher zu fühlen, was oder wer man ist.

Ich möchte mich hier ganz klar ausdrücken: Ich weiß, dass eine Transition für einige Menschen mit Geschlechtsdysphorie eine Lösung darstellen wird, obwohl ich mir auf der Grundlage umfangreicher Recherchen ebenfalls darüber bewusst bin, dass Studien durchweg gezeigt haben, dass 60-90% der Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie aus dieser herauswachsen werden. Mir wird immer wieder gesagt, ich solle “einfach ein paar transidente Menschen treffen”. Das habe ich: Neben einigen jüngeren Menschen, die alle absolut liebenswert waren, kenne ich zufällig eine selbst-beschriebene transidente Frau, die älter ist als ich und wunderbar. Obwohl sie offen über ihre Vergangenheit als schwuler Mann spricht, fällt es mir immer schwer, sie mir als irgendetwas anderes als eine Frau vorzustellen. Ich glaube (und hoffe natürlich auch), dass sie mit ihrer Transition glücklich ist. Da sie jedoch älter ist, ging sie durch einen langen und rigorosen Prozess aus Diagnostik, Psychotherapie und einer phasenweisen Transition. Die gegenwärtige Explosion des Transaktivismus drängt auf die Beseitigung fast aller zuverlässigen methodischen Vorgehensweisen, die diejenigen, die für eine Geschlechtsangleichung in Frage kommen, früher durchlaufen mussten. Ein Mann, der sich nicht operieren lassen und keine Hormone nehmen will, kann sich jetzt ein Zertifikat zur Anerkennung der Geschlechtszugehörigkeit ausstellen lassen und vor dem Gesetz eine Frau sein. Viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst.

Wir durchleben gerade die frauenfeindlichste Zeit, die ich je erlebt habe. Damals in den 80er Jahren stellte ich mir vor, dass meine zukünftigen Töchter, sollte ich welche haben, es viel besser haben würden, als ich es je hatte, aber zwischen dem Backlash gegen den Feminismus und einer pornoübersättigten Online-Kultur sind die Zeiten für Mädchen meines Erachtens deutlich schlechter geworden. Noch nie habe ich erlebt, dass Frauen in dem Maße verunglimpft und entmenschlicht wurden, wie sie es jetzt werden. Angefangen bei der langen Reihe von Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe an das Oberhaupt der freien Welt und seiner stolzen Prahlerei, Frauen ‚an der Muschi zu packen‘ über die Incel-Bewegung („Incel – involuntary celibate“, „unfreiwillig zölibatär lebende Männer“), die gegen Frauen wütet, die ihnen nicht sexuell zur Verfügung stehen wollen, bis hin zu den Transaktivisten, die erklären, dass TERFs verprügelt und umerzogen werden müssen, scheinen sich Männer aus dem gesamten politischen Spektrum einig zu sein: Frauen verlangen nach Ärger. Überall wird Frauen gesagt, sie sollen den Mund halten und sich hinsetzen, sonst setzt’s was.

Ich habe alle Argumente dazu gelesen, dass Weiblichkeit nicht an das Geschlecht des Körpers gebunden sei, samt der Behauptungen, dass biologische Frauen keine gemeinsamen Erfahrungen machten und empfinde sie ebenfalls als zutiefst misogyn und rückwärtsgewandt. Es ist ebenfalls deutlich, dass eines der Ziele in der Leugnung der Bedeutung des biologischen Geschlechts darin besteht, das zu auszuhöhlen, was für manche offenbar die grausam geschlechtertrennende Vorstellung ist, dass Frauen ihre eigene biologische Realität haben oder – genauso bedrohlich – sie als Frauen verbindende Gegebenheiten teilen, die sie zu einer zusammenhängenden politischen Klasse machen. Die Hunderten von E-Mails, die ich in den letzten Tagen erhalten habe, beweisen, dass die Aushöhlung des Begriffs des biologischen Geschlechts viele Andere genauso beunruhigt. Den Aktivist*innen reicht es nicht aus, wenn Frauen Verbündete der Transfrauen sind. Frauen sollen gänzlich akzeptieren und zugeben, dass es keinen materiellen Unterschied zwischen Transfrauen und ihnen gibt.

Doch wie es bereits viele Frauen vor mir gesagt haben, ist „Frau” kein Kostüm. „Frau” ist keine Idee im Kopf eines Mannes. „Frau” ist kein rosa Hirn, keine Vorliebe für Jimmy Choo oder irgendeine der sexistischen Vorstellungen, die nun irgendwie als fortschrittlich angepriesen werden. Darüber hinaus erleben viele Frauen die ‚inklusive’ Sprache, mit der weibliche Menschen als „Menstruator*innen“, „Menstruierende“ und „Menschen mit Vulva” bezeichnet werden, als entmenschlichend und erniedrigend. Ich verstehe, warum Transaktivist*innen diese Sprache für angemessen und freundlich halten, aber für diejenigen unter uns, denen von gewalttätigen Männern erniedrigende Beleidigungen entgegengeschleudert wurden, ist sie nicht neutral, sondern aggressiv und entfremdend.

Was mich zum fünften Grund bringt, aus dem ich über die Folgen des gegenwärtigen Transaktivismus zutiefst besorgt bin.

Ich stehe nun seit über zwanzig Jahren in der Öffentlichkeit und habe nie öffentlich darüber gesprochen, dass ich eine Überlebende häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe bin. Das liegt nicht daran, dass ich mich dafür schäme, dass mir diese Dinge passiert sind, sondern daran, dass es traumatisch ist, sie erneut zu durchleben und mich an sie zu erinnern. Ich möchte auch meine Tochter aus meiner ersten Ehe beschützen. Ich wollte nicht alleinige Besitzansprüche an eine Geschichte stellen, die auch ihr gehört. Als ich sie jedoch vor kurzem fragte, wie es ihr damit gehen würde, wenn ich in der Öffentlichkeit über diesen Teil meines Lebens wahrheitsgemäß berichten würde, ermutigte sie mich, das zu tun.

Ich erwähne diese Dinge nicht jetzt, weil ich Mitgefühl heischen möchte, sondern aus Solidarität mit der riesigen Anzahl an Frauen mit einer ähnlichen Geschichte wie der meinen, die als bigott beschimpft werden, weil sie sich Sorgen wegen der Frauenräume machen.  

Mir gelang es mit einiger Schwierigkeit, meiner ersten, gewalttätigen Ehe zu entkommen. Heute bin ich mit einem wirklich guten und prinzipientreuen Mann verheiratet und sicher und geborgen wie ich es in einer Million Jahren nie erwartet hätte. Die Narben, die Gewalt und sexuelle Übergriffe hinterlassen haben, verschwinden jedoch nicht, ganz gleich, wie sehr man geliebt wird und ganz gleich, wie viel Geld man verdient hat. Meine dauernde Schreckhaftigkeit ist ein Familienwitz – und ich weiß sogar selber, dass sie komisch ist – aber ich bete darum, dass meine Töchter nie die gleichen Gründe haben werden wie ich, plötzliche laute Geräusche zu hassen oder wenn ein Mensch hinter ihnen auftaucht, den sie nicht kommen hörten.

Wenn Sie in meinen Kopf hineinschauen und verstehen könnten, was ich fühle, wenn ich von einer Transfrau lese, die durch die Hand eines gewalttätigen Mannes starb, würden Sie Solidarität und Verbundenheit sehen. Das Gefühl für die Todesangst, in der diese Transfrauen ihre letzten Momente auf Erden verbracht haben, geht mir tief unter die Haut, denn auch ich habe Momente purer Angst erlebt, als mir klar war, dass mein Überleben lediglich an der wackeligen Selbstbeherrschung meines Angreifers hing.

Ich glaube, dass die Mehrheit der transidenten Menschen nicht nur absolut keine Bedrohung für andere darstellen, sondern aus all den von mir genannten Gründen verwundbar sind. Transmenschen brauchen und verdienen Schutz. Wie Frauen werden sie am ehesten von Sexualpartnern getötet. Transfrauen, die in der Sexindustrie arbeiten, insbesondere schwarze Transfrauen, sind besonders gefährdet. Wie alle anderen Überlebenden häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe, die ich kenne, empfinde ich nichts anderes als Empathie und Solidarität mit Transfrauen, die von Männern misshandelt wurden.

Deshalb möchte ich, dass Transfrauen sicher sind. Gleichzeitig möchte ich, dass die Sicherheit  von Mädchen und Frauen, die als solche geboren wurden, nicht beeinträchtigt wird. Wenn man die Türen zu Toiletten und Umkleideräumen für jeden Mann aufreißt, der glaubt oder fühlt, eine Frau zu sein – und, wie gesagt, Geschlechtsbescheinigungen könnten jetzt ohne die Notwendigkeit jeglicher Operationen oder Hormone ausgestellt werden – dann öffnet man diese Türen für alle Männer, die hineinwollen. Das ist die schlichte Wahrheit.

Am Samstagmorgen las ich, dass die schottische Regierung mit ihren umstrittenen Plänen zur Anerkennung der Geschlechtszugehörigkeit fortfährt, die in der Praxis bedeuten, dass alles, was ein Mann tun muss,  um ‘eine Frau zu werden’, darin besteht zu sagen, er sei eine. Um ein sehr zeitgemäßes Wort zu verwenden, hat mich das ‘getriggert’. Durch die unerbittlichen Angriffe von Transaktivist*innen in den sozialen Medien bereits sehr angeschlagen, als ich einfach nur da war, um Kindern Feedback zu den Bildern zu geben, die sie während des Lock-Downs für mein Buch gezeichnet hatten, verbrachte ich den Großteil des Samstags in einer sehr düsteren inneren Stimmung, während sich Erinnerungen an einen schweren sexuellen Übergriff, den ich in meinen Zwanzigern erlitten hatte, in endlosen Schleifen in meinem Kopf drehten. Dieser Übergriff war zu einer Zeit und in einem Kontext geschehen, als ich angreifbar war und ein Mann hatte diese Gelegenheit einfach ausgenutzt. Ich konnte diese Erinnerungen nicht verdrängen und es fiel mir schwer, meinen Ärger und meine Enttäuschung darüber zu zügeln, wie meine Regierung meiner Meinung nach einfach so mit der Sicherheit von Frauen und Mädchen spielt.

Am späten Samstagabend blätterte ich durch Kinderzeichnungen, bevor ich ins Bett ging, und vergaß die erste Regel von Twitter – erwarte niemals eine differenzierte Auseinandersetzung – und reagierte auf das, was ich für eine erniedrigende Ausdrucksweise zu Frauen hielt. Ich bezog Stellung zur Bedeutung des biologischen Geschlechts und bezahle seitdem den Preis dafür. Ich bin transphob, ich bin eine Fotze, eine Schlampe, eine TERF, ich verdiene die Streichung meiner Termine und die Ächtung, ich verdiene Prügel und Tod. Sie sind Voldemort, sagte eine Person, offenkundig in der Überzeugung, dies sei die einzige Sprache, die ich verstehen würde.

Es wäre so viel einfacher, die anerkannten Hashtags zu twittern – denn selbstverständlich sind Trans-Rechte Menschenrechte und selbstverständlich zählen Trans-Leben – dabei die angesagten Fleißpunkte der moralischen Korrektheit einzusammeln und sich in einem Nachglühen der eigenen signalisierten Tugend zu sonnen. In der Anpassung liegen Freude, Erleichterung und Sicherheit. Wie Simone de Beauvoir ebenfalls schrieb: „Zweifellos ist es bequemer, blinde Sklaverei zu erdulden als an der eigenen Befreiung zu arbeiten; auch die Toten sind der Erde besser angepasst als die Lebenden.“

Sehr viele Frauen haben zu Recht Angst vor den Transaktivist*innen; ich weiß das, weil so viele mit mir Kontakt aufgenommen haben, um mir ihre Geschichte zu erzählen. Sie haben Angst vor Doxxing (Anm. der öffentlichen Bloßstellung ihrer Identität), vor dem Verlust ihrer Arbeit oder ihrer Lebensgrundlage und vor Gewalt.

Aber so unendlich unangenehm es auch ist, unaufhörlich davon ins Visier genommen zu werden, weigere ich mich trotzdem, mich einer Bewegung zu beugen, die meiner Meinung nach nachweislich Schaden anrichtet, indem sie versucht, “Frau” als politische und biologische Klasse auszuhöhlen und die wie nur wenige vor ihr rücksichtslosen Männern Deckung bietet. Ich stehe an der Seite der mutigen Frauen und Männer, Homosexuellen, Heterosexuellen und Transidenten, die sich für die Rede- und Gedankenfreiheit sowie für die Rechte und die Sicherheit einiger der schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft stark machen: junger schwuler und lesbischer Kinder, zerbrechlicher Jugendlicher und Frauen, die auf ausschließliche Frauenräume angewiesen sind und sie erhalten wollen. Umfragen zeigen, dass diese Frauen die überwiegenden Mehrheit ausmachen und nur diejenigen nicht darunter sind, die so privilegiert sind oder sich so glücklich schätzen können, dass sie nie mit männlicher Gewalt oder sexueller Gewalt konfrontiert wurden, und die sich nie die Mühe gemacht haben, sich darüber zu informieren, wie allgegenwärtig diese Gewalt ist.

Das Einzige, was mir Hoffnung gibt, ist dass die Frauen, die protestieren und sich organisieren können, dies auch tun, und sie haben einige wirklich anständige Männer und Transmenschen an ihrer Seite. Politische Parteien, die darauf aus sind, diejenigen zu beschwichtigen, die am lautesten in die Debatte schreien, gehen in ihrer Missachtung der Sorgen der Frauen ein hohes eigenes Risiko ein. Im Vereinigten Königreich bewegen sich Frauen in ihrer Besorgnis über die Aushöhlung ihrer hart erkämpften Rechte und über die weit verbreiteten Einschüchterungen über Parteigrenzen hinweg aufeinander zu.  Keine der genderkritischen Frauen, mit denen ich gesprochen habe, hasst Transmenschen; ganz im Gegenteil. Viele von ihnen haben sich in erster Linie aus Sorge um transidente Jugendliche für dieses Thema interessiert und sie empfinden tiefes Mitgefühl für erwachsene Transpersonen, die einfach nur ihr Leben leben wollen, denen aber ein Backlash wegen einer Form des Aktivismus droht, die sie selbst nicht gut heißen. Die größte Ironie besteht darin, dass der Versuch, Frauen mit dem Wort “TERF” zum Schweigen zu bringen, möglicherweise mehr junge Frauen zum radikalen Feminismus getrieben hat, als diese Bewegung seit Jahrzehnten gesehen hat.

Was ich abschließend sagen möchte, ist Folgendes. Ich habe diesen Aufsatz nicht in der Hoffnung geschrieben, dass irgendjemand jetzt eine schnulzige Melodie für mich auflegt, nicht mal eine klitzekleine. Ich habe außerordentliches Glück; ich bin eine Überlebende, sicherlich kein Opfer. Ich habe meine Vergangenheit nur erwähnt, weil ich wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten eine vielschichtige Vorgeschichte habe, die meine Ängste, meine Interessen und meine Einstellungen prägt. Diese innere Vielschichtigkeit vergesse ich nie, wenn ich einen fiktiven Charakter erschaffe, und ich vergesse sie ganz sicher nie, wenn es um Transmenschen geht.

Alles, worum ich bitte – alles, was ich will – ist, dass ein vergleichbares Einfühlungsvermögen, ein vergleichbares Verständnis, auch den vielen Millionen Frauen entgegengebracht wird, deren einziges Verbrechen darin besteht, dass sie  ihre Anliegen zu Gehör bringen wollen, ohne dafür Drohungen und Beschimpfungen ausgesetzt zu sein. 

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