Matrifokalität – die Idee, die Muttersippe wieder aufleben zu lassen

Frauenstatuetten aus Hacilar, Südost-Anatolien, Türkei

By Photo: Andreas Praefcke (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Vor einigen Monaten fand ich im Netz die Testpedition Gesetzliche Einführung eines alternativen Familienmodells.

Leider fand die Petition bislang nur wenig Unterstützung, was ich auf ein fehlendes Bewusstsein für die Bedeutung des Gedankens hinter dieser Petition zurückführe. Da ich mich bereits seit vielen Jahren mit diesem Thema befasse, nehme ich das zum Anlass dazu meine Gedanken niederzuschreiben und so zum Verständnis von Matrifokalität und der Idee des Matriclans beizutragen.

Familie im Patriarchat

Im Gegensatz zu herkömmlichen Meinungen gibt es imho keine alternativen Familienmodelle, sondern nur verschiedene Spielarten des Klassikers „Familie“. Die Grundlage der Familie ist immer das Paar auf der Grundlage von Sexualität und (romantischer) Liebe und, heute mehr denn je, unter Ausschluss der Herkunftsangehörigen – sprich unseren Blutsverwandten. Zwischen der Intention einer Familie und der wie neu daher kommenden Idee eines sogenannten Matriclan, der auf der konsanguinen* – der natürlichen Müttergemeinschaft fußt, liegen daher Welten.

Erinnern wir uns daran, was die „Familie“ einst eigentlich war – der Herrschaftsbereich eines privilegierten Mannes. Mag sich auch in unserer derzeitigen Kultur inzwischen diese Bedeutung verwischt haben und der modern daher kommende Trend hin zum partnerschaftlichen Paar gehen, es bleibt doch ein bestimmter Effekt bestehend: zwei Fremde verbinden sich per Bereitschaftserklärung zu einem Paar mit der Absicht in allen Bereichen ein gemeinsames Leben führen zu wollen. Das muss heutzutage nicht mehr unbedingt in einer bindenden Eheschließung enden, denn die unverbindlich-verbindliche Beziehung ist schon länger gesellschaftsfähig geworden. Manche probieren dabei ihr ganzes Leben lang aus, ob der Andere der „Richtige“ ist. Die meisten der Paare leben dann in einer seriellen Monogamie und betreiben dabei nebenbei eine Kleinfamilie. Unsere Gesellschaft ist heute außerdem zunehmend von der Familienspielart „Patchworkfamilie“ durchsetzt, in der die Kinder bereits die, von ihnen zukünftig erwartete, Flexibilität üben können, die das Wirtschaftsleben ausmacht.

Der Geist der Institution Familie besteht nach wie vor darin, den Mann als den Herr des Hauses vorauszusetzen, selbst wenn er nicht anwesend ist. Wenn beispielsweise drei erwachsene und mit einander verwandte Frauen eine Lebensgemeinschaft bilden, gelten sie trotzdem vor dem Gesetz als jeweils alleinstehend.

Die Beinahe-Gleichberechtigung der Frau in unserer Gesellschaft lässt uns immer wieder gern übersehen, dass die bestehende Gesetzeslage vor allem die eheliche Verbindung, sprich das heteronormative Paar, schützt und fördert. Das Ehepaar gilt als klassische Grundlage der Familie und schließt inzwischen, außer den Kindern, alle anderen Mitglieder beider Herkunftsfamilien rechtlich aus. Ein Gemeinschaftsleben in einem matrifokalen Verständnis ist derzeit weder im Mainstream noch in den Gesetzen des Staates vorgesehen. Das gilt es zu ändern.

Der hier im Folgenden als Alternative aufgezeigte Matriclan hat als Grundlage die Struktur einer Muttersippe, matrilinear und matrilokal, also so wie sich ursprünglich die Basis des menschlichen Zusammenlebens gestaltete. Dass die konsanguine Matrigemeinschaft, hier Matriclan genannt, nicht nur wirklich eine Alternative zur etablierten Kleinfamilie wäre, sondern bestimmt die bessere Variante sein wird, wurde in dem avaaz – Vorschlag klar benannt. Natürlich ist dieses Projekt noch lange nicht zu Ende gedacht. Vielleicht ist es in manchen Punkten noch zu futuristisch, aber es besitzt das Potential zur Bewegung anzuwachsen – ähnlich der nicht mehr tot zu kriegenden Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens. Ich bin sogar überzeugt, dass die beiden Ideen einander bedingen und in der Praxis zusammenwachsen irgendwann werden.

Worum geht es?

Es geht bei dem Gedanken, die Muttersippe rechtlich zu konstituieren, nicht um eine Erlaubnis für verwandte Frauen miteinander leben dürfen, wie bereits vermutet wurde, sondern um die Forderung nach kollektiver Anerkennung und der selbstverständlichen Unterstützung dieser Lebensweise durch die Gesellschaft, auch in Form einer gesetzlichen Absicherung.

Ein matrilineares Gemeinschaftsleben kommt gegenwärtig jedenfalls sehr wenigen Frauen in den Sinn und wird eher als gestriges Gebaren angesehen. Das derzeitige Familienverständnis endet bei Vater-Mutter-Kind und die frühzeitig abgenabelten Teile der Herkunftsfamilien werden nur noch latent dazugerechnet.

Die Gründe dafür sind folgende: In der klassischen (Klein-)Familie erfolgt im Erwachsenenalter nicht nur eine körperliche Distanzierung, sondern es entsteht dabei auch eine, manchmal irreversible, Trennung im Geiste. Das ist der bestehende und entscheidende Unterschied zu einer konsanguinen Matrigemeinschaft. Die ohnehin vom patriarchalen System nicht gern gesehene Mutter-Kind-Bindung löst sich unter dem Abnablungsdogma Schritt für Schritt auf und hinterlässt bei Tochter und Sohn eine Leere, die auch noch als nicht gerechtfertigt gebrandmarkt wird. Um diese Leere des sozialen Vakuums mit Geborgenheit und Verbindlichkeit aufzufüllen, wird uns in unserer Kultur lediglich die Paarbeziehung mit einem, uns bis dahin unbekannten, Menschen empfohlen.

Wenn wir die Idee einer Lebensgemeinschaft in mütterlicher Linie etablieren wollen, ist die gesellschaftliche Anerkennung auch innerhalb der Gesetzgebung eine zwingende Voraussetzung. Die Grundlage bisheriger Gemeinschaften und Gesellschaften sind und waren immer die natürlichen, die innigen und tragenden Beziehungsgeflechte der blutsverwandten Angehörigen. Diese evolutionäre Strategie des Menschen in einer natürlichen (biologischen), mutterbezogenen Ordnung zu leben, wird seit Jahrhunderten durch das patriarchale System gründlich ausgehebelt.

Der Matriclan – die natürliche Verwandtschaftsform

Einer der entscheidenden Eckpunkte des angedachten „Matriclans“ ist, dass keine sexuellen Verhältnisse den Zusammenhalt einer solchen Lebensgemeinschaft bestimmen. Dem gegenüber steht, dass heute, mehr denn je, das erotische (sexualisierte) Liebesverhältnis sowohl für die Ehe (und für andere Paarbeziehungen) eine selbstverständliche, ja eine zwingende Voraussetzung ist. Diese Ausgangsposition würde im Matriclan bzw. der Muttersippe entfallen. Die natürliche Blutsverwandtschaft zwischen Angehörigen bildet die einzige Grundlage dieser neu zu etablierenden Lebensgemeinschaft, die gesetzlich zu schützen wäre. Wenn ich also zum Beispiel mit meiner Tochter und ihren Kindern, so eine Lebensgemeinschaft praktizieren möchte, steht doch erst einmal folgendes fest: (Bluts)verwandt (in mütterlicher Linie) sind wir bereits, also noch mehr an Zugehörigkeit geht gar nicht.

In unser derzeitiges Verständnis sieht jedoch Erwachsene autonom. Sie werden solange als ungebunden angesehen, bis sie sich zu einem Partner zugehörig erklären. Diese Art Partnerschaft ist derzeit die einzige legitime und als förderungswürdig angesehene Lebensgemeinschaft – wobei der Ehe immer noch die höchsten Weihen zugesprochen werden. Auch eine eingetragene Lebenspartnerschaft reicht rechtlich nicht völlig an den (geheiligten) Ehestatus heran.

Die anerkannte Muttersippe wäre jedoch im persönlichen Zusammenleben und der gemeinsamen Haushaltsführung genauso legal anerkannt, wie eine Ehe/Familie. Es bräuchte weder den Segen einer Kirche noch die Trauung vor einem Standesbeamten, um die Angehörigen der Muttersippe für zusammengehörig zu erklären, denn das sind sie bereits von Geburt an. Wenn diese konsanguine Lebensgemeinschaft arriviert und eingeführt wird, würde daher lediglich der Urzustand des menschlichen (artgerechten) Zusammenlebens wieder hergestellt und damit die generationsübergreifende Fürsorge für alle Angehörige ganz selbstverständlich vorausgesetzt.

Bisher hat das praktizierte Patriarchat verhindert, dass starke Weiber- und Mutterbande erhalten blieben oder wieder entstehen. Trotzdem gab es, wir können es zwischen den Zeilen der Märchen oder in den eigenen Herzen lesen, einen Ort, den die Menschen in ihrer Seele, als Haus der Mutter abspeichern – es ist der natürliche, aber derzeit unterdrückte Drang nach der Rückbindung an das Energiefeld der Mutter und somit an die Herkunftssippe. Die Suche nach der verlorenen Geborgenheit ist eine Grundstimmung in unserer Gesellschaftskultur. Ich bin überzeugt dass bei vielen, wenn auch nur diffus, diese dauernde Sehnsucht vorhanden ist. Da sich Töchter schon lange nicht mehr im natürlich-mütterlichen Geist bewegen und sie auf die (lebenslange) Bindung zu einem Mann geprägt werden, wird versucht, diese latente Sehnsucht in der romantischen Liebe zu stillen. Die weiblichen Energiefelder in der mütterlichen Sippenstruktur sind als Kraftquell längst vergessen. Inzwischen gelten maskuline Werte und eine Herkunftsbindung wurde über die Vaterlinie festgeschrieben – die Bedeutung der Mutter verblasste immer mehr.

Es geht hier also nicht um einen sogenannten Wahlclan oder um eine “Ehe” unter Frauen oder um die Erweiterung der Eingetragenen Lebensgemeinschaften zwischen Fremden, sondern um die Legalisierung der Sippenzugehörigkeit in der mütterlichen Linie. Um die Akzeptanz der urtümlichen, natürlichen Lebensgemeinschaft, bestehend aus weiblichen Blutsverwandten als Gründerinnen sowie den angehörigen Söhnen und Brüdern. Noch mehr verwandt als Mutter – Tochter / Sohn – Tochterskinder kann man nicht sein.

Matrifokalität – Lebensgemeinschaft unabhängig von sexueller Beziehungen

Das erotische Begehren, eine sexuelle Betätigung, fände außerhalb dieser Lebensgemeinschaft statt, daher wäre es auch angesagt die nun mehr veralteten Inzestgesetze zu reformieren. Die klassische Ehe, als patriarchal verordnete Institution, wurde im christlich geprägten Abendland, als einziger Ort der legitimierten Sexualität bestimmt und die Ehe wiederum gilt immer noch als die Basis der (Klein)Familie. Es gilt also eine echte Alternative zur Ehe/Familie anzustreben und bereits bestehende konsanguine Verwandtschaftsverhältnisse als offizielle Lebensgemeinschaft anzuerkennen. Diese müssten in unserer Gesellschaft genauso gesetzlich gefördert werden, wie die klassische Ehe mit Familienstatus.

Der Hauptaspekt, der hier angedachten Lebensgemeinschaft „Matriclan“ beziehungsweise Muttersippe, ist der generationsübergreifende Effekt des Zusammenlebens und somit das geborgene Eingebettetsein der Kinder in eine verlässliche Sippengemeinschaft. Bisher läuft es im gesellschaftlichen Verständnis und in der Gesetzeslage so ab – wenn ein älteres Ehepaar oder auch nur eine Mutter oder ein Vater mit seinen bereits erwachsenen Kindern in einem gemeinsamen Haushalt oder unter einen Dach zusammenlebt, so ist das zwar möglich, sie sind jedoch bei aller natürlicher Bindung keine verbundene Lebensgemeinschaft. Jeder Erwachsene, außer den Eheleuten zählt einzeln (und wird auch entsprechend versteuert). Auch wenn (kleine) Kinder zu einer Person gehören, bilden sie mit ihrer derzeit ungebunden Mutter (oder Vater) eine eigene Lebensgemeinschaft und diese fallen dann unter den modernen Begriff der Alleinerziehenden.

Ich empfinde es als absurd, aber sowohl vom Gesetz sowie durch die mainstreamige Gesellschaftsmeinung wird jeder Erwachsene grundsätzlich ab der Volljährigkeit als autonome „Lebensgemeinschaft” gehandelt, bis eine Paarbildung erfolgt, also geheiratet wird oder man sich in einer Beziehung zusammentut. Damit beginnt auch die gegenseitige Fürsorgepflicht (in guten wie in schlechten Tagen), die der Paarbeziehung zugeordnet wird. Alle anderen Verwandtschaftsbeziehungen rücken endgültig in die zweite Reihe. Demnach ist im modernen Verständnis Blutsverwandtschaft nur im Kindesalter wirklich relevant. Natürlich haben wir eine gewisse moralische (und bedingt gesetzliche) Pflicht sich zum Beispiel um pflegebedürftige Eltern zu kümmern, schließlich bleibt das Verwandtschaftsverhältnis bestehen, aber wie bekannt genießt der Partner immer eine Vorrangstellung.

Der noch vor Jahrzehnten in der patriarchalen Familienstruktur beschworene Zusammenhalt hat sich in den heutigen Tagen sehr gelockert. Die zu einem Berufsalltag gehörende Verhinderung von Nähe stört auch ein kontinuierliches Festigen der Familienbande. Daher ist Fürsorge und Pflege innerhalb der Herkunftsfamilien zwar immer noch durchaus üblich, gesellschaftlich gesehen jedoch weder eine anerkannte noch geschätzte Arbeit. Diese Zuwendung wird im Alltag neben der Familienarbeit und der honorierten Erwerbstätigkeiten irgendwie eingeschoben. In der Regel betrifft diese dreifache Belastung dann die Frau – die Familienmutter.

Ich bin dafür, den „Matriclan“ – Vorschlag mit aller Kraft zu unterstützen, denn seine Ziele erscheinen mir förderungswürdig, obwohl der letzte Punkt mir noch etwas als Zukunftsmusik erscheint:

  • Verstärkter Schutz von Müttern und Kindern
  • Lückenlose Betreuung von Kindern, Alten und Pflegebedürftigen
  • Gewaltfreies Zusammenleben in einem intakten sozialen Verbund
  • Perspektivisch ökologischer Landbau und Subsistenzwirtschaft als Lebensgrundlage

Ein Beitrag von Stephanie Ursula Gogolin

 

(* verwandt durch Geburt in mütterlichen Linie

 

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