Nullnummern-Zeromachos

Star Wars: Episode 1 The Phantom Menace 3D

Eva Rinaldi via Flickr, [CC BY-SA 2.0]

Wer sich mit dem Thema Sexkauf und Prostitution beschäftigt, der stößt immer und immer wieder auf Lobeshymnen über „Zeromacho“. Nicht nur „Zeromacho“ Deutschland wird gelobt, insbesondere „Zeromacho“ Frankreich, das große Vorbild. Mit großen Fingern wird auf die tollen Männer in Frankreich gezeigt, die diese Organisation gegründet haben. Wir stellen uns förmlich Hundert- und Tausendschaften an pro-feministischen, französischen Männern vor, die vielleicht auch noch sehr erotisch „je t’aime“ hauchen können.Wenn man sich nur etwas näher mit den Zeros beschäftigt (der Name Null könnte ein Hinweis sein), dann entdeckt man, dass in Frankreich mit nur sehr wenigen Mitteln, und von nur sehr wenigen Männern, medial sehr viel erreicht wurde. Und bedauerlicherweise handelt es sich um keine Übertreibung, wenn hier von sehr wenigen Männern gesprochen wird, denn auch in Frankreich gibt es nicht sehr viele pro-feministische Männer.

Ich hatte mich auch sehr gewundert, um ehrlich zu sein, über diese angeblichen Massen von Männern in Frankreich, die sich mutig gegen Prostitution einsetzen sollen. Das Interesse von Männern, am Patriarchat etwas zu ändern, und an der Prostitution als eines der Eckpfeiler des Patriarchats, ist nicht gegeben, da jeder Mann natürlich davon profitiert. Und sei es nur dadurch, dass er „anders“ ist und somit besonders hofiert wird. Wenn ein Mann sich nicht für Prostitution interessiert und dies nicht möchte, dann geht er einfach zu keiner prostituierten Frau. Im Gegensatz zu Frauen, die alle durch das System der Prostitution zur Ware werden, auf die eine oder die andere Art, und deshalb immer betroffen sind. Dieser gesellschaftliche Kontext besteht auch in Frankreich und die Anforderungen an französische Frauen, einem bestimmten Frauenbild zu entsprechen, unterscheiden sich von den Anforderungen an ein Idealbild der Frau in Deutschland nicht. Egal ob in Paris oder in Gaualgesheim, die Frau ist eine Ware im Patriarchat. Egal, ob Marie Claire oder Anna-Lena Marie, Patriarchat bleibt Patriarchat.

Im Zusammenhang von „Zeromacho“ wird und wurde tatsächlich wieder bedauerlicherweise demonstriert, dass die Wirkweise des Patriarchats sich reproduziert, in allen Zusammenhängen, und auch der Kampf gegen Prostitution bildet keine Ausnahme. Frauen können tatsächlich Jahre und Jahrzehnte schreiben, Workshops anbieten und selbst teilnehmen, Aktionen machen und zu Kundgebungen gehen, aber das ganze mühselige Engagement ist dann letztendlich nichts gegen das, was einige wenige Männer öffentlichkeitswirksam sagen. Die Aufmerksamkeit ist für Männer durch fast nichts zu erreichen. Frauen werden in der Gesellschaft kaum gehört und anscheinend trifft dies auch beim Thema Feminismus zu, denn ansonsten gibt es kaum eine Erklärung dafür, dass solch eine überdimensionale Bedeutung auf die Aktivitäten von einer handvoll (genau) Männern gelegt wird. Ein Mann der gegen Prostitution ist, stellt anscheinend so ein Wunder dar, dass alleine diese Aussage schon fast reicht, um in alle Schlagzeilen zu kommen. Und Feministinnen stürzen sich ebenso ganz begeistert auf die drei Männer (so viele sind es ungefähr), die in Frankreich „Zeromacho“ darstellen, als wären sie Mädchen, die einer Boygroup zujubeln. Und tatsächlich gibt übrigens es Männer, die Feminismus als Masche nutzen, um ihre Attraktivität zu steigern, aber das ist hier nicht relevant, aber musste mal angemerkt werden.

Also: Wer steckt hinter “Zeromacho” Frankreich wirklich?

Gegründet wurde Zeromacho im Winter 2011 von ganzen zwei Männern, Frederic Robert (Immobilienmakler) und Patric Jean (Filmemacher).

Sie wurden spannenderweise zusammengeführt von einer Frau, Florence Montreynard. Es wäre auch zu viel erwartet, dass Männer alleine auf die Idee kommen, dass Gewalt gegen Frauen ein männliches Problem ist. Und dass Männer sich hier engagieren könnten. Einige wenige Männer tun das tatsächlich, aber bei Zeromacho war eine Frau die Organisatorin.

Florence Montreynard ist eine französische Feministin, die sich schon lange mit dem Thema Prostitution befasste. Sie studierte Prostitution aus der Sicht des Mannes und veröffentlichte hierzu 1993 ein Buch, ebenso wie Artikel zum Thema „von Männern, die bezahlen“ (prostitueurs). Sie interessierte sich auch für die Gründe, die dazu führen, dass Männer nicht für Sex zahlen möchten.

Seit 2004 versuchte sie, den Widerstand zur Prostitution zu organisieren. Diese internationale Bewegung resultierte schließlich in der Gruppe „Zeromacho“ im sozialen Netz mit dem Manifest: “die Männer sagen NEIN zur Prostitution” – “Des hommes disent NON à la prostitution”. Montreynard veröffentlichte schon 1999 ein Manifest mit Chiennes de garde (Wachhündinnen): “Ca suffit” – “Das reicht”. Der Hintergrund hierzu war, dass die Beleidigung einer Frau in der Öffentlichkeit sozusagen eine Beleidigung aller Frauen darstellt und öffentliche Angriffe auf Frauen in den Medien bloßgestellt werden sollten. Stephane Hessel („Empört Euch“) hatte dieses Manifest übrigens auch unterzeichnet. Im Jahr 2000 schließlich veröffentlichte Florence Montreynard das Manifest „non a la pub sexiste“ (nein zur sexistischen Werbung) durch „la meute“.

Florence Montreynard war also schon lange sehr aktiv in der feministischen Bewegung. Sie kannte durch ihre Aktivitäten einige Männer, die eine konsequente Haltung gegen Prostitution hatten und motivierte sie, zu diesem Thema aktiv zu werden. Hierzu gehörte auch der schon erwähnte Frederic Robert. Frederic Robert setzte sich mit dem Feminismus und sexistischer Werbung durch „la meute“ auseinander, aber insgesamt waren weder er noch Patric Jean wirklich zuvor politisch aktiv gewesen. Das betonten sie im Interview 2012 mit „libertees“. Die Zeros (Nullen) waren sozusagen zu dritt, mit Gérard Biard, dem damaligen Chefredakteur von Charlie Hebdo. Alleine das ist spannend angesichts einiger sehr frauenfeindlicher Zeichnungen in CH, wie zum Beispiel der Cartoon von Frauen mit herausgestreckter Zunge bei der Kommunion (nachdem diese auch für Geschiedene möglich war) und einem Priester der hierbei sagt: “Entschuldigt diese Schwanzlutscherinnen”.

„Zeromacho“ Frankreich bzw. diese drei Männer schufen mit ihrem Manifest gegen die Prostitution eine Internetseite und konnten so innerhalb kürzester Zeit 800 Unterschriften gegen Prostitution sammeln. Das war natürlich bewundernswert und hat, zugegebenerweise, dem Kampf gegen Prostitution und für die Freierbestrafung in Frankreich sehr geholfen.

Aber welche Haltungen vertreten die Männer von „Zeromacho“ noch? Patric Jean zum Beispiel betrachtete den Kampf gegen das System der Prostitution zumindest als Kampf auch für die Gleichheit zwischen Frauen und Männern insgesamt.

Frederic Robert allerdings sah, 2012, zum Beispiel Pornographie nicht als Problem, da es schließlich unterschiedliche Arten des Pornos gibt. Patric Jean kann also zumindest als radikaler wie Frederic Robert betrachtet werden in Bezug auf Feminismus. Patric Jean betrachtete Pornografie zumindest kritisch, denn er meinte, dass Pornographie genauso wie Prostitution bezahlt wird und sich somit nicht wirklich von ihr unterscheidet. Sex sollte es aber ohne Geld geben.

Robert allerdings glaubte, dass diejenigen, die Pornos konsumieren, den Unterschied zwischen Pornografie und Realität erkennen können. Dass Pornografie genauso Gewalt gegen Frauen darstellt wie Prostitution und Pornografie Haltungen und Gefühle gegenüber allen Frauen zutiefst beeinflusst und verändert, wurde von diesem Gründer von „Zeromacho“ nicht gesehen.

Noch zu erwähnen ist der Begriff der „Freiheit“ – „La Liberte“. Der Freiheitsgedanke ist bei Patrick Jean im Vordergrund im Kontext von „Zeromacho“. Er sieht alles als sexuell möglich zwischen zwei Erwachsenen (auch Kannibalismus? gegenseitige Folter?). Aber ist diese Haltung prinzipiell überhaupt hilfreich ohne Bezugnahme zur Geschlechterhierarchie? Kann es sexuelle Freiheit für Frauen im Patriarchat überhaupt geben?

Was wollen wir Feministinnen jetzt also von zwei bis drei Männern erwarten, von denen einer kein Problem mit sexistischen Cartoons hatte, ein anderer Pornos in Ordnung findet und ein dritter vor allem unbezahlten Sex will, um es etwas polemisch auf den Punkt zu bringen?

Am Ende des Interviews aus dem Jahre 2012 werden „Zeromacho“, also Patric Jean und Frederic Robert, gefragt, was sie nach dem Thema Prostitution tun werden. Die Antwort von Robert: “Wir möchten lieber für etwas sein als dagegen. Vorschläge?”. Welche gefeierten Männer sind das, die nicht wissen, was sie im Patriarchat nach dem Kampf gegen Prostitution tun wollen? In jedem Fall sind es keine wirklichen feministischen Verbündeten.

Auch Frauen werden übrigens auf der Seite von Zeromacho gezeigt. Sie konnten in der Zeit der Unterschriftensammlung für das Manifest „Zeromacha“ werden, wenn sie mindestens sieben Unterschriften von Männern für das Manifest gegen die Prostitution eingesammelt hatten. Wie süß. Allerdings zeigt sich hier, dass der Ausdruck „macho“ nicht authentisch in seiner Begrifflichkeit reflektiert wurde, denn sonst würde mann nicht auf den Begriff „macha“ kommen. Macho bedeutet männlich und stellt ebenso den demonstrativen Beweis des geschlechterrollenentsprechenden Verhaltens dar: traditionelle Männlichkeit in der übelsten Form. Frauen haben hier wenig zu lachen und ob der Ausdruck „macha“, der nicht existiert, wirklich als lustig zu sehen ist von Frauen in dieser brutalen Geschlechterhierarchie, ist fraglich. Aber Männer können im Patriarchat einfach immer lachen, auch wenn sie „Zeros“ sind.

Patric Jean, der Filmemacher, hat übrigens auch einen Spot gegen Prostitution gedreht. Der Spot zeigt eine ältere Frau, die Geld auf einen Tisch legt, sich dann auf das Bett wirft und ihre Beine spreizt. Ein Mann kniet daraufhin vor ihr nieder.

In diesem Werbespot wird allerdings die bestehende Geschlechterhierarchie wieder völlig außer Acht gelassen. Umkehrung der Geschlechterrollen zur Verdeutlichung von Zusammenhängen kann oft funktionieren, aber manchmal auch nicht. Tatsächlich ist es so, dass von Männern geglaubt wird, dass eine junge Frau angeblich noch jeden alten Sack toll findet, aber Frauen über 25 Jahre (wird immer jünger durch die Pornoindustrie) werden als widerwärtig von Männern erachtet. Nur fickbar im Absurditätenkabinett der Pornowelt sozusagen. Der Film soll also Ekel vor der Prostitution erzeugen, indem er darstellt, dass bezahlter Sex widerwärtig ist, denn der Sexualpartner ist nur einseitig frei wählbar. Aber letztendlich reproduziert der Spot nur das Stereotyp der sexuell unattraktiven älteren Frau, vor der Mann sich ekelt. Ob das zielführend ist für Frauen und als feministisch gelten kann, ist zweifelhaft.

Teilweise soll Zeromacho auch finanziell unterstützt worden sein durch die Scelles Foundation in Frankreich. In jedem Fall unterstützt diese Stiftung Abolition 2012. Die Geschichte der Scelles Foundation ist tatsächlich spannend, insbesondere in Bezug auf männliches Engagement. Die Stiftung wurde 1993 gegründet durch Jean und Jeanne Scelles, die ihr ganzes Vermögen hierfür spendeten. Zumindest ist das die Information, die auf der Seite der Stiftung wiedergegeben wird. Jean Scelles war Kämpfer des französischen Widerstandes und 1941 in Algier in Haft. Er erfuhr während seiner Inhaftierung von Prostitution durch einen anderen Zellinsassen, der Zuhälter war (Procurer). Er erklärte damals Jean Scelles, wie er die Mädchen für die Prostitution anlernte, mit ihrem Widerstand umging und sie „korrigierte“.

Nach seiner Haft versprach Jean Scelles, zusammen mit seiner Frau, sein Leben dem Kampf zur Verteidigung der Menschenwürde zu widmen. Seine Stiftung setzt sich unter anderem für höhere Haftstrafen von Zuhältern ein. Er gründete „les Equipes d’Action Contre le Proxénétisme-EACP“ und von 1953 bis 1973 arbeiteten hier 40 Anwälte und stellten Strafanträge gegen Zuhälter.

Philipp Scelles übernahm die Stiftung als ihr Präsident von 1996-2010.

Wir wissen nicht, was wirklich im Gefängnis in Algiers geschah, aber erstmal hört sich diese Geschichte nachvollziehbar an. Es ist, wie gesagt die Geschichte, die offiziell von der Stiftung erzählt wird. Ein Mann in einer traumatischen Lebenssituation, der gegen den Faschismus kämpfte, erfährt, wie Frauen in die Prostitution durch Zuhältermethoden getrieben werden und dann auch darin gehalten werden. Wer auch nur einmal das wahre Gesicht eines Psychopathen (hier eines Zuhälters) erleben durfte, völlig ohne Maske, kann vielleicht tatsächlich emotional so überwältigt sein, dass wahres Engagement hieraus wachsen kann.

Tatsächlich ist es wichtig für den Erfolg der feministischen Bewegung, dass auch Männer eine andere Kultur untereinander schaffen, indem sie sexistische Verhaltensweisen deutlich ablehnen. Sie dürfen sexistische Äußerungen und Verhaltensweisen anderer Männer nicht ignorieren oder sogar noch akzeptieren durch wirkliches oder metaphorisches Schulterklopfen. Männliche Pornokultur konnte genau deshalb auch so zunehmen, da Männer sich gegenseitig bestärken, sich gegenseitig feiern und gemeinsam Frauen abwerten und vielleicht sogar gemeinsam konsumieren.

Zweifelsohne konnte “Zeromacho“ in Frankreich Vieles bewirken mit sehr wenigen Mitteln. Und die Beteiligung von Männern beim Kampf gegen die Prostitution, für ein Sexkaufverbot und somit für einen Wertewandel hin zu der Sicht, dass Frauen keine Ware sind, war und ist vielleicht essentiell. Erinnern wir uns zum Beispiel an den widerlichen Brief „Hände weg von meiner Hure“, unterzeichnet von Prostituenten in Frankreich, auf den eine Reaktion von Männern wie „Zeromacho“, die eben keine Frauen kaufen wollten, viel medienwirksamer war. „Zeromacho“ konnte eben belegen, dass nicht alle Männer Frauen kaufen möchten und Prostitution somit nicht automatisch zur Männlichkeit gehört. Frauen könnten zwar auch Männlichkeit definieren, aber das interessiert einfach niemanden.

Trotzdem aber wird mit der ständigen Erwähnung von „Zeromacho“ auch in feministischen Zusammenhängen, genau wie im Patriarchat üblich, Männern überproportional und überdimensional viel Raum gegeben. Männliches Engagement wird vergrößert und das von Frauen somit als Folge verkleinert. Feminismus bedeutet aber auch, dass Frauen sich endlich ihren Raum nehmen und nicht Männer, in einer Reproduktion des Patriarchats, gefeiert werden für minimalstes Engagement. Gewalt gegen Frauen, und somit auch Prostitution, ist ein männliches Problem.

Von wirklichen männlichen Unterstützern ist mehr zu erwarten als ein bischen Social Media Aktivität und Interviews, die letztendlich auch dem eigenen Bekanntheitsgrad dienlich sind. Und authentisches Engagement gegen Gewalt und Unterdrückung kommt von einem selbst, wenn man zur davon profitierenden Gruppe gehört, durch vielleicht eigene direkte Konfrontation mit den Auswüchsen, wie es Jean Scelles anscheinend erlebt hat. Es ist auch ein lebenslanger Prozess mit einer ständigen Auseinandersetzung mit den eigenen dominanten Anteilen und dem eigenen Profit am System Frauen (und Kindern) als Ware.

“Zeromacho” ist ein Kooperationspartner im Kampf für ein Sexkaufverbot, aber leider keine neue Männerbewegung, von der die feministische Revolution ausgehen wird. Und es gibt auch in Frankreich keine wirkliche Bedrohung des Patriarchats durch Nullen.

Sabine Schaffhausen-Richter


https://zeromacho.wordpress.com/

Zeromachas: Frauen die mindestens sieben Unterschriften von Männern geholt haben.

http://www.deutschlandradiokultur.de/schluss-mit-gekauftem-sex.947.de.html?dram:article_id=268023

Scelles – 2008 http://www.fondationscelles.org/en/about-us/history

http://libertees.blog.lemonde.fr/2012/06/19/libertetes-de-juin-entretien-avec-patric-jean-et-frederic-robert-de-zero-macho/

 

8 Kommentare

  1. Belladonne

    Noch hinzuzufügen wäre, dass Zeromachos sich als nicht-Frauenkörper- Konsumenten outen, was nicht besonders feministisch ist, und sich trotzdem die Etikette “Profeministisch” verpassen. Dadurch geniessen sie eine Sichtbarkeit und eine Beliebtheit unter (hetero) Feministinnen, die für sie (hetero) Männer sehr erfreulich ist und eine persönliche Bejahung bedeutet, die (hetero) Feministinnen (die oft single sind) selten erleben.

  2. Silvio Reindl

    Hmm, da gebe ich Frau Schaffhausen-Richter recht. Es läuft zwar auf die Aussage hinaus, wenn dir nichts schlimmes widerfahren ist, bist du kein echter Verbündeter, ich verstehe dennoch, das Ihr authentische Feministen wollt. Ein Engagement von
    Männern in Bereichen “PorNo” und “Kein Sexkauf” ist daher als normal anzusehen und nicht herausragend darzustellen. Wie kompliziert es wirklich ist, zeigt ein einfacher Sauna-Besuch mit einer Freundin. Tatsächlich fällt es mir auch sehr schwer da wirklich die entsprechende Sensibilität und Aufmerksamkeit aufrecht zu halten um sexistische Situationen und die Objektivierung der Frau als bloßes Anschauungsobjekt zu erkennen. Männer sind sehr geschickt darin, perfide sprachliche Abwertungen auf der einen und motivierende belohnende Worte auf der anderen Seite zu formulieren. Ich fühlte mich geschmeichelt, meine Freundin wurde dadurch abgewertet. Meine Aufmerksamkeit war gleich null, und meine Freundin dadurch der Demütigung (auch durch mich) schutzlos ausgeliefert. Sie selbst war sich dessen jedoch gar nicht bewusst. Selbst wenn ich das perfide Spiel durchschaut hätte, was ich eben auch erst durch das Lesen dieses Artikels erkenne, wie verhalte ich mich also jetzt richtig?

    Was kann ich in einer solchen Situation tun? Ich habe meine Freundin kritisiert und ein Mann hat sich pseudo auf die Seite meiner Freundin gestellt. Ich hab Ihn dann auch noch in seinem Verhalten bestätigt. Dabei wollte er wohl bloß spannen. Also meckert nicht nur, sondern gebt uns mal konkrete Tips wie man sich in bestimmten Situationen verhalten kann! Das ist nicht einfach und als feministischer Mann gleich 2mal nicht. Erst mal muss man den bestehenden Sexismus der aktuellen Situation aktiv erkennen können und dann auch Verhaltensweisen kritisieren können ohne gleich als bekloppt dargestellt zu werden. Und möchte die Frau diese Hilfe dann auch???

    Also raus mit der Sprache? Wie stellt Ihr Euch einen feministischen Mann vor? Habt Ihr da Vorbilder an denen man sich orientieren kann? Wie hoch sollte ein Vermögen sein das es anerkannt wird, wenn man es investiert oder reicht es aus, das es sich um das zum damaligen Zeitpunkt gesamte Vermögen handelte und wie dogmatisch ist denn der Porno-Verzicht? Wenn ich 40 Jahre gelebt und davon 23 Jahre Pornografie konsumiert habe und nun darauf verzichte, ist das Ok? Wie geht man mit eventuell im Netz vorhandenen Äußerungen um die vielleicht schon 10Jahre alt sind? Das Netz vergisst nie!

    Ja, ich ärgere mich jetzt, da ich den Artikel von Ihnen lese, über mich selbst, das ich (noch) nicht in der Lage bin, adequat in allen Situationen zu reagieren wie es von einem Feministen verlangt wird. Allerdings habe ich da jetzt auch noch nicht wirklich eine konkrete Anleitung gesehen und manchmal habe ich das Gefühl das Ihr hier einen idealisierten perfekten feministischen Mann sucht, den es genauso wenig gibt wie die perfekte Freundin in den patriarchalen Hetero-Filmchen. Narzissmus ist nun mal kein Schalter den man “An” & “Aus” schalten kann.

    Und ehrlich gesagt, fühle ich mich überfordert und doppelt diskriminiert. Von der patriarchalen Männergesellschaft wg meiner Homosexualität und von Euch wg des unperfekten Feministen, der ich nun mal bin.

    Eure sich immer wieder selbstreflektierende DoppelNull Silvio

  3. Hanna Dahlberg

    Eine Frage: Ist es Aufgabe von diskriminierten Minderheiten den Mitgliedern der privilegierten weißen Mehrheitsgesellschaft zu erklären was rassistisch ist und was sie dagegen tun können? Oder ist es nicht vielmehr eine Aufgabe der Selbstreflektion und des täglichen Lernens? Nobody said it would be easy!

    Tipp 1: Buch kaufen, nämlich das von Jackson Katz: The Macho Paradox – da gibt es zahlreiche Anregungen und Tipps
    Tipp 2: Be a feminist ALLY! Der Kampf gegen sexistische Diskriminierung ist KEIN Kampf FÜR Frauen, sondern für eine andere, bessere Gesellschaft für ALLE!
    Tipp 3: Sprich mit deiner Freundin (mit weiblichen Bekannten) und frage sie was sie sich gewünscht hätte(n) in einer solchen Situation.
    Tipp 4: Organisiere Veranstaltungen und Workshops mit anderen Männern, wo IHR EUCH fit macht für den Alltag (dazu bietet Jackson Katz übrigens auch Übungsbücher an, so als kleine Hilfestellung)
    Tipp 5: Versuche es nicht auf die Mitleidstour (die so in deinem Kommentar doch deutlich anklingt)
    Tipp 6: Sei ein gutes Vorbild für andere

  4. Ich kann die Kritik an Initiativen wie “Zeromacho” nicht wirklich nachvollziehen – ich halte es für sehr positiv und erfreulich, wenn Männer sich öffentlich gegen das System Prostitution aussprechen und das “Freier”tum verurteilen. Ja, eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Männer keine Frauen kaufen, aber wir leben leider in einer patriarchalen Gesellschaft, in der es zahlreiche Männer gibt, die prostituierte Frauen benutzen und dies als ihr “Recht” betrachten, das sie verbissen und aggressiv verteidigen – vor allem gegenüber den “bösen” Feministinnen. Und jenen Männern, die selbst keine “Freier” sind, ist das Thema häufig gleichgültig, oder ihnen fehlt der Mut, in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen – aus Angst, als “Weicheier”, “Schlappschwänze”, etc., verhöhnt zu werden. Daher begrüße ich das Engagement von “Zeromacho” und den Umstand, dass diese Initiative auch medial Gehör findet (zumindest in Frankreich). Ebenso hoffe ich, dass in Zukunft noch weitere Männer derartige Initiativen unterstützen bzw. sich in der einen oder anderen Form am Kampf gegen Prostitution und für die Einführung eines Sexkaufverbots beteiligen.

  5. “Eine Frage: Ist es Aufgabe von diskriminierten Minderheiten den Mitgliedern der privilegierten weißen Mehrheitsgesellschaft zu erklären was rassistisch ist und was sie dagegen tun können?”

    Nein, diese “Aufgabe” existiert sicherlich nicht, sie vereinfacht manche Dinge aber ungemein.

    Ein Patentrezept gibt es ohnehin nicht. Denn zu diversen Situationen gibt es selbstverständlich auch unterschiedliche Vorstellungen einer adäquaten Reaktion (das ist bei Dingen, die bspw. weniger “genderspezifisch” sind, ja auch nicht anders). Die Frau um die es in seinem Beitrag geht wünscht sich vielleicht Reaktion A, jemand anderes hält diese Reaktion aber vielleicht für ziemlich daneben.

  6. Vielen Dank für Eure Reaktionen. Jetzt wo ich wieder Zeit habe, werde ich die Anregungen (Buch kaufen, Workshops anbieten) tatsächlich umsetzen.

    Ihr habt Recht, die Mitleidstour brauche ich nicht mehr. Ich lerne tatsächlich immer wieder dazu und mittlerweile kann ich für mich und mein feministisches Selbstbild auch schon Erfolge vorweisen. Als da wären

    -Hilfestellung bei der Integration von 2 Frauen mit wenig deutschen Sprachkenntnissen in einen Job im Pflegeheim
    – dazwischen gegangen, als der Nachbar seine Freundin schlug, Ihn gebeten, die Wohnung zu verlassen und Ihr die Möglichkeit gegeben, bei einer Tasse Tee in Ruhe über die Probleme mit Ihrem Freund zu sprechen ohne schlaue Ratschläge zu geben (Sie sprach ernsthaft von Trennung)
    – versucht, eine Beziehung zu führen mit einer allein erziehenden Mutter von 4 Kindern (ist daran gescheitert das ich nicht genügend Konzentration aufgebracht habe und das ich komisch laufe)
    – in Absprache mit einer Polizistin eine Kindeswohlgefährdungsanzeige wegen stundenlangem Anschreien einer Frau von Ihrem Mann in Beisein eines 2jährigen Kindes gemacht

    Klar, es heißt zwar “Eigenlob stinkt”, meine Bewohner im Pflegeheim sagen jedoch “Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne Ihr”

  7. Boah, ne oder…das Buch gibt es nur in englisch…what the f…tief durchatmen…niemand hat gesagt das es leicht sein würde…

  8. Euterpe

    Korrekturen:
    Die Initiatorin heißt Florence Montreynaud und nicht Florence Montreynard.
    Gérard Biard ist immer noch Redakteur bei Charlie-Hebdo.
    Patric Jean hat sich von Zéromacho zurückgezogen, ist dennoch immer noch gegen das Prostitutionssystem engagiert.
    Er hat auch ein Buch veröffentlicht, das “Pas client” (“Nicht Freier”) heißt.

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