Mein Leben als Sexobjekt: Jessica Valenti “Sex Object”

Irgendwie ist das Jahr schon fast wieder zu Ende und der Stapel an neu erschienen Büchern, die ich in diesem Jahr noch unbedingt lesen wollte, ist immer noch viel zu hoch. Eines der Bücher ist “Sex Objekt: A Memoir” von der Publizistin Jessica Valenti. Bekannt wurde sie durch ihre bissigen Artikel – und weil sie vermutlich zu den meistgehassten Frauen im Internet gehört. Morddrohungen gegen sie und ihre Familie sorgten 2016 dafür, dass sie sich aus allen Social Media Kanälen zurückzog. Ihr sehr persönlicher Bericht über den allgegenwärtigen Sexismus, der sich tief in all unsere Beziehungen gegraben hat, ist angesichts der Weinstein-Affäre besonders aktuell.

Being a sex object ist not special. This particular experience of sexism – the way women are treated like objects, the way we sometimes make ourselves into objects, and how the daily sloughing away of our humanity impacts not just our lives and experiences but our very sense of self – is not an unusal one.

Ihre Großmutter, ihre Mutter, ihre Freundinnen, sie alle wurden Opfer sexueller Gewalt oder sexueller Belästigung. Die misogyne Gewalt ist so normal, dass Witze darüber gemacht werden. Valenti spürt in ihrer eigenen Geschichte der Frage nach, wann genau sie zum Sex Objekt wurde und erkennt, dass es schon früh in ihrer Kindheit begann. Männer reiben sich an ihr in der New Yorker U-Bahn, ein Mann fragt nach dem Weg und als sie an das Auto herantritt, sieht sie, wie er masturbiert. Abfällige Bemerkungen von Klassenkameraden, eine essgestörte Schwester und wachsender Selbsthass sind die Folge. Lehrer belästigen sie und als sie sich wehrt heißt es: “Ich wollte doch nur einem gestörten Mädchen helfen.” Ein Freund “schläft” mit ihr, während sie bewusstlos ist und versteht nicht, was daran falsch ist. So reiht sich Erfahrung an Erfahrung und beim Lesen ist es, als würde man die Geschichte jedes x-beliebigen Mädchens lesen, Dinge, die uns allen passieren, die wir als normal akzeptieren und die dennoch Spuren in uns hinterlassen.

Ausführlich und schonungslos mit sich selbst geht Valenti der Frage nach, wie Sexismus und Frauenhass ihr Leben von Teenager-Jahren an geprägt, ihre Entscheidungen und ihr Selbstbild beeinflusst hat. Es ist, wie der Titel verspricht, ein sehr persönlicher Bericht mit hohem Wiedererkennungswert. Was mir gefehlt hat, war die Konsequenz daraus. Was machen wir jetzt mit der Erkenntnis? Wie beenden wir das? Aber vielleicht müssen wir erst einmal damit beginnen, zu sagen, was ist, so wie es aktuell unter #metoo passiert. Und hinter allem die Frage:

Who would I be if I didn’t live in a world that hated women?

1 Kommentare

  1. “Who would I be if I didn’t live in a world that hated women?”

    Gute Frage, doch vielleicht sollten wir zunächst klären, warum es all diesen Hass überhaupt gibt? Eine gute Freundin sagte mir einst, es liegt u.a. daran, dass Männer uns in allen Dingen überlegen sein möchten, doch bisher zumindest ist es ihn nicht gelungen, selbst Kinder zu bekommen und diese zur Welt zu bringen. Doch sie forschen mit Hochdruck daran. Würde dann der Hass auf uns Frauen verschwinden. Ich kann es mir nicht vorstellen. Doch es muss irgendetwas mit einem eher unbewussten Gefühl der Unterlegenheit zu tun haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.