Meinungspluralismus im Feminismus

Grafik mit dem Text: "Think"

Public Domain, via Pixabay

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

In der letzten Zeit denke ich viel über meine eigene Entwicklung nach, die ich bzgl. des Umgangs mit unterschiedlichen Haltungen im Feminismus durchgemacht habe. Der Text der Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt sowie auch der Text von Kate Leigh „Abschied vom liberalen Feminismus“ haben mich nun veranlasst, diesen Prozess und meine Gedanken dazu aufzuschreiben:

Ich wurde nicht feministisch sozialisiert, die Thematisierung von Feminismus beschränkte sich in meiner Familie auf das Lächerlichmachen von Alice Schwarzer, wenn diese im Fernseher auftrat. Bei einem kurzen Aufenthalt an einer Fachhochschule, in der ich mich auch an Gremienarbeit beteiligte, kam ich in Kontakt mit dem Frauen- und Lesbenreferat. Ich nahm an einigen Sitzungen teil und merkte, dass ich mich dort nicht „abgeholt“ und „überhört“ fühlte. Diese Frauen schienen irgendwie andere Probleme zu haben als ich, hatten einen gebildeteren Hintergrund, waren feministisch belesen, ich war dies nicht und das habe ich oft in Herablassung zu spüren bekommen. Aus diesem Grunde entfernte ich mich aus diesem Kreis und beteiligte mich nur noch an anderen hochschulpolitischen Themen – Feministin wollte ich mich nicht nennen, wenn Feminismus bedeutet, andere aufgrund ihres Bildungshintergrundes lächerlich zu machen.

Dann vergingen viele Jahre und ich ergriff einen technischen Beruf in der Metallindustrie. Eine Frau unter vielen Männern. Anfangs lachte ich bei dem dort vorherrschenden Sexismus mit, um nicht als spaßbefreite Emanze zu gelten, später lachte ich nicht mehr mit und reagierte nicht und noch viel später ertrug ich es einfach nicht mehr. Da ich dann auch sehr krank wurde, war es mir nur recht, aus diesem Beruf aussteigen zu können.

In dieser Zeit, in der mir Sexismus so deutlich vor die Augen geführt worden war, ich ihn am eigenen Leib erlebte und vor allem immer häufiger überhaupt wahrnahm, wie konditioniert wir Frauen in dieser Gesellschaft eigentlich sind, begann ich im Internet nach Feminimus-Plattformen zu suchen. Die Blogs, die ich fand, waren alle queer-feministisch orientiert und ich musste erst einmal viel recherchieren, um manche Begriffe überhaupt erst einmal zu verstehen. Die meisten der dort vertretenen Meinungen und Haltungen übernahm ich, viele übernahm ich – rückblickend betrachtet – völlig unhinterfragt. Das tat ich etwa eineinhalb Jahre lang, bis ich mich in vielen Situationen, Diskussionen ein ganz merkwürdiges, nicht greifbares, aber sehr ungutes Gefühl beschlich. Da ich auch in Projekte involviert war, machte mir das immer mehr Unbehagen. Dieses ungute Gefühl steigerte sich in absolutes Unwohlsein im Umgang mit einigen Menschen dieser Queer-Szene, aber auch in ein Unwohlsein dabei, wie Debatten geführt wurden. Richtig benennen, was mich da so beschlich, konnte ich damals aber nicht.

Dennoch folgte ich meinem Bauchgefühl und beschloss, mich aus dieser Szene zurückzuziehen.

Dann entstand in etwa zeitgleich die abolitionistische Bewegung – die, die sich für die Abschaffung der Prostitution einsetzt – bzw. ich nahm sie erstmals war. Es folgte eine lange innere Auseinandersetzung und lange Beschäftigung mit dem Thema Prostitution. Vorher war ich aber erst einmal lange damit beschäftigt, diesen Verbots-Riegel in meinem Kopf loszuwerden – ein Erbe aus eineinhalb Jahren queer/liberal-feministischer Szene. Ist es mir überhaupt erlaubt, diese und andere Positionen aus dem liberal-/queer-feministischen Spektrum zu hinterfragen und zu kritisieren?

Dank einer tollen Frauengruppe gelang es mir, diese Ketten in meinem Kopf zu durchbrechen und wurde dadurch irgendwie freier.

Als Aktivistin in jetzt anderen Gruppen wurde ich nun mit einer der liberal-/queer-feministischen Szene sehr konträren Herausforderung konfrontiert: Bündnisarbeit mit Menschen, deren Haltungen in anderen Themen ich nicht unterstütze. Das war nicht immer einfach, aber ich habe dadurch eine wichtige Sache gelernt: Dass man sich in Kämpfen auf die Schnittpunkte konzentrieren kann und nicht auf das, was uns teilt. Das schließt nicht aus, andere Mitkämpferinnen zu kritisieren, aber im Fokus steht die Konzentrierung auf die Sache, für die wir kämpfen.

Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen betrachtete ich immer öfter rückblickend meine Zeit im liberal-/queer-feministischen Netz. Und irgendwann gelang es mir auch zu benennen, was mir damals dieses ungute Gefühl, dieses Unwohlsein bereitet hatte. In dieser Szene herrscht ein unglaublich komplexes Regelsystem. Dieses Regelsystem bestimmt, wie du zu denken hast, welche Haltung du zu bestimmten Themen einnimmst und es herrscht das, was Kate Leigh in ihrem Text zu recht als „großes komplexes Privilegiensystem“ bezeichnet.

Das Thema Intersektionalität nehme ich sehr ernst, es war auch schon immer zentraler Bestandteil der radikalfeministisichen Bewegung. Nur, dadurch, dass der liberale/queere Feminismus immer mehr Kategorien in diesem System eröffnet, wurde dieses System für mich irgendwann zu einem verworrenen-unlogischen Unsinns-System. Und nicht selten endeten Diskussionen in völlig sinnfreien „oppression olympics“, die total am feministischen Kerngedanken vorbeischossen.

Zu diesem Regelsystem gehört auch die Verpflichtung, sich zu positionieren und damit den Stand im Unterdrückungssystem deutlich zu machen. Das wurde mir irgendwann zu abstrus, weil es dann in z. B. solchen Aussagen gipfelte: Eine psychiatriebetroffene Frau schrieb, dass sie zwar aufgrund ihrer psychischen Krankheit diskriminiert werde, sie aber aufgrund ihrer Möglichkeit, psychiatrisch behandelt werden zu können, ja privilegiert sei (also alles nicht so schlimm).

Als ich mal in einem antirassistischen Buch eine ziemlich üble und epische diskriminierende Passage fand (Diskriminierung von psychisch kranken Menschen) und den Verlag bzw. die (Schwarze) Autorin deshalb anschreiben wollte (um eine gut gemeinte Kritik zu äußern), wurde ich von einer weißen Mitaktivistin gebremst, ich solle es erst dann tun, wenn sie und eine andere weiße anti-rassistische Aktivistin einen Artikel veröffentlicht hätten, in dem erklärt wird, wie weiße Frauen Schwarze Frauen kritisieren sollen, wenn diese sich diskriminierend verhalten. Sie seien erfahrener, hätten den entsprechenden Studienhintergrund und so. Ich lenkte sofort ein und unterließ es, mich mit einer Kritik an den Verlag zu wenden.

Heute frage ich mich, welchen Grund es geben sollte, diese Schwarze Autorin nicht zu kritisieren? Weil ich weiß bin? Und sie Schwarz? Ich also im rassistischen System privilegiert bin? Ist das eine Begründung dafür, eine Autorin für niedergeschrieben diskriminierenden Mist nicht zu kritisieren, nur weil ich einem anderen Unterdrückungssystem die Privilegierte bin? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Heute würde ich es sofort tun. Damals tat ich es nicht. Verboten. Darf man nicht.

Das sind nur einige Beispiele, die mir als absolut schräg in Erinnerung sind.

Ein wichtiger Punkt ist auch das dort praktizierte Ganz- oder Garnicht-Prinzip, entweder man unterstützt eine andere feministische Gruppe oder feministische Einzelperson oder man tut es nicht. Unterstützt wird sie dann, wenn sie sich diesem dogmatischen Regelsystem unterwirft. Nimmt sie in Teilen eine andere Haltung ein, dann wird diese entweder denunziert oder angegriffen oder konsequent ignoriert – andere feministische Kämpfe werden dann pauschal diskreditiert.

Und ganz zentraler Bestandteil dieser Szene sind immer wiederkehrende herablassende Belehrungen. Auch da kann ich Kate Leigh nur vollkommen zustimmen. Ein Teil dieser Szene kommt sich unglaublich überlegen und besser vor, weil dieser Teil meint, bestimmen zu dürfen, wie Feminismus[TM] richtig geht.

Durch meine Erfahrungen in meiner heutigen feministischen Politgruppe, habe ich gelernt, mir zuzugestehen, mich der Meinung einer Person oder eines Mediums anzuschließen, auch wenn ich in anderen Teilen Kritik übe und mich distanziere. Außerdem können sich Meinungen auch ändern. Das gehört zum ganz normalen Lebensprozess dazu und sollte erlaubt sein.

Es ist in meinen Augen möglich, Medien zu schätzen, die seit Jahrzehnten konsequent die Themen sexuelle Gewalt auf ihrer Agenda haben und seit genauso langer Zeit auf die Schädlichkeit der Systeme Prostitution und Pornographie hinweisen und kann meine Wertschätzung dafür ausdrücken. Genauso ist es mir möglich, Haltungen dieses Mediums zu anderen Themen zu kritisieren oder mich in Teilen von der Art und Weise der Aufbereitung zu distanzieren. Ich möchte gar nicht behaupten, dass das einfach ist, aber ich behaupte, dass es möglich ist und wir so besser in der Lage sind, Kräfte zu bündeln und untereinander solidarisch zu sein.

Es gibt im Übrigen aber auch das Recht, die eigene Meinung nicht zu äußern oder ein Medium/eine Plattform, wenn sie für jemanden einfach nicht passt zu meiden – so etwas wie friedliche Ko-Existenz leben geht auch.

Das ist m. E. aber unerwünscht in der queer/liberal-feministischen Szene; wer nicht den Weg der pauschalen Abwertung oder Geringschätzung geht, weil es etwas “problematisches” gab, dem wird mangelhafte Auseinandersetzungsfähigkeit und -bereitschaft attestiert, weil gegen das dogmatische Regelsystem verstoßen wird, in dem nur bestimmte Medien als unterstützenswert angesehen werden. Es wird seziert und auseinander genommen, was das Zeug hält und jeglicher Inhalt, der in irgendeiner Weise “problematisch” ist, vollends in die Tonne getreten. Übrigens las ich neulich einen Text aus den USA – da drückte sich eine Feministin dahingehend aus, dass sie beim Wort “problematic” inzwischen Zuckungen bekommt. Ich fühlte mich sehr verstanden.

Meine heutige Vorgehensweise und meine Erfahrungen in meinen derzeitigen Polit-Gruppen haben mich demnach kritischeres und eigenständigeres Denken gelehrt. Ich lasse mir meine Meinungen nicht mehr vorkauen und ich verpflichte mich nicht mehr dazu, diese unhinterfragt zu übernehmen. Ganz im Gegenteil bin ich mir und der Gesellschaft die Verpflichtung schuldig, Haltungen kritisch zu hinterfragen. Das tue ich, in dem ich versuche, die Dinge aus unterschiedliche Blickwinkeln zu betrachten, Systeme auf einer Metaebene analysiere und eine Menge lese und mir vor allem ganz genau ansehe, wer das schreibt, was ich lese: Das verstehe ich unter einem Meinungsbildungsprozess, das ist eigenständiges und kritisches Denken.

Ich glaube nicht daran, dass eine Gruppe existieren kann, in der alle die gleichen Haltung zu verschiedenen Thema haben und ich glaube auch nicht, dass das ein erstrebenswertes Ziel ist, auch wenn es sich mit Sicherheit einfacher agieren lässt. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, die liberal-feministische Szene möchte ihre so gestaltete Blase und dann sind eben auch Mittel wie Mobbing und Diffamierungen recht, wenn eine in dieser Blase oder “die bösen Anderen” nicht ganz auf der Spur sind.

Verschiedene Haltungen bereichern eine Gruppe, auch wenn es eine Herausforderung ist, diese unter einen Hut zu kriegen. Ich glaube, dass sowohl das sich lohnt, als auch auf den von der Initiative für Gerechtigkeit erwähnten Meinungspluralismus zu setzen. Immer auch unter der Prämisse, andere in ihren Haltungen kritisieren zu dürfen oder den Weg einer (Teil-)Distanzierung zu gehen. Und immer mit dem Ziel im HInterkopf, dass wir Kräfte für unsere Kämpfe bündeln müssen. Das macht uns stark.

Eigenständiges und kritisches Denken ist erlaubt, liebe Leute und steht auch für die geistige Freiheit, die wir haben und wir nutzen sollten.

Dieses ungeschriebene feministische Gesetzbuch existiert nur in Köpfen, es gibt aber keines, was uns vorschreibt, wie wir zu denken und zu handeln haben.

7 Kommentare

  1. Ja, genau so ging es mir auch!

    Offensichtlich haben VIELE Frauen das patriarchale REGEL-SYSTEM total verinnerlicht und merken es nicht einmal! Da wird solange um Begrifflichkeit und political corectness gekämpft, bis Keine mehr weiss, um was es eigentlich ging. (Inhalt!)

    Frauen haben dermassen viele verschiedene Lebensentwürfe und Erfahrungen, dass man sie einfach nicht über einen Kamm scheren und unter einen Hut (Theorie) pferchen kann.

    UND: Das ist auch gut so. Lasst uns für gemeinsame Anliegen kämpfen, ohne alle platt- (gleich) machen zu wollen, oder gegenteilig; aufspalten zu wollen. (Wir sind NICHT die EU)! Lasst uns Luft zum Atmen, und vor Allem DENK- und REDEFREIHEIT !
    Vive la Difference.

    Diese feministische Gleichschaltung, mit gleichzeitiger Ausgrenzung von anderen Meinungen, ist nichts anderes, als patriarchales “Back-stabbing” und vor allem Ausgrenzung und Bremsung im totalen Ausmass. Man kann keine patriarchale Unterdrückung mit einer neuen diesmal “feministischen” Unterdrückung mit Denk, Meinungs- und Redeverboten aufheben! Dies endet dann nämlich in einer Doppelunterdrückung.

    Genau DIES hindert die Frauen daran, geschlossen einen Durchbruch zu erreichen und wird von den Männern zu Recht als Stutenbissigkeit und Zickenkrieg wahrgenommen.

    Während dessen haben die Herren alle Zeit der Welt, zurückzulehnen, und die Grabenkriege unter den Frauen zu beobachten.

    Gut gemacht Schwestern, ich muss schon sagen.

    Du kannst nicht das Gleiche immer Gleich machen; und ein anderes (besseres) Resultat erwarten. Es ist höchste Zeit, dass Frauen
    ihr giftiges Verhalten einmal selbst unter die Lupe nehmen. Das sexistische Verhalten der Männer kennen wir. Es ist unter jedem Hund. Das giftig-ausgrenzende Verhalten von Frauen unter Frauen ebenfalls.

    Die Einen töten mit Messern, die andern mit Gift.

    Darum muss jede Frau halt den Kampf zuerst alleine führen, was ja aber auch nicht soooo schlimm ist. Wir sind Viele ….Einzelne.

    Wir haben auch noch keine grosse Gruppenerfahrungen, weil wir halt keine “Hordentiere” sind. Deshalb kann man uns auch soooo leicht spalten. Also bitte queer-feministische Frauen, hört einfach auf , Frauen mit patriarchalen Mitteln und Newspeak zu gängeln.
    Nur weil ihr Frauen seid, habt ihr dazu noch lange kein Recht. Das Gegängel und die ständige Besserwisserei der Männer reicht uns da vollkommen.
    Vielen Dank.

  2. Danke, Dörte, für diesen reflektierten Artikel. Finde mich sehr wieder in deinen Worten. Ich wurde auch in das System erzogen, dass Frauen für Männer dazusein haben, habe mich schon als Kind dagegen verwehrt, bin aber mit meinem Vater, der leider auch mit fast 70 nicht verstehen will, dass Männer und Frauen gleichwertig sind, immer wieder in Konflikt geraten. Wobei es nie mehr zu Eskalationen kam nachdem ich volljährig war.

    Heute bin ich, nach langer Abhängigkeitsbeziehung seit 8 Jahren alleine. Habe leider immer noch bei Männern im Allgemeinen oft ein ungutes Gefühl. Wobei ich ja mit fast 50 nicht mehr in das allgemeine Beuteschema passe. Trotz allem ist da immer noch ein großes Mißtrauen dem Mann gegenüber, weil der mich ja wieder nur benutzen will (hatte nach der Trennung von meinem Mann eine Kurzbeziehung, die mir nicht gut tat und wieder nur auf Ausbeutung meiner Ressourcen aus war).

    Deswegen kann ich beispielsweise überhaupt nicht nachvollziehen wie frau als Feministin Pro Pornographie und Prostitution sein kann. Da das ja genau dies spiegelt: die Ausbeutung der Frau als Ware.

    Es gibt jedenfalls noch viel zu tun und zu lernen heute und in Zukunft.

  3. Camila do Nascimento

    Weiß und deutsch zu sein bedeutet sehr privilegiert zu sein. Das geht über den Feminismus hinaus. Rassismus kann nicht mit anderen so genannten Unterdrückungen verglichen werden. Ich bin selber eine schwarze Frau und halte die queerfeministische Bewegung als schwachsinnig. Sie erfinden Sachen, die im Alltag nicht anwendbar sind. Aber Sie, Autorin dieses Textes, sollten ja zuerst in Erwägung ziehen, was Sie zu einem schwarzen Mensch sagen und wie Sie Ihre Kritik gegenüber einem schwarzen Menschen üben.

  4. Camila do Nascimento

    Trotz meiner angegebenen Meinung finde ich den Text zutreffend. Man sollte nicht dazu gezwungen werden wie die alle Anderen gleich zu denken.

  5. Meiner Erfahrung nach ist es so dass in allen Gruppen bestimmte Gruppennormen herrschen, denen mensch sich unterwerfen muss um durch die Gruppe akzeptiert zu werden. Durch diese Normen sind Kleidung und Styling, der Gebrauch von Begriffen und Redewendungen, aber auch die Weltanschauung in der Gruppe geregelt. Das gilt leider auch für feministische Gruppen, egal ob virtuell oder im Real Life.

    Ich selber habe sehr differenzierte und eigenständige Meinungen. Das führt dazu, dass es in allen feministische Strömungen – Queerfeminismus, Radikalfeminismus, Anarchafeminismus, Tierrechts/Ökofeminismus, spiritueller Feminismus, Matriarchatsfeminismus, antikapitalistischer Feminismus, Differenzfeminismus, auf juristische Gleichheit konzentrierter Feminismus – Positionen gibt die ich für mich annehme, aber auch solche, die ich für mich ablehne. Ich werde deshalb von allen entsprechenden Gruppen zur Aussenseiterin gestempelt und fühle mich machtlos angesichts dieser Gruppendynamiken. Offensichtlich wird frau auch in feministischen Kontexten als Gegnerin betrachtet wenn sie sich nicht 100%ig zur Gruppenideologie bekennt. Was der feministischen Bewegung natürlich sehr schadet, denn während die Vertreterinnen der diversen Strömungen einander wütend bekämpfen freut sich das Patriarchat.

    Ich glaube es ist an der Zeit ist dass sich alle Feministinnen gegenseitig als solche respektieren und anerkennen, auch wenn sie in vielen Punkten nicht die gleiche Meinung vertreten.

  6. Sehr geehrte Frau Weniger,

    Ihr Beitrag gefällt mir ausgesprochen gut und er spricht mir aus dem Herzen.

  7. Manchmal bin ich glatt “froh”, dass ich POC und Ausländerin bin, dazu noch lesbische Frau, chronisch krank und aus einer Arbeiterfamilie. Ich bin so gut wie nirgends privilegiert und kann kritisieren, wen ich will, ohne mich darauf hinweisen lassen zu müssen, als privilegierter Mensch dürfe ich das nicht – was meiner Meinung nach auch Bullshit wäre. Ich will genau so behandelt werden, wie andere Menschen auch! Egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Nationalität und welche sexuelle Identität und Orientierung ich habe! Ich will GLEICHberechtigung und GLEICHbehandlung (keine Diskriminierung, egal ob negativ oder positiv in Form einer “Extrawurst”), das ist alles.

    Als mich meine alte Schule für einen Image-Film interviewen wollte, um zu zeigen, was für eine kulturelle Vielfalt sie denn an ihrer Schule hätten, bin ich wütend geworden. Ich als nett lächelnde Quotenausländerin?! Ist das Wertschätzung oder nicht viel eher Instrumentalisierung, Kommerzialisierung?

    Wenn jemand sachlich das, was ich schreibe, kritisieren möchte, ist das für mich völlig okay. Wenn sich Leute wegen meiner Hautfarbe nicht trauen, bzw Leute darüber bestimmen, dass man mich deswegen nicht kritisieren darf, dann finde ich das, sorry, auf irgendeine Weise rassistisch. Kapiert hier vielleicht nicht jeder, aber in so einem Fall würde ich wegen meiner “Rasse” anders behandelt werden, als jeder weiße 08/15-Deutsche. Meine “Rasse” würde thematisiert und zur Bewertung des Umgangs, der mir gegenüber angemessen sei, genutzt, obwohl sie keinerlei Rolle spielen sollte, wenn ich gleich behandelt werden will, sie wird in den Focus gerückt, obwohl kein Grund dazu besteht. Was ich schreibe, sage oder denke, sage ich als Mensch, nicht als POC. Und Menschen darf man doch kritisieren, oder?!

    Mir ist schon klar, dass es POCs gibt, die das anders sehe. Trotzdem: Lasst mir bitte einfach das Recht, darüber, wie ich von anderen Leuten behandelt und bedacht werden möchte, selbst zu bestimmen. Danke.

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