Mein Abschied von der Rezeptpflicht der Pille danach – Frausein im Deutschland des Frühjahres 2015

"Feminism is for Lovers"

the justified sinner via Flickr, [CC BY-NC-SA 2.0]

Ab Mitte März, kurz nach dem Frauenkampftag am 08. März ist es soweit. Nach langem Ringen, diskriminierendem Mansplaining der Union und dem absurden Festhalten der Regierung an einer misogynen Gängelung von Frauen und ihrem Selbstbestimmungsrecht, wird die Pille danach auch bei uns rezeptfrei sein. Es wäre ein Grund zum Feiern, wenn der Grund für diese Neuregelung nicht so traurig wäre: Frauen dürfen auch im Jahr 2015 nicht über ihren Körper bestimmen – außer Männer profitieren davon. Zwei Wochen bevor die neue Regelung in Kraft tritt, habe ich meinen ganz persönlichen Abschied von der Rezeptpflicht gefeiert.

Da ist diese Nacht und da bist du und viel zu viel Wein. Das Erwachen mitten in der Nacht mit dem unguten Gefühl, dass ich mich nicht mehr an alles erinnern kann. Wäre nicht schlimm, denn mein Körper sagt, es war wundervoll, aber was ist mit der Verhütung? Soll ich anrufen und fragen? Wie fragt man so etwas, wenn doch alles gerade irgendwie erst im Werden ist?  Und ist es den Männern nicht am Ende ohnehin egal? Mein Körper, meine Verantwortung, also suche ich mir einen Frauenarzt, der am Freitagnachmittag noch auf hat und rufe an. “Ich brauche die Pille danach”, sage ich zu der Arzthelferin. “Ab 14 Uhr”, antwortet sie. “Und bringen Sie Zeit mit.” So hatte ich mir meinen Nachmittag in einer anderen Stadt nicht vorgestellt, aber lieber kein Risiko eingehen. Vor der Praxis steht die Schlange bis ins Treppenhaus. Das ist eine fremde Stadt, ein fremder Arzt. Es ist unangenehm und ich überlege, wie ich einem fremden Mann sagen soll: “Ich hatte heute Nacht, glaube ich, ungeschützten Verkehr, also es könnte sein, denn ich war so betrunken, dass ich mich nicht mehr genau erinnern kann und so genau weiß ich das nicht, aber den Mann, mit dem ich geschlafen habe, will ich auch nicht anrufen.” Bin ich stark genug, um diesen abschätzigen Blick auszuhalten, den er mir dann zuwerfen wird? Mich vor ihm auszuziehen, auf die Liege zu legen, mich von ihm untersuchen, ihn mit seinen FIngern in mich eindringen zu lassen? Mich schüttelt es. Irgendwann bin ich an der Reihe. Hinter mir steht bestimmt ein Dutzend Leute. Ich habe mir vorgenommen, mein Anliegen nicht verschämt wispernd vorzutragen, sondern mit Souveränität und Gelassenheit. Die Frau an der Rezeption steht sichtbar unter Stress. Das Telefon klingelt und klingelt. Hinter mir drängeln andere Patientinnen. “Ich brauche die Pille danach”, sage ich und bin überrascht, wie fest meine Stimme kling. Ich spüre die Blicke der Menschen hinter mir. Sie alle haben das gehört und schauen jetzt an mir herunter. Wie sieht eine aus, die die Pille danach braucht?” Der Blick der Arzthelferin verfinstert sich. “Haben Sie angerufen?” Ich nicke und spüre, wie mir heiß wird. Sie seufzt. “Dann brauchen Sie aber viel Zeit. Wann ist es passiert?” Meine Wangen brennen. “Heute Nacht.” Ihr Blick durchbohrt mich. “Um wie viel Uhr?” Das weiß ich nicht, also zucke ich mit den Schultern. Sie nickt nur und hält mir einen Fragebogen hin, den ich ausfüllen soll. Etwas in mir weigert sich, so schnell aufzugeben. “Muss ich untersucht werden?” Sie zieht die Augenbrauen hoch. “Ja, natürlich.” Mein Magen krampft. Ich habe sexuelle Gewalt erfahren. Zu Hause habe ich eine Frauenärztin. Aber sie ist jetzt 300 Kilometer weit weg und wahrscheinlich schon auf dem Weg in ihr Wochenende. Ich will mich nicht von einem Mann untersuchen lassen, doch diese Praxis ist die einzige, die an einem Freitagnachmittag aufhat. “Aber in wenigen Tagen ist die Pille danach doch ohnehin rezeptfrei”, wage ich mich vor. Die Arzthelferin sieht von ihrem Bildschirm auf. “Das ist nicht sicher”, sagt sie mir. “Das wird erst noch entschieden.” Das klingt, als sei die neue Regelung mehr als unsicher. “Sie müssen sich untersuchen lassen.” In meinem Hals ist auf einmal ein Kloß. Ich versuche, mit hocherhobenem Kopf ins Wartezimmer zu gehen, habe aber das Gefühl, dass mir das nicht recht gelingen will. Alle starren mich an.

Die nächste Stunde sitze ích wie auf heißen Kohlen. Andere Patientinnen betreten das Wartezimmer, werden aufgerufen, nur meinen Namen höre ich nicht. Ich denke daran, dass bei der Pille danach jede Stunde zählt und dass ich viel zu lange gewartet habe, um bis zum Arzt zu kommen und jetzt hier warte. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Ich verlasse die Praxis fluchtartig. Draußen überlege ich krampfhaft. Soll ich warten, bis es Abend wird und mir die Pille danach im Krankenhaus besorgen? Ich wähle die Nummer meiner Freundin. Erzähle ihr, was los ist. Sie überlegt einen Moment. Dann fällt mir etwas ein. “Wie weit ist die Grenze von hier?”, frage ich sie. “Eine halbe Stunde Fahrt”, antwortet sie. “Warum?” “Weil es da die Pille danach in jedem Drugstore gibt”, erkläre ich. “Ich bin gleich da”, sagt sie.  Hinter der Grenze gibt es eine Drogerie. Ich gehe hinein. Sehe mich um. Finde die Pille danach in einem Regal. Gehe an die Kasse. Die Kassierin spricht deutsch. “13,50 Euro” sagt sie. Ich gebe ihr das Geld. Sie lächelt und wünscht mir einen schönen Tag. Es interessiert sie nicht, warum ich mit einem fast Fremden Verkehr hatte. Und wann. Sie lässt mich nicht warten. Meine Freundin und ich sind so perplex, dass wir sie sekundenlang nur anstarren. So einfach geht das? Einfach so? Ohne Diskussionen, Erklärungen, Wartezeiten, beschämendes Frage-Antwort-Spiel, verächtliche Blicke?  Ich erwidere ihr Lächeln. Im Auto schlucke ich die Pille danach.  Meine Freundin und ich fahren zurück. Zwischen Würde und Demütigung, zwischen Freiheit und Unterdrückung liegen 60 Kilometer und eine Landesgrenze. “Ist dir schlecht?”, fragt sie mich später. Ich spüre überhaupt nichts. Außer, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Diese Nacht wird für mich nicht in eine ungewollte Schwangerschaft münden. Ich werde nicht zwei bange Wochen warten müssen, ob ich meine Tage bekomme und mich in dieser Zeit unablässig fragen, was ich tun soll, wenn sie nicht kommen. Ich muss mir die Nacht nicht im Warteraum einer Klinik um die Ohren schlagen, nur um nach einer demütigenden Untersuchung erst dann ein Rezept zu erhalten, wenn es bereits zu spät ist, ich muss mich nicht aus meinem Körper denken, wenn mich ein fremder Mann untersucht.

Diese Geschichte wäre ein Stück historischer Dokumentation, etwas, das ich später meinen Töchtern erzähle, um ihnen zu zeigen, in was für Zeiten wir einst lebten, so wie meine Mutter mir erzählt, dass früher noch ihr Ehemann ihren Job für sie kündigen konnte. Ich würde ihnen gerne erzählen, dass Deutschland im Jahr 2015 endlich eingesehen hat, wie frauenverachtend die Rezeptpflicht für die Pille danach ist, wie sehr sie diskriminiert und demütigt. Doch leider ist es eine traurige Geschichte. Deutschland hat nicht eingewilligt, die Pille danach rezeptfrei abzugeben, um anderen Frauen eine ähnliche Demütigung zu ersparen, sondern weil sie die EU dazu zwingt. Bislang hieß es, man müsse verhindern, dass wir Frauen uns die Pile danach “wie Smarties” einwerfen (Jens Spahn, CDU). So sind wir Frauen nämlich: Unvernünftig, naiv und vollkommen unzuverlässig. Wenn uns Männer nicht zeigen, was gut für uns ist, dann machen wir nur Dummheiten. Wenn wir uns aber prostitiuieren oder im Porno misshandeln lassen, dann ist das Ausdruck unserer Freiheit und unserer Fähigkeit, für uns selbst zu bestimmen. Freiheit für eine Frau gibt es auch in Deutschland im Jahr 2015 nur dann, wenn sie Männern nützt. Oder sie von der EU erzwungen wird.

4 Kommentare

  1. Die Wahrheit ist so niederschmetternd. So niederschmetternd und klar, dass es mir Tränen im die Augen treibt.

  2. Hätte ich 1990 das Gefühl gehabt, in einem Land zu leben, in dem ich mich als Mädchen/Frau nicht schämen muss wenn ich vergewaltigt und danach schwanger werde und wäre mir von Eltern und Gesellschaft vermittelt worden, dass ich Hilfe suchen darf und finden werde, hätte ich mir mit 16 eine grauenvolle Abtreibung erspart.
    Trotz des bitteren Geschmacks, dass Deutschland die Rezeptfreiheit der Pille danach aufgezwungen wurde – es freut mich sakrisch.
    Für mich (für den Fall des Falles), aber vor allem für meine Tochter, die, wenn sie dann mal alt genug ist, nie in die Situation kommen wird, sich zumindest in diesem Bereich bevormunden lassen zu müssen.

  3. Pille danach wie Smarties einwerfen? Ja klar. Das kann ja nur ein Mann sagen, der noch nie die Nebenwirkungen einer solchen Hormonbombe am eigenen Leib gespürt hat. Ich musste bisher zum Glück nur einmal darauf zurückgreifen und habe irgendwie alle Nebenwirkungen abbekommen, die auf dem Beipackzettel nieder geschrieben sind: 3 Tage durchgeschlafen wegen krasser Erschöpfung, der ganze Brustbereich voll Akne, umgehendes Einsetzen der Mens, Völlegefühl, extremer Juckreiz im Genitalbereich, …. Ich belass es dabei mal.
    Das entwürdigende und total schamvolle Gespräch in der Apotheke kommt ja dann auch noch dazu. In meinem Wohnort wo jeder jeden kennt hätt ich das sicher nicht geholt.

    Und das alles nur weil so ein Kondom auch mal platzen kann 🙁

  4. Ich habe in meinem Leben leider auch 5 oder 6 mal die Pille danach genommen. Witzig ist was anderes. Die Wirkung ist auch nicht die von Smarties 😉 Nunja, aber wieso sagt so ein Politiker nicht mal zu seinen Geschlechtsgenossen, dass sie doch bitte immer ein Kondom benutzen müssen, damit Frauen seltener damit konfrontiert werden die Pille danach zu nehmen?

    Grundsätzlich finde ich die Rezeptpflicht nicht falsch, mich selbst hat es zum nachdenken gebracht. Aber es hilft einem nicht bei dem unangenehmen Gefühl das man eh schon hat weil man sie überhaupt braucht! Und es ist unfair dass Frauen das nehmen müssen wo das Problem beim Mann liegt. Meist wollen die kein Kondom benutzen. oder wenn schon, dann passieren Unfälle meiner Erfahrung nach weil sie nicht die richtigen benutzen. Aber die Demütigung ist echt riesen shit. Als ich das zweite mal im gleichen Krankenhaus saß (es war wieder Wochenende) sagte der Arzt zu mir das das keine Dauerverhütungsmethode ist. Ach nicht? Klar weiß ich das. Aber was sollte ich machen?
    Und an der Stelle sehe ich einfach, dass wir Frauen mit dem Thema Verhütung einfach immer noch recht alleine dastehen.
    Kürzlich las ich etwas von einer Frau, die sagte sie würde nur mit einem Mann ins Bett steigen, von dem sie ein Kind auch austragen würde. Ich glaube, wenn ich danach gehandelt hätte, dann wäre ich mit ganz wenigen Männern ins Bett gestiegen und hätte mehr auf mich geachtet.
    Mittlerweile hab ich mich gegen diese ganze Hormonbevormundung gewehrt. Denn auch Frauenärzte beraten einen sehr subjektiv. Die Pille ist das Allheilmittel.

    Und wer in diesem Land kämpft dafür uns Frauen beizubringen auf den eigenen Körper zu hören? Die Kontrolle über unsere Fruchtbarkeit wieder selbst in die Hand zu nehmen? Ich glaube, dann gäbe es auch nicht so viele Frauen die die Pille danach nehmen müssen.
    Und auch nicht wenn die lieben Männer mal alle wissen würden welches Kondom zu ihnen passt. Seit wir die richtigen gefunden haben, geht keines mehr kaputt oder rutscht runter. Über ein Jahr unfallfrei!

    Es sollte eine Verhütungsschule für Männer geben. In der sie lernen die Angst und das unbehagen vor Kondomen zu verlieren und lernen welches zu ihnen passt! Dann wären wir wirklich einen Schritt weiter!

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