Laurie Penny: “Fleischmarkt – weibliche Körper im Kapitalismus”

Buchcover: Fleischmarkt

Laurie Penny: Fleischmarkt - Weibliche Körper im Kapitalismus, Edition Nautilus, 2012

Laurie Penny, Bloggerin und Feministin aus England und junge Stimme des internationalen Feminismus, untersucht in ihrem bereits im Februar 2012 auf deutsch erschienen Buch “Fleischmarkt – weibliche Körper im Kapitalismus“, warum die Ausbeutung von Frauen und die Illusion einer käuflichen, künstlichen Weiblichkeit immanent zum Kapitalismus gehört. Auf höchst unterhaltsame Weise formuliert sie Sätze, so scharf wie Rasiermesser, die schonungslos offenlegen, warum der Feminismus noch immer an so vielen Fronten zu kämpfen hat und dass der Kampf um die Befreiung der Frau untrennbar verbunden ist mit dem Kampf gegen den Kapitalismus.


In vier Kapiteln zeigt der schmale Band, wie Sexualität und Weiblichkeit zu sterilen Mitteln für Konsum und Marketing geworden sind, während für echte Sexualität und weibliche Körper kein Raum mehr ist. Auf der einen Seite begegnet uns überall sexualisierte Werbung, nackte, perfektionierte, sterile Körper, die ständig locken und verführen, auf der anderen Seite werden junge Frauen, die versuchen, diese Form der Sexualität nachzuäffen, weil sie sie für die Wirklichkeit halten, als Schlampen stigmatisiert und durch den Dreck gezogen.

Weiblichkeit als Mittel des Konsums

Wir leben in einer Welt, die den unwirklichen weiblichen Körper anbetet und echte weibliche Macht verachtet. Diese Kultur verurteilt Frauen dazu, immer so auszusehen, als seien sie verfügbar, während sie nie wirklich verfügbar sein dürfen, und zwingt uns, sozial und sexuell konsumierbar zu erscheinen, während wir selbst sexuell so wenig wie möglich konsumieren sollen.

Weiblichkeit ist im Kapitalismus etwas, das erkauft werden kann, mit Kosmetik, mit Diäten, Frauenzeitschriften, Operationen, mit Kleidern und Accesoiresses und deshalb sind Frauen als Konsumenten für den Erhalt des Kapitalismus entscheidend. Laurie Penny bringt es auf den Punkt, wenn sie schreibt:

Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.

Im Kapitalismus ist kein Raum für echte Sinnlichkeit

Der Kapitalismus macht aus echter, menschlicher Sinnlichkeit das erotische Kapital der Pornografie, von künstlich aufgepumpten, gebleichten, rasierten Körpern, die keine Lust teilen, sondern ein Produkt performen. Echte Sexualität jedoch wird abgelehnt, mit moralischer Empörung und Verachtung gestraft. Die Renaissance des Begriffs “Du Schlampe”, während Pornografie in noch nie gekanntem Maße überall verfügbar und konsumierbar ist, zeigt, dass der Kapitalismus dafür sorgt, dass die Gesellschaft auf wirkliche Sexualität mit Abscheu reagiert. Mit ihr lässt sich kein Geld verdienen – mit Pornos hingegen schon. Laurie Penny zeigt auf, dass nicht nur Sexarbeiterinnen ihr Geld mit Sex verdienen, sondern dass jede Frau im Kapitalismus dazu gezwungen wird, mit ihrem erotischen Kapital umzugehen, sich zu schminken, zu stylen, mit erotischen Reizen zu spielen, verfügbar zu erscheinen und sich aber nie hinzugeben. Die mageren Körper der Models, die absolute Kontrolle über den Körper zeigen, deren Körper sich einzwängen lassen, in den wenigen Raum, den die Gesellschaft bereit ist, ihnen zu zu stehen, werden zu einem Ideal erhoben, dessen grausame Schattenseite die Essstörungen.

Transfrauen und Solidarität

Laurie Penny nimmt die Kritik einiger Feministinnen an Transfrauen unter die Lupe und macht deutlich, dass die Frauenbewegung sich an jeder Front, an der Geschlecht zum Anlass für eine Diskriminierung wird, engagieren muss, um die Unterdrückung zu beenden. Transfrauen kennen alle Formen der Diskriminierung, denen Frauen ausgesetzt sind, sie entdecken den kulturellen Code, der in unserer Gesellschaft Frausein bedeutet und den sozialen Druck, der auf alle ausgeübt wird, die ihm nicht entsprechen. Das hohe Maß an Gewalt gegenüber Transfrauen zeigt, dass Normabweichungen von der Gesellschaft als Gefahr aufgefasst und bekämpft werden.

Transfrauen und Transvestiten werden vom Geschlechterfaschismus verachtet, weil sie etwas Unverzeihliches tun: Sie nehmen sich die Spielregeln und machen sie sichtbar.

Hausarbeit und häusliche Arbeit

Bemerkenswert ist das Kapitel über den Zusammenhang von Kapitalismus und der Entwertung häuslicher Arbeit. Im Zuge der Ausweitung des Kapitalismus wurden die Frauen in die Sphäre des Hauses verbannt, ihnen wurde die minderwertige, weil nicht bezahlte Haus- und Fürsorgearbeit zugeschrieben, die doch zugleich existenziell für jede Gesellschaft ist. Für die Frauen bedeutet das Frust und in Verbindung mit der Verpflichtung zu außerhäuslicher Lohnarbeit eine große Belastung. Auch in vielen modernen, westlichen Beziehungen sind die Rollenverteilungen bei der häuslichen Arbeit noch immer eindeutig. Frauen betrachten das zu Hause wie ihren Körper als etwas, das nur makellos und perfekt eine Daseinsberechtigung hat.

Laurie Pennys Buch ist ein scharfsichtiger und kämpferischer Aufruf, sich gegen die Vereinnahmung von weiblichem Körper und Weiblichkeit durch den Kapitalismus zu wehren, sich dem Anspruch auf perfekt konsumierte Körper, auf sexualisierte und marginalisierte weibliche Arbeit zu verweigern.

Die kapitalistische Vision des perfekten weiblichen Körpers ist ein geistloses Grab frigider Zeichen und brutaler Regeln, die unfruchtbar und tödlich sind. Wenn wir leben wollen, müssen wir uns an die Sprache des Widerstands erinnern.

Mit seinen 125 Seiten ist Pennys Buch in kurzer Zeit gelesen, sie verknüpft ihr großes Wissen um feministische Theorie und Strömungen mit aktuellen Beispielen und legt so schonungslos wie brilliant dar, was der Kapitalismus den Frauen und dadurch auch der Gesellschaft antut. Ein Buch, nicht nur Frauen, sondern für alle, die verstehen wollen, warum Feminismus nicht nur Frauensache ist.

“Fleischmarkt” und weitere feministische Literatur gibt es bei Fembooks.

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