Kampf gegen das Vergessen: Hartmut Hegelers Einsatz für die Opfer von Hexenprozessen

Hexenverfolgung

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Die Hexenverfolgung gehört zu den dunkelsten Kapiteln europäischer Geschichte. Entgegen landläufiger Meinung fand sie nicht im angeblich „finsteren“ Mittelalter statt, sondern begann in der Frühen Neuzeit und reichte bis in die Aufklärung, die Lebenszeit von Goethe und Schiller hinein. Etwa 60.000 Menschen fielen ihr zum Opfer. Ihre Geschichte, das Leid, das die Hexenverfolgung über sie und ihre Familien brachte, ist vielerorts vergessen. Genau dagegen kämpft Hartmut Hegeler. Er gab den Störenfriedas ein Interview über seinen Einsatz für die Rehabilitation der Opfer und zu den Hintergründen der Hexenverfolgung.

Die Störenfriedas: Hallo Herr Hegeler, wir danken Ihnen sehr, dass Sie sich Zeit für ein Interview genommen haben. Seit rund 15 Jahren engagieren sie sich im AK „Hexenverfolgung“ und konnten gemeinsam mit Ihren Mitstreitern bereits in mehreren Städten die Rehabilitation von Opfern der Hexenverfolgung erreichen, so zum Beispiel in Köln, Dortmund, Wittenberg und im hessischen Taunus. Was genau bedeutet Rehabilitation?

Hartmut Hegeler: Eine Rehabilitation in juristischem Sinne ist nach so langer Zeit fast unmöglich, da die genaue Rechtsnachfolge der damaligen Territorien und Gerichte unklar ist und da viele Akten verloren gingen oder (absichtlich) zerstört wurden.
Rehabilitierung ist ein symbolischer Akt, damit deutlich wird: Das Unrecht soll nicht das letzte Wort haben. Das Unrecht und das Leiden, welches Frauen und Männern damals zugefügt wurde, kann nicht wieder gut gemacht werden. Aber gegen Unmenschlichkeit gilt es immer neu Stellung zu beziehen. Eine moralisch-sozialethische Rehabilitation der Verurteilten soll im Sinne der Menschenwürde, der Menschenrechte und der Humanität, der Wiederherstellung ihrer individuellen Ehre sowie dem dauerhaften Gedenken an diese unschuldigen Opfer dienen.

Die Störenfriedas: Wie kam es zu Ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Hexenverfolgung?

Hartmut Hegeler: Ich habe als kreiskirchlicher Pfarrer im Berufskolleg in Unna evangelischen Religionsunterricht erteilt. Vor 13 Jahren drängten mich meine Schülerinnen, das Thema Hexenprozesse zu besprechen. Dabei habe ich selber viel gelernt.
Eine Schülerin wollte wissen, wann die Urteile gegen die “Hexen” aufgehoben wurden: “Das weiß doch heute jedes Kind, dass man nicht das Wetter verhexen oder auf dem Besenstiel zum Hexensabbat fliegen kann!” Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass die Urteile nicht aufgehoben wurden. Die Angeklagten gelten immer noch als rechtmäßig verurteilt. So entstanden die Bemühungen um Rehabilitierung der Opfer der Hexenprozesse.

Die Störenfriedas: Was ist das Besondere an der europäischen Hexenverfolgung? Immerhin gibt es auch in Afrika bis heute Hexenglauben und Anti-Hexerei-Bewegungen.

Hartmut Hegeler: Zauberei und weiße und schwarze Magie gehörten seit altersher zur allgemeinen Lebensbewältigung. Bis heute werden Einzelne beschuldigt, sie hätten durch schwarze Magie Krankheiten und Unglück bewirkt. Immer wieder berichten die Medien, dass Dorfbewohner in Indien oder Afrika Verdächtige in Lynchjustiz umbringen oder aus der Gemeinschaft ausschließen.
Im Gegensatz dazu wurden die Hexenprozesse in Europa in der Frühen Neuzeit (um 1500 – 1782) nach damaligem Recht vor weltlichen Gerichten verhandelt und der Verlauf in Prozessakten festgehalten. Auffällig sind die genaue Buchführung und die Bemühungen um Rationalisierung der Folter und der Hinrichtungen.

Die Störenfriedas: Einige Länder in Europa hatten intensive Hexenverfolgungen, andere fast gar nicht. Warum diese Unterschiede?

Hartmut Hegeler: Hexenprozesse gab es fast überall in Europa. Besonders heftig waren die Verfolgungen in Mitteleuropa. Deutschland wies etwa 25.000 Hexenverbrennungen auf. Dabei spielten die politische Zersplitterung Deutschlands, Konkurrenz der Kleinstaaten und Machtansprüche der Gerichte eine große Bedeutung. In Italien gab es im 14./15. Jahrhundert anfänglich auch Hexenverfolgungen durch die päpstliche Ketzerinquisition. Spanien wurde von Hexenprozessen kaum berührt, und in den spanischen Kolonien Südamerikas wurde keine einzige Hexe verbrannt. In England war die Folter verboten; deshalb gab es kaum Geständnisse und insgesamt weniger als 500 Tote in Hexenprozessen. In Schottland gab es über 1000 Hexenverbrennungen während der calvinistischen Mission. In Europa sind in dieser Periode in Gebieten der orthodoxen Kirche, des Judentums und des Islams keine Hexenprozesse durchgeführt worden.

Die Störenfriedas: Warum entstand die Hexenverfolgung in Europa am Ende des Mittelalters, kurz vor der Aufklärung? Welche Faktoren kamen hier zusammen und wer hatte ein Interesse an der Hexenverfolgung?

Hartmut Hegeler: Zwischen 1560 und 1630, in der Zeit der größten Hexenverfolgungen, gab es viele Krisen. Eine Klimakatastrophe (die sogenannte “Kleine Eiszeit”) von 1500 – 1800 mit nachhaltigen Kälteeinbrüchen führte zu Missernten und einer Teuerung der Grundnahrungsmittel. Es kam zu Hungersnöten. Menschen waren anfälliger für Krankheiten und Epidemien wie die Pest. Ab 1618 herrschte in ganz Deutschland der 30-jährige Krieg und brachte unsägliches Leid über die Bevölkerung. Zwischen diesen Krisen und der Zahl der Hexenverfolgungen gibt es einen engen Bezug.
Da naturwissenschaftliches Wissen fehlte, beherrschten Angst und Aberglauben die Menschen. Bei Wetterkatastrophen oder Krankheiten waren sie überzeugt: “Das kann nur das Werk des Teufels sein!” Man suchte Sündenböcke, und die Bevölkerung forderte vielerorts die Hexenjagd: “Man solle verbrennen sie zu Tode”! Die Kirchen forderten gemäß 2. Mose 22,18 die Todesstrafe für Zauberer und Hexen.

Die Störenfriedas: Was musste passieren, damit jemand der Hexerei angeklagt wurde?

Hartmut Hegeler: Die Bevölkerung wollte wissen, warum z.B. ein Kind plötzlich gestorben war, warum die Kühe keine Milch mehr gaben, oder Hagelschlag das Feld zerstörte. In den Prozessakten lässt sich erkennen, wie die Richter die Ängste der Bevölkerung mit ihren gelehrten Vorstellungen überformten. Not, Leid und Kämpfe um das tägliche Brot führten zu Hexereiverdächtigungen und Beschuldigungen von Nachbarn und Nachbarinnen, z.B. von Wetterzauber als Ursache von Missernten.
Im Übrigen: schlecht über andere zu reden, ist ein uraltes menschliches Verhalten. Heute nennen wir das Mobbing – in Schule, Arbeitsplatz, Nachbarschaft. Durch die sozialen Netzwerke hat das “An den Pranger stellen” eine weltweite Dimension erhalten.

Die Störenfriedas: Über Hexen und die Hexenverfolgung sind einige populäre Mythen im Umlauf. So verlagern viele den Zeitraum in das Mittelalter. Andere geben vor allem der Kirche die Schuld an den Verfolgungen. Wie sind diese Mythen entstanden und warum halten sie sich so hartnäckig?

Hartmut Hegeler:  Es gibt viele Fehlinformationen, populäre Mythen und Missverständnisse zum Thema Hexenprozesse.

1. Fehlinformation: Hexenprozesse wurden von der Kirche durchgeführt. Richtig ist, dass in Deutschland die Verfahren von weltlichen (kommunalen, fürstlichen) Gerichten abgehalten wurden.
2. Fehlinformation: Es wurden nur Frauen wegen Hexerei angeklagt .–Richtig ist, dass auch Männer und Kinder betroffen waren!
3. Fehlinformation: Alle als Hexe angeklagten Frauen waren weise und heilkundige Frauen – Richtig ist, dass nur ein eher geringer Teil der verurteilten Frauen tatsächlich Hebammen und Kräuterheilkundige waren.
4. Fehlinformation: Hexenverfolgung fand im Mittelalter statt. –Richtig ist, dass in Deutschland die meisten Hexenprozesse in der beginnenden Neuzeit waren.
5. Fehlinformation: Hexenverfolgung fand nur in katholischen Gebieten statt. Richtig ist, dass es auch in evangelischen Gegenden Hexenverfolgungen gab.
6. Alle als Hexen angeklagten Frauen und Männer verehrten die alten Götter des Landes und waren keine Christen oder Christinnen. Richtig ist, dass der überwiegende Teil aller Verurteilten nichts mit dem zu tun hatte, was wir heute Hexenkult nennen.
7. Die als Hexen verurteilten Frauen haben sich selbst als Hexen bezeichnet und gefeiert. Richtig ist, dass die Angeklagten ein Geständnis angeblicher Hexerei unter der Folter ablegten.

Leider haben es die Historiker/innen versäumt, ihre Forschungsergebnisse der Bevölkerung in verständlicher Sprache zu vermitteln.

Die Störenfriedas: Damals ging man von einer „Teufelssekte“ aus, die im Untergrund agierte. Hat diese Sekte je existiert?

Hartmut Hegeler:  Entsprechend der Hexenlehre handelten Hexen nicht als Einzelne, sondern als Mitglieder einer großen Verschwörung: einer neuen Sekte, die sich am Hexensabbat zur Teufelsanbetung und zum Hexentanz zusammenfand und vom Satan die Anweisungen zum Schadenzauber erhielt. Die Existenz dieser Zusammenkünfte schien “wissenschaftlich” erwiesen zu sein. Die Richter betrachteten jeden als unglaubwürdig, der im Verhör zwar seine Zauberei, nicht jedoch den Hexentanz eingestand. Unter der Folter wurde so lange nachgefragt, bis die Angeklagten vermeintliche Mitschuldige nannten („Besagungen“).
Ketzerverfolgung – Hexenverfolgung
Die Zeit der Ketzerverfolgung ging in die Verfolgung vermeintlicher Hexen über. Der von der Ketzerverfolgungsbehörde der Inquisition angewandte Prozess, um Dissidenten aufzuspüren, ging  in die Hände der weltlichen Gerichtsbarkeit über.

Wie wurde das Delikt der “Hexerei” definiert?

Die Angeklagten wurden beschuldigt, von Gott abgefallen zu sein und sich einer geheimen Vereinigung von Satansanhängern angeschlossen zu haben. Gemäß dem Hexenhammer waren Grundlage der Anklage in den Gerichtsverfahren die theologischen Vorwürfe der systematischen Hexenlehre: Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Teilnahme am Hexensabbat und Schadenszauber gegen Wetter, Mensch und Tier, sowie die Möglichkeit der Verwandlung in Tiere. Weil der Hexenhammer von Richtern und Schöffen als Handbuch für die Durchführung der Prozesse verwendet wurde, finden sich monoton wiederkehrend diese Anklagepunkte in den Akten der Hexenprozesse. Die Geständnisse der Angeklagten, die für einen Urteilsspruch Voraussetzung waren, wurden erfoltert. Besonders folgenschwer war der Vorwurf der Teilnahme am Hexensabbat mit angeblicher persönlicher Kenntnis der anderen Teilnehmer. So wurden von den Angeklagten unter der Folter immer neue Namen erpresst, was zu Kettenprozessen und hohen Hinrichtungszahlen führte.
Während es eine Opposition gegen die herrschende kirchliche Lehre (“Ketzer”) tatsächlich gab, war die Existenz einer “Hexensekte” eine fiktive Behauptung.  Uns naturwissenschaftlich Gebildeten heutzutage ist klar, dass die vermeintlichen Hexen die Verbrechen nicht begehen konnten, deren sie beschuldigt wurden: man kann das Wetter nicht verzaubern oder auf dem Besenstiel zum Hexensabbat fliegen.

Die Störenfriedas: Wer waren die Opfer von Hexenprozessen?

Hartmut Hegeler:  Den Hexenprozessen fielen Frauen und Männer aus allen Ständen zum Opfer, Greise und Kinder, selbst Geistliche. Häufig waren es Witwen, Zugereiste und Arme. Die Unterschichten in Stadt und Land waren besonders stark betroffen, während Angehörige der Oberschicht nur selten in Prozesse gerieten. Ein besonderer Risikofaktor war, wenn bereits ein Angehöriger aus der Familie hingerichtet worden war – dann vermuteten die Richter, dass diese Familie besonders anfällig für die Versuchungen des Teufels waren. So wurden manche Familien völlig ausgelöscht.

Die Störenfriedas: Ist es richtig, dass vor allem Frauen unter den Opfern waren?

Hartmut Hegeler:  Bei den ersten großen Hexenverfolgungen um 1600 gab es einen hohen Frauenanteil (90 %). Später stieg der Anteil der angeklagten Männer stark an, wobei es regional große Unterschiede gab. So richteten sich die Hexenverfolgungen nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen Männer und Kinder.

Die Störenfriedas: Es ist ja mithin die Rede von einer „Vernichtung der weisen Frauen“ durch die Hexenverfolgung. Insbesondere Hebammen und kräuterkundige Frauen sollen betroffen gewesen sein. Trifft das zu?

Hartmut Hegeler:  Die These, die Hexenverfolgung sei eine organisierte Unterdrückung oder Vernichtung vorchristlicher Kulte gewesen, die von weisen Frauen praktiziert worden seien, wurde seit dem 19. Jahrhundert immer wieder aufgegriffen, auch vom Feminismus, und bildet die Grundlage verschiedener neuheidnischer und spirituell-feministischer Bewegungen.

Die Vorstellung, dass sich die Hexenprozesse vor allem gegen naturmedizinkundige Frauen richtete, ist von Historikerinnen und Historikern gründlich untersucht worden. In den überlieferten Akten der Hexenprozesse finden sich bei den Angaben über die Opfer keine auffällig häufigen Hinweise auf Hebammen, „weise Frauen“ oder Kräuterhexen.

Die Störenfriedas: Spielte Frauenfeindlichkeit aus Ihrer Sicht eine wichtige Rolle bei der Hexenverfolgung?

Hartmut Hegeler:  Grundlage der Hexenjustiz wurde die Schrift “Hexenhammer” (1486) des Dominikanermönchs Heinrich Kramer, genannt Institoris. Sie spitzt die Täterschaft auf Frauen zu und gibt detaillierte Prozessanweisungen an weltliche und geistliche Richter. Es ist ein Handbuch absoluter Mysogynie und war extrem frauenfeindlich: “Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt, … was die Grundlage für die Hexerei ist”.

Die Störenfriedas: Wie lief ein Hexenprozess in der Regel ab?

Hartmut Hegeler: Die Hexenprozesse kamen oft auf Drängen der Untertanen zustande, die ihren Obrigkeiten mit Gerüchten – oft bezogen auf bestimmte Personen – in den Ohren lagen, um sie zum Einschreiten gegen den Schadenzauber der “Hexen” zu bewegen.
Gerüchte wurden verbreitet. Der Prozess wurde eröffnet mit dem gütlichen Verhör. Es folgte das peinliche Verhör. Zunächst wurden die Folterinstrumente gezeigt und ihre Wirkung erläutert. Unter den Qualen der Folter bekannte die Opfer, was die Richter von ihnen hören wollten. Unter der Tortur erfolgten “Besagungen”: Namen weiterer Verdächtiger wurden genannt, die ebenfalls verhört und gefoltert wurden. So kam es zu Kettenprozessen.

Die Störenfriedas: Wie standen die Chancen für die Opfer, ihn zu überleben?

Hartmut Hegeler:  Das war zwar regional und zeitlich sehr unterschiedlich. Aber die Chancen, einen Hexenprozess zu überleben, waren zumeist nur klein: der Folter folgten das Geständnis,  das Urteil und die Hinrichtung.

Die Störenfriedas: Gab es in Deutschland besondere Zentren, in denen viele Menschen den Tod auf dem Scheiterhaufen fanden?

Hartmut Hegeler: Hierzu einige Beispiele mit annähernden Opferzahlen:

Kurköln (Erzstift, Vest Recklinghausen, Westfalen)        2.200 (davon 1.000 in Westfalen)
Mecklenburg       2.000
Kurtrier          1.000 (mindestens)
Thüringen         1.500
Würzburg          1.200
Bamberg      900
St. Maximin bei Trier        500
Schlesien            600
Ellwangen            450
Mergentheim          387
Kurmainz             361
Aber weit mehr Menschen waren betroffen, denn auch die Familien der Angeklagten waren betroffen und gerieten in große soziale und wirtschaftliche Not.

Die Störenfriedas: Was bedeutet eine Rehabilitation? Wie läuft eine Rehabilitation ab?

Hartmut Hegeler:  Ein Antrag auf moralisch-ethische Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse richtet sich an den Rat der Stadt/ Kommune. Es ist ein symbolischer Akt, um die Ehre der durch die Hexenprozesse verfolgten und hingerichteten Bürgerinnen und Bürger wieder herzustellen.

Solch ein Antrag kann folgenden Wortlaut haben:
Der Rat der Stadt beschließt die Rehabilitierung der in der Zeit der Hexen- und Zaubererverfolgung während des 16. und 17. Jahrhunderts gequälten und ermordeten Menschen durchzuführen und fasst dabei folgenden Beschluss: Die Rehabilitation der unschuldig gequälten und hingerichteten Opfer der Hexen- und Zaubererverfolgung während des 16. und 17. Jahrhunderts ist ein Akt im Geiste der Erinnerung und Versöhnung. Der Rat der Stadt verurteilt diese Gewalt, die an Frauen und Männern begangen wurde. Er gedenkt der Opfer, rehabilitiert sie öffentlich und gibt ihnen damit heute im Namen der Menschenrechte ihre Ehre zurück.
Wenngleich die Stadt nicht Rechtsnachfolgerin der damals politisch und kirchlich Verantwortlichen ist, so besteht dennoch eine ethische Verpflichtung gegenüber den Opfern und ihren Familien. Angesichts der lokalen Geschichte steht der Rat der Stadt zu dieser Verpflichtung.

Die Störenfriedas: Gibt es Fälle, die Sie besonders berühren? Sie haben zum Beispiel über Katharina Henoth aus Köln geschrieben. Was hat Sie an diesem Fall gefesselt?

Hartmut Hegeler: Besonders berührt hat mich  der Hexenprozess gegen das 9-jährige Kind Christine Teipel aus Oberkirchen (Schmallenberg/NRW). Mit ihrer Verhaftung beginnt im März 1630 in Oberkirchen eine schreckliche Hexenprozesswelle. Das Kind einer armen Bauernfamilie gesteht im Verhör den Teufelspakt. Es berichtet in der gütlichen Befragung: der Teufel habe ihr schöne Kleider gegeben. Ihr Hexenbuhle habe mit ihr Unzucht getrieben, “was kalt abgegangen sei”. Christine benennt 15 Personen, die sie angeblich beim Teufelstanz gesehen hat: 8 Männer, 6 Frauen und ein kleines Mädchen. In der Folge sterben in den nächsten drei Monaten 58 Personen auf dem Scheiterhaufen, u. a. auch ihre Eltern. Am 4. Mai 1630 wurde Christine Teipel in der 3. Prozesswelle hingerichtet.

Katharina Henot, eine Witwe von ca. 60 Jahren, war in Köln als Postmeisterin bekannt. Drei Nonnen hatten die kluge, selbstständige und wohltätige Frau – vielleicht aus Neid oder unter Zwang – im Frühjahr 1626 als Hexe denunziert. Das “Hohe Weltliche Gericht der Stadt Köln” ließ Katharina Henot inhaftieren. Fünf Monate musste sie im Kerker leiden: ohne Hilfe, ohne Kontakte, ohne Verteidigung. Mehrfach hat der Scharfrichter Katharina gefoltert, ihre rechte Hand zerquetscht und vielleicht ein “Geständnis” erpresst. Sie selbst und auch ihr Bruder, Jurist und Theologe im Domkapitel, flehten beim Erzbischof von Köln um Gnade, doch der hielt sich nicht für zuständig. Am 19. Mai 1627 wurde Katharina Henot auf einer Karre vor die Stadt gefahren, erdrosselt und in einer kleinen Hütte verbrannt.
Nachfahren von Katharina Henot reichten mit Hartmut Hegeler beim Rat der Stadt Köln einen Antrag auf sozialethische Rehabilitation der Opfer der Kölner Hexenprozesse ein. Der Kölner Stadtrat beschloss am 28. Juni 2012 unter großer Anteilnahme der Medien die Rehabilitierung Henots und 37 weiterer Frauen, die wegen angeblicher Hexerei zum Tode verurteilt worden waren.

Die Störenfriedas: Dann ist da noch der mutige Einsatz von Anton Praetorius. Was zeichnet ihn aus?

Hartmut Hegeler: Eine Schülerin im Berufskolleg fragte mich: “Hat denn von den Christen damals keiner gegen die Hexenprozesse protestiert?” Ich kannte natürlich das Wirken des katholischen Jesuiten Friedrich Spee. Dass aber auch evangelische Geistliche ihre Stimme erhoben, war bei den evangelischen Kirchen völlig in Vergessenheit geraten. Ich entdeckte einen Hinweis auf den protestantischen Pfarrer Anton Praetorius und schrieb die erste Biographie über ihn. Deswegen benannte ich meine Internetseite nach ihm www.anton-praetorius.de und verfasste einen Jugendroman, ein Kinderbuch, ein Hörbuch und Unterrichtsmaterialien über sein Wirken. Pfarrer Anton Praetorius wirkte als fürstlicher Hofprediger als Seelsorger in einem Hexenprozess. Als er die Folter von einer angeklagten Frau miterlebte, protestierte er heftig: “In Gottes Wort steht nichts von peinlichem Verhör!” Es gelang ihm durch seinen mutigen Einsatz, dass die Frau aus dem Gefängnis entlassen wurde. Darauf veröffentlichte er als erster protestantischen Pfarrer ein Buch ein Buch gegen Folter und Hexenprozesse.

Die Störenfriedas: Was sind die Ziele Ihres Arbeitskreises und wie kann man Sie unterstützen?

Hartmut Hegeler: Unser Arbeitskreis möchten anregen, die Verurteilung der als Hexen hingerichteten Bürgerinnen und Bürger zu widerrufen und die Opfer durch Aufklärung, Beschluss und öffentliches Gedenken zu rehabilitieren. Die unschuldig Verurteilten erhalten ihre Ehre zurück, wenn wir sie rehabilitieren und an ihr Schicksal erinnern.
Jeder kann mit einem solchen Vorschlag an den Bürgermeister oder den Stadtrat seiner Kommune herantreten, eine Rehabilitierung vorschlagen und eine Gedenktafel/ Gedenkstein anregen.

Die Störenfriedas: Herr Hegeler, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Nähere Informationen finden sich auf der Internetseite:
http://www.anton-praetorius.de/arbeitskreis/arbeitskreis.htm

Eine Rehabilitation der als Hexen hingerichteten Frauen und Männer ist bereits in vielen Orten durch den Rat der Stadt/ Kommune/ Kirchen erfolgt

1993 Winterberg/ NRW, Stadt, kath. und ev. Kirche
2002 Kammerstein, 2003 Kammerstein – Barthelmesaurach/ Bayern
2007 Eschwege/ Hessen, Stadt und ev. Kirche
2008 Fulda/ Hessen, Gedenkfeier mit Oberbürgermeister und Kirchenvertretern mit
Einweihung der Gedenkstätte für die Opfer der Hexenverfolgung im Hochstift Fulda
2010 Hofheim a.T./ Hessen
2011 Rüthen/ NRW
2011 Hilchenbach/ NRW
2011 Hallenberg/ NRW
2011 Sundern/ NRW
2011 Menden/ NRW
2011 Werl/ NRW
2011 Suhl/ Thüringen
2012 Bad Homburg/ Hessen
2012 Detmold/ NRW
2012 Lemgo/ NRW (und 1992)
2012 Rheinbach/ NRW
2012 Köln/ NRW
2012 Meiningen/ Thüringen
2012 Osnabrück/ Niedersachsen
2012 Büdingen/ Hessen
2013 Soest/ NRW
2013 Freudenberg/ NRW
2013 Rehburg-Loccum Niedersachen
2013 Lutherstadt Wittenberg/ Sachsen-Anhalt
2013 Datteln/ NRW
2014 Horn-Bad Meinberg/ NRW
2014 Trier/ Rheinland-Pfalz, Gedenkfeier mit Oberbürgermeister Klaus Jensen
2014 Witten/ NRW
2014 Dortmund/ NRW
2014 Idstein/ Hessen (und 1996)

Ausland
17.10.1711 Generalamnestie für die meisten Verurteilten von Salem/ USA.
1957 wurde die als »Hexe« gehängte Ann Pudeator für unschuldig erklärt.
31.10.2001 Gouverneurin von Massachusetts/ USA unterzeichnete Unschuldserklärung für die fünf letzten Frauen der Salemer Hexenprozesse.
31.10.2004 Schottische Stadt Prestonpans rehabilitierte in Anwesenheit von Nachfahren 81 hingerichtete Frauen.
27.8.2008 Schweiz: Glarner Landrat rehabilitierte Anna Göldi, die letzte Hexe Europas, als Opfer eines Justizmords.
2009 Schweiz: Freiburger Kantonsparlament rehabilitierte Catherine Repond (genannt «Catillon»), 1731 als letzte verurteilte «Hexe» der Gegend hingerichtet.
2012 Nieuwpoort/ Belgien

 

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