Laurie Penny: “Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und die Revolution”

Buch-Cover: Unsagbare Dinge

Laurie Penny: Unsagbare Dinge - Sex, Lügen und Revolution, Edition Nautilus, 2015

Knapp drei Jahre nach ihrem ersten Buch “Fleischmarkt” legt die englische Bloggerin und Feministin mit Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und die Revolution” nach. Ihr Thema ist der Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und der Unterdrückung der Frau. “Unsagbare Dinge” ist eine Kampfschrift, die dazu auffordert, zusammen gegen einen gemeinsamen Feind zu kämpfen: die neoliberale Weltordnung, die sich der alten Unterdrückungsmechanismen des Patriarchats nur bedient, weil sie ihr nützlich sind.

Feminismus ist keine Identität, sondern ein Prozess

schreibt Laurie Penny und sie erzählt von abgefuckten Mädchen und kolonialisierten Frauenkörpern, von verlorenen Jungs, die nach dem Wirtschaftscrash keinen Platz mehr in der Gesellschaft finden, von der Occupy Bewegung, von Essstörungen und Selbstverletzung und neoliberaler Selektion. Angeblich sind wir gleichberechtigt – doch bedeutet diese Gleichberechtigung auch mehr weibliche Freiheit?

Wenn der Feminismus uns nicht mehr gebracht hat, als das Recht auf Lohnarbeit, so kommt durchaus zurecht das Gefühl auf, dass es mit der Emanzipationnicht weit her ist und dass die Frauen, die sich für den attraktiven Prinzen und die Hausfrauenrolle entschieden, vielleicht doch die richtige Wahl trafen.

Kolonialisierte Frauenkörper

Der Kapitalismus beutet beide Geschlechter aus, auch wenn Frauen davon ein wenig mehr betroffen sind. Gleich mehrere Kapitel beschäftigen sich damit, wie schlecht es den Männern im Neoliberalismus geht und wie sehr sie unter ihrem Machtverlust leiden, denn der Inhalt männlicher Identität ist Macht. Dieses Verständnis für die unter ihren Privilegien leidenden Männer kann man als Radikalfeministin kritisieren, aber ihr Punkt ist, dass wir einen gemeinsamen Feind haben: Das Kapital. Das Patriarchat bleibt dennoch eine eigene Unterdrückungsform. Das zeigt sich dann auch wieder an seinem Umgang mit dem weiblichen Körper:

Das Patriarchat neigt dazu, alle Frauen gleichzumahen; ihm wäre es am liebsten, wenn wir alle austauschbar wären, reiche, hübsche, weiße, kinderkriegende Mädchen, deren Probleme sich darum drehen, wie sie den besten Blowjob hinbekomen und wo sie Diätpillen kaufen können.

Dazu gehört die beinahe zur Religion erhobenen Suche nach der Liebe, nach dem Richtigen, die von unzähligen Magazinen, Filmen und Songs zur Sinnstiftung weiblicher Existenz erhoben wird.

Die Lüge von der sexuellen Freiheit

Auch der Umgang mit der weiblichen Sexualität im patriarchalen Neoliberalismus ist nur eine scheinbare Freiheit:

Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selbst.

Laurie Penny entlarvt auch gleich die Lüge von der angeblichen sexuellen Befreiung:

Das neoliberale Patriarchat lässt uns die Wahl, aber keine Freiheit.

Sehr persönlich und mutig erzählt sie, wie sie den Mann zur Rede stellt, der sie vor Jahren nach einer Party vergewaltigte, sie beschreibt, wie weibliche Sexualität unterdrückt wird und als Waffe gegen die Frauen selbst gerichtet wird:

Sex ist nicht das Problem – das Problem ist Sexismus. Hier werden willkürliche moralische Grenzziehungen zwischen “unschuldigen” Frauen und “Schlampen” reaktiviert. Vor allem junge Frauen sollen heiß sein und aussehen, als wären sie jederzeit zu haben, aber wenn wir es wagen, eigene Wünsche zu äußern, werden wir verhöhnt, geschmäht und mit sexueller Gewalt bedroht, die angeblich nichts mit den Männern zu tun hat, die sie ausüben, sondern nur mit der Länge des Rocks, den wir tragen.

Freiheit ist nur Freiheit, wenn sie für alle gilt

Sie schreibt über Cybersexismus und den verstaubten Sexualkundeunterricht, über den übermäßigen Konformitätsdruck unserer Gesellschaft, an dem reihenweise junge Menschen aller Geschlechter zu Grunde gehen und sie zeigt den großen Bogen von neoliberaler Wirtschaftsordnung zu unfreier Gesellschaft auf. Es ist bemerkenswert und brillant, wie sie den Neoliberalismus als das Gegenteil von Freiheit seziert, der sich aller Instrumente bedient, die die Masse der Menschen abhängig halten. Mit sexueller Ausbeutung lässt sich Geld verdienen – in der Prostitution, der Schönheitsindustrie, der Unterhaltung, dem Porno. Umso enttäuschender ist es, dass Laurie Penny es versäumt, eben jenen Unterdrückungsmechanismus auch im Zusammenhang mit Prostitution zu erkennen, obwohl er doch hier am offensichtlichsten zu Tage tritt.

Dennoch ist “Unsagbare Dinge” ein sehr lesenswerter feministischer Debattenbeitrag, der vor allem einer jungen Generation eine Stimme verleiht, die sich im althergebrachten Feminismus nicht mehr zu Hause fühlt und stattdessen Probleme lieber im großen Bild der aktuellen globalen Situation betrachten will und muss. Freiheit kann es nur geben, wenn alle frei sind. Und zwar von gesellschaftlichen wie ökonomischen Zwängen.

“Unsagbare Dinge” und weitere feministische Literatur gibt es bei Fembooks.

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