Patriarchat und Neoliberalismus

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Vortrag von Inge Kleine bei der FILIA-Konferenz in Salford/Manchester am 21. Oktober 2018. Originaltext hier

Zu allererst möchte ich FILIA, das heißt dem großartigen Organisationsteam dafür danken, dass sie diese Konferenz und diese Möglichkeit geschaffen haben, so viel großartige Aktivistinnen und Feministinnen zu treffen.

Mein Thema ist die Widerstandsfähigkeit des Patriarchats und wie schwierig es ist, ihm auf unserem Kampf dagegen nicht auf den Leim zu gehen.

In seiner fortlaufenden Selbstbestätigung gelingt es im Patriarchat, unsere Kämpfe, zumindest in westlichen Ländern oder denen des globalen Nordens, als obsolet, als überkommen darzustellen (1), womit es uns direkt in die erste Reihe an Fallen schickt. Männer deuten dabei auf andere Länder, „woanders“ hin, am liebsten nach Süden or „Osten“ und auf dortige Gesellschaften. Dies ist ein sehr alter Trick, da Liberalismus und Kolonialismus zusammengehören (2), und er funktioniert so: „Hier haben wir keine wirklichen Probleme, aber schaut mal dorthin! Da solltet ihr hinschauen. Arabische Länder!“ Die unmittelbare Reaktion zumindest einer deutschen Feministin könnte darin bestehen klar zu stellen, dass Algerien mehr weibliche Abgeordnete im Parlament hat als Deutschland, samt dem sofortigen Genuss die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht der Herrklärer verschwinden zu sehen. Aber diese Reaktion enthält Fehler, weil sie uns sofort zu typischen wenn auch indirekten Fehlschlüssen führt, die „unserer“ Überlegenheit, denn warum sollte Algerien nicht mehr Frauen als Abgeordnete haben als Deutschland und was für Einstellungen sind nötig, damit wir davon ausgehen, dass Algerien als Beleidigung für selbstgefällige Deutsche genutzt werden kann? Und dies geht noch weiter. Nachdem ich meinen rechten Fuß tief in den Morast des Patriarchats gestellt habe, lasst mich den linken Fuß gleich nachziehen. Unterschiede abzustreiten oder darauf zu bestehen, dass das Patriarchat überall herrscht und dass unsere Kämpfe überall die gleichen sind, kann uns dazu verleiten, wichtige Informationen über unsere Schwestern zu übersehen, es kann uns dazu bringen – in diesem Fall westliche Feministinnen – nicht zu sehen, wo ihre Kämpfe andere sind oder wo die konkreten Rahmenbedinungen andere sind. Es dient auch dazu, Aufmerksamkeit abzuziehen und sie wieder hübsch auf uns selber zu lenken. Und während ich spüre, wie ich immer tiefer im Matsch versinke, lasst mich noch die dritte Falle dazu stellen, wenn eine Anerkennung von Unterschieden in unseren täglichen Herausforderungen und Kämpfen zu Ansichten führt, die mal ein „Lieblings-“artikel von mir verbreitete, in dem stand, dass muslimische Mädchen in Pakistan Werte der Familiensolidarität hätten, die bedeuteten, dass sie keine individuelle Freiheit wollen oder brauchen.

Hiermit sind wir schon an drei Fallen vorbeigekommen, und ich bin erst auf der ersten Hälfte meiner ersten Seite.

Ein weiterer, schlimmerer Trick besteht darin, dass diejenigen, die vom Patriarchat und vom (Neo-)Liberalismus profitieren, sich als Verbündete ausgeben, während sie nur bestimmte Aspekte der Befreiungsbewegung von Frauen unterstützen und dies auf eine Art und Weise tun, die sicher stellt, dass Frauen ihre Erfolge nur bedingt etwas nützen, und jedenfalls nicht auf Kosten von Männern gehen.

Dies lässt sich natürlich nachträglich leichter analysieren und schwieriger, wenn wir mitten drin stecken. Das ganze Thema der sexuellen Befreiung der späten 60er und frühen 70er gehört hierhin. Sexuelle Befreiung war und ist ein feministischer Kampf. Als Frauen davon sprachen, dass sie auch ohne Ehe Sex haben wollten oder das Recht auf Scheidung oder die gleichen moralischen Standards zu Sex für Frauen und Männer, verstanden Männer darunter gundsätzlichen sexuellen Zugang zu Frauen ohne jegliche Verpflichtungen. Sie waren und sind sehr gerne bereit, dieses Recht zu unterstützen, auch wenn sie es eher auf junge Frauen oder unverheiratete beschränken. Abtreibung ist ein ähnliches Thema. Wir wissen, warum wir das Recht auf Abtreibung wollen. Und warum viele Männer es wollen.

Von Forderungen von Frauen zur sexuellen Befreiung werden wir zur Rhetorik der „Sexarbeit“ und dem Mythos der „glücklichen Hure“ geleitet samt ihrem Recht, in diesem „Beruf“ zu sein wenn sie sich das so aussucht. In Deutschland erinnert uns die Pro-Prostitutionsseite immer wieder an das Recht einer Frau, ihren Beruf zu wählen, das in Artikel 12 unserer Verfassung garantiert ist und vom Bundesverfassungsgericht zu „Sexarbeit“ bestätigt wurde – es ist doch ermutigend und herzerwärmend, wie viele Männer sich dieser Sache verpflichtet fühlen und sich jederzeit für das Recht von Frauen, in der Prostitution zu sein, einsetzen. Dies in einem Land, das eine der geringsten Quoten zu weiblichen Abgeordneten, von Frauen in Führungspositionen oder in den Wissenschaften aufweist.

Aus den Frauenkämpfen für den Zugang zu bezahlter Arbeit und zur Kinderbetreuung bekommen wir eine Neuausrichtung der Rentenrechte, die in der Praxis jede alleinerziehende Frau, in die Armut drängen, alles im Namen von Gleichstellung, Unabhängigkeit und Feminismus, und aus unseren Kämpfen, Männer an der Kinderbetreuung zu beteiligen wird die Vaterrechtsbewegung, die zusammen mit den sogenannten „Pick-Up Artists“ die schlimmsten Auswüchse der Männerrechtsbewegung stellen.

(3)

Aus der grundlegenden Erkenntnis zu den Unterschieden zwischen „Sex“/„Geschlecht“ und „Gender“ mit Gender in der Defintion von Geschlechterrollen, also einer Sammlung an Stereotypen, die uns gemäß den jeweiligen Bedürfnissen einer Gesellschaft auferlegt werden, wird eine Politik, die versucht Geschlecht und unsere Körper zu verleugnen und uns Möglichkeiten uns dazu zu äußern, zu verweigern. Hier schließt sich wirklich der Kreis im Patriarchat – der weibliche Körper als das Unaussprechliche, als das, was nicht genannt werden darf, was unterdrückt werden muss, weil es so tödlich beleidigend, so bedrohlich ist, ein Körper, der ganze Zivilisationen triggert, so dass ganze Religionen erfunden werden mussten um uns vor ihm zu schützen, dieser Körper wird nun wieder beiseite geschoben, so wie das immer schon der Fall war – indem er nicht erwähnt wird, zu jenseits des Themas oder der Diskurse erklärt wird, für schmutzig, indem ihm gegenüber Gewalt ausgeübt wird, sobald er sichtbar ist, eine Gewalt, die oft gegen unsere Sexualorgane gerichtet ist (4), oder indem er so ästhetisiert oder kodifiziert wird, dass er nicht wieder zu erkennen ist, dabei immer eng an den männlichen Blick und eine männliche Bewertung dieses Körpers gebunden. Wir sollen die Menstruation nicht erwähnen oder unsere Gebärmutter oder Vagina nicht als weiblich oder als Bestandteile unserer weiblichen Körperlichkeit bezeichnen, weil dies jene triggern könnten, die diesen Körper nicht haben. In der Tat. Patriarchat – komm wieder, wenn Du mal was Neues zu bieten hast, so viel im Patriarchat wurde um die Tatsache, dass unsere Körper unsere Körper sind, herumkonstruiert.

Da der weibliche Körper exisitiert, verschiebt sich die Auseinandersetzung auf die Representation davon, d.h. auf die Sprache. Der Körper soll keine andere Bedeutung haben als diejenige, die Männer ihm zuschreiben und wenn sich die Gesellschaft oder die Männer darin wohler fühlen, wenn sich nichts dazu hören oder wenn sie ihn nicht als weiblich bezeichnen oder wenn sie ihn durch Benennung einzelner Funktionen oder Körperteile (Uterus-Mensch, Menstruierende_*R) ersetzen, dann soll das irgendwie als fortschrittlich gelten. Denn schließlich wollen wir ja nicht auf unsere reproduktiven Fähigkeiten reduziert werden, oder?

Nun – in der Tat wollen wir das nicht, und ja, das ist eine Falle. Während wir hier stehen und uns mit den Details dieser Falle befassen, lasst mich zum Titel dieses Panels zurückkommen – was hat das alles mit Neoliberalismus zu tun?

Kurz gefasst:

(1)

Der Körper, unsere Körperlichkeit, die Tatsache dass wir geboren werden und eines Tages sterben werden, widersetzt sich der Interpretation. Wir werden sterben und das ist nicht hinzunehmen, unser großartiger Geist wird aufhören zu wirken und weg sein, und wir würden gar nicht sterben, wenn wir gar nicht geboren wären und das ist Mammis Schuld. Und wenn wir schon von Geburten sprechen – wessen Kinder sind das überhaupt?

Randbemerkung: Ich behaupte nicht, dass Geburt und Tod und als Folge daraus die Körper von Frauen so oder aus diesem Blickwinkel heraus wahr genommen werden müssen. Ich behaupte, dass dies der vorherrschende Blick im Patriarchat ist.

(2)

Neoliberalismus braucht den freien handlungsfähigen Menschen in einer freien Gesellschaft in freiem Handeln mit anderen freien handlungsfähigen Menschen; der Gedanke an Körper, Geburten, Sterblichkeit sind im Neoliberalsmus so inakzeptabel wie sie das für frühere patriarchale Gesellschaften waren, sie müssen immer noch verdrängt werden, damit die Gesellschaft funktioniert, allerdings auf eine Weise, die neoliberalen Forderungen entspricht.

Wenn wir nun technische und medizinische Fortschritte und die logische Ausweitung der Vorstellung des Menschens als Krone und Ruhm der Existenz (am besten wohl französisch ausgedrückt, da ehrlicher: L’Homme!), der machen kann, was immer ihm beliebt, dazuaddieren und dass der Geist die Materie beherrscht, dann haben wir – endlich – das Paradies erreicht. Leih/Mietmutterschaft, „Sexarbeit“, Sexroboter, Geschlechtsidentität – endlich! Völlige Trennung von Körper und Geist, der Geist kriegt alles und die  Tatsache, dass dies so nicht funktioniert, erklärt die Aggressivität der Männerrechtsbewegung und der Teile aus der Transbewegung, die begeistert diese Forderungen nach Zugang und nach Übernahme unserer Körper aufgreifen und die entsprechende Propaganda. Diese Tatsache erhellt auch die Nützlichkeit einer Spaltung und Verteilung patriarchaler Anliegen auf eine traditionelle, konservative Bewegung und eine fortschrittliche, eine die den weiblichen Körper unmittelbar besitzen möchte, und eine, die seine Existenz oder Bedeutung gerade heraus abstreitet. Dies wiederholt ein immerwährendes männliches Drama, den weiblichen Körper oder Frauen oder Weiblichkeit immer wieder auszugrenzen, nur um sie sich wieder anzueignen, wenn Entwicklungen im Kapitalismus und Liberalismus eine Neuausrichtung von Männern zur Aufrechterhaltung der gegebenen Ordnung erforderlich machen und damit in der Gesellschaft die Erklärungsmuster und die Rechtfertigungen dafür akzeptiert werden.

Diese Tatsache hilft auch, den Klassismus und Rassismus zu erklären, gegen die wir ankämpfen, da die „Lieferung“ weiblicher Körper an diejenigen von uns delegiert wird, die marginalisiert sind, rassistischen Zuschreibungen unterworfen werden, die Arbeiter- oder „Unterschicht“ sind. Die zwar dagegen ankämpfen können, die aber nicht gehört werden.

Hier gehören noch weitere Aspekte dazu, in dieser permanenten Aneignung unserer Kämpfe bei gleichzeitiger Abweisung unserer Kernanliegen; zum Beispiel die inneren Widersprüche darin, einen Befreiungskampf auf die Vorstellung einer „Identität“ zu gründen, während angeblich genau die Gesellschaft, die diese Identität geschaffen hat, kritisiert werden soll – und dabei noch eine weitere Falle zu umgehen, die darin liegt, dass wir unsere grundlegenden Ansätze zu schnell aufgeben. So wie sexuelle Befreiung waren sowohl „Identität“ als auch „Gefühle“ als Frau, als Frauen, in unserem politischen Handeln, im Consciousness Raising, zentral und wir kriegen eine Menge Probleme, wenn wir diese Ansätze als Basis unserer Politik zu schnell abstoßen.

Nachdem mir eine schnelle Antwort fehlt, die mich aus diesem Problem holen könnte, will ich davon ablenken, indem ich meine Rede wieder auf die unmittelbaren Bedrohungen durch das Patriarchat bringe, auf die Probleme, mit denen wir in dieser ewigen „Krise der Männlichkeit“, die sich gerade auf gefährliche Weise wieder äußert, konfrontiert sind.

Meine Behauptung ist, dass diese „Krise der Männlichkeit“ und das daraus resultierende Verhalten auch nur ein weiterer Bestandteil patriarchaler Strategien ist, da der Backlash durch diese „Krise“ es Männern ermöglicht, männliche Bewegungen in eine „traditionelle“, „reaktionäre“ und in eine „liberale“, „fortschrittliche“ zu spalten. Männer können sich dann den Gegnerinnen des „traditionellen“ Patriarchats anschließen und sicher stellen, dass nichts passiert., während dies gleichzeitig Dramen und großartige Selbstdarstellungen zulässt, und es jüngeren Männern ermöglicht, endlich ältere Männer an der Macht mit Hilfe von Frauen in einer Art ödipalem Dreieck zu ersetzen (und ich bitte um Entschuldigung für diesen Freudschen Anfall hier). Einige Aspekte der #metoo-Bewegung fallen in dieses Raster.

Vor allem hilft es ihnen, uns herum zu schupsen und in diese Schubladen zu stecken, uns „heuchlerisch“, „Schlampen“, „frigide“, „prüde“, „Feminazi“ und „Nazi“, und das alles gleichzeitig, zu nennen.

Gleichzeitg sehen wir die extreme Rechte marschieren, wir sehen faschistische Aufmärsche auf unseren Straßen und faschistischte und/oder rechtsextreme Parteien in den Parlamenten unserer Länder – „traditionelle“ Männlichkeit in Aktion.

Die Folgen dieses Aufstiegs der extremen Rechten für uns sind: Binden unserer Zeit und unserer Arbeit in antifaschistischen Demos,  und ja – ich fordere uns alle auf, da hin zu gehen; die stillschweigende Akzeptanz, dass unsere Anliegen gegenüber dem aktuellen Problem zweitrangig sind; die stillschweigende Akzeptanz sowohl eines beiläufigen als auch offenen Sexismus in der antifaschistischen Bewegung, der sich in sexistischen und gewaltvorbereitenden Slogans, Liedertexten, Raps, in sexistischen Darstellungen von Frauen der Rechten („Nazischlampe“) äußert – alles im Namen der Gemeinsamkeit, alles im Dienste der „fortschrittlichen Männer“; ein Übereinkommen, dass wir sexuelle Belästigung oder Angriffe entweder innerhalb der Bewegung oder Vorfälle sexueller Belästigung oder Angriffe durch Männer, die Asyl suchen oder auf der Flucht sind, sei es innerhalb ihrer Communities oder außerhalb, nicht ansprechen dürfen. Es ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass es in der Folge der Ankunft von Flüchtenden 2015 in Deutschland keinen Anstieg an sexuellen Straftaten gab. Es ist auch wichtig zu betonen, dass eine Einstellung, die dieses Thema zu einem  Tabu macht, und zwar sowohl für „weiße Feministinnen“ als auch für Feministinnen und Frauen aus einwandernden Gruppen, nicht dazu beiträgt, einer Bedrohung durch Nazis zu begegnen und ganz bestimmt keiner Frau hilft. Intersektionalität in unserem Feminismus, genau da, wo wir stehen und wo immer Frauen sind, hilft garantiert.

Diese Bedrohung durch Nazis, oder Faschisten oder der extremen Rechten, die uns als eine Angelegenheit einer „männlichen Identitätskrise“ erklärt wird, funktioniert für die Linke so gut wie für die Rechte – von Rechts sind es  direkte Drohungen: „Seid nett, sonst …!“ und von der Linken indirekte, eine übermittelte oder stellvertretende Drohung: „Seid nett und unterstützt uns gegen diese Kerle da, sonst ….!“ Während dies die „Männlichkeit in der Krise“ als lediglich eine weitere patriarchale Strategie der Machterhaltung entlarvt – letztlich befindet sich Männlichkeit, Maskulinität seit mindestens 7000 Jahren in der Krise – bedeutet dies auch, dass Frauen immer wieder aufgefordert werden, sich hinter bestimmte Männergruppen zu stellen und damit gegeneinander in Stellung gebracht werden.

Und dennoch können wir die Bedrohung durch den gegenwärtigen Aufstieg der Rechten weltweit nicht übergehen. Die letzte „Krise der Männlichkeit“ in Deutschland brachte uns den Faschismus und den zweiten Weltkrieg.

In der Praxis bindet dieser Aufstieg der Rechten unsere Zeit und unsere Möglichkeiten für feministische Auseinandersetzungen, für unsere Chancen, uns zu organisieren, feministische Analysen zu bieten und sie anzuwenden – einfach deswegen, weil wir damit beschäftigt sind, Abtreibungen zugänglich zu halten (diejenigen von uns, die das Glück haben, überhaupt Abtreibungsrechte zu haben) oder sie zugänglich zu machen, oder ein Frauenhaus vor der Schließung zu bewahren oder seine Finanzierung zu sichern – und dann kommen welche und belehren uns über die Gefahren eines „single action feminism“ – eines Feminismus, der nur um ein Thema oder eine Aktion kreist.

Wir werden also von zwei Seiten hier zerquetscht.

Was mich zum entscheidenden Teil meiner Rede hier bringt – was sind unsere Strategien? Was können wir anders oder zusätzlich zu dem tun, was wir schon tun?

Was wir tun können, ist aus diesen Themen auszusteigen, soweit es sich lediglich um männliche Dramen handelt, den Vordergrund vom Hintergrund zu trennen (5), Analyse anzuwenden, und immer Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Das bedeutet jede Frau, egal wo sie ist, und sie sprechen zu lassen. Und ihr zuhören.

Es bedeutet, dass wir unsere Grundüberzeugungen nicht wegen der neoliberalen Zerstörung davon aufgeben. Abtreibung, sexuelle Befreiung, „Gender“ in der Bedeutung von Geschlechterrollen, Identität sind für uns wichtig. Es keiner der beiden Seiten gestatten, den Rahmen unserer Debatten zu bestimmen. Wie Pragna Patel in „Feminism is a secular issue“ es deutlich machte – es ihnen nicht gestatten uns Begriffe wie „Toleranz“ wegzunehmen.

Während wir Frauen in den Mittelpunkt stellen, niemals eine Frau abwerten oder mit Häme überziehen. Es ist egal, wer sie ist, sie ist eine Frau, die versucht im Patriarchat zu überleben. Ihre Aussagen oder ihre Politik, Ansichten angehen – aber jede Beleidigung muss aufhören.

Als Feministinnen sichtbar sein. Auf jeder Demonstration. Wenn der Aufruf „Agitate“, „Educate“, „Organise“ – „Skandalisieren“ „Aufklären“, „Organisieren“ lautet, so lautet der unmittelbare Aufruf: „Schreiben“, „Sprechen“, „Nerven“. Schreibt an die Abgeordneten, die Zeitungen, nutzt die sozialen Medien, teilt Euer Wissen, geht in die Büros der Menschenrechts- oder Wohlfahrtsorganisationen, der Parteimitglider – geht allen auf die Nerven, so gründlich wie möglich.

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  1. Lektüreempfehlung (neben so vielen Büchern): Kat Banyard, Equality Illusion: The Truth about Men and Women Today. Faber&Faber, 2010.
  2. Der innere Zusammenhang zwischen Liberalismus und Kolonialismus (sehr knappe Version): Sie wurden als Praxis und als Haltung in Europa zur gleichen Zeit geschaffen, in etwa ab dem frühen 16. Jahrhundert. Was sie verbindet, ist Handel. Kolumbus Landung in der Karibik, Erfindungen in der Schifffahrt, ein Anwachsen des Überseehandels, die ersten Kolonien, die Gründung von mehr Handelsstützpunkten um die Ausbeutung der „neuen“ Gebiete und Menschen systematischer zu machen und die riesigen Gewinne, die dadurch möglich wurden, brauchten eine „neue“ Art Mensch – einen, der nicht „an die Scholle“ oder den Landbesitz in einem feudalen System oder dessen Reste gebunden ist, einer, der sich nicht um Beschränkungen durch Zunftordnungen oder Vereinbarungn in Städten halten muss, einen, dem es zugetraut werden kann, dass er herumreist, sich mit Handel und Geschäften befasst, Handelsgesellschaften gründet und in sie investiert, der sich um seine (effektiv und gewünscht: Seine!) eigenen Angelegenheiten kümmert und der seine eigenen Verträge unterzeichnet. Einer, der nicht bei Arbeit-Handel-Reisen auf irgendwelche Kinder aufpasst, was eine Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte bedeutet. Einer, dessen Großartigkeit in all diesen Bereichen ihm das Recht gibt, weniger „großartige“ Menschen auszubeuten oder zu benutzen. Daher enstand also der Liberalismus mit seiner Betonung des freien und befähigten Individuums, das mit anderen freien Individuen (Neusprech: Agents, Akteuren) Handel betreibt und das einen Staat oder eine Gesellschaft nur dazu braucht, sein Eigentum zu garantieren, Kriege zu gewinnen und Handel zu erleichtern. Als die Europäer also begannen, andere Länder zu kolonialisieren, brauchten sie auch einen „neuen“ Europäer – als Liberalismus als Ergebnis. Wer will, kann noch Religion hier dazu werfen, mit der Calvinistischen Prädestinationslehre und deutlich später dem „Manifest Destiny“; das frühe 17. Jahrhundert ist auch das Jahrhundert religiöser Kämpfe, Spaltungen, Verfolgungen und Kriege in Europa. Dies ist die Holzschnittversion, denn ja, in England wurde das feudale System früher aufgelöst, ja, es hatte auch vorher schon Handel gegeben und ja, es hatte auch vorher schon religiöse Verfolgung und Pogrome gegeben, und ja, die Renaissance und alles das, aber die Verbindung bleibt trotzdem. Während der Industriellen Revolution erlebte diese Vorstellung des freien und unabhängigen Individuums vorübergehend eine Bruchlandung als sich herausstellte, dass wir in unserem täglichen Leben nicht gleich sind, wenn ein Individuum unter Andwendung des eigenen Rechts der Vertragsunterzeichnung ohne staatliche Eingriffe einen Arbeitsvertrag unterzeichnet und das andere Individuum ein Fabrik- oder Minenbesitzer ist. Kooperative Aktionen führten zu Beschränkungen bezüglich des Rechts des Fabrikbesitzers auf seinem eigenen Boden zu tun oder zu fordern, was ihm beliebt, mit Gesundheitsvorschriften, (kollektiven) Arbeiterrechten und Löhnen, die Regeln für die Unternehmen einführten (und dabei den Kapitalismus nachhaltiger machten). Spulen wir dies in die 80er und dann zum Ende kommunistischer Regime vor, und Vorstellungen kollektiver Freiheit und kollektiver Rechte konnten uns wieder als beschränkend oder als Hindernis an Unabhängigkeit verkauft werden („Es gibt keine „Gesellschaft“ – Thatcher; „Flache Erde“ – Friedman) und daher also: Neo-Liberalismus, eine Gesellschaft, die so tut, als hätte es die Lehren aus der Industriellen Revolution nie gegeben.
  3. Die Aggressivität wird in der Art und Weise deutlich, in der Väter (und die Gesellschaft) Kinder benutzen, um deren Mütter zu beherrschen und zu terrorisieren. Über die Vaterrechte, den Aufenthalt der Kinder zu bestimmen und jedes Formular mit zu unterzeichnen, sind die Mütter praktisch an diese Männer gebunden, die ihre Kinder als Stalkingmittel und zur Kontrolle der Mütter einsetzen. Das Patriarchat und seine Profiteure, Männer, machen aus Kindern Waffen gegen ihre Mütter. In Deutschland, Frankreich, Dänemark, Belgien und einer Reihe anderer Staaten können Väter neben dem geteilten Sorgerecht auch das Recht auf geteilten Aufenthalt des Kindes oder der Kinder fordern (Wechselmodell), was einen Umzug des Kindes alles zwei Tage (bei Babys) oder jeder Woche bei Kindern im Kindergarten- oder Schulalter bedeutet. Sie können eine Frau an einem beruflich bedingten Umzug in eine andere Stadt hindern, wenn sie einen Richter findent, der dies als Eingriff in das väterliche Sorgerecht wertet. Während einige Väter dieses Modell in Anspruch nehmen, um keinen Unterhalt zu zahlen, deutet die Aggressivität, mit der dieses Modell verfolgt wird, auf tieferliegende Aspekte eines tieferliegenden Frauenhasses. Frauen sollen dafür gestraft werden, dass sie Mütter sind, dass sie Männer verlassen, und für die Tatsache, dass Männer, biologisch gesehen, keine Mütter sein können. Egal, wie eng die Beziehung zwischen einem Vater und seinen Kindern ist, die Tatsache einer Mutter, die das Kind auf die Welt bringt und es stillen kann, bleibt bestehen. Es könnte sehr erhellend sein, den Hass, der besonders in Fällen von sehr jungen Kindern und Babys gegen die Mütter gerichtet wird, mit dem Hass gegen Frauen, der sich in bestimmten Aspekten des jetzigen Transaktivismus zeigt, zu untersuchen und zu vergleichen. Ich glaube, dass es der selbe Hass ist, einmal in einem sichtbar reaktionären (patriarchalen) Setting, und einmal in einem angeblich sehr modernen, „dekonstruktivistischen“, oder „queeren“ Setting. (Lektüreempfehlung u.a.: Anita Heiliger und Traudl Wischnewski, Verrat am Kindeswohl. Erfahrungen von Müttern mit dem Sorge- und Umgangsrecht in hochstreitigen Fällen. (Frauenoffensive, 2003), und Anita Heiliger und Eva-K. Hack, Vater um jeden Preis? Zur Kritik am Sorge- und Umgangsrecht (Frauenoffensive, 2008)
  4. Pflichtlektüre: Kathleen Barry, Sexuelle Versklavung von Frauen (sub rosa, 1983 (engl.: Female Sexual Slavery, 1979) und The Prostitution of Sexuality (New York University Press, 1998) Leseempfehlung: Dee L.R. Graham Loving to Survive: Sexual Terror, Men’s Violence and Women’s Lives (Feminist Crosscurrents), (New York University Press, 1994). Buch kann hier heruntergeladen werden:  http://biblioteca-feminista.blogspot.com/2016/04/dee-graham-loving-to-survive.html
  5. Leseempfehlung: Mary Daly, Gyn/Ökologie: Die Metaethik des radikalen Feminismus, Frauenoffensive 1991, engl: Gyn/Ecology, The Metaethics of Radical Feminism. (Beacon Press, 1978). Book can be downloaded here: https://www.feministes-radicales.org/wp-content/uploads/2010/11/mary-daly-gyn-ecology-the-metaethics-of-radical-feminism.pdf

 

 

 

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