Nationalismus, Trauma und Patriarchat

Bundesarchiv, Idealbild der deutschen Mutter aus: SS-Leitheft, Februar 1943, CC-BY-SA 3.0

Ein Gastbeitrag von Antje Holtzmann

Wir alle haben ein Bild vor Augen, wenn wir an Neonazis denken: Springerstiefel, Glatze, Thor Steinar oder Consdaple Kleidung, grölend mit einer Flasche Bier in der Hand. Wenn wir an Neonazis denken, denken wir in der Regel an einen weißen cis-Mann. Aber was ist mit den Frauen der Bewegung? Wie dürfen wir uns die Rolle der Frau der rechten Szene vorstellen und was sind Beweggründe, sich als Frau einer absolut misogynen Bewegung anzuschließen? Oder wie kommt es, dass Menschen dem Nationalismus verfallen, die gar nicht dumm genug sind, den haltlosen Argumenten dieser Ideologie glauben zu schenken?

Nach drei Jahren in der rechten Szene kann ich von meinen persönlichen Erfahrungen erzählen und glaube auch, eine neue Perspektive auf das Thema eröffnen zu können.Um Zusammenhänge besser aufzeigen zu können, muss ich erst einmal ein bisschen autobiographisch werden. Ich komme aus einer bayrischen Großstadt, wuchs ohne Vater bei einer psychisch kranken Mutter auf und kam dann zu Pflegeeltern. Die Zeit bei meiner Mutter war ich mit ihren Traumata konfrontiert und wurde auch selbst von Bekannten der Familie sexuell missbraucht. Ab meiner Pubertät erlebte ich immer wieder sexuelle Gewalt und begann dann mit 14 mit der Prostitution. Frauenhass war für mich sowohl Realität, als auch Normalität. Auch meine Mutter negierte jegliche Weiblichkeit. Sie schnitt mir seit meinem zweiten Lebensjahr die Haare kurz und wandelte meinen Vornamen in die männliche Variante um. Sie selbst gab sich auch Mühe, möglichst maskulin auszusehen.

Im Nationalsozialismus ist chauvinistisches Verhalten an der Tagesordnung. Männer im rechten Parteienspektrum sehen Frauen als Nutztiere, Sexobjekte, Gebärmaschinen oder Mittel um ihr Prestige zu steigern. Frau ist da zur Kindererziehung, zur Haushaltsführung, muss hübsch aussehen und sexuell immer verfügbar sein. Frauen, die in der rechten Szene bekannt werden, werden das entweder, weil sie dreimal soviel Anstrengung aufwenden wie ihre männlichen Kameraden oder weil sie von den Männern der Szene sexuell begehrt werden, was der häufigere Fall ist. Auch ich gehörte zu letzteren.

Trotz meines Engagements und oftmals höheren Kompetenz als der meiner männlichen Mitstreiter, wurden mir nie Ämter gegeben. Auf Demonstrationen sollte ich deutschlandweit dabei sein, weil ich als hübsches, typisch “arisch” aussehendes Mädchen deklariert und damit medienwirksam war. Mir wurde sogar immer das ICE-Ticket gezahlt, aber die Partei hat mich eindeutig auf ein Objekt reduziert. Die meisten der Parteioberhäupter tummelten sich auf meinem Facebook-Profil, gaben Likes, Herzen und ich bekam des öfteren Einladungen zu Körperkontakt oder ein Junggeselle dachte, er mache mit mir einen guten Fang. Öfter waren mir einmal ein paar Redeminuten eingeplant auf Demonstrationen und Mahnwachen, aber die nahm dann meist einer derer in Anspruch, die sich in ihrem Hass und ihrer Hetze suhlten und vor Selbstverliebtheit gar nicht mehr aufhören konnten zu sprechen, schreien, wie auch immer, so wie es sie auf jeder rechten Demo gibt.

Also wurde ich wie schon mein ganzes Leben vorher auf meinen Körper reduziert. Doch warum passierte das? Warum ließ ich es zu? Die meisten Menschen denken, dass man nach so einer Biographie nach dem Gegenteiligen sucht. Man möchte denken, eine vergewaltigte Frau will danach nie wieder körperliche Berührung, ein Kind von Alkoholikern nie einen Schluck Alkohol in seinem Leben. Doch wenn Menschen etwas kennen, bleiben sie oft in ihrem Fahrwasser. Frauen, die sexuell traumatisiert oder generell Opfer von Gewalt sind, suchen sich später oft unterbewusst Täter-Typen aus und davon gibt es in der rechten Szene schließlich genug.

Meistens sind nationalistische Männer Außenseiter mit großen Komplexen. Sie fühlen sich aus Gründen, die in der jeweils eigenen Biographie liegen minderwertig und müssen diesen Komplex durch Rassismus und Misogynie ausgleichen. Die Tatsache ein deutscher Mann zu sein wertet sie auf, ohne dass sie dafür etwas tun müssen. Manche haben auch homosexuelle Neigungen für die sie sich so sehr schämen, dass sie betont homophob agieren, um nicht damit aufzufallen, weil sie Angst vor Ablehnung und gesellschaftlicher Ausgrenzung haben. So ist der Nationalismus eine Ideologie von Menschen, die verzweifelt versuchen, ihren “inferiority complex” durch “white supremacy”-Gehabe auszugleichen.

Doch zurück zur Frage, warum Frauen in der rechten Szene gegen ihr eigenes Geschlecht schießen oder zumindest dulden, dass geschossen wird. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen, aber mir sind in der Szene einige bekannt, die Prostitution betreiben. Einige sind Camgirls und/oder Pornodarstellerinnen, manche Prostituierte oder beides, die Linien sind da oft schwammig. Das bedeutet, sie sind darauf konditioniert, männliche Bedürfnisse zu befriedigen, sich benutzen zu lassen. Fast immer ist die Vorgeschichte der Prostitution, in welcher Form auch immer, Trauma und ein daraus folgender Zwang von Reinszenierung und Retraumatisierung. Wenn das Opfer sexueller Gewalt aber keine Therapie macht, weiß es aber gar nicht, dass promiskuitives Verhalten eine Folge der Verletzung ist und bleibt in der Situation (evtl. weil sie sich für selbst Schuld hält oder einfach, weil sie gerade nicht anders überleben kann) Diese Frauen sind so trainiert darauf, sexuell zu funktionieren, sie “dissoziieren” (Abspaltung von Gefühlen, Trennung von Körper und Bewusstsein), sodass sie kaum oder nicht merken, dass sie sich in einem für sie so toxischen Umfeld befinden.

Wenn Frau die Bedürfnisse des Mannes über ihre Eigenen stellt, sind Frauenhass und auch der Hass gegen sich selbst schon in Fleisch und Blut übergegangen. Frauen, die von Männern Bestätigung für ihre körperliche Verfügbarkeit erhalten, aber Gewalt erlebten, wenn sie diese nicht hergaben, werden völlig damit übereinstimmen, wenn Männer sagen, dass eine Frau für die Freuden der Männer da ist. Was gibt einer so konditionierten Frau aus ihrer Sicht nun mehr Macht? Dagegen anzukämpfen und alles Bekannte und sich angeeignete Überlebensstrategien zu hinterfragen, auf die Gefahr hin, gesellschaftlich nicht mehr funktionieren zu können oder sich dem zu fügen, sich den “verkappten Emanzen” gegenüber überlegen zu fühlen und den Support der sowieso stärkeren, sowieso gewinnenden, sich sowieso alles mit Gewalt holenden und unüberwindbaren Männerwelt im Rücken zu haben. Sie haben aufgegeben, sich zu wehren. Sie haben aufgegeben, zu dem was Männer sagen, Nein zu sagen. Für sie macht es mehr Sinn, über die eigenen Gefühle hinwegzusehen.

Aber abgesehen von Frauen aus dem Hintergrund von Trauma gibt es natürlich auch welche, denen so etwas nicht widerfahren ist und die sich trotzdem in nationalistischen Kreisen aufhalten und engagieren. Ich bleibe erstmal weiterhin am Beispiel eines traumatisierten Mädchens, aber der Grundsatz lässt sich auch auf Otto-Normal-Frau anwenden. Eine gute Freundin von mir ist Afroamerikanerin und wurde aus diesem Grund mit 12 Jahren von acht Neonazis auf einem Spielplatz vergewaltigt. Dennoch wohnte sie Jahre später bei einem bekannten Funktionär einer rechten Partei und ließ den Kontrollzwang, die sexuelle Verpflichtung ihm gegenüber und die permanenten, demütigenden, rassistischen Bemerkungen des von ihr besessenen Alkoholikers über sich ergehen. Zum einen bestätigt das die These des Zwangs zur Retraumatisierung, aber für mich wird hier noch etwas anderes deutlich: ihr Selbsthass.

Doch warum hasst sich das Mädchen seit der Vergewaltigung selbst? Sie kann doch nichts dafür! Die Antwort ist Victim Blaming! Unsere Gesellschaft ist immer noch so sehr gelenkt von Denkmustern, die dem Täter Recht geben und nicht den Opfern. Frauen wird gesagt, sie sollen sich nicht offenherzig kleiden, sich nicht betrinken und nicht flirten, sonst würden sie eine Vergewaltigung provozieren. Man solle doch immer eine Armlänge Abstand halten. Nicht die Männer werden ermahnt, die Frauen werden in die Verantwortung gezogen. Natürlich fühlt sich jede Frau die Opfer von sexueller Gewalt wurde also erstmal selbst schuldig. Täter geben dem Opfer die Schuld und die Gesellschaft akzeptiert es, macht sogar mit. Aber abgesehen davon wird Frauen in vielerlei Hinsicht die Verantwortung zugewiesen bzw. die Schuld zugeschoben.

Wir werden behandelt, als sei es unser Fehler, weiblich geboren worden zu sein und nun müssen wir mit den negativen Konsequenzen leben. Wenn wir nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, übergewichtig sind oder uns dem Beautywahn nicht hingeben möchten, wird uns gesagt, wir seien selbst Schuld, wenn wir keinen Mann fänden und für immer allein blieben. Wir bekommen weniger Gehalt, weil wir das Risiko bergen, schwanger zu werden. Tampons und Binden werden nicht wie Hygieneartikel normalerweise mit 7% besteuert, sondern mit ganz normaler Mehrwertsteuer von 19%. Die Gesellschaft zieht uns für unser Frau-sein zur Verantwortung und benachteiligt uns deswegen.

Wenn eine Frau nun nicht die nötige emotionale Unterstützung hat, niemanden der ihr sagt, dass sie als Frau wertvoll ist, dann wird sie wahrscheinlich das Bild annehmen, das unsere patriarchale Gesellschaft ihr vermittelt. Sie wird es hassen, eine Frau zu sein. So erkläre ich mir die Frauen, die in der rechten Szene verweilen, ohne großartig Opfer von männlicher Gewalt geworden zu sein. Weil sie das Frau-sein hassen, stimmen sie den Männern zu. Weil sie aber Bestätigung wollen, mimen sie die besseren Männer, indem sie dreimal so hart arbeiten wie ihre männlichen Mitstreiter und versuchen zugleich noch dem nationalsozialistischen Frauenbild gerecht zu werden, indem sie zudem noch Hausfrau und Mutter sind. Das Verhalten der Frauen ist immer Produkt von emotionalem Schmerz. Deshalb dürfen wir sie nicht verurteilen, kein Mensch wird grundlos Neonazi.

Jeder hat seine Geschichte, ich habe in der Szene keinen kennengelernt, der nicht aus schwierigen Verhältnissen kam. Wichtig ist Aufklärung und die Bekämpfung der Szene. Die Bekämpfung patriarchalen Gedankenguts. Wir müssen bewirken, dass misogyne Weltanschauungen verboten werden. Frauenrechte sind Menschenrechte und wir müssen auch für die Schwestern einstehen, die ihre Rechte nicht wollen. Das ist die Verantwortung, die wir übernehmen, wenn wir den Weg aus der Unterdrückung der Frau anstreben und unsere Kinder und Kindeskinder werden es uns danken.

7 Kommentare

  1. Käsestulle

    “cis-Mann”

    Hört auf, diesen “queer” Bullshit zu reproduzieren.

  2. Wenn nur die Linke Szene besser wäre!………. Dort herrscht die gleiche
    Misogynie, nur verdeckter und sublimer. Fazit? Alle Frauen müssen sich
    gegen beide Seiten zur Wehr stellen. Wir müssen uns deshalb wieder an die Amazonen erinnern, das waren DIE mit der Doppelaxt! Die werden damals wohl gewusst haben warum.

  3. ps1: Misogynie feiert wieder mal Urstände. Keine Ahnung warum. Der Artikel beschreibt dies gut. Und ja, die fehlende Solidarität und der verinnerlichte Frauenhass, auch von Frauen tut sehr weh. SEHR WEH!!!!

  4. Sehr gelungener Artikel. Der Zusammenhang von Gewalt gegen Frauen und internalisiertem Hass wird anschaulich an biographischen Beispielen erläutert.

  5. Ich möchte eine Anregung zur Otto-Normal-Frau geben: Ich glaube, dass es viel mit Überlegenheitsgefühlen, Minderwertikeitskomplexen zu tun hat, wie bei den Männern. Aber vielleicht kommt bei den Frauen noch die Übezeugung dazu, anderen Frauen überlegen zu sein, da sich sich in einer “Männerwelt” durchgekämpft haben, was ihre Verachtung für Frauen im Allgemeinen, die das ja nicht schaffen, nur noch verstärkt.

  6. mAthilda

    Danke erstmal für diesen Artikel. Ich finde, es spannend sich mit internalisierten patriarchalen Mustern auseinanderzusetzen. Es tut zwar weh, ist aber m.E. äußerst befreiend und bringt uns in der Kritik am patriarchalen Gewalt- und Herrschaftsverhältnis weiter.
    Als erstes möchte ich mich gegen eine plumpe Gleichsetzung der rechten und linken Szene/Bewegung/whatever verwehren. Es sind m.E. andere Wert- und Weltvorstellungen, die dort vorzufinden sind. Klar kann sich eine Linke nicht von misoynen und patriarchalen Mustern freisprechen, doch ist es ein postulierter Grundkonsens die Gleichberechtigung der Geschlechter.
    Ich habe ein Problem, dass im Artikel zu stark psychologiesiert und somit zum Teil entpolitisiert wird. Ich verstehe das Anliegen dabei, doch vernachlässigt es schnell die politische-ideologische Haltung. So dient eben auch der Rassismus und der Antisemitismus innerhalb der Nazi-Ideologie, sich selbst über die anderen zu heben. Sich von seinem eigenen Leid zu befreien wird über die Schuldzuschreibung an andere und das Leidzufügen anderer versucht. Es ist für Menschen, die nicht in harten Abhängigkeits- bzw. Gewaltbeziehungen hängen, auch eine bewusste Entscheidung für eine menschenverachtende Ideologie.

  7. Liselotte

    mAthilda, danke für diesen Kommentar, dem ich mich in vollem Umfang anschließe!

    Außerdem teile ich die im Text vorgenommene grundsätzliche Problematisierung von “promiskuitivem Verhalten” nicht. Diese entsteht durch die Aussage, dass “promiskuitives Verhalten eine Folge der Verletzung” sei. Denn als Problem, welches durch sexualisierte Gewalt entsteht, würde ich nicht “promiskuitives Verhalten” identifizieren, sondern vielmehr, dass Frauen ggf. ihre Sexualität unter die der Männer unterordnen, wie ja auch an anderen Textstellen beschrieben. Daraus kann dann (sofern von den Männern erwünscht) “promiskuitives Verhalten” entstehen.
    Promiskuität ist aus feministischer Sicht m.E. allerdings weder per se als schlecht noch per se als gut zu bezeichnen. Es kommt immer auf die Gründe an, aus denen sie entsteht. Ist es, weil Frauen Spaß an Sex haben und Lust, Neues auszuprobieren? Super! Ist es, weil Frauen (ökonomisch, psychisch, physisch,…) dazu gezwungen werden bzw. sie das nur tun, weil Männer es wollen? Geht gar nicht!

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