Offener Brief gegen die sprachliche Verharmlosung sexueller Gewalt

Im vergangenen August erschien das Buch „Vergewaltigung“ der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal.

Darin kritisiert sie, dass die gesellschaftliche Beschäftigung mit dem Thema sexuelle Gewalt innerhalb bestimmter Grenzlinien verlaufe.

„Im Vergewaltigungsskript gibt es nur zwei Geschlechter: Täter und Opfer. Wer Vergewaltigung sagt, denkt an aggressive Männer und ängstliche Frauen, an Penisse als Waffen und Vaginas als ungeschützte Einfallstore in ebenso ungeschützte Körper; oder weniger martialisch: an Männer, die meinen, »ein Recht« auf Frauenkörper zu haben.“ (Quelle: Edition Nautilus)

Das will Mithu Sanyal so nicht akzeptieren. Der „Opferdiskurs“ soll aufgebrochen werden, Opfer sollen sich nicht länger Opfer oder Überlebende nennen, sondern vielmehr „Erlebende“, wie sie jüngst in einem Artikel in der taz forderte.

Sprache strukturiert unser Denken. Wie wir etwas benennen, entscheidet darüber, wie wir es beurteilen. Opfer sexueller Gewalt zu „Erlebenden“ zu machen, lässt die Gewalt aus dem Sprachgebrauch verschwinden, die Tat und die Täter und bis nur noch die Betroffenen übrig sind, die sich selbst nun auch nicht mehr „Opfer“ nennen sollen, weil sie das degradiert. Hier sitzt Mithu Sanyal einem Irrtum auf. Es ist nicht der Opferdiskurs, der Opfer degradiert. Es ist die Tat, die aus Menschen Opfer macht, es sind die Täter, nicht die Selbstbeschreibung. Keine noch so euphemistische Umdeutung kann die Tat für ein Opfer ungeschehen machen – sehr wohl aber für den Rest der Gesellschaft – wie außerordentlich praktisch!

Zahlreiche Überlebende sexueller Gewalt und Organisationen, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren, weisen diese Umdeutung und Verharmlosung sexueller Gewalt entschieden zurück. Wir fordern die Medien, die Mithu Sanyal seit Erscheinen ihres Buches immer wieder ein Forum als angebliche „Expertin“ zum Thema geben auf, sich klar zu Gewalt gegen Frauen zu positionieren.

Sexuelle Gewalt ist kein Erlebnis. Sexuelle Gewalt ist eine Tat, vorrangig begangen von Männern an Frauen und Kindern. Von Erlebenden zu sprechen, bedeutet, die Tat selbst euphemistisch zum Erlebnis umzudeuten, ähnlich einem Konzertbesuch oder einem Urlaub. Opfer entscheiden nicht selbst, ob sie Opfer werden, es ist gerade Ausdruck des Gewaltverhältnisses, dass das Handeln der Täter sie zum Opfer macht. Sich als solche zu benennen, heißt, die Täter sichtbar zu machen, jene zu benennen, die die Entscheidung treffen, ein anderes Leben mit Gewalt zu überschatten. Viele Opfer wählen für sich den Begriff „Überlebende“, damit wollen sie zum Ausdruck bringen, dass sie überlebt haben, es ist ein stärkender, ein machtvoller Begriff, der weder Tat noch Täter unsichtbar macht. „Erlebende“ hingegen macht Tat und Täter unsichtbar und rückt nur die individuelle Ebene in den Vordergrund, wirft alle Verantwortung auf die Betroffenen zurück. Es degradiert die dieser Gewalt ausgesetzten Frauen zu beiläufigen Zeuginnen. Wenn sie nur aufhören, sich als Opfer zu fühlen, dann sind sie auch keine mehr. Damit entbindet sich die Gesellschaft ihrer Verantwortung für diese Opfer (rund 20 Frauen pro Tag zeigen eine Vergewaltigung an) und macht die Taten und die Täter unsichtbar. Angesichts der katastrophalen Zahlen von Verurteilungen von Vergewaltigern ist eine solche Euphemisierung nicht nur moralisch untragbar, sie bedeutet auch eine Mitschuld daran, sexuelle Gewalt zu einem individuellen und nicht mehr gesellschaftlichen Problem zu machen.

Sexuelle Gewalt ist ein patriarchal strukturiertes Verbrechen. Sie ist Ausdruck des Missverhältnisses zwischen Männern und Frauen, der nach wie vor allgegenwärtigen Benachteiligung von Frauen, ein Verbrechen, das zutiefst geschlechtlich strukturiert ist. Nur wer ihr den Kampf ansagt, kann die Gleichberechtigung von Mann und Frau ernst meinen, nur wenn sie als allgemeines, gesellschaftliches Problem erkannt und bekämpft wird, können wir sie überwinden. Sexuelle Gewalt ist kein individuelles Erlebnis, sondern ein gesellschaftliches Problem und eine patriarchale Strategie. Ein Blick in die öffentliche Debatte seit dem Erscheinen von Sanyals Buch zeigt aber eine gegenteilige Entwicklung. Es scheint fast, als sei man erleichtert, dass Sanyal dort, wo die Gesellschaft seit Jahrzehnten scheitert, endlich zumindest sprachlich einen Ausweg bietet – gefeiert in der taz mit: „Doch keine Sorge, es gibt eine Lösung!“. Die Freude darüber ist groß:

“Mithu Sanyal bringt Aufklärung in einen irrationalen Diskurs, faktenreich, objektiv und plausibel”

schreibt Eva Thöne für SPIEGEL ONLINE. Ein irrationaler Diskurs? Was an einer Vergewaltigung ist rational? Eine klare Analyse wäre: männliches Anspruchsdenken. Doch davon redet Sanyal nicht. Im Gegenteil. Sie vermutet hinter dem Widerstand gegen Vergewaltigung Prüderie und eine gouvernantenhafte Agenda einiger Feministinnen, die Penisse per se bedrohlich finden.

Damit lenkt sie ganz geschickt das Augenmerk weg von der Tat und rückt die Opfer statt der Täter in das Scheinwerferlicht.

Das wollen wir nicht zulassen. Vergewaltigung ist eine Tat, die dadurch gekennzeichnet ist, dass das Opfer eben keine Wahl hat. Da verschafft sich ein Fremder mittels Gewalt Zugang zu einem anderen Körper und eine ganze Gesellschaft schützt und entlastet ihn mittels „Vergewaltigungswitzen“, Relativierung, Victimblaming und Einschüchterung. Vergewaltigung ist in Deutschland ein nahezu straffreies Verbrechen. Welche Antwort darauf wäre „rational“? Eine, die den Status Quo als fortschrittlich umdeutet, die „Täter auf Menschenmaß stutzt“ (Pieke Biermann, Deutschlandradio Kultur)? Genau das macht Mithu Sanyal. Sie formuliert Vergewaltigung als ein zufälliges, individuelles Erlebnis, das Männer wie Frauen trifft, und gegen das kein Kraut gewachsen ist, ähnlich wie die Herbstgrippe. Statt die Ursachen zu kritisieren, statt an die Wurzel zu gehen, betreibt sie Kosmetik. Die Opfer sollen sich „selbst ermächtigen“ statt die Täter und die sie stützende Gesellschaft in die Verantwortung zu nehmen. Diese Haltung ist ein zynischer Backlash gegen die seit Jahrzehnten andauernde Bemühung von Frauenrechtlerinnen, sexuelle Gewalt sichtbar zu machen und an den Pranger zu stellen. Wir verlangen von verantwortlich denkenden Medien eine Haltung, die Opfer ernst nimmt und ihnen nicht erneut durch sprachliche Umdeutung Gewalt antut. Davon sind wir, angesichts des Hypes um Mithu Sanyal und ihre Position weit entfernt. Jedes Interview mit ihr, jeder Artikel  von ihr ist ein Schlag in das Gesicht vieler Überlebender und der Organisationen, die sie unterstützen.

Als Überlebende sexueller Gewalt und ihre Unterstützerinnen lehnen wir die mediale Dauerpräsenz Mithu Sanyals  und ihre sprachliche Verharmlosung sexueller Gewalt ab. Wir lehnen es ab, „Erlebende“ genannt zu werden, wir fordern, dass man uns die sprachliche Selbstbestimmung darüber lässt, was uns angetan wurde. Wir sind Überlebende. Wir sind Opfer. Sexuelle Gewalt ist kein Erlebnis. Sexuelle Gewalt ist ein Verbrechen.

Mitunterzeichnerinnen wenden sich bitte an stoerenfriedas@googlemail.com

Erstunterzeichnerinnen (Unterstützerinnen und/oder Überlebende):

Mira Sigel, die Störenfriedas
Hanna Dahlberg, die Störenfriedas
Anneli Borchert, die Störenfriedas
Anna Hoheide, die Störenfriedas
Judith März, die Störenfriedas
Ariane Panther, die Störenfriedas
Eva Bachmann, die Störenfriedas
Svenja Pfeiffer, die Störenfriedas
Dr. Inge Kleine, #ichhabnichtangezeigt
Daniela Weber #ichhabnichtangezeigt
Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin Terre des Femmes
Solveig Senft, Terre des Femmes
Eva Buchholz, Politikwissenschaftlerin, Terre des Femmes
Inge Bell, Terre des Femmes, Solwodi e.V.
Karen Ehlers, #RotlichtAus
Anita Kienesberger, Stopp Sexkauf Österreich
Dr. Ingeborg Kraus, Fachtherapeutin in Psychotraumatologie, Initiatorin des Appells der deutschen Traumatherapeuten gegen Prostitution
Heidemarie Boscher, Systemische Sexualtherapeutin
Caroline Schenkenbach, Psychoanalytikerin
Bärbel Rockstroh, Vitarium – Praxis für Coaching und ganzheitliche Psychotherapie
Sebastian Rockstroh, Vitarium – Praxis für Coaching und ganzheitliche Psychotherapie
Cathrin Schauer-Kelpin, KARO e.V.
Marie Merklinger, SPACE Intl.
Yvonne Smidt, Terre des Femmes, Abolition 2014
Carolin Werner, Abolition 2014
Manuela Schon, Abolition 2014, Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt
Corina Haurová, Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt
Gunhild Mewes, Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt
Annika Kleist, Sisters e.V.
Annina Meinlschmidt, Sisters e.V.
Klara Martens, FEMEN Germany
Birte Lühr, One Bilion Rising Hamburg
Christine Verselis, One Billion Rising Hamburg
Margot Müller, Bundessprecherinnenrunde Feministische Partei DIE FRAUEN
Sabine Scherbaum, Bundessprecherinnenrunde Feministische Partei DIE FRAUEN
Adelheid Wohlfart, Bundessprecherinnenrunde Feministische Partei DIE FRAUEN
Birgit Knaus, Feministische Partei DIE FRAUEN
Yasemin Ceylan, Feministische Partei DIE FRAUEN
Huschke Mau, Feministische Partei DIE FRAUEN
Marion Morassi, Sprecherin der BAG LISA (DIE LINKE)
Jeannette Hollmann, Verkehrsplanerin Köln A.D., SPD Mönchengladbach
Dr. Anita Heiliger, Soziologin Frauen- und Geschlechterforschung/Gewaltprävention
SARAH Kulturzentrum für Frauen
Birgit Gärtner, Publizistin
Juliane Beer, Autorin und Aktivistin für ein weltweites bedingungsloses Grundeinkommen
Sarah Rubal, Autorin
Verena Brunschweiger, Autorin
Gabriele Uhlmann, Autorin
Klara Zösmayr, Bloggerin
Redaktion Kritische Perspektive
Christine Ullmann, Autorin beim Onlinemag Szenelesbe
Claudia Lohmann, Rotes Zelt Braunschweiger Land
Julia Helena Gosny, Neverrained Mediadesign
Rona Duwe, Phönix-Frauen
Wilma Liberta
Eva Lamparter
Britta Götzinger
Ingrid Aigner
Anne Spiegelberg
Yvonne Nüsken
Julika Martel
Lydia Wrobel
Gisela Jacobshagen
Corinna Weber
Rosanna Schafheitle
Dominique Bediako
Heidi Rohrmoser, bildende Künstlerin, Wien
Almut Riese
Belinda Göres
Jasmin Hutter
Christin Tomaszewski
Jasmina Krauss
Sylvia Genzmer
Rahel Vono
Mukadder Bauer
Natalia Draber
Dr. Marina Krug
Alexandra Preußner
Connie Tils
Michaela Lau
Gudrun Lindscheid
Ann-Katrin Müller
Susann Schmidt
Astrid Manthey
Dorette Wesemann
Shiva Yamini-Aiff
Una Steiner
Patrizia Schanz
Eva Bäck
Linda Unger
Anke Korbinsky
Franziska Baumgaertner
Hannah Kassimi
Liane Timmermann
Leila Bauer-Oesker
Elke Hölzer
Martina Goldmann
Andrea Schaaf
Donate McIntosh
Irmgard Rosemarie Leibl
Tina Weil
Sylvia Nitsche
Saskia Epler
Gabriele Mahler
Nadya Belli
Nadja Hempel
Ainca Kira
Anninka Enseroth
Hamida Deverall
Brigitte Köppel-Mutz (Brigitte Naporra)
Petra Witt
Corinna Behrens
Yael Schlichting
Frank Gommert
Alexandra Stalzer
Gaby Scheffler-Schulz
Nadja Schuler-Frey
Julia Bernasko
Sabine Hofmann
Eva Bruschek
Diana Aman
Sabrina Stolzenberg
Bettina L. Engelhardt
Katharina Winterhalder
Julia Bernasko
Vanessa Mohnke
Antje Dahm
Stefanie Tietz
Corinna Behrens
Lela Lemken
Gaby Merks
Inge Krug
Sabine Hofmann
Eva Maria Horstick
Sabine Krüger
Birgit Garling
Madeleine Heitmann
Anette Lauerer-Schmorleitz
Alexandra Stalzer
Alexandra Lange
Christel Buchinger
Thomas Hohnerlein-Buchinger
Ju Baxter
Diana Ko
Petra Brandt
Nicole Schmidt
Cordula Brockmann, Hebamme
Sandra Reitz
Maria Wendeler
Florence Humbert
Sabine Ehrensperger
Daniela Neubert
Stephanie Siegrist
Christina Mundlos
Uta Rotermund
Ingrid Keilbach
Dagmar Trüpschuch
Lea Kannetzky
Freddy Ossenberg
Peter Herold
John Strieder
Kai-Uwe Bevc
Claudia Mayr
Vik Roth, Lesbe und Langzeitaktivistin
Ronja Hackmann
Nabila Ibrahim
Claudia Eser-Schuberth, Kommunalpolitikerin Bündnis 90/Die Grünen, Friedberg/Bayern
Janine Löwenberg
Anne Busch
Gabriele Heinemann, MaDonna Mädchenkult.Ur e. V.
Beatrice Dannenberg
Birgit Dünkel
Eleni Gleißner
Tina Kühne
Silvia Melkonian
Ursula Düpper-Stemmer
Nadin Sternberg
Edith Jung
Monika Gai
Silke Thon
Heike Hügle
Natalie Frommherz
Roswitha Reger, Arbeitskreis Stop Sexkauf München
Brigitte Lunzer-Rieder
Dr. Horst Lunzer
Kerstin Schlax
Sonja Wilkens
Barbara Görner
T. Hoffmann (Opfer)
Claudia Lehleitner
Eva Scheufler, Wien
Sylvia Sophia Assmann
Katharina Münz
Corinna Schwarz
Kathrin Ambrozic
Pia Hamann
Anke Rammé Firlefanz
Sophia Reuter
Charly Göllner
Regina Schindler
Ingrid Weber
Dr. Ulrike Lischewsky
Antje Klink
Marion Olthoff
Jeanette Schäfer
Manuela Atz
Nora Räthzel, Soziologin
Till Amelung, M.A.
Ursula Kollenbach
Christina Ziegler
Martina Rausch
Monika Heck-Pleier
Anja Hollmeier
Valerie Johanna Jacob
Coryna Rasch
Jutta Hübl
Astrid Warburg-Manthey
Angelika Wiegand
Ingelore Seemann
Anne Schelzig
Karin Molina R., Erzieherin, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Dagmar Spangenberg
Sibylle Görlich
Frauenhaus Nürnberg

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