Lilith – die Urfeministin

Lilith (John Collier Painting)

John Collier [Public domain], via Wikimedia Commons

Göttin, Dämon, Urweib – Lilith ist vieles und es ranken sich unendlich viele Legenden um sie. In unzähligen Büchern und Fernsehserien begegnet sie uns, mal rachsüchtig und böse, mal verführerisch und mächtig. Ihre Mythologie ist uralt und weit verbreitet. Lilith, so heißt es, war die erste Frau Adams, sie wurde ihm ebenbürtig geschaffen, bis sie ihn verließ. Sie spielt besonders in der jüdischen Überlieferung eine wichtige Rolle, entstammmte aber ursprünglich der sumerischen Mythologie. Wir finden sie bei semitischen, nichtsemitischen Völkern, bei den Babyloniern, Assyrern, Juden und Arabern, bei den Sumerern und Hettitern. Bis in den Orient hinein wird sie als geflügeltes Menschenwesen dargestellt, das den späteren Engelsfiguren nicht unähnlich ist.
Was hat es mit dem mächtigen Lilith-Mythos auf sich, der uns bis heute in Büchern, Filmen und Fernsehserien begegnet? Viele Feministinnen sahen im Zuge der zweiten Frauenbewegung in Lilith ein Symbol der freien und mächtigen Frau, benannten Buchläden und Frauenzentren nach ihr. War Lilith, das göttliche Wesen, die Urfeministin?

Lilith betritt die Welt

In der altsumerischen Überlieferung lebte sie im Weltenbaum. Als dieser jedoch durch einen anderen Gott zerstört wurde, floh sie und fliegt seither durch die Welt. Zu diesem Zeitpunkt war sie vor allem eine Fruchtbarkeitsgöttin, noch nicht nur die furchtbare Dämonin des Mittelalters.
Sie wird allgemein mit den Luftwesen in Verbindung gebracht. Auch die alten Babylonier kannten Lilith, von ihnen stammt die erste bildliche Darstellung von ihr, ein Steinrelief. Die Aramäer entwickelten ab dem 05. Jahrhundert nach Christus zahlreiche eher furchterregende Legenden um Lilith, die sie als Kindsmörderin und bösartiges Wesen darstellen. Sie schrieben ganze Zaubertexte über Lilith, die sie auf Schalen schrieben, welche sie anschließend vergruben. Haus und Hof sollten vor Lilith geschützt werden. Besonders die Schlafgemächer von Verheirateten galt es zu schützen, Siegel sollten die Dämonin vor dem Eindringen binden.
Der Name Lilith taucht das erste Mal im Gilgamesch-Epos der Sumerer auf – hebräisch heißt er Lilith, aramäisch Lilitha – bei dem es um die Errichtung des Huluppu-Baumes geht, in dessen Wipfeln die Dämonin Lilith ihr Zuhause findet. Es war Gilgamesch selbst, der den Baum fällte und die Dämonin vertrieb. Der dort verwendete Name für Lilith lautet auf sumerisch Kis-sikil-ud-da-ka-ra, übersetzt „das Mädchen, das das Licht gestohlen hat“. Die Bedeutung des Wortes Lilu selbst ist ungewiss, es kann sowohl so viel wie „Wind“ oder „Lüsternheit“ heißen. Im Hebräischen wird angenommen, dass Lilith von dem Wort laila, „Nacht“ abstamme.

Lilith in der Bibel und bei den Gnostikern

Sie findet sich auch in der Bibel, Jesaja erwähnt sie: „Es werden Wildkatzen auf Schakale treffen, ein ziegenbehaarter Dämon wird seine Gefährten rufen und dort wird auch die Lilit verweilen und ihre Behausung finden“, heißt es dort.
Auch die Gnostiker kannten Lilith. Kirchenvater Epipahnius erwähnt sie in seinem Werk zwischen 375 und 377 nach Christus. Sie soll den Propheten Elija überwunden haben, so dass er nicht mehr in den Himmel aufsteigen konnte. Vor allem in der mandäischen Gnosis spielte die Beschäftigung mit Lilith eine große Rolle, wenn es zum Beispiel darum ging, die Geburt eines Kindes vorherzusagen. Lilith wurde hier aber eine Schutzgestalt für Mutter und Kind, die durch Anrufungen beschworen werden konnte.

Lilith als mächtige Gestalt der Kabbala

Erst im Mittelalter wurde Lilith in der jüdischen Kultur von Bedeutung. 1265 schrieb ein Rabbi eine Abhandlung, in der er Samael und Lilith als eine Art mystisches Paar der Zerstörung beschrieb. Tatsächlich findet Lilith nur im Talmud eine einzige Erwähnung: „Einer sollte nicht in einem Haus allein schlafen, und wer in einem Haus allein schläft, wird von Lilith geplagt.“  Seine Erwähnung von Lilith zeigt, dass sie eine bereits bekannte Figur war, die keiner weiteren Erklärung bedurfte. Bis heute ist sie in der jüdischen Mythologie sehr lebendig, sie ist einer der eindrucksvollsten Dämonen des Judentums. Im Hauptwerk der Kabbala, das zu Beginn des 14. Jahrhunderts verfasst wurde, finden sich bereits vielfältige Textstellen über Lilith. Laut der Darstellung dort war Lilith Adams erste Frau, die ihn nach einem Streit verließ. Der Streit drehte sich darum, dass Lilith sich weigerte, beim Sex unter Adam zu liegen. Sie berief sich auf den Bibelvers, dass sie beide gleichzeitig aus der Erde geschaffen seien und sie Adam nicht untertan sei. Sie sah sich als gleichberechtigtes Wesen mit Adam an. Als Adam nicht einlenkte, sprach sie den Gottesnamen aus und floh. Das wird oft als eine Art „magische Flucht“ beschrieben, weil es ihr auf der einen Seite absolute Freiheit, zugleich auch ewige Verdammnis außerhalb der Gnade Gottes verschaffte.
Eine andere Überlieferung sagt, Adam, der erste Mensch, sei ein Hermaphrodit gewesen, sowohl Mann als auch Frau, der entzweigesägt wurde und die zweite Hälfte sei Eva gewesen. Lilith existierte zu diesem Zeitpunkt bereits, und als sie Eva und Adam sah, floh sie in Wut und Eifersucht, was bis heute der Grund ist, warum Eheleute ihr Eindringen in das Schlafzimmer fürchten. Noch heute finden sich im orthodoxen Judentum Amulette zum Schutz neugeborener Kinder vor Lilith, hier, in der jüdischen Mythologie hat sich ihre Geschichte am längsten und stärksten ausgebreitet und gehalten. Lilith ist in der jüdischen Sichtweise vor allem eine verführerische, sexuell machtvolle Frau, ihre Kraft besteht in ihrer Lust, in ihrer sexuellen Freiheit, was sie zugleich gefährlich machte. Sie ist eine Verführerin, die weiß, wie sie sich schmückt, wie sie ihre sexuellen Reize einsetzt, doch ihr Ziel ist es vor allem, von den Verführten Kinder zu empfangen. Ihr Gefährte ist Samael, der gleichzusetzen ist mit Satan, dem personifzierten Bösen, er ist der Anführer der gefallenen Engel, allerdings entstand das erst in der nachtalmudischen Tradition. Samuel und Lilith, ein Paar des Bösen und Unheiligen, das Zerstörung über die Welt bringen kann.
Laut jüdischer Überlieferung ist Lilith unsterblich, nichts und niemand kann ihr etwas anhaben, erst am jüngsten Tag kann Gott auch über sie richten.  Zugleich ist sie seit dem Mittelalter auch die schreckliche Dämonin, die Kinder tötet, ihr Blut trinkt, in Ehebetten eindringt und Männer verführt. Sie ist rachsüchtig, böse und grausam. Hier wird die freie Frau dämonisiert, bzw. die Angst der Männer vor der freien Frau personalisiert.

Lilith im Volksglauben

Der Lilith-Mythos fand auch Eingang in den Volksglauben und die Folklore. So viele unterschiedliche Legenden aus so verschiedenen Zeiten rankten sich um sie, mal grausam, mal verführerisch schön, mal machtvoll und mal zerstörerisch, dass zu dem Schrifttum viele mündlich überlieferte Geschichten hinzukamen. In ihnen finden sich Elemente aus koptischen, syrischen, äthiopischen und armenischen Volksglauben, was die weite Verbreitung des Lilith-Mythos ein weiteres Mal belegt. Sie findet sich sogar in neugriechischen, in slawischen und russischen Erzählungen. Stets geht es dabei um den Kampf des Guten gegen das Böse. Lilith ist die böse Verführerin, die beispielsweise einem Engel begegnet, den sie zu verführen versucht. Es misslingt ihr, weil der Verführte sie bei ihrem Namen nennt und sie so ihre Macht über ihn verliert. Lilith ist hier stets ein gefährlicher, böser Dämon, die verdorbene Frau, vor der es sich zu schützen gilt, die Kindsmörderin und Blutsaugerin, ein Wesen der Nacht.

Lilith im Feminismus

Die jüdisch-feministische Theologie machte aus Lilith eine Frau, die sich nicht nur Adam entzieht, sondern auch der Herrschaft des Teufels widersteht und damit als Symbol der starken und selbstbestimmten Frau steht. Gleichzeitig wurde sie von männlicher und theologischer Seite zu einer Art „göttlichen Hure“ gemacht, die es in der Hölle mit tausenden von Dämonen treibe. Die Angst vor der selbstbewussten, freien und sexuell selbstbestimmten Frau findet hier ihren Ausdruck. Er bringt sie in Verbindung mit der babylonischen Göttin Ishtar, der Personizierung der großen Verführerin. Viele Aspekte von Ishtar finden sich bei Lilith wieder. Herodot schreibt, einmal im Leben müsse sich jedes Mädchen zu Ehren der Ishtar als heilige Hure anbieten. Ihre Jungfräulichkeit müsse sie für Geld an einen fremden Mann opfern. Hier finden wir den immer wieder beschworenen Mythos der heiligen Tempelhuren. Einzig Gilgamesch wagte es, der mächtigen Ishtar zu trotzen und sie als Hure zu beschimpfen. Wenn man so will, kann man ihn als einen der ersten echten Sexisten im patriarchalen Sinne erkennen. Sein Penis soll im übrigen so groß gewesen sein, dass viele Frauen den Verkehr mit ihm ablehnten, auch ein Zeichen seiner allmächtigen Potenz, die jetzt auch die alten Göttinen stürzte. Im alten Israel war Ishtar auch als Astarte bekannt, als mächtige Göttin. Verschiedene Steinreliefs aus sumerischer und babylonischer Zeit enthalten Zaubersprüche, die Lilith von Hausschwellen fernhalten sollen. Sie wurde also sehr gefürchtet.
Auch der Feminismus entdeckte Lilith als Symbol freier und machtvoller Weiblichkeit für sich. Buchläden und Cafés benannten sich nach ihr. Sie stand für die Frau, die sich von jeglicher Unterdrückung durch den Mann befreit hatte und nur nach ihren eigenen Gesetzen lebte. Noch nicht einmal Gottes Gesetze galten für sie. Wir haben bereits oben, beim Streit zwischen Lilith und Adam gesehen, dass Lilith sich ihrer Gleichberechtigung bewusst war und diese vor Adam verteidigte. Sie beugte sich nicht vor ihm, sondern ging, um ein eigenes, unabhängiges Leben zu führen. Niemand kann über sie richten, niemand hat Kontrolle über sie, selbst Gott nicht, bis zum jüngsten Tag. Lilith ist das einzige mythologische Wesen, das wahrhaft frei ist. Deshalb kann sie über die Welt wandeln, als Nachtgespenst, als große Verführerin, als Rächerin. Sie ist der Inbegriff der freien Frau. Es gibt niemanden, vor dem sie ihr Haupt beugen muss. Dem gegenüber ist Eva der Inbegriff der Unterwürfigkeit. Sie ist nur aus einer Rippe geschaffen, ihre Unterordnung unter Adam steht bereits in ihrer Entstehung festgeschrieben und wird sich auf all ihre Töchter übertragen. Doch Liliths Freiheit ist nicht ungestraft. Ihr Hunger auf Kinder wird angeblich von Gott durch die Tötung all ihrer Kinder bestraft, weshalb sie so davon besessen ist, welche zu empfangen, doch er tötet sie alle. Letzlich siegt also das patriarchale Gesetz am Ende doch, wenn sie nicht bereit ist, auf den Kinderwunsch zu verzichten. Lilith ist eine archetypische Figur, die seit Jahrtausenden existiert und viele Wandlungen durchlebt hat. Sie verkörpert Freiheit, Widerstand, den Wunsch nach Gleichberechtigung und den Kampf darum, sie spiegelt die Angst des Patriarchats vor genau diesem Widerstand, in dem sie zur Dämonin und Kindsmörderin gemacht wird. Ihre jahrtausendealte Existenz in der Welt zeigt uns eins: Der Kampf der Frauen um die gleichberechtigte Macht neben dem Manne ist so alt wie die Welt selbst, daran erinnert Lilith uns, dafür ist sie Symbol und Imagination zugleich, wir sind nicht die ersten, die diesen Kampf kämpfen, er mag vielleicht sogar so alt sein wie die Menschheit selbst. Lilith hat diesen Kampf gewonnen, sie hat Opfer dafür erbracht. Doch wenn jemand den Titel Urfeministin verdient hat, dann wohl Lilith, die sich weigerte, dem ersten Manne, ja Gott selbst, untertan zu sein und sich beim Sex unter ihn zu legen, die sich ihrer Gleichheit und Gleichberechtigung bewusst war und lieber auf Mann und Kinder verzichtete, als sich seinem patriarchalen Anspruch zu beugen.

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