Mit Männern zu schlafen macht mich nicht zu einer schlechteren Feministin

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Es sind Argumente, so absurd, dass Außenstehende sie gerne als Beleg dafür nehmen, dass der Feminismus obsolet ist. “Solange du mit Männern in das Bett gehst, kannst du das mit dem Feminismus nicht ernst meinen.” In einigen feministischen Kreisen gilt es als Kollaboration mit dem Feind, wenn Frauen sich als Feministinnen bezeichnen und trotzdem mit Männern schlafen.

I call it bullshit

Sexuelle Orientierung ist keine freie Entscheidung. “I was born this way” von Lady Gaga funktioniert in beide Richtungen. Wen wir begehren, ist keine Frage bewusster Wahl, sondern inhärent in uns angelegt. Sexualität wird durch viele Faktoren geprägt und wer anfängt, Menschen für das, was sie lieben oder wollen zu attackieren, der begibt sich auf ganz dünnes Eis. So wie lesbische Frauen nicht für ihre Vorlieben angegriffen werden wollen, so gilt das andersherum auch für heterosexuelle Frauen. Auf Männer zu stehen, setzt weder meine intellektuellen Fähigkeiten in der Analyse struktureller Unterdrückung herab, noch führt Sex mit Männern dazu, dass ich auf wundersame Weise durch ihr Sperma fremdgesteuert werde. Verstand und Kritik existieren unabhängig von unserem Begehren, sonst wären wir ja alle nur triebgelenkte Wesen, dem eigenen Verlangen hilflos ausgeliefert. Mit Männern zu schlafen oder Beziehungen mit ihnen zu führen, macht uns nicht zu Unterstützerinnen unser eigenen Unterdrückung. Im Gegenteil: Zu schlafen und zu lieben, wen man möchte, ist Teil unserer individuellen Freiheit und der Freiheit von uns Frauen als Klasse. Wir treten an, um genau dafür zu kämpfen: Freiheit. Liebe zehn Männer oder nur einen, liebe Frauen und Männer, liebe Frauen, aber lass dir nicht von irgendwelchen äußeren Normen hineinreden. Das gilt für die bürgerliche Moral ebenso wie für feministische Strukturen.

Being heterosexual and a feminist sucks

Ja, das stimmt. Es ist anstrengend, Feministin zu sein und heterosexuell. So ziemlich 100 Prozent der Männer, auf die frau trifft, stehen auf Pornos. Viele waren schon mal im Puff. Die meisten haben auf irgendeine Weise irgendein sexistisches Verhalten verinnerlicht und legen es auch an den Tag. Einen zu finden, mit dem man in die Auseinandersetzung zu seinem Verhalten gehen kann, ist schwer. Und trotzdem: Niemand kann etwas daran ändern, warum der Geruch des Einen eben Herzklopfen auslöst, während Händchenhalten mit einer Frau einfach nur eine freundschaftliche Geste ist. Die Absage an die Heterosexualität, die Verweigerung, ist keine Lösung, sie ist eine weitere Beschränkung von Frauen, die zu akzeptieren ich nicht bereit bin. Mal ganz davon abgesehen: Ich ziehe einen Sohn groß. Wäre ich nicht davon überzeugt, dass aus ihm mal ein “Guter” wird, wie sollte ich dann seine Mutter sein? In einem patriarchalen System wird eine Beziehung zu einem Mann immer aus Kompromissen bestehen. Doch die Alternative “politisches Lesbentum” ist nicht so einfach, wie das gerne hingestellt wird.

Lieben und Begehren sind keine Entscheidung

Ich kenne die reflexhaften Antworten, die auf meine Argumente folgen. Dass ich mir das mit den Männern schönrede, weil ich gerne weiter mit meinen Unterdrückern schlafe. Dass ich an einer Art Stockholm-Syndrom leide. Aber wisst ihr was? Spart euch diesen Scheiß einfach. Er ist übergriffig und er ist vor allem völlig inhaltsleer. Er reduziert das, was zwischen zwei Menschen geschieht einzig und allein auf das System, innerhalb dessen sie agieren. Ja, es stimmt. Männer unterdrücken Frauen und auch die Männer, die Frauen nicht aktiv unterdrücken, profitieren vom System der Unterdrückung. Ja, alle Männer, ausnahmslos. Aber wir Menschen sind keine eindimensionalen Wesen. Unsere Identität lässt sich nicht nur entlang der patriarchalen Ordnung verorten, sondern viele andere Faktoren spielen dabei auch noch eine Rolle. Wir sind auch Individuen mit einem freien Willen und der Fähigkeit, sich zu entwickeln und zu wachsen. Der Schlüssel dazu ist Ehrlichkeit. Sei dir im Klaren darüber, dass in einer Beziehung zu einem Mann immer auch sexistische Muster eine Rolle spielen werden – und zwar auf beiden Seiten. Auch du wirst dich der Macht der Normen beugen und dich dabei ertappen, wie du dich in diese Rollen hineinpressen lässt oder er sie von dir fordert. Wie sollte ein Mann, der im Patriarchat sozialisiert wird, sich auch anders verhalten? Doch das bedeutet nicht, dass er sie nicht reflektieren kann. Sei ehrlich und erkenne, ob er dazu bereit ist, dann wirst du nicht auf Dauer Kompromisse schließen, mit denen du nicht glücklich bist. Trotzdem: Liebe und Begehren funktionieren auf einer nicht bewussten Ebene. Uns schlecht dafür zu fühlen, was wir begehren, löst Scham und Selbsthass aus und das ist so ziemlich das Letzte, was Frauen brauchen können.

Ein Werkzeug der Unterdrückung

Scham ist ein Mittel patriarchaler Unterdrückung. Frauen werden beschämt, wenn sie mit zu vielen Männern schlafen, wenn sie zu dick sind, wenn sie ihre Tage haben, wenn sie zu laut reden, wenn sie vergewaltigt werden. Mit der sexuellen Gewalt ist die Scham das mächtigste Instrument der sexistischen Unterdrückung. Sie wird bereits gegen uns eingesetzt, wenn wir noch gar keine Frauen sind. Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben und sorgt dafür, dass Frauen in der Spur bleiben. Beschämt zu werden ist soziale Disziplinierung. Frauen schämen sich viel häufiger und viel intensiver als Männer. Sie schämen sich für ihre Sexualität, ihre Körper, ihre Menstruation, ihre Stimme. Scham ist ein so machtvolles Werkzeug, weil sie uns bereits in unserer Kindheit eingepflanzt wird und dann ihre zerstörerische Saat unser ganzes Leben lang ausbreiten kann. Sie hält uns davon ab, so zu leben, wie wir es möchten. Sie nimmt uns die Freiheit, sie errichtet ein unsichtbares, inneres Gefängnis. Einen anderen Menschen zu beschämen, kann zerstörerischer sein als ihn zu schlagen. Warum tun wir Frauen uns das gegenseitig an? Warum verwenden wir die Werkzeuge unserer Unterdrückung, indem wir uns gegenseitig für unser Begehren beschämen, nur um in einer Debatte die Oberhand zu behalten? Um uns als die besseren Feministinnen zu profilieren? Scham einzusetzen, heißt, verinnerlichte Unterdrückung gegen andere Frauen auszuleben, sich zur Handlangerin des Patriarchats zu machen, also genau das zu sein, was heterosexuellen Feministinnen vorgeworfen wird.

Toxische innerfeministische Debatten

Mir fällt immer wieder auf, wie unfähig Feministinnen sind, auf einer inhaltlichen Ebene zu diskutieren und Argumente auszutauschen. Stattdessen wird sehr schnell auf die persönliche Ebene gewechselt. Die Bemerkung “Solange du mit Männern schläfst, kann ich dich als Feministin nicht ernst nehmen” ist ein klassisches ad hominen Argument und damit ein Mittel der schwarzen Rhetorik. Mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Positionen innerhalb des Feminismus hat es nichts zu tun und ist überdem ein Instrument sprachlicher Gewalt. “Ich mache dich mundtot” sagt man eigentlich damit. Wollen wir als Feministinenn so miteinander umgehen? Ist das die berühmte Sisterhood?

Ich lasse mich nicht beschämen. Ich schlafe, mit wem ich will und wie ich es will. Das zu leben und zu äußern ist nicht nur ein individueller Akt, sondern auch eine politische Handlung. Frauen lieben, wen sie wollen. Das lassen wir uns weder von den Spießern noch von anderen Feministinnen vorschreiben. Lebt damit und behaltet eure schwarze Rhetorik und eure Versuche, uns zu beschämen, für euch.

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