Nur einen Atemzug lang in dieser Epoche sein: Barbara Beuys und die neuen Frauen

Buchcover "Barbara Beuys: Die neuen Frauen - Revolution im Kaiserreich"

Barbara Beuys: "Die neuen Frauen - Revolution im Kaiserreich", Hanser Verlag, 2014

Was für ein überaus fantastisches Buch! Es ist, als begleite man liebgewonnene Freundinnen auf dem Weg durch ihre Lebensgeschichten. Barbara Beuys ist mit “Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich” ein echtes Meisterwerk gelungen, indem sie die großen Frauen der ersten Frauenbewegung auf ihren Lebenswegen begleitet. Wir begegnen der entschlossenen Louise Otto, die nach der großen Enttäuschung der 1848er Revolution die Frauen-Zeitung gründet. „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich die Bürgerin neu“ schrieb sie, und weiter: „Die Freiheit ist unteilbar“. Die strengen Gesetze nach der gescheiterten Revolution vertrieben die Frauen aus den Vereinen, sie verbaten ihnen sich zu versammeln oder an politischen Aktivitäten teilzunehmen. Medizin studieren durften sie gar nur in Zürich. Schon 1850 wurde die Frauen-Zeitung wieder verboten, doch die Frauen waren nicht gewillt, das hinzunehmen. Hedwig Dohm schrieb: „Menschenrechte haben kein Geschlecht.“ Clara Zetkin ging einst bei der bürgerlichen Auguste Schmidt in die Schule, bis sie sich mit ihr über ihre sozialistischen Ansichten zerstritt.

Doch es sind nicht nur die Kämpferinnen, die in Barbara Beuys Buch ihren Platz finden, da ist auch Else Lasker-Schüler, die Dichterin, die später, im fernen Israel an gebrochenem Herzen starb.


Viele der Frauen, die sich in Netzwerken zusammenfanden, hatten die Hoffnung, dass sich unter Wilhelm II. etwasändern würde, doch ihre Hoffnungen wurden bitter enttäuscht. Für die „Neuen Frauen“ war kein Platz in diesem Reich, in dem schon alle Zeichen auf Krieg standen. Und trotzdem blieben sie mutig. Franziska Tibertius gründete die erste Frauenpraxis in Berlin, Minna Cauer und Helene Lange den Verein Frauenwohl.

Es gab viele Kämpfe zu fechten, das Recht, zu studieren, das Recht auf das allgemeine Wahlrecht. Und dennoch erschlossen sich den Frauen neue Räume, neue Berufe entstanden. „Das Fräulein vom Amt“ verband die Telefonierenden, als Bürokräfte strömten sie in die Städte, in die Büros und in die Bars.

Die Jahre 1900 bis 1910 waren die Jahre der Hochkonjunktur der Wirtschaft, die Frauen wurden gebraucht und entsprechende Freiheiten wurden ihnen eingeräumt.

Berlin, jenes Herz dieses Reiches, war das pulsierende, immer lebendige Zentrum jener Zeit. Hier trafen sich die Rebellinnen, die Künstlerinnen, die Schrifstellerinnen die Suchenden.

Barbara Beuys hat mit viel Detailliebe das Porträt einer Zeit gemalt, von der man sich wünscht, man wäre dabei gewesen, man hätte einen Atemzug dieser Luft genossen, in der alles nach Aufbruch, nach Veränderung, nach Freiheit roch – und an deren Ende doch der Krieg stand. Sie hat sich jeder dieser Frauen mit besonderer Liebe und Achtsamkeit gewidmet und so ihr Andenken hochgehalten. Danke für dieses wundervolle Buch.

Das Buch ist erhältlich bei Fembooks.