Polyamorie – Befreiung oder Patriarchat in neuen Kleidern?

Wenn man sich aktuell auf Datingplattformen umsieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass monogame Beziehungen ganz schön old school sind. Viele ab Mitte 20 bezeichnen sich selbst als “polyamorös”, also als Menschen, die ohne Eifersucht und Besitzdenken Beziehungen mit mehreren Partnern eingehen. Das Konzept der Polyamorie erfährt bereits seit einigen Jahren viel Aufwind, ganz neu ist es nicht. Schon in den 68ern galt: “Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment”. Von dieser Haltung gibt es eine direkte und sexistische Kontinuität zum aktuellen Polyamorie-Trend.

Von der freien Liebe, die gar keine ist

Die Idee, neue Beziehungs- und Liebesformen, also “freie Liebe” auszuprobieren, gibt es nicht erst seit der Hippie-Zeit, auch in den freiheitsliebenden 1920er Jahren fanden sich erste Ansätze dazu. Besonders in linken und linksliberalen Zusammenhängen gibt es Anhänger von neuen Beziehungsformen. Die bürgerliche Ehe wird als Zwangskonstrukt verstanden, das der Entfaltung des Individuums und der Liebe entgegensteht. Wahrlich wird kaum jemand bestreiten, dass eine Ehe früher wenig mit Liebe, aber viel mit Besitz, Bürgerlichkeit und vor allem patriarchaler Ordnung zu tun hatte. Auch heute noch begünstigt ein Trauschein vor allem jene Lebensmodelle, die euphemistisch “traditionell” genannt werden, in Wirklichkeit aber vor allem den Männern dienen: Klassische Versorgerehe, sie bleibt daheim und kümmert sich um Haushalt und Kinder und wenn er sie nach ein paar Jahren gegen ein jüngeres Modell austauscht, hat sie Pech gehabt.

Fremdgehen ist in einer solchen Beziehung – ob mit oder Trauschein – nicht erlaubt, deshalb läuft es meistens heimlich ab. Jede/r zweite Deutsche gibt zu, schon einmal fremdgegangen sein, also kann es mit der Treue nicht so weit her sein. Gegen diese Heuchelei tritt die Polyamorie-Bewegung an. Lieber offen ausleben, was sowieso nicht verhindert werden kann. Dabei werden auch biologistische Argumente angeführt: Monogamie liege nicht in der Natur des Menschen, sei nicht artgerecht und vor allem Männern sei es einprogrammiert, sich möglichst viele Partnerinnen zu suchen. Außerdem sei es doch eine Bereicherung, innige und tiefe Beziehungen mit mehr als einem Partner zu führen.

Früher bestimmte die female choice unsere Sexualität

Was in der Theorie so verführerisch klingt, sieht in der Praxis oft ganz anders aus, dabei wäre eine Auflösung patriarchaler Beziehungsmuster im Sinne der Befreiung von Frauen durchaus wünschenswert. Die erzwungene Treue in der bürgerlichen Ehe ist ein Instrument, das Recht des Mannes auf sein Kind durchzusetzen und hat ihre Wurzeln im über 2000 Jahre alten römischen Recht, auf das auch unser Rechtssystem zurückgeht. Damals wurde Ehemännern vorgeschrieben, dass sie ihre Frauen im Falle eines Ehebruchs hart zu strafen hatten. Das Fremdgehen der Ehemänner hingegen wurde durch die Jahrhunderte hinweg toleriert und mit ihrem stärkeren Trieb gerechtfertigt, der dann eben auch staatlich geduldete Prostitution “notwendig” machte. Die patriarchatskritische Geschichtsforschung hingegen weist schon seit langem darauf hin, dass vor der Einführung des Patriarchats die “female choice” das Sexleben organisierte, oder konkret: Der Willen der Frau. Sie wählte sich Sexpartner für einen gewissen Zeitraum, die romantische Liebe hingegen spielte eine untergeordnete Rolle, weil der Bezugsrahmen die matrifokale Sippe war. Viele Bereiche der Wissenschaft unterstützen diese Analyse, wie etwa die Großmutter-Hypothese. Kurz gesagt: Wenn wir in frauenorganisierten Sippen leben, leben wir gesünder, erfolgreicher und länger. Das Patriarchat beendete diese uralte menschliche Organisationsform und mit ihr auch die Freiheit weiblicher Sexualität.

Befreit wurde vor allem die männliche Sexualität

In der Folge taten die Kirchen ihr Übriges dazu, Sexualität mit Scham zu besetzen und aktiv zu unterdrücken. Die 68er wollten genau dieses Korsett aus Scham und falscher Moral überwinden, doch leider scheiterten sie vielfach daran, männliche Privilegien und den damit einhergehenden Sexismus zu reflektieren. In der Praxis sah es häufig so aus, dass die Männer redeten und die Welt zu retten versuchten, die Frauen die Kinder hüteten und kochten und in der Nacht die Männer zwischen den Betten hin und herwechselten, während die Frauen ihren Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft hinten an zu stellen hatten. Man hört diesen Vorwurf in linken Kreisen bis heute, er richtet sich bezeichnenderweise vor allem an Frauen. Wenn diese auf einer exklusiven, monogamen Beziehung bestehen, sagt man ihnen, sie sollen ihre “bürgerliche Moral” ablegen. In diese Schiene passt auch, dass für viele linke Männer Porno und Prostitution Teil ihrer sexuellen Befreiung sind, während die sexuelle Freiheit für Frauen lediglich bedeutet, dass sie ihre eigene sexuelle Ausbeutung nun vermeintlich wählen kann. Ein Blick auf Pornoseiten zeigt sehr eindrücklich, dass es dort weder um weibliche Lust noch um weibliche Befreiung geht und die Nutznießer von Prostitution sind in überwältigender Zahl Männer. Den Frauen wird eingeredet, dass sie nicht nur auf emotionale Verbindlichkeit verzichten sollen, sie sollen auch vor allem männlichem Lusterwarten entsprechen, sonst sind sie verklemmt.

Frauen sind die Verliererinnen dieser Beziehungsformen

Was wir hier finden, ist ein besonders fieses Double-Bind im Patriarchat. Es ist nämlich keineswegs so, als seien Frauen von Natur aus auf feste Beziehungen mit Männern gepolt, wie der Exkurs über die matrifokale Sippe zeigt. Im Gegenteil: Über viele tausende von Jahren der Menschheitsgeschichte bestimmten Frauen, mit wem sie wann Sex hatten und das ohne Beziehung. Das Patriarchat aber hat uns und unseren Müttern und Großmüttern und vielen davor das Gehirn gewaschen. Uns wird von klein an eingetrichtert, dass wir später einmal den Prinzen finden, dann als wunderschöne Braut heiraten und uns anschließend um die Kinder kümmern. Die Suche nach dem Prinzen bestimmt schon im Kinderzimmer die Spiele mit den Barbiepuppen, sie findet sich in den Disneyfilmen bis hin zu Sex and the City und Frauenmagazine. Hinzu kommt, dass Frauen sehr früh eingebleut bekommen, dass sie auf ihren Ruf zu achten haben. Eine Frau, die einfach nur Sex hat und das auch noch mit wechselnden Männern, gilt als “Schlampe” oder “Flittchen”. Je intensiver sich dieser Ruf verfestigt, umso mehr wird sie von Männern als “nur für das Bett” betrachtet und nicht mehr als “Beziehungsmaterial”, was sie von ihrem indoktrinierten Lebensziel – den Prinz zu finden – entfernt.

Wenn es Freiheit ist, warum verletzt es dann so viele Frauen?

Genau diese Frauen suchen also auf Datingplattformen – und wir reden hier nicht von Tinder, sondern auch zum Beispiel von OKCupid, der ältesten Datingplattform überhaupt, die als besonders seriös gilt –  nach Dates und potenziellen Partnern oder aber geraten an Partner, die sich mit dem Konzept von Polyamorie oberflächlich beschäftigt haben. Richtig gelebt bedeutet Polyamorie, dass man sich mit viel Zeit und intensiver Kommunikation intensiv auf mehrere Menschen einlässt, und zwar nicht nur sexuell, sondern eben auch emotional. Man verliebt sich, man ist füreinander da, man teilt den Alltag, nur eben ohne Eifersucht und Exklusivität. Auf Dauer, so berichten das viele langjährige polyamoröse Paare, stabilisiert das lange Beziehungen, weil eben Eifersucht und Fremdgehen nicht als Stör- und Trennungsfaktoren auftreten. Mit Respekt und Achtsamkeit kann das ein großartiges Konzept jenseits bürgerlicher Beziehungsvorstellungen sein.

Die Wirklichkeit aber sieht häufig anders aus. In einer nach wie vor patriarchal strukturierten Gesellschaft funktioniert das Aussteigen aus bürgerlichen Beziehungskonzepten für Frauen ebenso wenig wie das Aussteigen aus anderen sexistischen Zusammenhängen. Die Prägungen und Strukturen wirken weiter fort – und verletzen vor allem die Frauen. Ich habe mit zwei Frauen über ihre sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit Polyamorie gesprochen, die eine Gemeinsamkeit aufweisen: Häufig profitieren vor allem  die Männer von diesem Beziehungsmodell. (Alle Namen wurden geändert):

Anna, 29: Als ich meinen Freund kennenlernte, verliebte ich mich schnell. Wir verbrachten Zeit miteinander und verstanden uns gut. Für mich stand bald fest, dass ich eine Beziehung wollte, aber er sagte, er brauche dazu Zeit. Das war nicht einfach, doch da ich ihn so gern hatte, hielt ich es aus. Ich bekam mit, dass er sich weiter auch mit anderen traf und das tat sehr weh. Irgendwann stellte ich ihn zur Rede. Er reagierte sehr abwehrend und sagte, dass er nie ein Geheimnis daraus gemacht hatte, dass er für eine monogame Beziehung nicht zur Verfügung stehe. Wir sprachen eine Weile nicht miteinander, bis er sich meldete und sagte, er könne sich eine polyamoröse Beziehung mit mir und noch einer Frau vorstellen. Erst wollte ich das überhaupt nicht, aber schließlich überredete er mich dazu, sie kennenzulernen. Jetzt sind wir seit etwa einem Jahr zusammen. Es sieht so aus, dass wir mal jede Frau mit ihm allein Zeit verbringen, mal alle drei zusammen. Wir Frauen haben keine sexuelle Beziehung zueinander, auch wenn er das gerne initiieren würde. Er hat außerdem immer mal wieder Affären außerhalb dieser Beziehung. Der Alltag ist ziemlich stinknormal: Wir kochen, ab und zu waschen wir seine Wäsche, wenn er krank ist, wechseln wir uns damit ab, uns um ihn zu kümmern. Wenn es aber umgekehrt mir schlecht geht, dann ist er oft nur eingeschränkt da, weil er sagt, er müsse sich ja auch noch um Melanie, die andere Frau kümmern. Es ist auch nicht so, als sei die Eifersucht verschwunden. Wenn ich Fotos von dem sehe, was die beiden ohne mich unternehmen, bin ich oft sehr verletzt. Wie lange ich noch in dieser Beziehung bleibe, weiß ich nicht. Ich hänge sehr an ihm, aber irgendwann wünsche ich mir Kinder.

Polygynie ist ein Instrument des Patriarchats und nicht der Befreiung

Die Polygnyie, also der Umstand, dass ein Mann zwei oder mehrere Frauen hat, ist besonders in patriarchalen Gesellschaften verbreitet, während aber die Polyandrie, also dass eine Frau mehrere Männer hat, verboten ist. Gesellschaften mit Polygynie finden sich zahlreich, solche mit Polyandrie hingegen nur sehr selten. Sie dient dem Zweck, dass ein Mann möglichst viele legitime Nachkommen zeugen kann, währen die Frauen nur ihm gehören. Der orientalische Harem ist das extremste Beispiel dafür. Gleichzeitig geht Polygynie auch mit der Aufgabe einher, für diese Frauen sorgen zu müssen. In patriarchalen Gesellschaften können Frauen nicht selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen und werden deshalb nach dem Tod eines Mannes zum Beispiel an dessen Bruder verheiratet, um versorgt zu sein. Leider gibt es keine Zahlen dazu, wie viele polyamoröse Beziehungen aus einem Mann und zwei oder mehreren Frauen bestehen, doch seit ich mich seit einiger Zeit damit beschäftige, habe ich sehr wohl den Eindruck, dass diese Beziehungsform in der Polyamorie dominiert, was nicht heißt, dass es nicht auch Frauen gibt, die mit mehreren Männern eine Beziehung führen, nur bin ich darauf deutlich seltener gestoßen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Sache mit der flexiblen Monogamie so neu nicht ist: Ehefrauen waren schon immer gezwungen, die Mätressen oder Nebenfrauen ihrer Männer zu akzeptieren und auch zum Beispiel wegzusehen, wenn diese sich an den Dienstmädchen vergriffen. Für Frauen waren solche “Fehltritte” undenkbar.

Kathrin, 26: In meinem Leben ist gerade viel los und ich will mich nicht so richtig festlegen, weil ich nicht weiß, ob ich im nächsten Monat überhaupt noch in der gleichen Stadt bin. One-Night-Stands sind aber auch nichts für mich. Sex ist für mich mit Intimität verbunden und ich brauche dazu Nähe zu meinem Partner, auch wenn ich nicht mit ihm zusammen bin. Ich bin auf mehreren Dating-Apps unterwegs. Dabei fällt mir auf, wie viele Männer angegen, dass sie polyamorös sind. Da mich Polyamorie schon eine Weile interessiert, suche ich das Gespräch mit ihnen und stelle fest, dass sie eigentlich etwas ganz anderes meinen: Sie suchen vor allem unverbindlichen Sex und wollen sich nicht schlecht fühlen. Sie sagen, Polyamorie sei eine Veranlagung, so wie Homo- oder Bisexualität und dagegen könne man nichts machen, ich persönlich finde, dass es eher eine Lifestyle-Entscheidung ist, die man bewusst gestalten muss, damit niemand verletzt wird. Die Männer auf diesen Dating-Apps möchten aber gar keine Arbeit in eine Beziehung investieren, sondern vor allem intensiven und schönen Sex erleben, ohne danach zu irgendetwas verpflichtet zu sein. Da ich bisexuell bin, werde ich auch immer mal von Frauen angeschrieben. Dabei bin ich oft entsetzt darüber, wenn sie mir dann schreiben, dass sie eine Frau für einen Dreier mit ihrem Freund suchen, weil er das möchte. Ich frage dann immer, ob sie das auch wollen, und dann stellt sich heraus, dass sie das nur ihm zuliebe machen. Für mich hat das mit freier Liebe nichts zu tun, sondern ist in Wirklichkeit ein sehr rücksichtsloses Verhalten.

Liebe und Patriarchat

Der aktuelle Trend zu Polyamorie ist im Sinne der Überwindung bürgerlicher Beziehungsformen ganz sicher zu begrüßen. Allerdings findet diese oft unter patriarchalen Vorzeichen statt und führt statt zu einer Befreiung zu einem Rückschritt in ausbeuterische Strukturen, die denen der Polygynie sehr nahe kommen. Der männliche Anspruch auf Zugang zu kostenlosem und unverbindlichem Sex wird unterstützt und durch eine aufklärerische Agenda legitimiert. Frauen hingegen finden sich in dem Dilemma wieder, dass ihnen die Gesellschaft eintrichtert, eine monogame Beziehung zu einem Mann sei ihr Lebensziel, dann aber auf Männer trifft, die vor allem Sex und Spaß suchen und ihre eigene Bedürfniserfüllung im Fokus haben, statt sich auf eine Beziehung einzulassen. Hinzu kommt, dass die romantische Liebe, der wir nachjagen, ohnehin ein schwieriges Konzept ist. Alice Schwarzer nannte sie einen “aufgesetzten Mythos”, der dabei helfe, Frauen zu degradieren. Eva Illouz hat in “Warum Liebe weh tut” aufgezeigt, dass die Liebe in der kapitalistischen Postmoderne das höchste Maß an vollkommener Anerkennung und Akzeptanz symbolisiert, der das Individuum nachjagt, nur um dann immer wieder bis in das Mark verletzt zu werden, weil die zwischenmenschliche Liebe eben nicht die ganze gefühlte Entwurzelung angesichts sich rapide wandelnder gesellschaftlicher Zusammenhänge aufwiegen kann. Ist Polyamorie also doch ein Gegenmittel?

Catherine Millet, die für ihre sexuelle Freiheit berühmt wurde, kannte das Gefühl der Eifersucht wie auch Simone de Beauvoir, die mit Jean-Paul Sartre die wohl berühmteste offene Beziehung der Welt führte. Trotzdem empfanden beide Feministinnen diese Art der Beziehung als die beste für sie. Polyamorie kann also durchaus ein Weg gerade für heterosexuelle Frauen sein, sich von dem Wahn, romantische Liebe finden zu müssen, zu befreien. Doch dazu müssen männliche Anspruchshaltung und patriarchale Privilegien grundlegend reflektiert und abgeschafft werden – und davon sind wir weit entfernt. Bis das passiert, birgt diese Art der Beziehung nicht nur das Risiko für Frauen, emotional verletzt, sondern auch sexuell ausgebeutet zu werden und sich freiwillig einem patriarchalen Konzept zu unterwerfen, das in seinem Wesen älter ist als die bürgerliche Ehe selbst. Rückschritt statt Fortschritt und das alles unter dem Label “freie Liebe”. So wirklich neu ist das alles nicht. Solange patriarchale Strukturen nicht überwunden ist, wird jede Art von heterosexueller Beziehung vor allem darauf angelegt sein, männliche Ansprüche zu erfüllen. Es ändern sich nur die Methoden: Statt bürgerlicher Moral ist es jetzt das Gerede von Freiheit und Ungezwungenheit, dem sich Frauen unterordnen sollen.

 

 

21 Kommentare

  1. Frauen sind in JEDER Beziehungsform die Verliererinnen. Meistens deshalb, weil sie halt auch viel Liebe, Verständnis und Seele in eine Beziehung investieren. Im Gegensatz zum Mann. Und: Grosse Frage: Was hat eigentlich SEX mit Liebe zu tun? ….und mit Haushalt; und mit Geld?
    SEX kann in Liebe enthalten sein, aber dann ist Treue eben KEIN Thema, sondern ein Bedürfnis. Anderseits muss Liebe nicht in Sex enthalten sein. Vor allem nicht in der männlichen Form von Sex, der ja eher etwas mit Konsumieren als mit Liebe etwas zu tun hat. Und genau das merken die Frauen und leiden, da sie meistens so viel mehr investiert haben. ABER: Manchmal ist es auch umgekehrt. Nicht mal da kann man generalisieren, denn tatsächlich gibt es auch sehr gute und liebe Männer, welche von Frauen bis auf’s Blut ausgenützt wurden/werden. Es scheint immer einen “Geber” und einen “Nehmer” zu geben. Wenn dies einigermassen ausgeglichen ist, geht die Beziehung auf. Wenn es einseitig wird, zu wessen Ungunsten auch immer, ist eine “Liebesbeziehung” eigentlich vorbei.

  2. Sehr nachvollziehbar dargestellt, wie alte und neue Sexualmoral ein Kontinuum in der Hinsicht darstellen, dass Männer* davon profitieren.
    Ich habe noch eine andere Erfahrung gemacht, und zwar dass manchmal auch ein Pärchen von Polyamorie profitiert, und die “Drittpersonen” beiderseits, also die anderen Frauen des Mannes und die anderen Männer der Frau die Verlierer_innen sind. Das heißt, es geht vordergründig um freie und reziproke Liebe, oft zwischen einer Hauptbeziehung und beidseitigen Nebenbeziehungen. Wenn aber eine der Nebenbeziehungen noch eine parallele Beziehung aufbaut, die womöglich sogar noch enger ist, verliert das polyamore “Hauptpärchen” das Interesse und ersetzt die alte Nebenbeziehung durch eine neue Nebenbeziehung.
    Ich habe also bei meinem Kontakt mit Polyamorie auch immer latent irgendwelche Besitzansprüche wahrgenommen, egal ob diese die innerhalb der Hauptbeziehung oder in Nebenbeziehungen auftraten.

  3. Eine ähnliche Erfahrung mache ich gerade in unserem Freundeskreis. Dort versuchen einige Pärchen, das Konzept der freien Liebe zu leben, haben aber jeweils nur Sex mit anderen. Quasi Fremdgehen mit Erlaubnis. Das hatte spätestens dann nichts mehr mit freier Liebe zu tun, als sich eine Freundin in einen ihrer Sexualpartner verknallte und ihn unbedingt ihrem Freund vorstellen wollte, weil sie fasziniert von ihm war. Der “Gute” ist schier ausgerastet, verlangte die letzten Jahre jedoch, dass sie jeden Dreier (natürlich IMMER nur mit anderen Frauen, niemals mit anderen Männern) mitmachte und diese Frauen natürlich akzeptierte. Ich denke, dass sie sich der patriarchalen Strukturen dieser Beziehung und insbesondere ihrer unterdrückten Rolle nicht bewusst ist. Klar hatte sie auch Sex mit anderen Männern, aber davon wollte und will ihr Freund nichts wissen. Dafür muss sie fast jeder Sexualpartnerin die Hand schütteln, wenn nicht sogar Sex mit ihr haben oder zumindest dabei zusehen. Am liebsten würde ich sie wachrütteln und schütteln, aber wer bin ich, wenn ich ihr meine Ansicht und Meinung aufdrücke. Alle beteiligten scheinen glücklich oder tun zumindest so. Sie nimmt es nämlich einfach hin, weil sie Angst hat, dass er sie verlässt. Die Strukturen sitzen so tief, dass ein Durchdringen kaum möglich ist. Gerade als Feministin, die das gesellschaftlich betrachtete “Normale” eben als nicht normal oder gar falsch ankreidet, wird man oft nicht verstanden oder eben als männerhassende frigide Emanze abgetan. Tja wer kennts nicht 🙁
    Aber scheiß drauf, dann ist das eben so.
    Der Artikel ist an Aktualität nicht zu übertreffen und ich freue mich, dass nicht nur mir das auffällt.

    Peace und Sisterhood 😉

  4. Gabypsilon

    Im digitalen Zeitalter haben wir unendliche Möglichkeiten, uns Zugang zu Informationen zu beschaffen. Da bleibt zu hoffen, dass viele Frauen nicht nur diesen Artikel lesen, wenn sie noch keinen Zugang zu radikalfeministischer Literatur gefunden haben. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich dadurch schützen können, keinen neuen Wein aus alten Schläuchen trinken und nicht auf einer durch Männer alten, neu bestrichenen Leimrute, kleben bleiben.

  5. Danke für diesen Artikel. Einige der Beobachtungen kann ich bestätigen. Ich war vor einiger Zeit in einer polyamourösen Beziehung mit einem Mann, der jedoch nicht damit klar kam, dass ich selbst noch eine andere (Haupt-)Beziehung hatte, obwohl er selbst ebenfalls eine Freundin hatte. Er hätte sie und mich ebenfalls gern in einer Dreier-Konstellation mit mir gesehen, obwohl ich das nicht wollte, wollte allerdings auch nicht zulassen, dass es dabei zu etwas zwischen ihr und mir gekommen wäre. Und bei allen anderen seiner übrigen Nebenbeziehungen war ein Freund auch immer das Ausschlusskriterium. Nach einem Jahr hat er sich von mir getrennt: ob ich denn keinen moralischen Kompass hätte? Er könne das so nicht verantworten. Davon, ob es bei ihm nicht eventuell dieselbe Situation sei, durfte keine Rede sein. Jetzt, da seine Beziehung offenbar kriselt, macht er wieder Annäherungsversuche (gibt aber zu verstehen, dass er sie nur durchziehen würde, wenn ich solo bin), aber für mich ist die Sache vorbei. Für mich hat Liebe prinzipiell mit Freiheit und Gleichheit zu tun, diese Beziehung habe ich aber als absolute Unfreiheit und als so hierarchisch, wie ich es mir nie hätte vorstellen können, erlebt. Und es gelingt mir immer weniger, an Liebe oder Sexualität zu glauben: ich versuche mittlerweile ein rationaler Mensch zu sein, der versucht, möglichst wenig zu empfinden. Das macht zwar das Leben für mich deutlich weniger lebenswert, aber wenigstens hat das gegenseitige Verletzen ein Ende. Dennoch wünsche ich mir, dass eine gesamtgesellschaftliche Lösung anders aussieht, denn sonst werden wir alle zynisch. In jedem Fall stimme ich der Autorin zu, dass Polyamorie ein hoch politisches Thema ist, und dass es sich lohnt, darüber nachzudenken, ob und wie sie für alle Beteiligten gerechter zu gestalten ist.

  6. Die (Liebes- und Sex) Beziehungen zwischen Mann und Frau sind DAS politische Thema überhaupt. Wie im Kleinen so im Grossen. Die politische Tyrannei und das Gegängel und Kritisieren der Frauen spiegelt sich dann auch in den sog. “Liebesbeziehungen” wieder. In Sachen Gleichheit waren wir nämlich Anfangs 90er Jahre schon weiter. Der Rollback ist privat und politisch nicht übersehbar.
    Neu bestrichene Leimruten…..hahaha= Genau das ist es, danke Gabypsilon.
    (Diesmal ist es Sekundenleim!)

  7. Fusilla

    Wann ist Polyamorie “richtig gelebt”? Wie genau muss sie dem genannten Idealbild entsprechen? Wird das an der Menge der Zeit gemessen, der Qualität der Kommunikation, und da nach welchen Kriterien?
    Anderes Thema: Ab wann ist es ein “Wahn, romantische Liebe finden zu müssen” und wann ist es noch realistisch? Ist es immer schon dann ein Wahn, wenn man eine Beziehung sucht? Und wie ist hier Beziehung definiert? Wird das Verhältnis zwischen zwei Menschen nur dann so genannt, wenn es dem landläufigen romantischen Ideal entspricht? Oder reicht als Kriterium vielleicht schon, dass man ein Idealbild projiziert? Ist es auch dann ein Wahn, wenn man romantisches Idealbild und Realität differenzieren kann? Was heißt überhaupt romantisch?

  8. Gabypsilon

    Schaum vor dem Mund? Bitte sachlicher? Schon wieder ein männliches Wesen, dass Frauen vorschreiben möchte, wie sie sich zu artikulieren haben. Und persönliche Erfahrungen negieren will, um aus seiner Sicht ein an sich “gutes Konzept” belobt. Tja, hier sind etliche Frauen, die da anderer Meinung sind. Siehste.

  9. Mira Sigel

    Genau deshalb kann Robert sein Mansplaining jetzt woanders betreiben. (Mira)

  10. “Die Männer auf diesen Dating-Apps möchten aber gar keine Arbeit in eine Beziehung investieren, sondern vor allem intensiven und schönen Sex erleben, ohne danach zu irgendetwas verpflichtet zu sein. ”

    Es gibt auch Frauen, die das möchten. Warum zum Teufel wird das so diskriminiert? Selbst wenn es NUR von Männern gewünscht würde, muss die Frage doch gestattet sein und verlangt nach einer Antwort – auch von Feministinnen.

  11. Gabypsilon

    @Leonie: Eine Diskriminierung von Frauen, die unverbindlichen Sex wollen, kann ich hier nicht erkennen. Weder im Artikel, noch in den Kommentaren. Schon gar nicht von den Frauen, die über ihre eigenen, persönlichen Erfahrungen mit “polyamorösen” Beziehungen geschrieben haben.
    Der von Dir zitierte Satz ist EINE Aussage in diesem Artikel oder in einem Kommentar. Ich habe jetzt nicht gesucht, wo das so geschrieben steht.
    Wer stellt infrage, dass es Frauen gibt, die unverbindlichen Sex wollen?
    Keine Ahnung, ob die Mehrheit der Frauen mit einem ihm fremden Mann “intensiven und schönen Sex” erleben. Oder einmal zu der bitteren Erkenntnis gelangen, dass sie lediglich als Spermaklo gedient haben.
    Das wär zumindest dann der Fall, wenn es NUR von Männern gewünscht würde, wie Du schreibst. Beide sollten authentisch sein und das gleiche wollen. Will er nur unverbindlich, aber natürlich intensiv und schön ficken und sie wünscht sich insgeheim aber doch, dass “mehr” daraus werden könnte, wird es für den Typen nervig und für die Frau schmerzlich.

  12. Liselotte

    Ich schließe mich Leonie an. Nach Meiner Erfahrung kommt es mindestens genauso oft vor, dass der Mann eine Beziehung will und die Frau nur Sex. Das finde ich auch völlig legitim, genauso wie im umgekehrten Fall. Dass jemand verletzt wird, lässt sich nie völlig ausschließen. Aber möglichst früh über das zu reden, was beide Personen wollen, kann mit Sicherheit helfen…
    Und dann eben die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Wer eine monogame Beziehung mit einer anderen Person haben will (egal ob Mann oder Frau), die das nicht will, die/der sollte es halt lassen. Und sich eine Person suchen, die besser zu ihr/ihm passt.

  13. Kalimohan

    Zum Thema Polyamorie (und generell bei allen Themen) stelle ich (♂) mir zwei Fragen: 1. Kommt das Konzept, die Idee, die Methode von einer oder mehreren Frauen oder wurde es von Frauen entwickelt? 2. Profitieren in erster Linie Frauen davon?

    Mit Polyamorie habe ich mich wegen praktizierender FreundInnen, Feministinnen, die das in der Theorie als gute Alternative zum patriarchalen Lebensmodell sehen, Mailinglists und eine Art Diskussionsrunde in einer Community, die polyamorös leben, beschäftigt. Ich sehe das so, wie hier, bei den Störenfriedas, beschrieben. Die Frauen kamen durch Männer zur Polyamorie und liessen sich wohl auch darauf ein, weil es theoretisch besser erscheint polyamorös, denn in einer traditionell patriarchalen Ehe zu leben. In der Praxis war es dann so, dass Männer die Spielregeln in der Polyamorie festgelegt haben und diese »männliche Spieler« bevorzugt haben. So war es für die meisten männlichen Polyamorie Befürworter, mit denen ich gesprochen hatte, dann auch unverbindlicher Sex in polygyner Konstellation, mit einer Option zu einer weitergehenden Freundschaft.

    Meine Utopie ist, wenn sich matriarchale Lebensmodelle wieder etablieren, denn die haben sich über viele zehntausende Jahre bewährt. Oder aber, wenn Frauen etwas ganz ohne patriarchale Basis erfinden oder entwickeln.

  14. Liselotte

    @ Kalimohan: “Die Frauen kamen durch Männer zur Polyamorie und liessen sich wohl auch darauf ein, weil es theoretisch besser erscheint polyamorös, denn in einer traditionell patriarchalen Ehe zu leben.” Ist es denn tatsächlich so unvorstellbar für dich, dass Frauen auch einfach nur Lust auf Sex mit verschiedenen Männern haben können? Und das schlicht und ergreifend machen, weil sie gerade Bock drauf haben?

  15. Kalimohan

    @ Liselotte:
    Das stelle ich auch nicht in Abrede. Ist doch gut, wenn es so ist.
    Ich bezog mich allerdings auf meine Erfahrungen und Erzählungen von Frauen, die eben nicht aus eigener Initiative darauf kamen, sondern durch Männer. Wie erwähnt kenne ich auch Feministinnen, die das Polyamorie Konzept theoretisch für die bessere Alternative befinden, es aber praktisch selbst noch nicht gelebt haben.

  16. Uff, so viel Pessimismus…
    finde ich sehr schade und ehrlicherweise auch ein wenig phlegmatisch.

    Hoffentlich erlebe ich noch den Tag, an dem nicht-monogame Beziehungsmodelle nicht mit “Eine(r) zieht automatisch den Kürzeren” gleichgesetzt werden.

    Denn es stimmt einfach nicht.

  17. Liselotte

    @ Kalimohan: Kennst du denn auch Feministinnen, die aus eigener Initiative Sex mit verschiedenen Männern haben (egal ob sie das nun Polyamorie nennen oder nicht)?

    Falls nicht, kennst du jetzt eine.

  18. Ich scheine eher für die serielle Monogamie angelegt zu sein. Je länger sich Lust und Begehren aufgebaut und aufgestaut haben,desto atemberaubender und hingerissener die Erlösung in der ersehnten Begegnung. Da war dann überhaupt kein Platz für die Attraktivität anderer Männer. Dieser Zustand hielt ein Vierteljahr bis zu zwei Jahren. So,wie ich mich in Matriarchatsforschung eingelesen habe,scheint das der evolutionär-biologische Normalzustand von Menschenweibchen zu sein.

  19. @ Jutta: genau so ticke ich auch. Die ersten zwei Jahre in festen Händen war ich immer wunschlos glücklich – und dann kam die Lust auf fremde Haut und damit das schlechte Gewissen. Obwohl alles toll ich sehr verliebt war. Hab jahrelang mit mir gehadert, mich geschämt und mit niemandem drüber gesprochen.
    Heute bin seit 5 Jahren mit einem großartigen Mann zusammen, den ich abartig liebe und mit dem ich alt werden möchte. Vor ca. anderthalb Jahren habe ich mich getraut und das Thema offene Beziehung angesprochen – jetzt leben wir es. Und sind uns näher denn je.
    Klingt komisch, ist aber so.

  20. Ich war schon immer monogam und werde es wohl auch bleiben, da es mein Bedürfnis ist. Natürlich kann es anerzogen sein, doch ich fühle mich damit wohl. Auch glaube ich an die romantische Liebe und durfte sie auch erleben, was mich durchaus veränderte, doch auch die Beziehung, die ich nun seit vielen Jahren führe, und die mittlerweile primär auf Freundschaft und auf für einander da sein beruht, ist sehr erfüllend und ich bin sehr dankbar dafür.

    Ich habe mich jedoch des öfteren gefragt, warum Menschen intime Beziehungen mit Mehreren zur selben Zeit eingehen. Ist es tatsächlich so, dass sie in der einen Beziehung X suchen/finden und in der Anderen Y? Brauche ich den X und Y? Ich selbst wohl nicht, doch eigentlich gibt es auch nichts, wozu ich einen anderen Menschen benötige, ich freue mich jedoch, wenn dieser Mensch da ist. Und das ist dann doch wiederum sehr viel.

  21. Es gibt eine Studie, die zumindest zeigt, dass es zwischen monogam und polx lebenden Menscheb keine Unterschiede in der Zufriedenheit gibt mit der Beziehung. So viel zu “natürlicher” oder “angemessener”. Mein Eindruck ist auch, dass viele Menschen, die polyamurös leben, scheinbar eine starke und sehr absolute Theorie dazu benötigen – warum auch immer – und dieser selbst oft nicht gerecht werden. Beispiel: er hat zwei Beziehungen, sagt aber, insbesondere die eine hätte gar nichts mit Liebe zu tun… nur ist halt ein Kind entstanden, wegen dem sie irgendwie eine Art Paar geblieben sind. Andere Aussage (eine Frau): es ist so praktisch, dass er auch noch ne andere hat, so habe ich mal frei und wenn er krank ist hängt nicht alles an mir. …manchmal habe ich den Eindruck, dass das Ende größerer gewachsener sozialer Gefüge (Großfamilie, Dorfgemeinschaft) die Leute nach einem Ersatz suchen lässt… komisch, dass das gleich auf Paarbeziehungs-Ebene gehoben wird. Verstehe auch immer nicht, warum “Beziehung”, “Vertrauen”, “Tiefe” gleich mit Paarbeziehung assoziiert wird. Ich habe ne Menge davon… verbindiche, tiefe, wunderschöne Freundschaften. Warum da Sex eine Rolle spielen sollte, wüsste ich nicht. Für mich ist es Gingabe an das Leben, meinen Partner, unsere Kinder, wenn ich und wir monogam leben… ich hätte gar nicht die Ressourcen (Zeit und Kraft) für weitere Männer. Meine Beziehung, die ich lebe, würde automatisch verlieren… Aufmerksamkeit etc. Aber ja, es ist eine Herausforderung – aber die liebe ich! Und es ist wunderschön, irgendwie hat es was spirituelles, ein (monogames) Paar zu sein und Eltern der gemeinsamen Kinder. Aber andere ticken wohl anders.

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