Mein Weg zur Terre des Femmes–Mitgliedschaft: Eine Abrechnung mit dem akademischen Queerfeminismus

Ich befürchte, das hier wird ein Rundumschlag. Denn dieses Mal möchte ich mich endlich trauen, mich zu äußern.

Jedes Mal, wenn ich mit dem Gedanken spiele, mich (online) unter Klarnamen zu positionieren, ist eine gehörige Portion Angst mit von der Partie. Angst, die leider nicht irrational ist. Es gibt viel zu wenige Verbündete, die sich ebenfalls positionieren und einer den Rücken stärken – und leider kann ich das gut verstehen. Gerade in einschlägigen queerfeministischen Online-Foren ist der Gegenwind so heftig und verletzend, dass auch ich mich dort nur noch in Ausnahmefällen äußere – etwa als in einer Facebook-Gruppe kürzlich Frauen das Recht auf einen geschützten, geschlechtsspezifischen Toilettenraum abgesprochen wurde – und mir mein Feminismus dann gleich mit.

Nun gibt es einen neuen Konflikt, der die Wogen hochschlagen lässt: Die MV von Terre des Femmes im Mai und der daraus resultierende Brief einiger (Ex-) Mitfrauen, die Beschlüsse und grundlegende Positionierungen des Vereins scharf kritisieren. Ich habe die Diskussion so gut es geht verfolgt, und in mir ist immer mehr der Wunsch gewachsen, mich klar zu positionieren – für Terre des Femmes. Schon seit einiger Zeit überlege ich, Mitfrau zu werden; nun hat die jüngste Entwicklung dazu geführt, dass ich den Schritt gegangen bin.

Terre des Femmes ist für mich ein Lichtblick in dem sich rasant verdüsternden Feld im Kampf für Frauenrechte. Denn längst müssen Frauenrechte nicht nur gegenüber Konservativen verteidigt werden, sondern inzwischen leider auch gegenüber linken Liberalfeminist*innen, mit denen wir doch eigentlich lieber Seite an Seite gegen Abtreibungsgegner protestieren sollten. Mir macht im Moment die Auseinandersetzung mit der linken Szene viel mehr Angst als jene mit Ultra-Konservativen. Nicht, weil ich Konservatismus nicht als Bedrohung für Frauenrechte ansehe, sondern weil in diesem Fall die Karten wenigstens offen auf dem Tisch liegen. Um die perfekt getarnte Misogynie im Queerfeminismus und Transaktivismus zu entdecken, muss frau schon mindestens drei Mal um die Ecke denken, was bei mir leider viel zu lange gedauert hat.

Das liegt vermutlich nicht zuletzt daran, dass ich vor allem durch meinen Studiengang zum Feminismus gefunden habe. Ich studiere eine Sozialwissenschaft, und es ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass in diesem Bereich der Queerfeminismus besonders auf dem Vormarsch ist und die Lehrstühle erobert. Ich beobachte diese Entwicklung mit größter Sorge – und ich wünschte, ich würde mich trauen, etwas dagegen zu unternehmen oder wenigstens meine Stimme zu erheben.

Stattdessen saß ich ehrfürchtig in Seminaren und versuchte, Judith Butlers Theorien nachzuvollziehen, was mir nie vollständig gelang – inzwischen weiß ich auch, warum. Wir lernten -als Tatsache-, dass es ein inhärentes Gefühl für Geschlecht gäbe (auch Geschlechtsidentität genannt) und dass Menschen, die sich nicht mit dem „vorgegebenen“ Geschlecht identifizieren (was immer das heißen mag; mir ist noch schleierhaft, wie ich mich als Frau identifizieren soll, ohne auf Klischees zurückzugreifen) in der Intersektionalitätsskala ziemlich weit unten ständen. Frausein wird somit plötzlich zum Privileg. Ich könnte mir kaum einen geschickteren und effektiveren Weg vorstellen, Frauen mundtot zu machen.

In einem anderen Seminar wird unkommentiert stehengelassen, dass es Frauen, denen (sexuelle) Gewalt angetan wird, ja so leicht hätten, Beratungsstellen aufzusuchen, denn da gäbe es ja kein gesellschaftliches Stigma. Für gewaltbetroffene Männer wäre es da viel schwerer. Strukturelle Analyse gleich Null. Und ein Schlag ins Gesicht für all die Studentinnen im Seminar, denen nicht geglaubt wird und die ihre Vergewaltigung deshalb nicht zur Anzeige gebracht haben.

An unserer Uni gibt es genau eine studentische feministische Organisation, die – wie sollte es inzwischen anders sein – natürlich queerfeministisch eingestellt ist. Man diskutiert darüber, wie toll und selbstbestimmt Prostitution (pardon: „Sexarbeit“) sein kann und bietet Workshops an, in denen sich die Teilnehmenden gegenseitig fesseln dürfen – nur unter Consent, versteht sich. Klingt ja auch erstmal nicht verkehrt: Wenn alle Beteiligten einverstanden sind, lass sie doch machen. Individuelle Ebene eben, die Spezialität des Queerfeminismus.

Mir blutet inzwischen das Herz. Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie leicht man sich als junger Mensch, insbesondere wenn man sich politisch links verortet und gegen Diskriminierung kämpfen möchte, unkritisch auf diese Sichtweise einlässt. Vor allem, wenn die Alternativen fehlen. Und vor allem, wenn vermittelt wird, eine anderweitige Positionierung wäre nicht links, nicht feministisch, nicht akzeptabel. Weil ich diesen Widerspruch kaum aushalte, weiß ich manchmal nicht, ob ich mein Fach weiter studieren möchte, zumindest mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung. Und das, obwohl ich mein Studium eigentlich liebe. Ich liebe es insbesondere, mit so vielen Frauen zusammen zu studieren. In vielen Seminaren sind wir ausschließlich Studentinnen, und daraus könnten wir doch eigentlich so viel machen (manchmal gelingt das ja auch).

Es geht mir nicht darum, queeren Gruppierungen und Sichtweisen ihre Daseinsberechtigung abzusprechen. Soll es solche (Hochschul-) Gruppen geben. Soll Judith Butler in Seminaren gelehrt werden. Das ist ja sogar wichtig, um sich eine Meinung bilden zu können. Und es ist ihre Theorie – die Theorie einer Frau, einer Wissenschaftlerin, die ich ganz bestimmt nicht zum Schweigen bringen möchte. Zumal sie für vieles, was aus ihren Publikationen gemacht wird, auch gar nicht verantwortlich ist.

Was ich mir aber wünsche, sind mehr, viel mehr kritische Stimmen. Kritische Stimmen, die ebenso ihre Daseinsberechtigung haben. Kritische Stimmen, die sich nicht davor fürchten müssen, als transphob, menschenverachtend oder Schlimmeres betitelt und damit „gesilenced“ zu werden. Wenigstens ein Hauch radikalfeministische Theorie in Seminaren, die sich irgendwie mit Geschlecht befassen.

Und hier kommt jetzt (endlich) der Bogen zu Terre des Femmes: Ich weiß, wie schwierig, kräftezehrend und persönlich tief verletzend es sein kann, sich allein gegen eine Masse zu positionieren. Deshalb ist Vernetzung so wichtig. Terre des Femmes ist ein Sprachrohr für Frauen wie mich. Es ist der einzige mir bekannte (große) Verein in Deutschland, der sich so umfassend für Frauenrechte einsetzt und seine Positionen auf struktureller, feministischer Gesellschaftsanalyse gründet. Ich möchte unbedingt verhindern, dass auch Terre des Femmes queerfeministisch unterwandert wird und Denk- und Sprechverbote folgen. Dazu leiste ich nun meinen bescheidenen Beitrag und bedanke mich bei all den Aktiven im Verein. Auf gute, demokratische Zusammenarbeit.

Du bist auch Mitglied bei Terre des Femmes und hast Lust, uns zu erzählen, warum? Dann schreibe uns an post@diestoerenfriedas.de

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