Pflege zum Dumpingpreis – wie osteuropäische Frauen in der häuslichen Pflege ausgebeutet werden

Rollstuhl, Wheelchair

via Pixabay, CC0 Public Domain

Der demografische Wandel, der drohende Pflegenotstand, all das sind Schlagwörter, an die wir uns längst so sehr gewöhnt haben, dass wir kaum mehr darüber nachdenken, was sie eigentlich bedeuten. Unsere Gesellschaft wird immer älter, 2050 wird es in Deutschland 5 Millionen Pflegebedürftige geben, die meisten von ihnen im Seniorenalter. Senioren werden nicht nur immer mehr, weil nicht genug Junge geboren werden, sie werden auch immer älter.  Jedes Jahr erhalten 300.000 Menschen die Diagnose Alzheimer. Es fehlt an mehr als 2,5 Millionen Pflegekräfte, sogar in China werden nun schon Pflegekräfte angeworben. Obwohl das alles schon in den 1990er Jahren absehbar war, wurden in dieser Zeit deutschlandweit 50.000 Arbeitsplätze in der Pflege wegrationalisiert – nach bester neoliberaler Logik. Krankenhäuser und Krankenkassen müssen heute Profit abwerfen, der Patient verkommt zu einer Nummer. Gleichzeitig wurde Anfang der 2000er Jahre der deutsche Markt für Pflegekräfte aus dem Ausland geöffnet – ein Markt, der auch heute noch boomt. Die Armut in osteuropäischen Ländern, das Lohngefälle, wird ausgenutzt, um hierzulande von den katastrophalen Zuständen auf dem Pflegemarkt abzulenken. Die Frauen arbeiten meistens schwarz, werden von Agenturen und Familien ausgebeutet und haben doch keine andere Wahl. In Talkshows sitzen Lobbyvertreter, die erklären, warum dieser Job so toll ist. Der Umgang mit den Frauen aus Osteuropa erinnert auf fatale Weise an die öffentliche Haltung zu Prostitution.

Rund 200.000 Frauen aus Polen und Ungarn sind aktuell bei uns in der häuslichen Pflege tätig. Häusliche Pflege bedeutet: Die Frauen (95 Prozent der ausländischen Pflegekräfte sind weiblich) ziehen für Wochen, Monate oder Jahre in den Haushalt der pflegebedürftigen Person ein. Sie kümmern sich um den Haushalt, gehen einkaufen, waschen die Senioren, helfen ihnen dabei, in den Rollstuhl zu kommen und wieder heraus und pflegen sogar den Garten. Die Angehörigen zahlen dafür rund 2000 Euro – allerdings ist die Frau nur in den seltensten Fällen direkt bei der Familie angestellt. Das ist nämlich teuer und mit Papierkrieg verbunden. Das häufigste Modell ist, dass die Familie eine Agentur bezahlt, die Pflegekräfte aus dem Heimatland nach Deutschland entsendet. Die Frauen sind aber bei der Firma im Heimatland auch nicht fest angestellt – sondern arbeiten freiberuflich. Sie erhalten ihre Bezahlung in Form von Spesen. Die Agentur streicht eine einmalige Vermittlungsgebühr sowie einen hohen monatlichen Betrag ein, obwohl sie außer der einmaligen Vermittlung nichts mehr tut. Die Frau selbst bekommt nur zwischen 800-1000 Euro – und ist weder krankenversichert, noch arbeitet sie legal. Da sie nur für einen Auftraggeber tätig ist, handelt es sich um Scheinselbstständigkeit- eine rechtliche Grauzone, die der Gesetzgeber aber bewusst toleriert, da sonst das Pflegesystem kollabieren würde.  In seltenen Fällen ist die Frau bei einem deutschen Pflegedienst angestellt, doch dann kommen auf die Familien weitaus höhere Kosten zu, die diese natürlich scheuen.  Die Arbeitszeiten der 24-h-Pflege sind mit dem deutschen Arbeitsrecht unvereinbar – mindestens drei Personen müssten sich den acht Stunden Job teilen, den sonst eine alleine macht. 24 Stunden. Sieben Tage die Woche. Günstig wollen es die deutschen Auftraggeber auch noch haben. Oma und Opa sollen rund um die Uhr gepflegt werden, doch kosten soll es möglichst wenig. Die Frauen kennen weder geregelte Arbeits- noch Pausenzeiten. Es gibt keinen Urlaub, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Arbeit mit den Senioren ist schwer – sowohl körperlich, als auch seelisch. Alzheimer Patienten sind nicht selten aggressiv, viele Alte wollen auch keine Fremde in ihrem Haus oder haben Vorurteile gegenüber Migranten und schikanieren die Frauen. Andere haben Schlafstörungen, müssen gewickelt werden oder sind schwer krank.

War es früher noch üblich, dass die ältere Generation in der Großfamilie mit versorgt wurde, so sind die Familien heute auf die sogenannte Kernfamilie reduziert. Die Kinder sind berufstätig – und viele wollen auch schlicht ihre alten Eltern nicht pflegen. Sie kaufen sich frei, indem sie eine Frau aus Polen oder Ungarn damit beauftragen, und nehmen wissentlich in Kauf, dass diese Frauen ausgebeutet werden. Mit dem Geld, dass sie in der Pflege verdienen, bringen die Frauen zu Hause, wo der Arbeitsmarkt schwierig ist, ganze Familien durch. Sie verpassen, wie ihre eigenen Kinder groß werden, ihre Ehen und Partnerschaften werden auf eine harte Probe gestellt. In Deutschland sind sie nur bedingt willkommen. Es gibt Fälle, in denen die Pflegerin nicht warm duschen durfte oder pro Woche nur für zehn Minuten mit ihrer Familie telefonieren konnte. Die Grenzen zwischen Pflege und Putzfrau verwischen – nicht wenige Angehörige sind der Meinung, dass die Pflegerin für ihr Geld auch einiges leisten sollte – von Gartenarbeit bis Auto waschen.

Warum nun gerade Frauen aus Osteuropa in Scharen als Pflegekräfte arbeiten? Das liegt an dem, vor allem in Polen, vermittelten Frauenbild. Frauen lernen dort schon sehr früh, sich für ihre Familie aufzuopfern, die eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen, Verantwortung zu übernehmen. Frauen als Mütter, als Heilige, werden in Polen verehrt. Wehe aber, sie werden diesen Anforderungen nicht gerecht. Die gleichberechtigte, befreite, beruflich erfolgreiche Frau aus Deutschland bezahlt also mit ihrem so gleichberechtigt verdienten Geld die ärmere Frau aus dem weniger gleichberechtigten Ausland, um so ihre Freiheit zu sichern. Denn: Pflege- und Fürsorgearbeit, jener Teil also, der aus der Lohnarbeit so bewusst ausgeklammert wird, wird nach wie vor von Frauen geleistet. Frauen putzen, erziehen, waschen, kochen und kaufen ein – alles neben ihrem Job. Dass es da ein Problem gibt, wurde schon festgestellt, doch es wird in bester patriarchaler Manier von den Frauen erwartet, dass sie dieses Problem bitteschön selbst lösen. Von der “Care-Evolution” ist dann die Rede, wo Frauen mit Frauen darüber reden, dass ihre Arbeit endlich mal wertgeschätzt werden soll – während die Kerle sich ins Fäustchen lachen und noch ein paar Stufen auf der Gehalts- und Karriereleiter nehmen.

In Talkshows sitzen dann VertreterInnen der Vermittlungsagenturen und erzählen, was für eine Superchance der Pflegejob für Frauen aus Polen ist. Immerhin müssen sie sich nicht prostituieren – oder sind längst zu alt dafür. Das mit den geregelten Arbeitszeiten und der Sozialversicherung sei kein Problem, auch Knebelverträge gäbe es nicht, die den Frauen verbieten, über ihr geringes Gehalt zu sprechen – und auch die deutschen Familien seien durch die Bank freundlich. Das erinnert an den Mythos vom hilfsbereiten Freier und der selbstbestimmten, sicheren Prostitution. Einige der Familien lassen die Frauen sogar wissen, dass sie “den Job keinen Tag lang aushalten würden” – oder “nie von ihren Kindern weggingen” – und bezahlen zeitgleich Dumpingpreise dafür, dass eine andere genau das macht.

Der deutsche Staat müsste massiv in die Pflege investieren – in Ausbildung und Gehälter. Stattdessen soll mit der Pflegereform 2015 der Markt weiter auch für gering qualifizierte Pflegekräfte in Krankenhäusern und Altenheimen geöffnet werden. Die Zustände in diesen Einrichtungen sind heute bereits katastrophal. Liegegeschwüre, Dehydrierung, Gewalt und Vernachlässigung sind vielerorts an der Tagesordnung. Mit den billigen Arbeitskräften aus dem Ausland kaufen sich einige Familien von dem schlechten Gewissen frei, die eigenen Eltern an einen solchen Ort abgeschoben zu haben. Wie es den Frauen geht, die ihre Eltern für sie pflegen, interessiert sie nicht. Im Gegenteil. Viele finden sogar, die Frauen sollten dankbar sein.

Lesetipp: Ingeborg Haffert: Eine Polin für Oma. Der Pflegenotstand in unseren Familien. Econ, 2014

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