Männer, die ihre Beine spreizen

Manspreading (Stockholm Metro)

By Peter Isotalo (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Das Phänomen kennt jede: Ein Mann setzt sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel hin und spreizt seine Beine so weit, dass er damit den Raum seiner Sitznachbarn einschränkt. Er nimmt sich so mehr Raum, als pro Sitz und Fahrgast eigentlich gedacht ist und erstaunlicherweise weichen gerade Frauen vor dieser körperlichen Grenzüberschreitung zurück. Sie ziehen automatisch die Beine ein und rücken enger zusammen. Warum Männer denken, dies sei ein angemessenes Verhalten und welche Intention dahinter steckt, bleibt ein Rätsel – doch mehrere englischsprachige Blogs und jetzt auch die New Yorker U-Bahn haben ihm den Kampf angesagt.

Öffentliche Verkehrsmittel sind der Ort, an dem die unausgesprochenen Machtverhältnisse und Beziehungen unserer Gesellschaft verhandelt werden.

Frauen werden im Gedränge von sogenannten “Frottierern” belästigt, die die Enge nutzen, um sie zu begrapschen. Andere finden es toll, Frauen beim Essen zu fotografieren, wie die Aufregung um Women eating on trains zeigte, eine Facebookgruppe, die Fotos sammelte, die ohne das Wissen der fotografierten Frauen diese beim Essen zeigte – betitelt mit misogynen und rassistischen Kommentaren. Londoner Frauen protestierten – und aßen demonstrativ in der Londoner Tube. Auch zahlreiche Upskirt-Fotos entstehen in öffentlichen Verkehrsmitteln – Fotos, die Frauen zeigen, denen der Rock verrutscht ist oder bei denen das Handy mit Fotokamera sogar absichtlich unter den Rock gehalten wird. Öffentliche Verkehrsmittel sind auch einer der Räume, in denen Frauen Belästigungen zu befürchten haben: Es ist eng, viele unterschiedliche Menschen kommen zusammen und Rückzug ist nur schwer möglich. Doch was genau treibt die beinspreizenden Männer aller Alters- und Herkunftsschichten eigentlich an? Wieso glauben sie, es sei ok, sich so zu verhalten? Verhalten sie sich bewusst so – oder sind sie blind für ihr privilegiengesteuertes Verhalten? Und warum spreizen nur Männer ihre Beine – Frauen aber nicht?

Das Problem existiert global: Tumblr-Blog Men taking too much space on the train sammelt Fotos aus der ganzen Welt, die Männer bei ihrem offensichtlich angestammten Recht zeigen: Mit weit gespreizten Beinen in der Bahn zu sitzen und so zu viel Raum für sich zu beanspruchen.

Tumblr Blog Saving room for cats glaubt, dem Rätsel auf die Spur gekommen zu sein – Männer spreizen ihre Beine, um Platz für Katzen zu machen. In zahlreichen Bildmontagen führen sie das absurde Verhalten männlicher Fahrgäste vor. Gabrielle Moss von Bustle machte den Selbstversuch – und spreizte eine Woche lang in der U-Bahn ihre Beine. Dabei stellte sie fest: Niemand wies sie zurecht – doch das lag offensichtlich daran, dass die anderen Fahrgäste für verrückt hielten – und das aus einem einfachen Grund: Frauen verhalten sich normalerweise nicht so. Beine spreizen in der Öffentlichkeit ist ein Männerding – Frauen wird schon früh beigebracht, die Beine entweder zusammen zu pressen oder übereinander zu schlagen; wenn sie die Beine spreizen gilt das als vulgär. Das gilt insbesondere in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo es oft so eng ist, dass man die Beine nicht ausstrecken kann, ohne jemand anderes zu berühren. Frauen ziehen die Beine lieber an und machen sich auf ihren Sitzen klein – Männer hingegen ignorieren die begrenzten Platzverhältnisse und machen es sich bequem – ohne Rücksicht auf die anderen Fahrgäste. Beine spreizen ist männliches Dominanzgebahren – nicht nur nehmen sie sich auf diese Weise mehr Raum, sie präsentieren so auch ihre Genitalien, das Symbol ihrer Privilegien, Beine spreizen ist immer auch eine sexuelle Geste. Nicht wenige Frauen fühlen sich von dieser Präsentation belästigt – oder gar bedroht. Gabrielle Moss kam am Ende ihres Selbstversuchs zu der Erkenntnis, dass Männern vermutlich gar nicht klar ist, dass sie ihre Beine spreizen und wie sie damit auf andere wirken.

In New York hat man davon offensichtlich genug. Vergangene Woche erklärte die MTA (Metropolitan Transit Authority), dass man ab Januar gegen das Beinespreizen vorgehen wolle. Wie dieses Vorgehen im Detail aussehen wird, ist noch unklar, vermutlich wird es Hinweisschilder geben. Wichtig daran ist: Die Öffentlichkeit und hoffentlich insbesondere die Männer werden für ihr Verhalten sensibilisiert. Beine spreizen in der Bahn ist Ausdruck eines überkommen patriarchalen Selbstverständnisses und zeigt, wie sehr Privilegien blind machen für die Gefühle anderer. Bis es auch bei uns die Hinweisschilder gibt, können wir Gabrielle Moss’ Selbstversuch ja nachmachen – und den Beinespreizern etwas entgegensetzen.

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