Porn Chic – die Pornifizierung des Alltags

Buchcover: Porn Chic

Nicola Steffen: Porn Chic - Die Pornifizierung des Alltags, dtv, 2014

Pornos haben unseren Alltag durchdrungen. Musikvideos, Werbung, Mode – überall finden sich Anspielungen und Anleihen an den Porno. Seit den 90er Jahren lässt sich eine von den Medien vorangetriebene Pornifizierung unseres Alltags beobachten, die sich sogar im Porno Chic für Kinder (bauchfrei, Stringtangas, Miniröcke, Stiefel mit Absätzen) niederschlägt. Nicola Steffen hat in ihrem gerade erschienen Buch “Porn Chic – die Pornifizierung des Alltags” den Einfluss der Pornoindustrie auf unsere Kultur untersucht und kommt zu bedenklichen Ergebnissen: Damit Pornos sich besser verkaufen, findet eine Pornifizierung unseres Alltags statt, der auch vor Kindern nicht Halt macht. Dabei ist der Porno keineswegs Motor eines gesellschaftlichen Fortschritts, sondern bleibt klischeehaften Rollenbildern verhaftet: Männer verüben Gewalt an Frauen, beschimpfen sie, die Frau ist unterwürfig und machtlos. Die Identität von Frauen wird über ihr Aussehen festgelegt – wer den Körperstandards nicht entspricht, hat in dieser Gesellschaft keine Chance. Dabei sind es die Körperstandards von Pornostars – nach diversen Operationen.


Porno ist überall, Porno ist cool und angeblich sorgt er sogar für besseren Sex. In der Werbung werden explizite Anspielungen auf Pornos wie ein Cumshot angedeutet und Pornoparties sind nicht erst seit gestern in. In den 2000er Jahren brachten sich “Pornorapper” mit Texten und Musikvideos im Pornostil in die Öffentlichkeit. Sexualisiert wird in ihren Videos immer nur der weibliche Körper, der Mann posiert als der elegante Zuhälter, die Frau wird an Hundeleinen herumgeführt und ihr werden im Text anale Vergewaltigungen angedroht oder sie wird zum Oralverkehr aufgefordert. Beschimpfungen sind gang und gäbe. Das geschieht nicht ohne Grund: Indem Pornos ein Teil der Popkultur werden konnte, bekam die Pornoindustrie Zugang zum immer jüngeren Publikum, das Pornos als “schick” oder “cool” empfindet und so eine verlässliche Konsumentengruppe darstellt. Pornostars werden Schauspielerinnen und modeln für große Modelabels, Männer umgeben sich gern mit der Aura des hedonistischen Lebemannes, wenn sie öffentlich bekennen, gerne Pornos zu schauen. Auf diese Weise verliert der Porno sein Schmuddelimage und wird “normal”. Wer sich dagegen wehrt, ist prüde.

Der größte Clou der Pornoindustrie ist es, dass Pornos bis heute als progressiv und liberal gelten, obwohl die in ihren inszenierten Rollenbilder von vorgestern sind. Kein Wunder: Der Ursprung der Pornografie liegt in der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Sexualmoral. Damit der größtmöglichste Absatz von Pornos erreicht werden kann, ist es notwendig, dass es keinerlei sexuelle Tabus oder Grenzen mehr gibt, die sich negativ auf die Konsumlust auswirken, aber zugleich muss Sex eine verknappte Ware sein, die zu einem großen Teil nur über Pornografie bezogen werden kann.

In den USA ist die Reihe “Girls Gone Wild” immer noch ein Riesenerfolg. Das Kamerateam sucht bei Collegestudenten beliebte Feierorte auf und bringt dann unter dem Gegröhle der Anwesenden ein meist betrunkenenes Mädchen dazu, Oralverkehr oder Selbstbefriedigung vor der Kamera zu praktizieren. Diese Videos verfolgen die Mädchen im Anschluss ihr ganzes Leben lang.
Denn beim Porno geht es nicht um einen lockereren Umgang mit Sexualität. Pornos sind ein knallhartes Geschäft, das überkommene Rollenbilder durch seine Darstellungen verfestigt. Frauen werden auf ihre Körperöffnungen reduziert, sind “bitches” oder “cunts” und werden im Porno inszenierten Vergewaltigungen bis zur Folter unterzogen. Zärtlichkeit und echte weibliche Lust spielen dabei keine Rolle – im Gegenteil wird suggeriert, dass Frauen ohnehin nur dann Lust empfinden, wenn es ihnen jemand mit Gewalt besorgt. Frauen sind unterwürfig, befriedigen gleich mehrere Männer oder müssen sogar eine Gruppenvergewaltigung über sich ergehen lassen. Der Konkurrenzkampf in der Pornoindustrie ist hart – Amateurpornos konkurrieren mit den Profis – was dazu führt, dass immer neue Extreme ausgetestet werden müssen von Waterboarding bis zur Selbstverstümmelung, dem Sex mit computeranimierten Kindern oder Sex mit Tieren. Durch die immer neuen Extreme der Pornografie werden Rand-Genres immer mehr zu Mainstream: SM, Sex mit Tieren oder extreme Analverkehrszenen. Die Darstellerinnen werden regelrecht verheizt, viele prostituieren sich nebenbei, weil die Gagen so schlecht sind. Einige wenige erfolgreiche Pornostars, die es zu weitreichender Popularität und Wohlstand gebracht haben, dienen als Lockmittel, um junge Frauen in die Pornobranche zu bringen. Analverkehrszenen sind unter anderem deshalb so beliebt, weil die Schmerzäußerungen der Frau sie “authentisch” erscheinen lassen.

Die Folgen der Pornifizierung sind für alle Frauen weitreichend: Frauen, die eine ständige Objektifizierung ihres Körpers erleben, leiden an Identitätsstörungen, Leistungsabfall und geringem Selbstbewusstsein bis zu psychischen Krankheiten und Süchten, die schon im Teeniealter beginnen. Das Reinszenieren des Porno Chics führt zu gesellschaftlicher Diskriminierung – Mädchen werden als “Schlampen” beschimpft und geächtet, wenn sie, vielleicht um Anerkennung zu gewinnen, einwilligen, das nachzumachen, was der Porno will – und was die Jungs zunehmend fordern – von Gang-Bang bis Oralverkehr und das alles am besten noch auf Film. Pornos machen Frauen krank. Und das ist noch nicht alles: Frauen zwischen 14 und 18 sind am häufigsten von sexuellen Übergriffen betroffen – und zwar von ihren Freunden. 60 Prozent aller Vergewaltigungsopfer sind unter 18 – sexuelle Gewalt, Erniedrigung und Pornifizierung verhindern, dass Frauene in positives und selbstbestimmtes Bild von sich und ihrem Körper bekommen – und leiden im schlimmsten Fall ihr ganzes Lebend darunter.

Die Pornifizierung unserer Gesellschaft führt dazu, dass schon Grundschüler mit sexualisierten Produkten herumlaufen – mit T-Shirts mit der Aufschrift “Pimp” oder “Bitch”. Kinder haben aufgrund der sexualisierten, überpornifizierten Werbung und der Medieninahlte keine Chance mehr, Rollenbilder auszuprobieren oder gar zu durchbrechen. Pornos stehen also nicht für Fortschritt oder Befreiung, sie stehen für die Zementierung einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, in der Frauen von Kindheitsbeinen an die unterworfene sexuelle Klasse sind.
“Teen Porn” gehört zu den häufigsten Suchanfragen im Internet, beim Virgin Sex geilen sich die Zuschauer daran auf, dass ein extra großer Penis eine Jungfrau “aufschlitzt”, oder alte Männer werden beim Sex mit Babysittern gezeigt. Jungfräulichkeit, männliche Dominanz und sexuelle Erniedrigung – Begriffe wie aus dem letzten Jahrhundert.

Das sogenannte Sexting, das Versenden pornografischer Inhalte über das Handy wird in Deutschland gerne verharmlost – doch die wenigsten Eltern wissen überhaupt, was ihre Kinder mit dem Handy machen und welche Inhalte sie nutzen und unterschätzen die Gefahr daher vollkommen. Dabei ist das Anschauen und Besitzen extremer Videos für Jugendliche eine Methode, um dazuzugehören und sich in der Gruppe zu positionieren. Das Internet macht Videos von allem Denkbaren frei verfügbar. Gewalt- und Sexvideos führen bei Heranwachsenden dazu, dass sich bestimmte Skripte – Drehbücher im Kopf – entwickeln, die immer wieder neu inszeniert werden. Es findet eine Desensibilisierung für die Gewalt und die Erniedrigung statt – mit drastischen Folgen für das Wertesystem des Individuums. Pornos verändern die Skripte unserer Sexualität – nicht nur Jugendliche, sondern auch erwachsene Männer wollen nachspielen, was im Porno gezeigt wird: Doppelpenetrationen, Ejakulieren in die Augen oder den Mund der Frau oder das Gagging, das Würgen mit dem Penis.

Kinder kommen im Durchschnitt mit elf Jahren in Kontakt mit Pornografie – statt ihre Sexualität selbst zu entdecken, prägt sich eine von der Porno-Monokultur geprägte Porno-Sexualität aus. Und nicht nur das: Studien konnten belegen, dass ein Zusammenhang zwischen regelmäßigem Pornokonsum und frauenverachtenden Einstellungen besteht. Seit den 90er Jahren ist es der Pornoindustrie gemeinsam mit den Feministinnen der 3. Welle jedoch gelungen, die zuvor von Feministinnen wie Andrea Dworkin und Alice Schwarzer formulierte Pornokritik als rückständig erscheinen zu lassen. Die Aspekte der Degradierung, der explizite Rassismus des Pornos und seine Dauererzählung von der erniedrigten und dehumanisierten Frau werden bei dieser Betrachtungsweise konsequent ausgeklammert. Wer sich sexy anzieht oder Radiergummis mit Playboy-Häschen hat, “ermächtigt” sich stattdessen, weil er mit den Symbolen einer sexualisierten Gesellschaft spielt. Nicola Steffen Recherchen zeigen mehr als deutlich, dass dies eine reichlich naive Betrachtungsweise ist.

Steffen zeichnet in ihrem Buch die Geschichte der Pornografie und der Pornifizierung nach, sie stellt die Akteure und Hintergründe vor und lässt unterschiedliche Sichtweisen verschiedener Experten aus der ganzen Welt zu Wort kommen. “Porn Chic” ist ein sehr informatives Buch für jeden, der wissen möchte, welchen Einfluss Pornos auf unseren Alltag nehmen und was daran zu kritisieren ist, ein kritisches, hochaktuelles und hervorragend recherchiertes Buch auch für alle, die sich schon länger mit dem Thema Porno beschäftigen.

Nicola Steffen: “Porn Chic” erschienen  im dtv Verlag 2014, ist erhältlich bei Fembooks.

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