Mädelsache- Frauen in der Neonazi-Szene von Andrea Röpke und Andreas Speit

Buchcover: Mädelsache - Frauen in de Neonazi-Szene

Mädelsache - Frauen in de Neonazi-Szene, März 2011, Ch.Links-Verlag

Als Beate Zschäpes Bild Ende 2011 der Öffentlichkeit bekannt wurde,  war die Verwirrung groß. Eine so harmlos aussehende Frau sollte Teil einer neonazistischen Terrorgruppe sein,  die zehn Jahre lang mordend durch Deutschland zog? Die Irritation zeigt, dass Frauen in der Neonazi-Szene für die Öffentlichkeit nahezu unsichtbar sind. Das Buch Mädelsache – Frauen in der Neonazi-Szene von Andrea Röpke und Andreas Speit gibt einen umfassenden und gut recherchierten Überblick darüber, wie sich Frauen in allen Formen nationalistischen Gedankenguts engagieren – und dass Unsichtbarkeit eine erfolgreiche Taktik ist.

Frauen sind überall

Die Autoren zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten in der rechten Szene für Frauen sind. Als NPD-Abgeordnete und in der Parteiorganisation Ring Nationaler Frauen, wo man sich unauffällig und bürgernah gibt, im Zweifelsfalle aber den Männern den Vortritt lässt, wenn es um politische Ämter geht, in der leicht antiquierten Gemeinschaft deutscher Frauen oder in Kameradschaften, die vor Gewalt nicht zurückschrecken, überall dort sind Frauen zu finden, mal sind sie die Wortführerinnen, mal sind sie nur ein Manöver, um Mandate zu bekommen und diese postwendend an Männer abzutreten, mal fotografieren sie Gegendemonstranten oder prügeln gleich selbst mit.

Sie singen in Rechtsrockbands, dichten Lieder, interessieren sich für deutsches Essen und deutsche Handwerkskunst. Sie sind Mütter und Kameradinnen, organisieren Treffen, halten Kontakte, tauschen sich aus.

Aus dem Hintergrund heraus die Kameraden massiv unterstützen, in der Öffentlichkeit selbst energisch handeln: Längst haben Frauen in der Szene beide Optionen, wenn sie sich politisch engagieren wollen.

Unsichtbar und deshalb erfolgreich

Auch wenn sie im Hintergrund bleiben, kommt Frauen in rechten Gruppierungen jeder Art eine tragende Rolle zu. In der rechten Szene ist es Gemeingut, dass Frauen sich in allererster Linie um Heim und Kinder zu sorgen haben, was diese auch als eine nationale Aufgabe verstehen. Über die bekannten Strukturen hinaus bilden sich informelle Netzwerke, die nationales und völkisches Gedankengut austauschen – und die die ganze Familie miteinbeziehen.

“Zwingende Mitgliedschaften sind längst überholt, die Organisationsformen haben sich ausdifferenziert. Das Angebot hat sich auf für Frauen verändert – von Frauengruppen ohne NPD-Mitgliedschaft über Frauentreffen von Szenegängerinnen bis zu Frauenkameradschaften.”

Zugang zur Gesellschaft

Sie machen auf sich aufmerksam mit Aktionen gegen Kinderschänder, sie organisieren Kinder- und Jugendcamps und Kleiderflohmärkte, sie dichten Kinderlieder mit nationalen Inhalten oder machen sich in rassistischen Sekten stark, die ein national geprägtes angeblich germanisches Brauchtum pflegen und leben.
In bevölkerungsarmen Landstrichen wie Mecklenburg-Vorpommern haben sich Neonazi-Familien mit ihren Kindern bereits zusammengetan, um nationale Dörfer und Siedlungen zu gründen.

Tatsächlich sind Netzwerke bereits im Aufbau – die ohne die Frauen kaum nachhaltig bestehen können. Braune Siedler gründen im kleinen Stil Handwerkskooperationen, Fahrgemeinsachten und organisieren gemeinsame Kinderbetreuungen für den Nachwuchs der Familien.

Die braune Graswurzelarbeit, die unauffällige Infiltration lokaler Strukturen erreichen Frauen besonders erfolgreich. Sie geben sich freundlich und familiennah, sie gewinnen Vertrauen und sie sorgen für die Tarnung. Beate Zschäpe hat dieses System optimiert. Die Autoren stellen die Akteurinnen und ihren Werdegang vor, sie zeigen, dass Frauen Multifunktionärinnen der rechten Szene sind, und dass die Emanzipation auch dort die Frauen hat selbstbewusster werden lassen. Wer die im Buch wiedergegebenen Kommentare in Internetforen liest, erkennt, dass die Frauen im Gesinnungskampf den Männern in nichts nachstehen, wenn sie auch im Verborgenen bleiben. Die weibliche Unterstützung macht die braune Gefahr nicht harmloser. Im Gegenteil:

Emotionale Schaltknöpfe

Frauen werden von der Szene bewusst an den emotionalen Schaltknöpfen der bürgerlichen Gesellschaft eingesetzt: In den vergangenen Jahren beobachten städtische Träger mit Sorge, dass Frauen mit rechtsnationaler Gesinnung zunehmend in die Erzieherberufe drängen, um dort ihr Gedankengut an die Kleinsten weiterzugeben.

Eine Grenze muss gezogen werden, um den Feindinnen der Demokratie so wenig demokratische Spielräume für ihre antidemokratischen Ziele zu lassen wie möglich. Die Grenze sollte aber nicht erst bei der Mitgliedschaft oder Unterstützung der NPD, des Rings Nationaler Frauen, der Gemeinschaft Deutscher Frauen oder der Kameradschaftsszene liegen, sondern schon beim Anfeinden und Ausgrenzen von Flüchtlingen, Behinderten, Obdachlosen, Muslimen, Juden oder Minderheiten. Eine leise Frauenstimme sollte nicht über den bekennenden Hass hinwegtäuschen.

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