Jede zweite bis vierte Frau mit Behinderung erlebt sexuelle Gewalt

Violence against women, we can stop it!

"Violence against women, we can stop it!" by European Parlament via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Bereits im letzten Sommer kam eine Studie der Universität Bielefeld zu einem erschreckenden Ergebnis: Frauen mit Behinderung haben ein stark erhöhtes Risiko, von sexueller Gewalt betroffen zu sein. Am schlimmsten trifft es Frauen mit psychischen Erkrankungen und Gehörlose. Die Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle befragte über 1500 Frauen mit verschiedenen Einschränkungen. Ihre Befragung offenbart, wie hoch das Risiko von Frauen mit Behinderung ist, psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt ausgeliefert zu sein – nicht selten durch Familienmitglieder.

Viele der Frauen erlebten bereits im Kindes- und Jugendalter sexuelle Gewalt, was ihren Gesundheitszustand nachhaltig beeinträchtigte und sie dem Risiko späterer sexueller Gewalt exponierte. Behinderte Frauen haben ein zwei- bis dreimal so hohes Risiko, als Kinder von sexueller Gewalt betroffen zu sein. Jede dritte bis fünfte befragte Frau berichtete auch von erzwungenen sexuellen Handlungen im Erwachsenenalter.
Zusammengenommen zeigt das, dass bis zu 56 Prozent aller Frauen mit Behinderung sexuelle Gewalt erlebt haben. Viele Frauen konnten keine konkreten Angaben mache, was vermuten lässt, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist.


Viele Frauen mit Behinderung wurden als Kinder sehr viel häufiger von ihren Eltern oder anderen Familienmitgliedern körperlich misshandelt. Auch im Erwachsenenalter ist ihre Gefahr, Opfer von körperlicher Gewalt zu werden, doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt.
60 Prozent berichten von psychischer Gewalt durch die Familie. Zwischen 70 und 90 Prozent erinnerten sich an psychische Gewalt im Erwachsenenalter – Demütigungen, Drohungen, Beleidigungen und Ausgrenzung. Körperliche Gewalt wird vor allem durch Familienmitglieder ausgeübt, psychische Gewalt von Betreuungspersonen, aber auch von Amtspersonal. Fast alle Frauen gaben an, Diskiriminierung erlebt zu haben, dabei waren die Frauen, die in Einrichtungen lebten, besonders betroffen. Sie wurden angestarrt, beschimpft oder gegen ihren Willen angefasst.

Viele der Frauen berichteten, dass sie sich in ihrer Freiheit und Selbstbestimmung eingeschränkt fühlen. Ihr eigenes Leben kann nur in seltenen Fällen von ihnen selbst gestaltet werden. Sie erhalten keine Ausbildung und dürfen nicht selbst über ihre Finanzen verfügen.
Frauen mit Behinderung sind sehr häufig nicht verheiratet oder ohne Partner und haben keine Kinder. Wenn sie in Einrichtungen leben, erhalten sie die Dreimonatsspritze, weil Kinderwunsch nicht vorgesehen ist – ebenso wie intime oder innige Beziehungen zwischen den Bewohnern.

Die Studie zeigt, dass Frauen mit Behinderung einer mehrfachen Diskriminierung ausgesetzt sind – als Frauen und als Frauen mit Behinderung. Ihre Einschränkungen oder Erkrankungen werden ausgenutzt, um sie zu missbrauchen und zu misshandeln, nicht selten von Vertrauenspersonen und Familienmitgliedern. Ihr Wunsch nach einer individuellen Lebensplanung, nach Nähe und Intimität wird ignoriert. Es ist dringend notwendig, dass die Gesellschaft anfängt, sich mit diesen erschreckenden Formen von Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen mit Behinderung auseinanderzusetzen.

1 Kommentare

  1. Anonymous

    Es bleibt ein bisschen unklar, dass die Frauen, die in Einrichtungen leben, die dreimonatsspritze auf Willen ihrer gesetzlichen Betreuer oder Eltern bekommen und nicht weil die Einrichtungen dies per se vorsehen. Aus Erzählungen weiß ich, dass die Einrichtungen selbst, dieser Thematik zumindest teilweise kritisch gegenüber sind und das Problem bei den gesetzlichen Betreuern liegt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.