Lila statt Rosa: Was an Pinkstinks nicht reicht

Fight Sexism - Streetart

by Steffi Reichert via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Ich habe keinen Bock mehr auf sexistische Werbung, keinen Bock mehr auf die Degradierung von Frauen zum sexuellen Objekt, ich habe keinen Bock mehr auf nackte Brüste, die für Technik oder irgendwas werben müssen, was so nichts mit Brüsten zu tun hat und auch wenn ich die Knochenmarkspenderdatei total gut und wichtig finde: Ich habe keinen Bock darauf, dass die mit einem offenen lasziven Frauenmund wirbt. Als das Ü-Ei plötzlich in Rosa zu haben war, speziell für Mädchen versteht sich, wurde ich wütend aufgrund der Feststellung, dass der Sexismus sich jetzt schon in dieses bis dato total „ungegenderte“ Spielzeug eingefressen hatte. Ich bin dafür, dass Kinder mit Lego, Puppen, Playmobil, Sand und Dreck spielen, dass sie auf Bäume klettern, Fußball spielen, Flick-Flacks auf Schwebebalken machen, backen oder Explosionen mit Chemiebaukästen machen. Also quasi alles für alle. Egal jetzt ob Junge oder Mädchen.

Und genau so stelle ich mir ein mediales Abbild vor. So in meiner Traumwelt nach der feministischen Revolution.

Pinkstinks fand ich deswegen cool. Und ich fand es bewundernswert, wie schnell und enthusiastisch diese Kampagne aufgezogen wurde und zur Organisation wurde. Ich fand es gut und wichtig, dass endlich ein gewichtiges Organ wächst, was diesem ganzen sexistischen Werbeapparat einen Strich durch die – im wahrsten Sinne des Wortes – Rechnung macht.

Also konnte ich auch den Namen verschmerzen. Pinkstinks. Denn den fand ich immer etwas unglücklich. Denn Pink stinkt nun mal genauso wenig wie Blau, Grün oder Rot. Für mich geht es um die Freiheit, alles – quasi jedweder Couleur – mögen zu dürfen. Aber gut, Kritik zurückgesteckt, der guten Sache halber, und irgendeinen guten Entstehungsgrund hatte der Name ja auch.

Dann folgte die Prostitutionsdebatte und die Positionierung von Pinkstinks. Leider fing damit „die gute Sache“ an zu wackeln und mit jedem Satz mehr krachte ein weiterer Pfeiler einer ursprünglich guten Idee über mir zusammen.

Aber ich war es ja quasi schon gewöhnt: vom Missy Magazine, der an.schläge, dem Deutschen Frauenrat … halt von denen, die sich die Welt machen, wie sie ihnen gefällt: Eine schöne heile Prostitutionswelt, aufgeteilt in Zwang und Freiwilligkeit (wichtigstes Ablenkungskriterium), in der viel Sexarbeit stattfindet und viel sexuelle Selbstbestimmung und viel Dissoziation Trennen von Sex und Körper und schon auch freie Wahl (also ab und an). Dass Männer jederzeit Sex kaufen sollen dürfen: Is‘ halt so, auch wenn’s ohne schöner wäre, aber Bestrafung der Käufer … Schweden macht das ja, aber die sind eben viel weiter in Geschlechtersachen und das schon total lange. Aber – um ein letztes Mal aus dem Topf der Prostitutions-Mythen zu schöpfen – denkt an den Untergrund, an das Verborgene!

Pinkstinks flog aus meinem Gedächtnis wie die Zeitungen aus meiner Wohnung, aber durch die Sozialen Medien vor ein paar Tagen wieder rein. Weil eine Petition initiiert wurde und ich finde sie echt gut!

Weil der Petitionstext messerscharf analysiert, wie Frauen verdinglicht und benutzt werden und dass das ein Ende haben muss. Zum Beispiel. Weil die Problemanalyse deutlich macht, wie sexistische Werbung und Geschlechterstereotypen zusammen hängen. Zum Beispiel. Oder weil im Lösungsvorschlag solche wirklich klugen Sätze zu lesen sind:

Es sind Frauen, die auf einen Gegenstand zum sexuellen Gebrauch reduziert werden oder deren Wert allein anhand ihrer sexuellen Anziehung bestimmt wird.

Frauen dargestellt als Objekt sexueller Verfügbarkeit oder als rein dekoratives Objekt haben eine lange Tradition in der europäischen Kunst sowie in der Werbung.

Aber es gibt ein Problem:

Es ist ein Paradoxon, das mir Pinkstinks vermittelt: Ein Anprangern sexueller Objektifizierung von Frauen einerseits und das Hinnehmen der regulierten (?), schadensminimierten (?) Institution Prostitution andererseits. Es ist das Ausbleiben einer Transferleistung dieser klugen Pinkstinks-inhärenten Analysen auf die des Systems Prostitution. Es ist das Ausblenden oder mindestens Vergessen der Tatsache, dass diese Dinge zusammenhängen: Sexistische Werbung, mediale Darstellung von Frauen(körpern) und Prostitution (und die Werbung dafür). Diese Dinge lassen sich nicht trennen, denn sie sind alle gleichermaßen eingebettet in ein zutiefst patriarchales und kapitalistisches System und genau dort reichen sie sich die Hand.

Es ist diese Widersprüchlichkeit, einerseits sexistische Strategien, die die Käuflichkeit von Frauenkörpern suggerieren, zu entlarven und zu verurteilen und andererseits eine Institution unangetastet lassen zu wollen, die durch das (echte) Kaufen von (echten) Frauenkörpern durch (echte) Männer gekennzeichnet ist. Hier erschöpft sich nicht nur eine – ursprünglich tiefgründige – feministische Analyse an einem viel zu frühen Punkt, nein, sie führt sich selbst auch ad absurdum.

Es sind Frauen, die auf einen Gegenstand zum sexuellen Gebrauch reduziert werden oder deren Wert allein anhand ihrer sexuellen Anziehung bestimmt wird.

Richtig. Und es sind Frauen, die an dem System Prostitution kaputt gehen und gehört werden möchten; unter anderem mit ihrer Forderung anzuerkennen, dass Prostitution sexuelle Gewalt ist.

In der Positionierung von Pinkstinks steht:

Prostituierte sind nicht auf ihre sexuelle Funktion reduziert.

Hat die Pinkstinks-Redaktion schon einmal in Freierforen gelesen?

3 Kommentare

  1. Liebe Anna

    aus gegebenen Anlass _ auch ich war im ersten Moment Pinkstinks auf dem Leim gegangen _ ein ganz besonders herzliches Danke für Deine super gute Analyse, Deinen unbedingt weiter zu empfehlenden Beitrag!

  2. Anna Hoheide

    Liebe Marion, ganz herzlichen Dank für dein Feedback und einen lieben Gruß 🙂 Anna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.