Lieber mit Nazis als von Frauen reden – Debattenkultur auf sächsisch

Ich war grad im Stadtmuseum und habe da eine Veranstaltung besucht, die „Wie die BRD nach Sachsen kam“ hieß. Da wurde ein neuer Band der „Dresdner Hefte“ rausgegeben (die ich sehr schätze), und es ging um ostdeutsche Identität, westdeutsche Eliten und natürlich unser ostdeutsches Problem mit Rechtsextremismus.

Ich will jetzt gar nicht dieses ganze Thema aufrollen, es geht mir um was ganz anderes.

Wir saßen da jetzt so im Stadtmuseum rum, 3 Männer auf dem Podium, ein Mann als Moderator, das Publikum auch überwiegend männlich und, naja, älter. Das zum Setting.

Was mir schwer im Magen liegt, ist, dass die ganze Veranstaltung lang nicht ein einziges Mal gegendert wurde. Es hieß immer nur „der Künstler“, „der Ostdeutsche“, „wir müssen ihn verstehen“, „der junge Ausbildungsabbrecher“, „der sieht, wie sein Vater nichts hinkriegt und arbeitslos ist“ usw.  Und es war klar, hier wird nicht nur generisch männlich bezeichnet, hier ist auch definitiv männlich gemeint.

Der Kracher war jetzt der Schluss. Es ging um die Fanschar von Dynamo Dresden, und Frank Richter, ehemaliger Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, meinte doch glatt, er sehe da ein großes Bedürfnis nach Identität, nach einer kämpferischen Gemeinschaft, eine Sehnsucht, die ins Leere liefe, denn „vielleicht haben wir sie auch zu früh abgestempelt“ und dann hätten sie noch durch ein „völlig weiblich dominiertes Schulsystem gemusst, in dem die Jungen eben nicht kriegen, was sie brauchen“.

Ich bin gerade dezent fassungslos darüber, dass die ganze Debatte über (bis auf die explizite Nennung von 3 Künstlerinnen) keine Frauen vorkamen, und dann, als wir endlich mal gnädigerweise erwähnt wurden, war es nicht etwa, um mal nach unseren Bedürfnissen zu fragen oder auf unsere Situation hinzuweisen, nein, dann war es, um uns auch noch die Schuld daran zuzuschieben, dass Scheissdynamoassinazis Scheissdynamoassinazis sind.

Leider – ich bereue!!! – habe ich in dem Moment, in dem dieser Satz gefallen ist, so eine Wut in mir gehabt, dass ich nichts gesagt habe. Wenn wir mal ehrlich sind, angesichts der Zusammensetzung der Gruppe wäre es auch sinnfrei gewesen, darauf hinzuweisen, dass es diskriminierend ist, Frauen überhaupt rein gar nicht zu bezeichnen. Und die Beispiele, die gefallen sind haben ja auch gezeigt, dass Frauen eben NICHT mitgemeint waren, sondern dass „der Ostdeutsche“ und alles, was da so an generischem Maskulinum kam, eben männlich gedacht wird. Etwas, das von SprachwissenschaftlerInnen seit Jahr und Tag in einer Studie nach der anderen nachgewiesen wird: nein, Frauen sind nicht mitgemeint. Diese Studien verlinke ich hier  und hier und hier.

 

Wenn wir schon in einer Debatte sind, in der gebetsmühlenartig wiederholt wird, man dürfe auf „die, die ausgrenzen, nicht mit Ausgrenzung antworten“, man solle ruhig mit Rechten reden, das könne „auch Spaß machen“ – eine Vorgehensweise, zu der man unterschiedlicher Ansicht sein kann, ich rolle das jetzt hier nicht auf -, dann wundert es mich halt schon, dass jemand, der sich als demokratischer Mensch bezeichnet, so demokratisch, dass er sogar mit Nazis redet, die Hälfte der Bevölkerung halt nicht mal in diese Debatte miteinbezieht bzw. auch nur mitdenkt.

Es sei denn natürlich es geht darum, wem die Schuld für die ganze Misere zuzuschieben ist, ganz klar. Dann können Frauen plötzlich benannt werden. Es ist zwar widerlegt, dass Jungen in der Schule aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden (siehe hier und hier), aber man muss die Legende von den diskriminierten Jungs natürlich weiterstricken. Warum eigentlich? Um nicht über die Diskriminierung von Mädchen (und Frauen) reden zu müssen?

Fakt ist doch, Jungs werden nicht zu Neonazis, weil sie Lehrerinnen statt Lehrer haben. Ich hatte in der Schule übrigens mehr Lehrer als Lehrerinnen, und ich bin auch nicht zum Nazi geworden. Oder müssen Mädchen das abkönnen? Es ist ekelhaft, so zu tun, als würden Jungs Neonazis, weil sie von Frauen erzogen und unterrichtet und gebildet würden. Weil sie von denen „nicht kriegen was sie brauchen“. Wird man Nazi, weil man „nicht kriegt, was man braucht“? Ist das so?

Dann schauen wir uns doch die Situation von Mädchen mal an. Laut Wildwasser e.V. wird jedes 4. Mädchen sexuell missbraucht. Und da reden wir noch nicht vom Nachspielen gewalttätiger Pornographie, die Jungs sich schon mit 10 auf dem Schulhof zeigen und deren brutale Bilder sie als normativen Anspruch an die Mädchen stellen. Wenn wir uns ansehen, wie hoch die Rate sexueller Gewalt, partnerschaftlicher Gewalt bis hin zu Partnermorden (alle eineinhalb Tage eine Frau in Deutschland) ist, müssen wir uns dann nicht die Frage stellen, ob nicht auch der weibliche Teil der Bevölkerung nicht kriegt was benötigt wird, nämlich als erstes mal Sicherheit vor körperlichen Übergriffen im familiären und anderweitigen Umfeld? Mädchen kriegen auch nicht, was sie brauchen, Unversehrtheit, Unverletztheit, trotzdem werden sie nicht massenweise zu Neonazis. (Aber Jungs sind natürlich sensibler, gell. Eine böse Lehrerin, die ihnen nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, reicht anscheinend aus, sie zu etwas zu machen, zu dem Frauen nicht mal werden wenn sie massive Gewalt erfahren haben.)

Das hier, Rechtsextremismus in Ostdeutschland, ist keine Frage von „jemand (= männlich) hat zu wenig Liebe bekommen und wurde abgestempelt“.

Es ist eine Frage von Geschlecht.

Geschlecht ist ein riesiger Faktor, wenn es darum geht, wer zu Tätern, Terroristen, Amokläufern, Hasspredigern wird.

Aber irgendwie war das bei dieser Debatte jetzt kein Thema. Stattdessen wurde die Unsichtbarmachung von Frauen sprachlich reproduziert und ihre Diskriminierung damit weiter fortgeschrieben. (Ausnahme natürlich: die Schuldfrage. Hier gehören Frauen explizit genannt. Hust.)

Das ist Sachsen. Das ist sächsische Debattenkultur, wo man lieber MIT Nazis als VON Frauen redet.

Wo Demokratie heisst: Nazis verstehen, aber über die Hälfte der Bevölkerung einfach nicht thematisieren.

Wo man nicht begreift: Das Gegenteil von GUTGEMEINT ist MITGEMEINT.

Das war grad so dermaßen typisch Sachsen, jetzt brauch ich erstmal´n Scheelchen Heeßen.

 

© Anneli Borchert

3 Kommentare

  1. Liebe Autorin,ich kann mich sehr gut in Deine Wut hineinfühlen,danke für den vortrefflichen Text. Ich weiß aber auch wie sehr und nachhaltig es wurmt, den Mund nicht aufgemacht zu haben! Klar,man steht als Feministin im realen Leben oft allein auf weiter Flur (ist unsereiner ja gewohnt,oder? Kann mir nicht vorstellen,dass es nur mir so geht -), es gehört viel Mut in einer wie oben geschilderten Situation dazu sich zu artikulieren, man wird vermutlich diskreditiert,verhöhnt usw. Man hat Angst vor Blamage. Die Erinnerung an ein solches Szenario verblasst aber relativ schnell und zurück bleibt das gute Gefühl,nicht feige gewesen zu sein. Aber nichts gesagt zu haben… Das verfolgtmich persönlich noch sehr lange und ich ärgere mich furchtbar über mich selbst. – Zum „Mitgemeint-Sein“: Davon habe ich gründlich die Schnauze voll! ICH will endlich als ich,als Frau,als Mitbürgerin,als Steuerzahlerin,die ich auch im Dienste dieses Sozialwesens bin,gemeint sein. – Ich bewundere die alte Dame,die so hartnäckig darum kämpft,von ihrer Sparkasse als „Kundin“ benannt zu werden.

  2. Ja, so ist das,……. nicht nur in Sachsen, behaupte ich mal; sondern fast überall. Es geht um die Bedürfnisse der Jungs und Männer. (Frauen sind allenfalls mitgemeint, auch wenn sie ganz andere Bedürfnisse haben.)
    Werden Knaben oder Männer jedoch deviant oder kriminell, sucht man sofort einen Sündenbock(böckin). Und wer kommt einem da gleich und sofort in den Sinn? Die Mutter!; und wenn nicht, die Überzahl der Lehrerinnen!; und wenn nicht, die Feminisierung (wo?) von Politik und Justiz (ausgerechnet, haha!);
    und wenn nicht, ………sind wir wieder bei Adam und Eva, wo auch klar die böse Eva den armen Adam verführt hat. Fazit? Die Frauen sind an den Schandtaten der Männer schuld. IMMER! (Na, wer denn sonst?)

  3. Das ist das Patriarchat in Reinkultur und auch die Quelle allem nationalsozialistischen Gedankenguts, Stichwort Herrenmenschen.

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